in Wissenschaft & Frieden 1994-1: Religion

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Rolle der Religion im Algerienkonflikt

Wirtschaftskrise, Islamismus und Gewalt

von Sabine Kebir

„Die Soldaten Gottes, die Treuhänder der Macht Gottes, teilen den Helfern der Tyrannen, den Treuhändern der Macht Satans, folgendes mit: … wir halten Euch für Kriminelle. Die Bewegung für den islamischen Staat ist mächtiger als je zuvor. Sie kann alle Kriminelle, alle Verräter und alle, die sich dem Islam nicht unterwerfen wollen, überall aufspüren, sei es innerhalb oder außerhalb unseres Landes. Wir werden Euch finden und töten, wo Ihr Euch auch immer versteckt und verbarrikadiert, selbst wenn Ihr bis Mekka geht und Euch an die Vorhänge der Kaaba klammert!“

Dieser Drohbrief trägt den Stempel der Organisation »Aktion für den Islamischen Staat« und war an Khelida Messaoudi gerichtet, die Präsidentin der »Assoziation für den Triumph der Rechte der Frau«, fünfundreißig Jahre alt, Mathematiklehrerin. Khalida Messaoudi wurde schon vom Einparteiensystem der FLN (Front de Libération Nationale) verfolgt. Zwar ist ihre Assoziation seit der durch die Volksunruhen von 1988 erzwungenen Demokratisierung legal. Aber um der Vollstreckung des islamistischen Todesurteils zu entgehen, versteckt sie sich seit April 1993.

Wenn sich die Konfliktparteien in Algerien scheinbar mit islamischer Legitimität versehen, so ist darin nur die Form, nicht der eigentliche Inhalt der Krise zu sehen. Hinter den skandalträchtigen Meldungen aus Algerien wird im Westen oft die große Mehrheit der Menschen nicht wahrgenommen, die keineswegs ihre Auffassungen von Religion und Lebensweise gewaltsam verbreiten will. Ebenso unterbelichtet bleiben auch die Ursachen, die Algerien in die Krise geführt haben, an deren Entstehen der Westen nicht unbeteiligt ist. Es ist auch wenig bekannt, daß es sich in Algerien nicht um zwei, sondern mindestens um drei große Konfliktparteien handelt. Es stehen sich nicht nur Islamisten und der Repressionsapparat des FLN-Regimes gegenüber. Einen dritten gesellschaftlichen Pol stellen die umfangreichen, wenn auch zersplitterten demokratischen Bewegungen dar, zu denen nicht nur Parteien, sondern auch die Gewerkschaften zählen. Obgleich legalisiert, sind die Demokraten zur Zeit die vom Terrorismus am härtesten dezimierte Gruppe, wobei in Einzelfällen dahingestellt bleiben muß, ob die Täter aus dem Lager der Islamisten oder des Regimes kommen. Aus der Sicht der Opfer ist es relativ gleichgültig, ob hinter den Morden die antidemokratische, bereits islamistische Tendenz des alten Regimes steht, oder der neue politische Islamismus.

Während die Demokraten versuchen, den eine laizistische Entwicklung ermöglichenden Standpunkt der Sunna zu stärken, wonach keine weltliche Macht das Interpretationsmonopol der Religion besitzen kann, liegt sowohl auf seiten der FLN, als auch der Islamisten der Versuch vor, den Islam totalitär zu instrumentalisieren. Ehe ich darauf näher eingehe, möchte ich auf die eigentlichen sozialen Konfliktursachen eingehen: auf das Scheitern des zunächst so aussichtsreich scheinenden algerischen Entwicklungsmodells.

Das algerische Entwicklungsmodell

Während die Nachbarländer Tunesien und Marokko, die über keine große Erdölrendite verfügten, wenigstens bezüglich der Grundversorgung bis heute vom Weltmarkt relativ unabhängig blieben, hatte sich Algerien in den siebziger Jahren in ein ehrgeiziges Industrialisierungsprogramm gestürzt. Mit neuester westlicher Technik sollte das Land in kurzer Zeit Exporteur von Industrieerzeugnissen und die Landwirtschaft nach australischem Vorbild produktiv gemacht werden. Diese technikintensive Entwicklungskonzeption baute aber die vom Kolonialismus ererbte Massenarbeitslosigkeit nicht ab. Außerdem blieb die Industrie materiell und auch personell von ausländischer Kooperation abhängig.

Als Mitte der achtziger Jahre die Ölpreise um etwa die Hälfte fielen, bedeutete das für Algerien die ökonomische und soziale Katastrophe. Die Weltmarktbindung der Industrie ging endgültig verloren, die an Importe gewöhnte Bevölkerung verarmte in rasantem Tempo. Während die Industriekomplexe heute nur noch als traurige Relikte existieren, hat sich auch die Landwirtschaft vom Schock der Übertechnisierung nicht erholt. Zwar wurde die Kollektivierung zu Beginn der achtziger Jahre rückgängig gemacht, aber einheimisches Gemüse, Obst und Fleisch sind immer noch Luxuswaren. Zu viele Algerier sind in die Städte abgewandert und kaum zur Rückkehr aufs Land zu bewegen. Im Gegensatz zu Marokko und Tunesien ist hier niemand mehr bereit, die Erde per Hand zu bearbeiten. Das Land ernährt sich größtenteils von Weizen- und Ölimporten, für die aber immer weniger Devisen zur Verfügung stehen. Das Land erzielt aus seinen Erdölexporten z.Z. etwa 11 Milliarden Dollar, wovon 9 Milliarden für den Schuldendienst aufgewendet werden müssen. Trotzdem versprach auch die Islamische Heilsfront (FIS) keinesfalls eine »Abkoppelung« vom Weltmarkt, sondern einen Neuaufschwung moderner Industrialisierung. Der Westen soll nur kulturell bekämpft werden, worunter vor allem die Zurückdrängung der Frauen aus Öffentlichkeit und Arbeitsleben verstanden wird.

Daß viel zu wenig Algerier in der Wirtschaft Arbeit und Brot fanden, hing auch mit der Bildungspolitik zusammen, die in eigenartigem Gegensatz zur Industrialisierungspolitik stand. Obwohl sich die Industrie trotz ihrer staatlich-zentralistischen Organisationsform über den Typ der Technologie extrem stark an den vom Westen beherrschten Weltmarkt band, wurde das Bildungssystem immer konsequenter auf das Ziel der Wiedergewinnung der »arabisch-islamischen Identität« hin orientiert. In Schulen und Universitäten ersetzte das Hocharabische seit den siebziger Jahren zunehmend das Französische, das aber Voraussetzung für Qualifizierung in der Industrie blieb. Selbst Arbeiter müssen Organigramme lesen und Krankenschwestern mit französischen Rezepten umgehen können.

Die Ausrichtung der Bildungsinstitutionen auf das Hocharabische verschärfte jedoch auch bereits bestehende kulturelle Probleme. Es ist nahezu unbekannt, daß zwischen 30 und 40% der Algerier Berberdialekte als Alltagssprache benutzen. Das von der arabophonen Mehrheit gesprochene algerische Arabisch ist wiederum durch zahlreiche lexikalische und grammatische Eigenheiten mit dem berberischen Substrat verbunden, so daß auch das arabophone Kind in Algerien das Hocharabische als Fremdsprache erlernen muß. Dennoch ist zwischen dem Kabylischen – der bedeutendsten Berbersprache Algeriens – und den Arabophonen keine Verständigung möglich. Und zwischen dem algerischen Arabisch und dem Hocharabischen wiederum herrscht ebenfalls eine Kommunikationsschranke. Dies hat zur Folge, daß die große Mehrheit weder der berberischen Kinder noch der arabophonen Kinder ausreichend Hocharabisch lernt, um in dieser Sprache Berufschancen in den wenigen Branchen wahrnehmen zu können, in denen dies möglich ist. So habe ich selbst bei meiner Lehrtätigkeit am Institut für Journalismus in Algier während der achtziger Jahre beobachten können, daß sogar ein beträchtlicher Teil der bereits aus der arabisierten Schule hervorgegangen Journalistikstudenten nicht in der Lage war, einer arabischen Vorlesung problemlos zu folgen: die Professoren wurden immer wieder gebeten, zu diktieren und zu wiederholen.

Da Algerien in den siebziger Jahren selbst nicht in der Lage war, die beschlossene rasche Einführung des Hocharabischen personell selbstständig durchzuführen, wurde eine große Zahl von Lehrern aus dem Orient – hauptsächlich aus Ägypten – als Kooperanten eingeladen. Hier handelte es sich oft um wenig qualifizierte Menschen, die in ihren Ursprungsländern arbeitslos gewesen waren und nicht selten auch den Moslembrüderschaften nahegestanden hatten. Von ihnen gingen damals schon weniger nasseristische als islamistische Impulse aus, die für die weitere Entwicklung Algeriens immer wichtiger werden sollten.

Die Anfang der siebziger Jahre auf autoritäre Weise vollzogene Agrareform löste die von der FLN geweckten großen Erwartungen – insbesondere der Jugendlichen in der Provinz – nicht ein. So gelang es der enteigneten, aber vom Staat großzügig entschädigten Feudalität rasch, die Agrarreform als unislamisch darzustellen, weil der Koran das Privateigentum schütze.

Ein Teil der Abfindungsgelder, die im allgemeinen in den Aufbau von Handels- und Zwischenhandelsunternehmen flossen, wurden auch zur privaten Grundfinanzierung von Moscheen verwandt, deren Bau vorsätzlich nie ganz abgeschlossen wurde, um sie der Kontrolle des Religionsministeriums zu entziehen. Die »alten Familien«, die sich damals schon der finanziellen Unterstützung aus Saudi Arabien und den Golfstaaten erfreuen konnten, bezahlten auch die Imame der in den siebziger und achtziger Jahren sich phantastisch vermehrenden »wilden Moscheen«. So sicherten sie sich dort auch das geistige Monopol. Der Historiker Ahmed Rouadjia hat in einer minutiösen soziologischen Studie (Les frères et la mosquée. Enquète sur le mouvement islamiste en Algérie, Paris 1991) den Bau der wilden Moscheen in Constantine – einer Stadt, die inmitten eines großen landwirtschaftlichen Gebietes liegt – seit den siebziger Jahren dargestellt. Der FLN-Staat, der den Islam zur Staatsreligion erklärt hatte, setzte der islamistischen Bewegung damals kaum Widerstand entgegen, sondern versuchte vielmehr, sie gegen die linken und demokratischen Bewegungen zu instrumentalisieren, die nicht den angeblich unislamischen, sondern den autoritären Charakter der Agrarreform kritisierten. So kam es zunächst im Constantinois, später auch in anderen Regionen, zu einer Duldung und auch zur Verflechtung der Islamisten mit den zunehmenden islamistischen Tendenzen in der FLN. Abdelghani, der Colonel des Constantinois, hatte den Bau der wilden Moscheen gedeckt, darunter auch den der mit kuwaitischem Geld errichteten, seinerzeit größten Moschee Afrikas Emir Abd El Kader. Obwohl auch sie zunächst als illegale Moschee auf einem Terrain errichtet wurde, das für die enormen Betonmassen ungeeignet ist – die Fundamente müssen unablässig mit Zementzugaben befestigt werden –, nahm Präsident Chadli an ihren Einweihungsfeierlichkeiten teil. Präsident der ihr angeschlossenen islamischen Universität war bis 1989 der wegen seiner islamistischen Lehren aus seiner Heimat Ägypten ausgewiesene Imam El Ghozali, der lange Jahre in Mekka und El Quatar gewirkt hatte. Er arrivierte in den achtziger Jahren zum Fernsehstar und zur obersten religiösen Autorität Algeriens. Colonel Abdelghani stieg unter Chadli zum Innenminister auf und war zeitweilig sogar Premierminister.

Durch die wachsenden islamistischen Tendenzen im Staatsapparat selbst waren die halbherzigen Bemühungen Chadlis, Anfang der achtziger Jahre zumindest auf einigen Gebieten Modernisierungen durchzusetzen, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die Technokraten des Regimes hatten erkannt, daß der wirtschaftlichen Entwicklung enge Grenzen gesetzt waren und die Erwartungen der seit der Unabhängigkeit bereits verdoppelten Bevölkerung auf Arbeit, Wohnungen und ein besseres Auskommen nicht annähernd erfüllt werden konnten. Das deshalb 1982 für alle Ministerien zum Gesetz erhobene Programm freiwilliger Geburtenregelung wurde in den Moscheen vereitelt, aber auch von den staatlichen Institutionen nicht ernsthaft betrieben. Insbesondere scheiterten alle Versuche, Aufklärungsunterricht in den Schulen durchzusetzen. Wie stark zu Beginn der achtziger Jahre bereits die islamistische Tendenz im Staatsapparat war, offenbarte der damals stattfindende Kampf um ein neues Familiengesetz. Es bereitete einen eklatanten Bruch der Verfassung vor, die für Männer und Frauen gleiche Rechte und Pflichten vorschrieb. Das 1984 gegen erbitterten Widerstand der demokratischen und Frauenbewegungen durchgesetzte Familiengesetz legte von nun an fest, daß Frauen lebenslang Mündel des Vaters oder der Brüder, später des Ehemannes bleiben. Auch im Scheidungs- und Erbrecht wurden sie eklatanten Benachteiligungen ausgesetzt. Kritische Juristen erklärten, daß Algerien damals den ersten Schritt zum islamischen Staat vollzog.

Wie in den siebziger Jahren die Universität von Constantine, so war in den achtziger Jahren die Universität von Algier zum Zentrum gewalttätiger Kämpfe zwischen »Modernisten« und »Traditionalisten« geworden. Nur äußerlich ging es um einen Kampf zwischen »linken« Frankophonen und »rechten« Arabisanten. Obwohl bekannt war, daß die Universitätsmoscheen als Waffenlager dienten, ließ der Staat den Islamisten zunächst noch relativ freie Hand. Erst nachdem 1982 ein als links geltender kabylischer Student in der Mensa mit einem Schwert geköpft worden war und die Islamisten danach ein Protestmeeting gegen die vorgenommenen Verhaftungen durchführten, kam es zu ersten Prozessen – u.a. auch gegen den damals als Hochschullehrer tätigen Madani Abassi, den späteren Sprecher der FIS. Da in dieser Zeit auch eine erste islamistische Guerilla unter Mostepha Bouyali begann Alkoholdepots, Polizeistationen und andere staatliche Einrichtungen zu überfallen, begriff das FLN-Regime, daß sich die Islamisten nicht mehr in das System integrieren lassen wollten, sondern zu einer ernsthaften Gefahr wurden.

Bei den Auseinandersetzungen an der Universität von Algier strebten die Islamisten die Durchsetzung der arabo-islamischen Identität Algeriens auf der Basis des Hocharabischen an und verlangten von der Regierung eine energische Beschleunigung des Arabisierungsprozesses in allen Sektoren der Gesellschaft. Die ebenfalls das Regime bekämpfenden »Modernisten« forderten dagegen ein den Realitäten entsprechendes zweisprachiges Ausbildungssystem sowie die Anerkennung der »berberischen Identität« eines Teils der Algerier. Hier wirkte der große Volksaufstand nach, der 1980 die Kabylei erschütterte. Er hatte nicht nur die Anerkennung der berberischen Sprachen als „authentischen Ausdruck des algerischen Volkes“ gefordert, sondern auch die Berücksichtigung der arabophonen Volksdialekte im Bildungssystem. Die seit der kabylischen Sezessionsbewegung von 1963 in den Untergrund gedrängte FFS (Front des Forces Socialistes) versuchte so, ihre sezessionistischen Positionen zu überwinden und ihren Einfluß auf die Arabophonen auszuweiten. Während die bereits islamistische Tendenz den totalitären Monolithismus des alten Regimes nur radikalisieren wollte, drängte die modernistische Tendenz zur Pluralisierung und Differenzierung des kulturellen und politischen Lebens. Die Frauenbewegungen, die sich im Kampf gegen das Familiengesetz vom modernistischen Flügel der FLN verraten fühlten, fanden hier ebenfalls Unterstützung.

Patriarchale Vorstellungen

Wenn schließlich aber auch die Islamisten Einfluß auf einen Teil der Frauen, insbesondere der Studentinnen erlangten, so lag das an ihrem Zugeständnis, die Frauen zwar nicht in ihrer sozialen Rolle, aber doch zumindest in der Religion als gleichberechtigt zu erklären. Das war – zumindest für den Maghreb – neu. Bislang war es hier Sitte, die Regelmäßigkeit des Gebets, den Besuch der Moschee sowie die Pilgerreise nach Mekka von den Frauen erst nach der Menopause zu verlangen, wenn sie von ihren Mutterpflichten mehr oder weniger entbunden waren. Die Islamisten begannen, einen Bereich der Moscheen für Frauen jeden Alters zu reservieren. Wenn sie den Hidjab akzeptierten, sollten sie in wenigen Bereichen des Arbeitslebens – so im Bildungssektor und der Gynäkologie – auch weiterhin wirken dürfen. Man öffnete einigen Frauen auch Betätigungsfelder, die sie traditionell nur innerhalb der Familie besetzt hatten: charitative Aktivitäten, die die Moscheen den zunehmend verelendenden ärmsten Bevölkerungsschichten anboten.

In den achtziger Jahren wurde der fundamentalistische Einfluß der muslimischen Bruderschaften Ägyptens – hinter dem sich eigentlich der Einfluß des saudischen Königsreiches verbarg – von der politischen Ausstrahlungskraft der iranischen Revolution teilweise abgelöst. Sie verstärkte die antidemokratische, totalitäre Tendenz des algerischen Islamismus weiter und führte sogar zu mehr oder weniger heimlichen Übertritten zur Schia – ein Problem, womit sich die bereits im Untergrund entstehende Bewegung von Ali Belhadj – einem späteren Führer der FIS – ernsthaft auseinandersetzen mußte.

Die orientalischen Einflüsse in Algerien machten sich auch durch Äußerlichkeiten bemerkbar. Immer häufiger kam es zu früher in dieser Region unüblichen öffentlichen Massengebeten. Der »Haik«, der traditionell aus einem weißen oder schwarzen Tuch bestehende Frauenschleier, wurde durch den Hidjab, ein langes Mantelgewand mit Kopftuch, ersetzt. Junge Männer, die ihr Äußeres »islamisieren« wollten, kehrten nicht zur traditionellen Pluderhose zurück, sondern legten das orientalische Hemd, das Khemis, an und ließen sich Bärte wachsen. Während den Frauen das traditionell durchaus verbreitete Schminken verboten wurde, färbten sich Männer dagegen gern die Augen mit schwarzem Khol – wie es der Prophet getan haben soll. Eine Fülle von religiösem Propagandamaterial – in Saudi Arabien oder in den Golfstaaten auf Glanzpapier gedruckt oder in Form von Hörkassetten – wurde billig oder kostenlos vor den Moscheen angeboten.

Die immer deutlicher werdende Perspektivlosigkeit der Jugendlichen konnte – wegen des Verbots der demokratischen Bewegungen – nicht von diesen aufgefangen werden, sondern trug zur stetigen Stärkung des Islamismus bei, der trotz zunehmender Repression des Staates über finanzielle Mittel und mit den Moscheen auch über logistische Stützpunkte verfügte. Sie förderten auch bei ganz jungen Leuten ein Klima für die Tradierung traditioneller patriarchalischer Vorstellungen über die Geschlechterverhältnisse. Nicht die Fehler des auf Hochtechnologie basierenden Entwicklungsmodells, sondern die wenigen arbeitenden Frauen (nur jeder hundertste Erwerbsarbeitsplatz wird von einer Frau besetzt) waren in den Augen vieler Jugendlicher dafür verantwortlich, daß sie selbst keinen Arbeitsplatz fanden. Auch die Koedukation von Jungen und Mädchen in den von Jahr zu Jahr überfüllteren Bildungseinrichtungen wurde – unter moralischen Vorwänden – immer unverhohlener kritisiert. In Wirklichkeit sollte ein besonderer Bildungsweg für Mädchen die Privilegierung der Jungen beim Zugang zu Bildung und Arbeitsmarkt sichern. Da diese faktisch aber bereits bestand, erfüllte diese von den Islamisten geführte Diskussion um die »Frauenfrage« ähnliche »ideologische« Funktionen, wie die um die »Ausländerfrage« in Deutschland. Phantombilder von »Sündenböcken« wurden aufgebaut, die die Analyse der wirklichen Problemlage verhindern.

Weil die ökonomische Zukunft der Jugendlichen immer ungesicherter wurde, verschob sich das durchschnittliche Heiratsalter der Männer auf etwa 30, das der Frauen auf 25 Jahre. Viele heiraten überhaupt nicht. Auf Grund ihrer Abhängigkeit von der Familie wagen die Frauen nur selten einen Bruch des alten Jungfräulichkeitstabus. Deshalb entwickelte sich eine sexuelle Krise, die man historisch in dieser Region nie gekannt hat. Sie ist ein weiterer Grund für die Aggressivität gegen Frauen – die in der Phase der Legalisierung der frauenfeindlichen Diskurse der Heilsfront 1989-1992 ihren Höhepunkt erreichte. Diese nutzte die sexuelle Krise geschickt für ihre Zwecke aus. Sie betonte, daß der Koran die Gläubigen zur Ehe verpflichtet, das FLN-Regime die Jugendlichen in der Erfüllung dieser Pflicht aber hindere. Im Falle ihrer Machtergreifung versprach sie eine rasche Änderung der Wohnungs- und Arbeitssituation und ermunterte die Jugendlichen einstweilen, Fatiha-Ehen einzugehen, die religiös, nicht aber standesamtlich legitimiert sind. Sie stellen für die jungen Frauen ein außerordentliches Lebensrisiko dar.

Weder politisch noch militärisch ist eine Lösung in Sicht

Nach dem Sturz der Erdölpreise gegen Mitte der achtziger Jahre, verschlechterte sich der schon lange stagnierende Lebensstandard der algerischen Familien rapide. Der Staat mußte soziale und ärztliche Dienste stark einschränken, wodurch besonders der arme Teil der Bevölkerung immer mehr auf die, Almosen der Moscheen angewiesen war. Diese stammten paradoxerweise von denen, die im Bund mit dem Westen für den Zusammenbruch des Preiskartells der OPEC letztlich verantwortlich waren – Saudi Arabien und die Golfstaaten.

Die schon lange schwelende Unzufriedenfriedenheit brach sich 1988 in mehrtägigen Jugendunruhen Bahn, gefolgt von Streiks der Arbeitenden. Da die Regierung über keine Reserven verfügte, um den Forderungen nach besseren Lebensbedingungen nachkommen zu können, entschloß sie sich, durch demokratische Öffnung einen Ausweg aus der Krise zu suchen, die 1989 zur Legalisierung der FIS führte. Die Politik des ihr bereits in den Kommunalwahlen 1990 unterlegenen FLN-Regimes zielte auf eine große Koalition mit den Islamisten. Dieser Kompromiß war und ist in den Augen der Demokraten die gefürchtete negative Grundtendenz der algerischen Entwicklung bis heute. In der Tat gab Präsident Chadli vor den ersten freien Parlamentswahlen 1991 seine Bereitschaft zur Kohabitation bekannt.

Gegenüber den 1989 ebenfalls sofort entstehenden demokratischen Parteien – deren Anhänger sich vor allem aus Besitzern von Arbeitsplätzen zusammensetzten – hatten sowohl die FLN als auch die Islamisten enorme finanzielle und logistische Vorteile. Zudem waren die Demokraten politisch zersplittert, u.a. weil sich erstmalig auch regionale und sprachliche Gruppierungen eigene Repräsentanzen schaffen durften. Insofern zeichnen sich in den Ergebnissen des ersten Wahlganges von 1991 auch Konturen eines möglichen Bürgerkrieges ab: in der Kabylei ging kein Wahlkreis an die FIS oder die FLN, die meisten Stimmen bekam dort die sozialdemokratisch orientierte FFS, die im Landesmaßstab sogar zweite Partei wurde.

Das katastrophale Ergebnis der FLN nach dem 1. Wahlgang machte eine Koalition mit der FIS unmöglich, diese hätte im zweiten Wahlgang die absolute Mehrheit errungen. Die teilweise mit der FLN verfilzte, teilweise aber auch demokratisch orientierte Armee unterbrach den Wahlprozess und rief den Ausnahmezustand aus. Chadli wurde abgesetzt, im März 1992 wurde auch die FIS verboten. Auf Grund dieser Konstellation herrscht in Algerien bislang noch die 1988 errungene Freiheit für demokratische Medien, deren Ausmaß in der arabischen Welt derzeit einmalig ist. Journalisten, Schriftsteller, aber auch Lehrer und Ärzte sehen sich jedoch zunehmendem Druck des islamistischen Terrors ausgesetzt. Auch das Regime versucht, sie durch Zensurversuche und Gefängnisstrafen einzuschüchtern.

Seit Sommer 1993 verstärkte die islamistische Guerilla die Wirtschaftssabotage. Im Zusammenhang damit stehen wohl auch die Morde und Entführungen von Ausländern, vorwiegend technischen Kooperanten und Konsulatsangehörigen. Damit soll das Regime vollends kreditunwürdig gemacht werden. Die Antwort ist die Verschärfung des sogenannten Antiterrorkampfes: militärische Aktionen, bei denen auch Zivilisten umkommen, Folter, eine hohe Zahl von »legalen« Todesurteilen, aber auch von illegalen Erschießungen. Bislang sind an die 4000 Menschen umgekommen.

Weder eine politische, noch eine militärische Lösung der Konfliktlage ist in Sicht. Die wirtschaftlichen Ursachen des Aufstands der Marginalisierten wären keineswegs mit einer islamistischen Machtübernahme beseitigt. Mittelfristig kann Algerien nur die Stundung der Auslandsschulden und eine auf die Rekonstruktion des inneren Marktes gerichtete Wirtschaftspolitik helfen.

Sabine Kebir lebt nach elfjährigem Algerienaufenthalt seit 1988 als freie Autorin in Berlin. Kürzlich publizierte ECON ihre Analyse der algerischen Krise unter dem Titel »Zwischen Traum und Alptraum. Algerische Erfahrungen 1977-1992« (siehe unter Rezensionen in diesem Heft).

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