in Wissenschaft & Frieden 1993-4: Friedenswissenschaften

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Schutz für humanitäre Hilfsorganisationen

Erfahrungsbericht aus Somalia

von Nicola Kaatsch

Dieser Bericht ist im Anschluß an einen siebenmonatigen Einsatz mit »MSF – Ärzte ohne Grenzen« in Kismayu und Gelib entstanden. Bei der Beschreibung beschränkt sich die Autorin auf den Süden Somalias. Dieser Region fällt mit der Hafenstadt Kismayu, der geographischen Nähe zum Nachbarland Kenia und vor allen Dingen mit den Flußtälern des Juba und Shebelli eine herausragende Bedeutung für die Ernährung und Versorgung des gesamten Landes zu.

Die Bilder des Somaliakrieges sind uns aus den Medien bekannt. Auch unterscheiden sie sich nicht von den Bildern der nicht medienwirksamen Kriege und Konflikte im Südsudan oder Tadschikistan. Die medizinischen Hilfsprogramme haben sich in ihrem Kern in Somalia ebenfalls nicht verändert.

Verändert haben sich die Rahmenbedingungen: Eindeutige große Kriegsparteien oder politische Lager gibt es in Somalia nicht, und der Übergang zu bewaffneten Plündererbanden ist fließend. So sind Gespräche und Verhandlungen mit Clan- und Subclan-Ältesten ein einziger Jonglierakt unter Beachtung der jeweiligen Machtverhältnisse.

„Der Krieg findet nicht mehr in Grenznähe, sondern mitten in den Staatsgebieten statt. Die Unterscheidung zwischen Stützpunkten im Hinterland, befreitem Gebiet und Kampfzone gibt es nicht mehr. Heutzutage trifft man heimatlose Zivilisten an denselben Orten an wie kämpfende Soldaten … Wenn die Hilfsorganisationen die Zivilbevölkerung erreichen wollen, können sie nicht mehr am Rand der Kampfgebiete agieren, sondern müssen tief in die unsicheren Gebiete vorstoßen, wo sie nicht mehr den Schutz der bewaffneten Bewegungen genießen, die selbst kaum in der Lage sind, ihren Zusammenhalt zu bewahren … Unter diesen veränderten Bedingungen gewinnt die Frage der Sicherheit der privaten Hilfsorganisationen eine zentrale Rolle.“ 1

In Kismayu und im Juba Tal kämpfen seit dem Sturz des Diktators Siad Barres Sub-Clans der Darods um die Vorherrschaft. Die Hauptakteure sind die Milizenchefs »General Morgan«, Schwiegersohn und ehemaliger Verteidigungsminister von Siad Barre, und Omar Jess, der als Führer des »Somali Patriotic Movements« direkter Verbündeter von General Aidid (Hawiye) ist.

Bei meiner Ankunft im März zog sich die Frontlinie quer durch die Stadt. Die sechs in der ganzen Stadt verteilten »Feeding Center« wurden in den ersten Märztagen zerstört und ausgeraubt. In ihnen wurden 1000 schwerst unterernährte Kinder behandelt. Weitere 5000 Kinder erhielten zweimal die Woche eine Zusatznahrungsmittelration und konnten jederzeit durch regelmäßige Gewichtskontrollen direkt in die sog. therapeutischen Einrichtungen überwiesen werden.

Eine Wiederaufnahme der Arbeit in diesen Centern war aus Sicherheitsgründen nur schleppend möglich. Der größte Teil der Mitarbeiter war geflohen. Unter sorgfältiger Beachtung der Clanzugehörigkeit mußte ein neues Team angeheuert und angelernt werden. Die bis zu diesem Zeitpunkt bewaffneten Wächter, die die Zentren vor Raubüberfällen schützen sollten, wurden durch unbewaffnete ersetzt. Den Schutz übernahmen die UN-Blauhelme. Praktisch sah es so aus, daß ich nur unter ihrer Eskorte und in ihrer Anwesenheit in den Zentren arbeiten konnte und mich dabei nach deren Verfügbarkeit richten mußte.

Während der offenen Kampftage wurden wir von Panzern zwischen Haus und Krankenhaus hin und her gefahren. Diese beiden Gebäude waren rund um die Uhr von UN-Blauhelmsoldaten beschützt.

Der völlige Verlust von Privatsphäre durch ein noch näheres Zusammenrücken auf dem eh schon sehr beengten Lebensraum, um Militärfahrzeug, Gerät und Soldaten unterzubringen, sowie die Notwendigkeit der Gewöhnung an den allnächtlichen Lärm auf dem Dach, verursacht durch die zweistündlichen Wachwechsel, mußten in Kauf genommen werden.

Durch die räumliche Nähe wurden wir Zeugen skandalösen Betragens gleicher UN-Blauhelmsoldaten. Somalis wurden grundlos zusammengeschlagen, somalische Frauen verbal wie körperlich belästigt und Kinder durch wilde »Rumraserei« in den Straßen hochgradig gefährdet und wiederholt angefahren. Durch das Auftreten in Unterhosen in der Öffentlichkeit (auf den Dächern der internationalen Hilfsorganisationen) wurde die moslemische Bevölkerung in ihrem religiös-kulturellem Selbstverständnis beleidigt.

Dies hat zwar nichts mit der politischen Diskussion um bewaffnete Interventionen unter dem Deckmantel »Humanitäre Hilfe« zu tun, muß aber erwähnt werden.

Fatales Beispiel für die Erpreßbarkeit von Seiten der somalischen Kriegsparteien sowie dem »Spiel« Distanz-Nähe zu den UN-Einheiten ist folgendes Ereignis aus dem März: Kismayu war wieder in General Morgans Händen. Schutzsuchende »Jess-Leute« lebten noch auf dem Gelände des Internationalen Roten Kreuzes (IKRK), auf dem MSF Krankenhausgelände (die Hälfte unserer Krankenhausmitarbeiter gehörten zur »gegnerischen« Seite und profitierten von dem UN-Schutz im Krankenhaus), und schließlich eine kleine Gruppe, die sich in der 200 m vom Krankenhaus gelegenen ehemaligen Polizeistation verschanzt hatte. Seit Tagen hatten »Ärzte ohne Grenzen« mit den Darod-Ältesten verhandelt, um eine Evakuierung der verbliebenen »Jess-Leute« zu arrangieren. Die Verhandlungen standen unter dem Druck der zunehmenden Massaker an eben diesen Menschen. Die UN hatte eine Eskorte zugesichert, konnten oder wollten aber keine Fahrzeuge zur Verfügung stellen. Am 31. März kam es zum offenen Kampf. Das IKRK erhielt eine Granate über die Grundstücksmauern. Im Krankenhaus wurde ich Zeugin eines Massenmassakers von »Morgan-Leuten« an den in der Polizeistation verschanzten »Jess-Leuten«. Unsere Soldaten auf dem Dach haben nicht eingegriffen. Unser Team hat sich im Panzer vom Krankenhaus aus der panischen Menge in die Militärbasis flüchten können. Nach nächtlichen Verhandlungen haben die Blauhelme sämtliche Angehörigen des Jess-Lagers aus Kismayu 40 km hinter die Frontlinie auf sicheres Terrain transportiert. Auf den UN-Lastern sind nicht nur die politischen Flüchtlinge, sondern auch unser medizinisches Personal sowie ein großer Teil der Patienten geflohen. Die Fahrt für die Flüchtenden endete in einem kleinen Dorf ohne jegliche medizinische Versorgung. In den kommenden Wochen wurden »Ärzte ohne Grenzen« von Omar Jess massiv unter Druck gesetzt, in jenem Dorf eine Klinik einzusetzen. Er setzte die Patienten als unmittelbares Druckmittel ein, indem er ihnen verwehrte in freier Entscheidung sich zurück in medizinische Behandlung zu begeben. Diese stand ihnen offen in Kismayu oder Gelib, einem Dorf mit einer Klinik von uns, das fest in Jess` politischer Hand war. Innerhalb der ersten Tage starben 14 Patienten. Nur durch inoffizielle Arrangements war es uns möglich, den Patienten notdürftige medizinische Hilfe zukommen zu lassen. Erst im Juni durften die Patienten in eine der beiden Kliniken verlegt werden.

In den friedlicheren Monaten Juni bis August hatten wir erheblich mehr Bewegungsfreiheit. Diesen relativen Frieden stabilisierten die UN-Truppen, die mit ihren militärischen Kontrollpunkten dafür sorgten, daß die vor die Stadttore verdrängte Front auch vor der Stadt blieb. Ebenso hat die Unterzeichnung des Friedensabkommens von Kismayu zu den ruhigeren und sich stabilisierenden Verhältnissen beigetragen. Dieses Abkommen wurde von 120 Stammesältesten verschiedener Clans nach fast dreimonatigen Verhandlungen unter Führung von UNOSOM II unterzeichnet. Sichtbares Resultat waren die gefüllten Märkte sowie die Abnahme der hohen Fluktuation und häufigen Umsiedlungsaktionen der Bevölkerung. Die Familien fühlten sich wieder sicherer, nahmen Handel auf und konnten sich allmählich sogar über die Frontlinie bewegen. Patienten brauchten nicht mehr um ihr Leben bangen, wenn sie sich dem Krankenhaus anvertrauten: Abkommen zwischen den Clanältesten und »Ärzte ohne Grenzen« sorgten schließlich unter Schutz der UN-Truppen für freien Zugang für Angehörige aller Parteien zu dem einzigen Krankenhaus Südsomalias. Die Impfkampagnen konnten geordneter durchgeführt werden. Zur gleichen Zeit haben UN-Soldaten die erste Schule wiederaufgebaut, der lokalen Hilfsorganisation »Somali Women Concern« Nähmaschinen gestiftet und sich an der Reparatur der von der Regenzeit heftig zerstörten Straßen und Deiche beteiligt. Selbst unser Team hat sich von den UN-Truppen mit ihren Maschinen bei der Aufräumung des neuen Grundstückes helfen lassen.

Wie sehr es sich bei dieser Stabilisierung in Kismayu dann aber doch nur um eine Problemverschiebung handelte, verdeutlicht eine meiner Tagebuchaufzeichnungen: „Heute Morgen haben wir erfahren, daß innerhalb der nächsten 48 Stunden ein Angriff von Omar Jess erwartet wird. Kenia übt totalen Druck aus, daß die Flüchtlinge nach Somalia zurückkehren können, dafür muß gewährleistet sein, daß Kismayu in General Morgans Händen bleibt. (Flüchtlinge wie Morgan gehören zum Clan der Darods) Also werden die vermeintlich neutralen Truppen Omar Jesses Front »großzügig zerstören«, O-ton der Amis heute morgen.“ Oft war es nicht nachvollziehbar, nach welchen Kriterien bei dem einen oder anderen Gefecht entweder gar nicht, verspätet und dann wieder mit aller Härte eingegriffen wurde.

Diese Undurchsichtigkeit zeigt deutlich, daß die Neutralität der UN nicht gewahrt werden konnte. Mit der offenen Kriegserklärung an General Aidid schlug die humanitäre Hilfe endgültig in eine militärische Aktion um, und die Arbeit der NGOs ist seitdem mehr gefährdet denn je. In der Vorstellung der Somalis treten die Hilfsorganisationen immer mehr in Verbindung mit den parteiischen UN-Truppen. Eine politische Orientierungslosigkeit der ganzen Intervention in Somalia läßt sich nicht mit einer Aktion nur der Aktion willen verdrängen. Die Konzeptlosigkeit zu Beginn der militärischen Intervention und die Unkenntnis über politische und gesellschaftliche Strukturen in Somalia haben mit dazu geführt, daß die UN-Truppen sich in der Gewaltspirale verfangen haben.

Den internationalen Hilfsorganisationen muß freigestellt bleiben, wie sie sich selbst und ihre humanitären Prinzipien am besten schützt. „Es ist heutzutage für die humanitären Hilfsorganisationen schon schwierig genug, sich selbst zu schützen, noch schwieriger wird es für sie, wenn – theoretisch zu ihrem Nutzen, doch praktisch zu ihrem Schaden – Politiker, die keine Politik haben, sich mit bewaffnetem Eifer ihrer annehmen.“ 2

Nicola Kaatsch (Krankenschwester, Medizinstudentin) ist Vorstandsmitglied der IPPNW/Deutsche Sektion und arbeitete mit der Organisation »Ärzte ohne Grenzen« ein halbes Jahr in Somalia.

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