in Wissenschaft & Frieden 1994-1: Religion

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Ausbildungsprogramm für internationale Friedenseinsätze

Eine weltweit einzigartige Initiative

von Arno Truger

Vom 13. September bis 9. Oktober 1993 organisierte das Österreichische Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung (ÖSFK) gemeinsam mit dem European University Center for Peace Studies (EPU) in Stadtschlaining (Burgenland/ Österreich) einen vierwöchigen Pilot-Grundkurs im Rahmen des von ihnen entwickelten »International Civilian Peace-Keeping and Peace-Building Training Program« (IPT). Im folgenden werden die Intention, die Struktur und eine erste Auswertung des Ausbildungsprogrammes beschrieben.

IPT ist das weltweit erste Programm, mit dem Fachleute, die einen unterschiedlichen beruflichen und organisatorischen Background haben, eine grundlegende Ausbildung erhalten, welche vorerst unabhängig davon ist, für welchen spezifischen Träger und welche spezifische Mission sie schließlich tätig werden; ein Programm, mit dem ein personelles Reservoir aus geschulten zivilen Fachleuten geschaffen wird, die für zivile Peace-Keeping- und Peace-Building-Aktivitäten unterschiedlicher Organisationen wie den Vereinten Nationen, der KSZE und internationaler und nationaler Non Governmental Organisations zur Verfügung stehen.

Der wesentliche unmittelbare Auslöser für die Erstellung des Programms durch die beiden Schlaininger Institute war einerseits das Bemühen der Österreichischen Bundesregierung, die friedenserhaltenden Operationen der UNO zu unterstützen und andererseits das Manko an ausgebildeten zivilen Fachkräften, die Österreich der UNO für zivile Aktivitäten zur Verfügung stellen kann.

Für die Trägerschaft durch ÖSFK und EPU sprach die Erfahrung dieser Institute mit internationalen Studien- und Konfliktlösungsveranstaltungen. Das englischsprachige postgraduate Programm der EPU in Peacestudies und die Veranstaltungen, die das ÖSFK zum Krieg im ehemaligen Jugoslawien durchgeführt hatte, waren eine gute Basis für die Entwicklung eines solchen Programms. Dazu kommt, daß diese Institute in Stadtschlaining über eine Infrastruktur mit Hotel-, Konferenz- und Seminarräumlichkeiten sowie eine gut bestückte Bibliothek mit englischsprachigen Publikationen verfügen, welche der Organisation eines englischsprachigen internationalen Programms zugute kommt.

Nach Vorlage eines Rohkonzeptes erteilte die Österreichische Bundesregierung den beiden Instituten den Auftrag für die Entwicklung eines Ausbildungsprogramms und unterstützt es finanziell.

Für den Pilot-Grundkurs wurden aus 53 Bewerbungen 24 TeilnehmerInnen aus 9 unterschiedlichen Ländern Europas, Afrikas, Nord- und Südamerikas ausgewählt. Zum Teil hatten sie bereits Erfahrungen in zivilen Peace-Keeping und Peace-Building-Aktivitäten. Zirka die Hälfte der TeilnehmerInnen waren Frauen. Am Kurs nahmen Beamte und Angehörige von NGO's sowie Diplomaten, Militärangehörige und auch einige Privatpersonen teil. Drei österreichische TeilnehmerInnen planten einen Einsatz in der UNPROFOR-Zone, den sie in Österreich als Zivildienst anerkennen lassen wollen.

Als Referenten und Trainer wurden international anerkannte Fachleute eingeladen; unter ihnen hochrangige Repräsentanten der UNO und der KSZE sowie von internationalen NGOs.

An der Evaluation des Pilot-Grundkurses nahmen auch Beobachter teil. Sie evaluierten gemeinsam mit den TeilnehmerInnen, ReferentInnen und Programmgestaltern während und am Ende des Kurses die Brauchbarkeit des Programms. Bei diesen Auswertungen wurden im wesentlichen seine Relevanz und seine Inhalte bestätigt und auch wichtige Ergebnisse hinsichtlich seiner künftigen Strukturierung erzielt. Im folgenden sollen die wesentlichsten Erkenntnisse zusammengefaßt werden.

Die Relevanz von „Peace-Building“-Einsätzen

Die Relevanz des Programms hängt wesentlich von der Bedeutung der Einsätze ab, für die das Programm ausbildet. Bei den Einsätzen handelt es sich um kollektive internationale Bemühungen zur Verhinderung gewaltförmiger Eskalation von Konflikten bzw. zu deren Transformation auf eine Ebene geringeren Gewaltpotentials. Diese Bemühungen werden vor allem aus zwei Gründen immer bedeutender:

Erstens: Die politischen Veränderungen in Ost(mittel)europa reduzierten zwar einerseits die Gefahr einer militärischen Ost-West-Konfrontation; sie ermöglichten aber andererseits eine gewaltförmige Eskalation von vor allem inner- und zwischenstaatlichen Konflikten. So sind z.B. die militärischen Auseinandersetzungen in der ehemaligen Sowjetunion, im ehemaligen Jugoslawien, aber auch zwischen Irak und Kuwait Ausdruck dieser Entwicklung. Besonders für die zunehmenden innerstaatlichen Konflikte tiefgespaltener Gesellschaften werden internationale Konfliktlösungsbemühungen, die von gleichsam neutralen Außenstehenden kommen, immer notwendiger.

Zweitens: Die sich ausweitenden wirtschaftlichen, politischen und militärischen internationalen Abhängigkeiten führen dazu, daß auch regionale Konflikte zunehmend weltweit Auswirkungen haben und daher auch kollektive internationale Konfliktlösungsbemühungen in immer größerem Ausmaß hervorrufen. Die Konfliktlösungskompetenz internationaler Organisationen wie der UNO, der KSZE, aber auch von NGOs wird immer stärker gefordert und wahrgenommen.

Die Erfolge des zunehmenden internationalen Engagements zur Konfliktlösung sind allerdings mehr als bescheiden. Allgemein anerkannte Gründe dafür, welche auch in der „Agenda for Peace“ des UN-Generalsekretärs Boutros Ghali hervorgehoben werden, sind:

Aus dieser Kritik ergibt sich die Notwendigkeit einer international koordinierten, gewaltfreien, flexiblen, praxisbezogenen Friedensarbeit, welche möglichst frühzeitig einer gewaltförmigen Eskalation von Konflikten begegnet. Eine solche Friedensarbeit kann unter dem Begriff „Peace-Building“ zusammengefaßt werden.

Diese Begriffsbildung erfolgt in Anlehnung und Weiterentwicklung der Definitionen, welche Boutros Ghali in der „Agenda for Peace“ vorgenommen hat. Er unterscheidet „Preventive Diplomacy“ (diplomatische Bemühungen, welche den Ausbruch von militärisch ausgetragenen Konflikten verhindern sollen), „Peace Making“ (diplomatische und militärische Bemühungen, welche militärisch ausgetragene Konflikte beenden sollen), „Peace-Keeping“ (militärische und zivile Bemühungen, welche im Konsens mit den Konfliktparteien vor oder nach einer militärischen Austragung von Konflikten deren militärischen (Wieder)ausbruch verhindern helfen sollen), und schließlich „Postconflict Peace-Building“ (zivile Bemühungen, welche auf die Rekonstruktion der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Strukturen zielen).

Bemühungen, möglichst frühzeitig einer militärischen Eskalation von Konflikten vorzubeugen, dürfen sich freilich nicht nur auf diplomatische Aktivitäten beschränken, wie sie Boutros Ghali in der „Agenda for Peace“ unter dem Begriff „Preventive-Diplomacy“ zusammenfaßt. Vielmehr ist es erforderlich, Aktivitäten, welche er unter dem Begriff „Postconflict Peace-Building“ nennt, bereits in einem frühen Stadium der Konflikteskalation zu setzen. Es erscheint daher sinnvoll, „Peace-Building“ gleichsam als Überbegriff für Friedensarbeit zu verwenden, die vor einer militärischen Austragung eines Konfliktes (“Preventive Peace-Building“) oder nach ihrer Beendigung (“Postconflict Peace-Building“) stattfindet. Findet eine solche Peace-Building-Arbeit in Zusammenhang mit Peace-Keeping-Operationen statt, kann von zivilen Peace-Keeping-Aktivitäten gesprochen werden. Während des Peace-Making (diplomatische und militärische Aktivitäten zur Beendigung von militärisch ausgetragenen Konflikten) ist Peace-Building nicht möglich.

Konkrete Beispiele für zivile Peace-Keeping und Peace-Building-Aktivitäten sind: vermittelnde und vertrauensstiftende Maßnahmen zwischen den Konfliktparteien, humanitäre Hilfe (einschließlich medizinischer Versorgung, Flüchtlingsbetreuung und -rückführung etc.), Hilfe beim Wiederaufbau, Stabilisierung der wirtschaftlichen Strukturen (einschließlich dem Herstellen von Wirtschaftskontakten), Beobachtung und Förderung der Menschenrechts- und Demokratiesituation (einschließlich Wahlbeobachtung und -hilfe), interimistische Übernahme von Verwaltungsaufgaben zur kurzfristigen Erhöhung der Stabilität, Aufbau von Bildungsstrukturen sowie von Bildungsprogrammen, die auf den Abbau von Vorurteilen und Feindbildern zielen. Im Zusammenhang mit dem Pilot-Grundkurs wurde insbesondere die Bedeutung der Bekanntmachung und Erklärung der zivilen Peace-Keeping- und Peace-Building-Aktivitäten gegenüber den Konfliktparteien und der Bevölkerung durch umfangreiche gezielte Informationsbemühungen deutlich.

Voraussetzung für den Erfolg dieser Aktivitäten ist allerdings eine gute Vorbereitung der daran Beteiligten auf diese Aufgaben und auf die allgemeinen Bedingungen ihres Einsatzes in Konfliktgebieten; d.h. auf akute Konfliktsituationen, mangelnde Infrastruktur, akute und vielfach krasse Vorurteile und Feindbilder, Gesundheits-, Versorgungs- und Flüchtlingsprobleme etc. Neben einem fundierten Wissen über Konfliktlösung benötigen die Beteiligten aber auch konkrete Informationen über die Voraussetzungen und Bedingungen der spezifischen Konflikte, zu deren Lösung sie beitragen sollen, sowie über die Organisationen, welche darin involviert sind.

Die Zunahme der beschriebenen zivilen Peace-Keeping- und Peace-Building-Aktivitäten und der Mangel an dafür geschulten Fachkräften erfordern Ausbildungsprogramme wie das IPT, das für sehr vielfältige zivile Aufgaben konzipiert ist und das von Personen mit sehr unterschiedlichem Background im Rahmen von Operationen von sehr unterschiedlichen Organisationen wahrgenommen wird.

Hinsichtlich der Relevanz des Programms zeigte sich bereits in seiner Vorbereitungsphase – während eines Vorbereitungsworkshops, aber auch bei der Rekrutierung der TeilnehmerInnen und ReferentInnen – ein hohes Maß an Interesse und Zustimmung. Tenor der Reaktionen: Endlich werde ein Ausbildungsprogramm angeboten, in dem praxisorientiert für Friedensarbeit ausgebildet wird.

Bei der Evaluation des Kurses bestätigte sich dieser Eindruck. Aus den Erfahrungen der ReferentInnen und jener TeilnehmerInnen, die über praktische Erfahrungen verfügten, aber auch aus den bearbeiteten Fallstudien ging eindeutig die Notwendigkeit einer Ausbildung hervor, die zivil- und praxisorientiert ist. Österreichische Landes- und Bundesbeamte betonten außerdem, daß der Kurs zur Herausbildung einer Identität beitrage, die nicht national beschränkt, sondern international ist. TeilnehmerInnen aus der „Dritten Welt“ bescheinigten dem Kurs auch eine Nützlichkeit für TeilnehmerInnen aus Entwicklungsländern sowie für Konflikte, die dort stattfinden. Das bedeutet freilich nicht, daß der Aufbau solcher Programme in der „Dritten Welt“ obsolet wäre. Ein brasilianischer Teilnehmer plant ein solches Programm in seinem Land.

TeilnehmerInnen

Entsprechend der unterschiedlichen Aufgabenstellungen von zivilen Peace-Keeping- und Peace-Building-Aktivitäten kommt ein breites Spektrum an Fachkräften für die Ausbildung in Frage: Entwicklungshelfer, Friedensaktivisten, Zivildienstleistende, Verwaltungsbeamte, Lehrer, Gesundheitsfachleute, Techniker, Medienfachleute, Wissenschaftler etc. Hinsichtlich ihres Einsatzes in Gebieten mit anderen kulturellen Bedingungen (Bräuchen, Sprachen etc.) und in einem meist internationalen Team ist es aber auch sinnvoll und wichtig, daß interkulturelles Lernen durch eine internationale Zusammensetzung der TeilnehmerInnen bereits in die Ausbildung integriert wird.

Die der Zielsetzung des Ausbildungsprogramms entsprechende heterogene TeilnehmerInnenstruktur des Grundkurses hat sich als besonders positiv herausgestellt. Sie führte zu einem gegenseitig befruchtenden interkulturellen Lernprozeß. Auch Vorurteile zwischen Militärangehörigen und Zivildienern wurden während des Kurses abgebaut und ein besseres Verständnis für die jeweilige Haltung und Sichtweise erzielt, was für eine Kooperation in Einsätzen äußerst wichtig ist. Es kam zur Herausbildung einer „Wir-Atmosphäre“, die insbesondere für Übungen, Plan- und Rollenspiele förderlich war, aber sich auch auf den gesamten Kurs, der hohe Anforderungen an die TeilnehmerInnen stellte, positiv auswirkte.

Voraussetzung für die Teilnahme an der Ausbildung sind fachliche Grundlagen für die diversen zivilen Peace-Keeping- und Peace-Building-Aktivitäten, gute Gesundheit, gute Englischkenntnisse, eine gültige Fahrerlaubnis sowie die prinzipielle Bereitschaft, für eine Mission verfügbar zu sein.

Letzteres bedeutet, daß sich das Ausbildungsangebot nur an jene wendet, die wirklich vorhaben, sich für zivile Peace-Keeping- und Peace-Building-Aktivitäten zur Verfügung zu stellen. Eine Garantie dafür, daß sie einen solchen Einsatz leisten können, kann allerdings nicht gegeben werden. Es liegt am Interesse einer Einsatzorganisation bzw. am Engagement der TeilnehmerInnen, ob eine Beteiligung an einem Einsatz zustandekommt. Das ÖSFK hat allerdings das Ziel, daß es nicht nur durch die Ausbildung, sondern auch durch Vermittlung unterstützend wirken kann. Es wird am Erfolg und am Bekanntheitsgrad des Programms liegen, in welchem Maße sich Einsatzorganisationen zur Rekrutierung ihres Personals der Vermittlung durch das ÖSFK wenden.

Die Nützlichkeit des Programms zeigte sich bereits dadurch, daß, obwohl es sich um einen Pilotkurs handelte, im Anschluß daran bereits 6 TeilnehmerInnen an Einsätzen in Krisenregionen teilnahmen. Darüber hinaus wurde das ÖSFK bereits vom Österreichischen Außenministerium angefragt, welche TeilnehmerInnen des Pilot-Grundkurses gegebenenfalls für vermittelnde und vertrauensstiftende Maßnahmen und für Wahlbeobachtung im Rahmen einer UNO-Mission in Südafrika in Frage kämen.

Struktur

Das entwickelte Ausbildungsprogramm sieht folgende Schwerpunkte vor:

Des weiteren sind »Feed-back«-Seminare sowie eine begleitende wissenschaftliche Untersuchung der Ausbildung und der Praxis von Peace-Keeping- und Peace-Building-Aktivitäten geplant. Durch sie sollen sowohl die Ausbildung als auch die Praxis verbessert werden.

In der Pilotphase wurden für den Grundkurs vier Wochen und für die funktions- und missionsorientierten Kurse jeweils eine Woche vorgesehen. Der Pilot-Grundkurs wurde in zwei zweiwöchigen Modulen konzipiert. Während der ersten beiden Wochen konzentrierte sich das Programm auf die eher theoretische Vermittlung von Grundlagenwissen, in der dritten und vierten Woche auf die Behandlung und Einübung der Praxis. Damit sollte getestet werden, ob es in Zukunft möglich sein wird, daß TeilnehmerInnen, die nicht vier Wochen in einem Stück Zeit haben, den Grundkurs zeitlich versetzt in zwei Teilen konsumieren können.

Diese Modulbildung wird in Zukunft zugunsten einer Verschränkung von Theorie und Praxis während der gesamten Laufzeit des Kurses aufgehoben, wobei ein noch stärkerer Bezug zur Praxis von zivilen Peace-Keeping- und Peace-Building-Aktivitäten hergestellt wird. Eine Mischung von Vorträgen am Vormittag und von Übungen am Nachmittag und eine stärkere Orientierung auf Fallstudien wird es den TeilnehmerInnen erleichtern, dem englischsprachigen Unterricht zu folgen. Außerdem findet durch die Abkehr vom Modulsystem kein TeilnehmerInnenwechsel statt, was eine gruppendynamisch günstigere Gestaltung des Kurses ermöglicht.

Eine weitere Anregung betraf Teile des Unterrichtsstoffes, welche Basisinformationen über Organisationen, Organisationsstrukturen und Abkürzungen beinhalten. Die Übermittlung dieser Unterlagen in schriftlicher Form soll den Unterricht davon entlasten, sie zu referieren.

Aufgrund dieser Veränderungen kann die Struktur des Programms effektiver, praxisbezogener und gruppendynamischer gestaltet werden. Der Grundkurs wird künftig dreiwöchig in Verbindung mit einem einwöchigen funktionsorientiertem Spezialisierungskurs angeboten werden. D.h., mittels eines vierwöchigen Kurses kann eine abgeschlossene Qualifikation für die Wahrnehmung einer spezifischen Funktion in einer Mission (z.B. Wahlhilfe, Humanitäre Hilfe, etc.) erworben werden. Vor einem Einsatz ist dann nur mehr eine missionsspezifische Vorbereitung erforderlich. 1994 sind im Juni und im September jeweis zwei vierwöchige Kurse geplant.

Arno Truger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Österreichischen Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung (ÖSFK) und Leiter des IPT.

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