in Wissenschaft & Frieden 1993-4: Friedenswissenschaften

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„Eine Beerdigung zweiter Klasse“

Interview mit Dr. Peter Schlotter zur Zukunft der Friedensforschung

von Dr. Peter Schlotter und Achim Schmillen

Dr. Peter Schlotter ist langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) in Frankfurt. Achim Schmillen (Redaktion »Wissenschaft und Frieden«) sprach mit ihm über Entwicklung, Strukturen und Perspektiven von Friedensforschung – insbesondere der HSFK – und über das Verhältnis zur Friedensbewegung.

Im folgenden Gespräch wollen wir drei Themenbereiche ansprechen. Das wäre zum ersten die Entwicklung der Friedensforschung in den letzten Jahren; der zweite Aspekt sind die Strukturen der Friedensforschung, also z.B. das Verhältnis zu den Universitäten; und ein dritter Aspekt soll sich auf die Beziehung zwischen Friedensbewegungen und Friedensforschung beziehen. Aber erst solltest Du mal kurz etwas zu Deiner Person und zu der HSFK sagen.

P. Schlotter: Ich bin seit 1974 an der HSFK. Damals war das Institut, das 1971 seine Arbeit aufnahm, noch in der Aufbauphase. Die Spannung zwischen denjenigen, die sich als »kritische Friedensforscher« verstanden und die viele Ansätze der marxistischen Diskussion aufgenommen hatten, und denjenigen, die sehr stark auf die Analyse zwischenstaatlicher Beziehungen orientiert waren, also das, was so die Linken die »traditionelle Friedensforschung« nannten, war noch sehr groß.

Das hatte viel damit zu tun, daß wir alle in der universitären Szene der späten 60er und frühen 70er Jahre sozialisiert wurden und deswegen natürlich auch sehr viel Lust hatten, grundsätzliche – zum Teil aber auch ideologisch aufgeladene – Diskussionen zu führen. Das hat sich im Laufe der späten 70er Jahre, Anfang der 80er Jahre geändert, weil beide Positionen ihre theoretischen Prämissen stärker als früher in Frage gestellt haben. Darüber hinaus haben sich natürlich auch durch die unmittelbare Zusammenarbeit, zum Teil in den gleichen Forschungsgruppen, manche dieser Gegensätze abgeschliffen. Es hat sich in der Debatte über die »Nachrüstung«, bei allen Nuancen in der Einschätzung vieler Fragen und bei allen unterschiedlichen Zugängen, ein Konsens herausgebildet, der die Notwendigkeit der westlichen Reaktion in Frage gestellt hat; wobei als Grundposition von einem »Nuklearpazifismus« gesprochen werden könnte, ohne daß Nuklearwaffen in ihrer Abschreckungsfunktion generell von allen abgelehnt worden wären. Diese Position lag nicht auf der Linie dessen, was die Mehrheit in der Friedensbewegung vertreten hat, weil es keine »Weg mit ….«-Position war. Diese unterschiedlichen Herangehensweisen haben mit den funktional unterschiedlichen Rollen von Wissenschaft und sozialer Bewegung zu tun.

Was die personelle Entwicklung angeht, so muß man selbstkritisch sagen, daß von Mitte der 70er bis Ende der 80er Jahre vor allem Frauen das Institut verlassen haben, aus vielerlei Gründen. Zum Teil waren es private Motive, die aber natürlich Reflex der gesellschaftlichen Arbeitsteilung sind. Frauen sahen sich nicht in der Lage, die wissenschaftlichen mit ihren privaten und familiären Verpflichtungen zu verbinden. Es gab auch inhaltliche Gründe, die damit zu tun hatten, daß sich die HSFK im Gegensatz zum Beginn ihrer Tätigkeit stärker auf internationale Beziehungen mit den »männlichen« Themen Krieg, Abschreckung und Rüstung konzentriert hat und die innergesellschaftlichen Beziehungen und Konflikte eher etwas außer acht gelassen hat.

Der Personalbestand der HSFK ist nach dem anfänglichen Wachstum wieder geschrumpft. Das hatte damit zu tun, daß die Finanzmittel in den 80er Jahren nicht so geflossen sind, wie sie prognostiziert und versprochen waren. Es hat dabei gleichzeitig eine Konsolidierung stattgefunden, indem es gelungen ist, die Mehrzahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über sog. Planstellen aus dem Haushalt des Landes Hessen zu finanzieren. Jetzt, Anfang der 90er Jahre, haben wir einen Beschluß gefaßt, den Anteil der Wissenschaftlerinnen an der Gesamtzahl der Mitarbeiter der HSFK zu erhöhen. Wir haben in den letzten Jahren nur Frauen neu eingestellt, vor allem als »Nachwuchswissenschaftlerinnen«.

W&F: Wie war das denn vorher? War das wirklich so massiv, daß Ihr da gegensteuern mußtet?

P. Schlotter: Ja, das Problem ist, daß bis auf eine Kollegin nur Männer auf den unbefristeten wissenschaftlichen Planstellen sitzen.

W&F: Das heißt, Frauen haben praktisch nur befristete, projektbezogene Arbeitsverträge.

P. Schlotter: Ja, projektbezogene Arbeitsverträge oder halbe Planstellen mit der Möglichkeit für eine Promotion. Zur Zeit arbeiten 15 Wissenschaftler und 6 Wissenschaftlerinnen an der HSFK.

W&F: Gab es in den Jahren des NATO-Doppelbeschlusses oder zum Ende des Ost-West-Konfliktes nachvollziehbare Brüche oder Kurswechsel in bezug auf Arbeitsschwerpunkte in der HSFK? Kann man das sagen, oder ist das doch eher eine kontinuierliche Entwicklung?

P. Schlotter: Solche abrupten Kurswechsel haben wir nicht vorgenommen. Das geht schon aus praktischen Gründen gar nicht, weil in der Regel Drittmittelprojekte bearbeitet wurden, und auch die Planstellen in die Drittmittelprojekte involviert sind. Und jeder, der sich im Wissenschaftsgeschäft auskennt, weiß, daß man da gar nicht von heute auf morgen umsteuern kann. Es hat aber eine Veränderung stattgefunden. Die in den 70er Jahren stärker an Fragen der politischen Ökonomie orientierten Forschungsprojekte, die sich mit dem Verhältnis von Rüstung, Wirtschaft und Wirtschaftswachstum, mit Fragen des militärisch-industriellen Komplexes und ähnlichem beschäftigten, wurden in den 80er Jahren, abgesehen von kleineren Projekten zur Konversion, nicht mehr weitergeführt. Ich glaube aber, daß das kein Kurswechsel war, weil man das nicht mehr für wichtig hielt, sondern weil eigentlich niemand mehr einen großen wissenschaftlichen Ertrag darin sah, diese Forschung weiter zu betreiben.

Nachdem ich z.B. über die Beschaffung des Starfighters promoviert hatte und dann kleinere Arbeiten zum MRCA/Tornado veröffentlicht hatte, war mir klar, wie Rüstungsbeschaffungen laufen, so daß ich das auch nicht an jedem Waffensystem wieder neu exemplifizieren mußte. Das war natürlich insofern nachteilig, als man dann zwar weiß, wie so etwas läuft, andererseits aber natürlich in der politischen Debatte die Detailkenntnisse für den spezifischen Fall fehlen.

In den 80er Jahren haben wir uns sowohl aus inhaltlichen als auch politischen Gründen auf Fragen der Ost-West-Beziehungen und der Ost-West-Entspannungspolitik konzentriert. Das war natürlich auch der Reflex der Krise der Entspannungspolitik, wie sie sich in der sowjetischen Rüstung, im NATO-Doppelbeschluß, in Reagans Politik, in der Intervention Afghanistans oder der drohenden Intervention in Polen manifestierte. Die HSFK KollegInnen sahen sich politisch gefordert, auch wissenschaftlich die Entspannungspolitik der 70er in die 80er Jahre hinüber zu retten.

W&F: Auf dem letzten Colloquium der Arbeitsgemeinschaft Friedens- und Konfliktforschung (AFK) sagte Gert Krell in seinem Einführungsbeitrag unter anderem, daß auch die HSFK sich als Trägerin der Kritischen Friedensforschung verstehe. Er sprach das Spannungsverhältnis bezüglich des Politikberatungsbereiches an, welches so eine Art Dienstleistungsgewerbe sei. Wie geht die HSFK mit diesem Spannungsverhältnis um, wie löst sie diese Ansprüche ein? Macht sie jetzt kritische Politikberatung?

P. Schlotter: Ich möchte erst einmal etwas zu dieser Polarität oder Polarisierung Kritische Friedensforschung versus andere Friedensforschung sagen. Das war – wie gesagt – in vielem natürlich auch Reflex zugespitzter Debatten in den 70er Jahren. Ich erinnere mich, daß ein Produkt der kritischen, aber trotzdem auf politische Debatten orientierten Friedensforschung das »Anti-Weißbuch« gewesen ist, das 1974 erschien. Dieses Anti-Weißbuch wurde von dem damaligen Verteidigungsminister Leber und anderen als ein Produkt von Moskaus nützlichen Idioten abqualifiziert. Aber es war völlig »realpolitisch« auf die Debatte im Bundestag und in der Gesellschaft bezogen und keineswegs revolutionär oder antikapitalistisch. Zum Beispiel in der Kritik am MRCA, die wir – Ulrich Albrecht, Burkhard Luber und ich – dort geschrieben haben, argumentierten wir: Braucht man dieses Flugzeug? Was kostet dieses Flugzeug? Was stecken für Interessen dahinter? Und wir kamen dann zu dem Ergebnis: Man braucht es nicht. Aber das war nichts, was das politische System, wie es sich in der Bundesrepublik entwickelt hatte, transzendierte.

Es gab immer eine Richtung in der Friedensforschung, vor allem in den Studien über Probleme der »Dritten Welt«, die ihre Arbeit als Unterstützung von antikolonialen und antiimperialistischen Befreiungsbewegungen verstanden hat. Aber spätestens mit dem Scheitern dieser Bewegungen bzw. mit der Einsicht in die begrenzten Möglichkeiten revolutionärer Umwälzungen haben sich diese ForscherInnen auf die Analyse und kritische Begleitung praktischer Politik umorientiert. Auch die Friedensforschung spiegelte damit die Desillusionierung wieder, mit der die hohen Erwartungen an die Veränderbarkeit der Welt durch eine tiefgreifende Ernüchterung ersetzt wurde.

Was die Frage der Politikberatung angeht, so sollte man nicht die Illusion haben, daß Wissenschaft die Politik wirklich beraten oder gar anleiten kann. Selbst diejenigen, die viel näher am politischen Prozeß arbeiten, wie z.B. die KollegInnen in der »Stiftung Wissenschaft und Politik«, sagen ja ziemlich ungeniert, daß der Einfluß ihrer Studien auf das, was in der Politik gemacht wird, minimal ist. In Ausnahmefällen mag das anders sein, wenn Forschungsergebnisse durch gute persönliche Beziehungen auf der Arbeitsebene von Ministerien in politische Initiativen eingehen. Wir haben uns immer verstanden als ein Institut, das neben der akademischen Forschung, orientiert am wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt, die politische Debatte mit Beiträgen bereichern, die das politische Spektrum der Interpretationen erweitern will. Wir stellen in der Regel mit unseren »Reports«, mit dem »Friedensgutachten«, das mit den beiden anderen Instituten in Hamburg und Heidelberg herausgegeben wird, Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit zur Verfügung. Wir haben auch Kontakte zur Beamtenebene in den einzelnen Ministerien, zu Abgeordneten, vor allem der SPD und vom Bündnis 90/Grüne, aber auch zu einigen der FDP und CDU. Aber letztlich bezieht sich das, was wir machen, auf die gesellschaftliche Diskussion, die Debatte in den Parteien, den Kirchen, den Friedensgruppen, Gewerkschaften, in Bildungssystemen, in der Erwachsenenbildung, Lehrerfortbildung und natürlich auf die Lehre im Universitätsbereich. Zwei der Forschungsgruppenleiter sind hauptamtlich an der Universität tätig, und fast alle MitarbeiterInnen nehmen Lehraufträge an Universitäten wahr.

W&F: Hat sich da irgendetwas geändert über die Jahre? Also haben sich da die Proportionen verschoben? Ist Politikberatung jetzt heute mehr oder weniger wichtig als zu Zeiten des NATO-Doppelbeschlusses oder zu anderen Zeiten?

P. Schlotter: In den 70er Jahren war sicherlich das Institut stärker auf akademische Forschung hin orientiert, und in den 80er und 90er Jahren ging die Entwicklung mehr in Richtung Politikberatung, oder genauer ausgedrückt in Richtung auf Forschung, die auf die politische und gesellschaftliche Diskussion über Sicherheitspolitik bezogen war.

W&F: Habt Ihr einen interdisziplinären Forschungsansatz in der HSFK?

P. Schlotter: Wir haben den Anspruch, aber man muß leider sagen, es ist uns eigentlich selten gelungen, ihn wirklich einzulösen. In der Forschungsgruppe, die sich mit der Nicht-Weiterverbreitung von Nuklearwaffen beschäftigt, kommt eine Kollegin aus der Physik. Der interdisziplinäre Anspruch, den die Friedensforschung hatte und den sie ja auch weiter haben sollte, ist aus vielerlei Gründen nicht eingelöst worden.

W&F: Versteht Ihr Euch als reine Sicherheitspolitikwissenschaft?

P. Schlotter: Nein. Es sollte erst einmal geklärt werden, wie Sicherheitspolitik zu definieren ist. Wir haben uns in den 80er Jahren mit der traditionellen Sicherheitspolitik beschäftigt, im Sinne von Kritik der Abschreckung, Kritik der Rüstungspolitik, Vorschläge für eine andere Rüstungskontrollpolitik. Das war bezogen auf die große sicherheitspolitische Debatte in der Bundesrepublik seit Ende der 70er Jahre, die mit dem berühmten Satz von Egon Bahr: „Die Neutronenwaffe, eine Perversion menschlichen Denkens“ begann. Danach haben wir uns stärker auf Rüstungskontrolle, Abrüstung, Nicht-Weiterverbreitung, Entspannungspolitik, vertrauensbildende Maßnahmen, KSZE konzentriert. Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts und den sich damit entwickelnden neuen Problemen und Herausforderungen, Krisen und Konflikten haben wir das Spektrum der Arbeiten wieder erweitert. Der Anteil der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich mit Rüstungskontrolle und Abrüstung beschäftigen, ist signifikant zurückgegangen zugunsten der neuen Fragestellungen Ethno-Nationalismus, nicht-militärisches Konfliktmanagement, Konfliktprävention und natürlich auch die Frage, ob in bestimmten Situationen auch eine Einmischung mit militärischen Mitteln erfolgen soll.

W&F: Du hast ja eine ziemlich klare Position bezüglich des Konfliktes im ehemaligen Jugoslawien vertreten. Kannst Du vielleicht einmal kurz schildern, wie in der HSFK so etwas diskutiert wird?

P. Schlotter: Zustandegekommen ist die Stellungnahme, weil einige Kollegen sich persönlich herausgefordert sahen, zu dem Krieg in Bosnien eine pointierte politische Stellungnahme vorzulegen. Verschiedene Papiere wurden vorgelegt, die sehr heftig und sehr kontrovers diskutiert wurden. Die Stellungnahme und der Report, die aus diesen Diskussionen hervorgingen, sind keine Meinungsäußerung der HSFK, sondern eine von Hans-Joachim Schmidt und mir. Sie beruht aber schon auf einem Konsens derjenigen, die an dem gesamten Report mitgearbeitet haben, und auf einem Konsens in der HSFK insofern, als niemand absolut dagegen war, daß wir beide diese Position in der Öffentlichkeit auch so prononciert vertreten. Es gibt keinen Report bei uns, der nicht ein bestimmtes Verfahren durchlaufen haben muß. Es wird eine Sitzung angesetzt (»WiKo«), an der jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter teilnehmen kann. Auf dieser Sitzung werden die Papiere ausführlich diskutiert und Empfehlungen für die Überarbeitung ausgesprochen. Im Endeffekt stehen aber natürlich der Autor oder die Autorin für das Papier inhaltlich gerade.

W&F: Autorisieren muß das niemand?

P. Schlotter: Nein. Die HSFK hat keinen Direktor, sondern einen Vorstand, der alle zwei Jahre aus dem Kreis der MitarbeiterInnen gewählt wird. Es gibt kein Prüfungsverfahren, aber jedes mit HSFK-Signum herausgegebene Papier muß eben inhaltlich durchdiskutiert werden. Insgesamt hat sich dieses Verfahren bewährt. Ich glaube, es ist bisher nichts aus der HSFK herausgegangen, in dem nicht gewisse Standards der Wissenschaftlichkeit eingehalten wurden.

W&F: Warst Du von der Reaktion auf Deine Stellungnahme zum Jugoslawienkonflikt überrascht? Oder über die Reaktionen auf das Friedensgutachten? Das letztere ist ja sowohl aus dem politischen Bereich als auch aus der Friedensbewegung ziemlich heftig kritisiert worden.

P. Schlotter: Ich finde die Kritik an dem Friedensgutachten, die aus der Friedensbewegung kam, unberechtigt, weil man nur einen Aspekt aus dem gesamten Gutachten herausgenommen hat. In dem Gutachten sind zum ersten Mal sehr deutlich auch die unterschiedlichen Positionen zur Frage militärischer Intervention thematisiert worden, und es wurde deutlich ausgesprochen, daß zwischen den Vertretern der Institute bzw. zwischen den Mitarbeitern der Institute kein Konsens darüber gefunden werden konnte, ob sich die Vereinten Nationen im ehemaligen Jugoslawien aus humanitären Gründen mit militärischen Mitteln einmischen sollten oder nicht.

Darüber gab es keinen Konsens, und die besonders heftigen Kritiker haben sich nur auf die eine Seite bezogen, die in dem Gutachten vertreten ist, und auf die andere nicht. Das finde ich unfair. Die Kritik an der Forderung in dem HSFK-Report, 100.000 UN-Blauhelme nach Bosnien zu schicken, war zu erwarten gewesen. Einiges von dem, was kritisch dagegen gehalten wurde, geht auch immer wieder in die Weiterentwicklung der eigenen Positionen ein. Manches an Kritik war vielleicht ein wenig überzogen. Ich habe damit keine Probleme, das gehört zur politischen Debatte. Auch ich habe – das will ich durchaus selbstkritisch sagen – vielleicht in der Präsentation ein wenig überpointiert bestimmte radikal-pazifistische Positionen kritisiert, was ich in der Form heute nicht mehr tun würde. Das war eine gewisse Überspitzung, wie auch die Gegenkritik eine Überspitzung war.

W&F: Du sagst, die HSFK will Politikberatung betreiben; auch wenn Du das insofern einschränkst, als daß Du sagst, daß der Einfluß auf der politischen Entscheidungsebene nicht sehr groß ist. Habt Ihr denn Ideen für eine Politikberatung für unten, also z.B. für die Friedensbewegung oder für Basisgruppen? Gibt es so ein Konzept?

P. Schlotter: Also, ich würde nicht sagen, daß der politische Einfluß von Wissenschaft generell gering ist. Er geht ja in der Regel nie direkt über diejenigen, die politische Verantwortung tragen, sondern er wirkt sich über die politische Debatte in der Gesellschaft aus, und die wiederum hat natürlich Rückwirkungen auf politische Entscheidungen. Es ist also eher eine mittelbare Einwirkung. Obwohl sicherlich ein Teil der Friedensbewegung der sog. etablierten Friedensforschung – etabliert, weil sie eben auch staatlich grundfinanziert wird und weil sie sich auch auf staatliche Außenpolitik bezieht – kritisch gegenübersteht, ist doch überhaupt nicht zu leugnen, daß viele der Thesen und viele der Einschätzungen der Friedensbewegung – z.B. Gleichgewichtsdebatte, die Nuklearfrage, Kritik der Abschreckung etc. – natürlich ganz fundamental auf dem beruht haben, was FriedensforscherInnen in den 70er Jahren geschrieben haben. Die HSFK ist ein Institut, das vom Land Hessen finanziert wird, d.h. letztlich bezahlt uns der Steuerzahler. Die HSFK ist ein wissenschaftliches Institut, unterliegt in entscheidenden Kriterien der Wissenschaftlichkeit. Aber wir wollen auch politisch wirken. Die HSFK ist kein Institut, das von einer Partei oder Bewegung getragen wird. In dem Spannungsverhältnis zwischen Wissenschaftlichkeit und dem Anspruch auf eine politische Wirkung mußten wir immer leben und werden wir immer leben müssen.

Gesellschaftliche und politische Gruppierungen, Kräfte und Organisationen können die Expertise der HSFK in Anspruch nehmen, sie können die Expertise der HSFK abfragen, sie können uns zur Beratung einladen. Das machen ja auch (fast) alle Parteien, Kirchen, Gesellschaften und die Friedensbewegung. Wenn die Gruppen in der Friedensbewegung Interesse an diesem oder jenem haben und uns nach einem Vortrag fragen, dann machen wir das.

Es gibt immer Veranstaltungen, auf denen Vertreter politischer Parteien erwarten, daß ein/e Friedensforscher/in das sagt, was die Einladenden schon immer meinen, und auch Friedensgruppen sind manchmal enttäuscht, weil sie denken, die Friedensforscher müßten doch genau die gleiche Meinung haben wie sie. Das ist nicht der Fall, und das ist auch gut so. Die Instrumentalisierung oder der Anspruch, Wissenschaft zu instrumentalisieren, sind keineswegs ein Ansinnen, das nur auf der rechten Seite des politischen Spektrums angesiedelt ist.

W&F: Kommen wir zu den strukturellen Bedingungen. Du weißt ja, daß die Bundesmittel für die Friedensforschung gekürzt werden, ab 1996 sogar als eigenständiger Titel auslaufen und dann im Rahmen noch nicht näher spezifizierter Sonderprojekte weiterlaufen sollen. Aber letztendlich sieht es so aus, daß die Mittel perspektivisch gegen Null laufen.

P. Schlotter: Ja, das ist eine Beerdigung zweiter Klasse, kurzsichtig und blamabel für die Regierungskoalition.

W&F: Seid Ihr von diesen Kürzungen unmittelbar betroffen?

P. Schlotter: Unmittelbar nicht, da wir ja vom Land Hessen finanziert werden. Aber mittelbar natürlich schon, weil die HSFK bisher einige Forschungsprojekte über die DFG (Deutsche Forschungsgesellschaft) finanziert bekommen hat. Wenn diese Möglichkeit wegfällt, dann wirkt sich das natürlich mittelfristig negativ aus. Vor allem die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, was sicherlich eine ganz wichtige und zentrale Aufgabe unseres und wahrscheinlich aller Institute und aller Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland ist, wird davon betroffen sein. Darüber hinaus verschärft die allgemeine Verknappung der Mittel auf dem Wissenschaftssektor natürlich die Konkurrenz untereinander. Die HSFK erhält im hessischen Haushalt 1994, zumindest im Entwurf, weiterhin die Mittel, die sie auch im letzten Jahr zugewiesen erhielt. Und wir gehen davon aus, daß das weiter so bleibt.

W&F: Gibt es eine Einschätzung darüber, wie das Verhältnis zwischen diesem vom Land Hessen finanzierten Grundsockel und den Drittmittelprojekten ist?

P. Schlotter: Wir hatten in den 70er und Anfang der 80er Jahre manchmal sogar ein Verhältnis von der Hälfte Planmittel zu einer Hälfte Drittmittelfinanzierung. Das war eine ständige Zerreißprobe, weil die Stiftung eigentlich vorwiegend damit beschäftigt war, wieder neu Mittel einzuwerben. Das Verhältnis wurde dann auf zwei Drittel/ein Drittel heruntergefahren. Momentan liegt der Anteil der Drittmittel sogar noch niedriger. Wir werden das in den nächsten Jahren aber wieder ändern müssen, denn die Zuwendungen aus dem Etat des Landes Hessen werden natürlich nicht steigen. Im Gegenteil, es wird immer mehr auf ein Einfrieren hinauslaufen. Da machen wir uns keine Illusionen. Das heißt, wir müssen wieder stärker in den Drittmittelbereich gehen, auch um neue Kolleginnen und Kollegen an die Stiftung zu binden.

W&F: Also meinst Du, daß auch über die Deadline 1996 hinaus noch Perspektiven für die HSFK und für die anderen Institute vorhanden sind?

P. Schlotter: Was die HSFK angeht, gibt es keinerlei Signale, die andeuten, daß die Unterstützung für das, was die Stiftung macht, bei den Fraktionen des Hessischen Landtages abnähme.

W&F: Gibt es an der HSFK so etwas wie Visionen, welche Strukturen Friedensforschung zur Jahrtausendwende haben sollte? Was schwebt Euch für die 90er Jahre vor?

P. Schlotter: Man wird realistisch davon ausgehen müssen, daß in den nächsten Jahren die Mittel real weiter schrumpfen. Selbst wenn es 1994 zu einem Regierungswechsel in Bonn kommen sollte, ist damit noch längst nicht ausgemacht, daß dann zum Beispiel wieder Sonderfördermittel aus dem Bundeshaushalt für die DFG zur Verfügung gestellt würden. Und selbst wenn das der Fall wäre, werden die Beträge sicherlich nicht übermäßig hoch sein. Ich denke, die einzige Chance, das wissenschaftliche Umfeld der institutionell gebundenen Friedensforschung weiter am Leben zu halten, liegt darin, die Forschung an den Universitäten zu Fragen und Problemen der Friedensforschung zu intensivieren. Ich glaube auch, daß man sich jetzt verstärkt den psychologischen Mechanismen, die zur Kriegsbereitschaft führen, widmen und wieder verstärkt den innergesellschaftlichen Dimensionen und Ursachen gewalttätigen Verhaltens zuwenden sollte. Ebenfalls sollte die Untersuchung der innenpolitischen Situation in den westlichen Ländern – Stichwort Rechtsradikalismus, Ausländerfeindlichkeit, neuer Nationalismus – als auch in den Regionen, wo schon direkt Krieg geführt wird, in den Vordergrund gerückt werden. Ich denke z.B., es wäre gegenwärtig eine interessante Fragestellung zu untersuchen, inwieweit sich rechtsradikale Tendenzen und deren Verarbeitung im Parteiensystem sowie eine mögliche Veränderung der Parteienstruktur in Deutschland auf die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland auswirken werden.

Also, ich glaube, die innenpolitische Dimension wird wieder stärker ins Blickfeld geraten, nachdem man sich während des Ost-West-Konfliktes, zumindest was die HSFK angeht, doch etwas, vielleicht auch zu sehr, auf die Fragen der zwischenstaatlichen Interaktion konzentriert hat.

W&F: Also man könnte sagen: Außenpolitik ist Innenpolitik?

P. Schlotter: Nein, das würde ich nicht sagen, aber wir sollten anstreben, die Verschränkung zwischen Außen- und Innenpolitik stärker ins Blickfeld zu bringen.

W&F: Stichworte wie »Ängste vor Migration«, »Asylbewerber«, gleichzeitig »Abschottung der Grenzen«, all das würdest Du mit einbeziehen?

P. Schlotter: Ja, natürlich gehört das dazu. Gewiß hat die Außenpolitik schon ihren Eigenwert als Reaktion auf das Verhalten anderer außenpolitischer Akteure, aber die Verschränkung von Innen- und Außenpolitik und die innergesellschaftlichen tektonischen Veränderungen und Verschiebungen, die muß man sicherlich stärker im Blickfeld haben.

W&F: Das wäre dann ja schon eine Umorientierung. Seid Ihr denn jetzt auf so etwas vorbereitet, oder müßt Ihr dann alles umstrukturieren in der HSFK?

P. Schlotter: Mit den momentan an der Stiftung beschäftigten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kann man sich sicherlich wieder stärker auf innenpolitische Fragen konzentrieren. Das Problem, vor dem eine Institution mit einem festen Stamm von MitarbeiterInnen steht, ist: was macht man, wenn es darum geht, Expertisen über andere Regionen zu erstellen? Hier ist eine kurzfristige oder auch mittelfristige Umorientierung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schwer möglich. Also, was mich z.B. angeht: ich kann kein Serbokroatisch und werde es wahrscheinlich auch nicht mehr lernen. Entweder muß man dann über Workshops und Arbeitsgruppen die Regionalexpertisen einwerben und in die Forschungsergebnisse integrieren oder man muß die eine oder andere Forschungsgruppe neu aufbauen. Das geht aber nur mit neuen Kolleginnen und Kollegen.

W&F: Dann wäre eine andere Möglichkeit noch – das praktiziert Ihr ja auch mit dem Friedensgutachten –, eine Kooperation mit den anderen Instituten einzugehen. Wie siehst Du denn angesichts der Mittelkürzung die mittelfristige Zukunft? Wird es zu mehr Kooperation kommen oder eher zu mehr Konkurrenz?

P. Schlotter: Wenn man es genau nimmt, gibt es über die Zusammenarbeit bei dem Friedensgutachten hinaus keine Kooperation. Es gibt auch keine gemeinsamen Projekte, die wir bei der DFG oder anderswo beantragt hätten. Das ist sicherlich ein Nachteil und hat durchaus etwas mit der Fixiertheit auf das eigene Institut zu tun und mit der Konkurrenz, die zwischen Organisationen ganz einfach existiert. Um so wichtiger ist es, daß es zumindest eine gemeinsame Publikation – das Friedensgutachten – gibt. Eine konkrete Konkurrenz um knappe Mittel zwischen diesen Institutionen hat es meines Wissens aber nie gegeben. Dieses liegt u.a. an den unterschiedlichen Forschungsschwerpunkten.

W&F: Es wird also nicht aufgrund der Mittelkürzung zu einer stärkeren Kooperation kommen?

P. Schlotter: Erstmal ist jede dieser drei Institutionen an der Weiterfinanzierung durch ihren Geldgeber orientiert. Die HSFK am Land Hessen, das Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH) am Hamburger Senat und die Forschungsstelle der Evangelischen Studiengemeinschaft an der Evangelischen Kirche. Man muß selbstkritisch sagen, und das ist ein bißchen blamabel, daß in der Friedensforschung doch eher jede/r ihren/seinen eigenen Weg geht; dies gilt im übrigen auch für die universitäre Forschung. Es ist zwar so, daß zu Konferenzen, die in Hamburg veranstaltet werden, MitarbeiterInnen der HSFK eingeladen werden und umgekehrt. Aber es ist schon ein gewisses Armutszeugnis, daß nicht mehr zusammen gemacht wird.

W&F: Im anglo-amerikanischen Raum gibt es ja auch Möglichkeiten der Finanzierung über Sponsoren, daß zum Beispiel Industriebetriebe an solche Institutionen herantreten. Hat es so etwas schon mal an der HSKF gegeben?

P. Schlotter: Wir machen prinzipiell keine Auftragsforschung. Das ist u.a. durch unsere Satzung verboten. Wir haben schon öfter versucht, einen Förderkreis der hessischen Friedensforschung auf die Beine zu stellen, in dem Gewerkschaften, Banken, Industrie, Kirchen und reiche Leute zusammenkommen und einen Fonds zur Verfügung stellen, mit dem Aktivitäten finanziert werden können, für die es im Wissenschaftsbetrieb kein Geld gibt. Aber das ist uns nie gelungen. Gerade bei denen, die das Geld haben, war keine Bereitschaft zu großen Spenden vorhanden. Also Sponsoring gibt es bei uns nicht. Wenn es auch nur eine Firma wäre, die Sponsor wäre, hielte ich das auch für sehr problematisch, was die Unabhängigkeit der HSFK anginge.

W&F: Wie sieht denn die konkrete Zusammenarbeit zwischen Universität und der HSFK aus? Gibt es zum Beispiel Vorstellungen eines Aufbaustudiums oder so etwas, um den universitären Strang zu stärken? Seid Ihr konkret in Forschungen bzw. Lehraufträge eingebunden?

P. Schlotter: Ein Großteil der Forschungsgruppenleiter in der HSFK ist hauptamtlich an der Universität beschäftigt. Sie sind Professoren nebenamtlich an der HSFK tätig. Damit ist natürlich schon eine dichte Kooperation zwischen Universität und HSFK gegeben, obwohl auch da die Zusammenarbeit noch besser sein könnte. Darüber hinaus nehmen die meisten WissenschaftlerInnen regelmäßig Lehraufträge an hessischen Universitäten wahr. Es ist aber nicht so, daß die HSFK sich als ein Institut versteht, das für die universitäre Wissenschaft Curricula oder sonstiges entwickelt. Es gibt in der HSFK spezialisierte Expertisen zu einzelnen Themen, und dazu bieten wir an der Universität Lehrveranstaltungen an. Aber wir verstehen uns ganz bewußt auch nicht als ein Universitätsinstitut, was Methoden der Lehre entwickeln soll. Das ist die Aufgabe der WissenschaftlerInnen an der Universität.

W&F: Gibt es denn Bestrebungen, daß diejenigen Leute, die diese Schnittstelle zwischen Universität und der HSFK verkörpern, so etwas wie eine Forschungsrichtung Friedensforschung oder eine Art Aufbaustudium oder Zusatzstudium entwickeln?

P. Schlotter: Da müßte man die Kolleginnen und Kollegen direkt fragen. Meines Wissens gibt es an der Frankfurter Universität keinen Versuch, ein Curriculum Friedensforschung aufzubauen.

W&F: Kommen wir jetzt zum Verhältnis zwischen Friedensforschung und Friedensbewegung. Du hast schon erwähnt, daß das Verhältnis zur Zeit ziemlich gespannt ist, z.B. durch die von Euch produzierten Studien zu bestimmten Konflikten. War das schon einmal besser? Wie hat sich das rückblickend entwickelt?

P. Schlotter: Dazu müssen ja erst einmal zwei Differenzierungen vorgenommen werden. Die eine bezieht sich auf die Friedensbewegung. Sie war, auch in den 80er Jahren, nicht so homogen, wie es im Nachhinein scheinen mag, wenn es auch gewisse Grundüberzeugungen bezüglich der »Nachrüstung« gab. Sie hat sich notwendigerweise erstmal an einem »Anti« gegen etablierte Politik orientiert. Was eine Gegenkonzeption, eine Alternative betraf, ging es ja schon damals ziemlich durcheinander. Und das Spektrum hat sich nach dem Fall der Mauer und dem Ende des Ost-West-Konfliktes – Stichworte Golfkrieg und Jugoslawien – nochmals differenziert.

Genauso galt und gilt das natürlich auch für die Friedensforschung. Es ist immer ein Trugschluß, eine Mystifikation gewesen, zu sagen, alle Friedensforscher wären früher Pazifisten gewesen. Das war nie der Fall, es gab immer Leute, die die Meinung vertraten: In bestimmten Situationen kann nukleare Abschreckung – Abschreckung, natürlich nicht nukleare Kriegsführung – vertretbar sein. Es gab auch immer diejenigen, die sagten: In bestimmten Situationen brutalster Gewaltausübung und diktatorischer Herrschaft ist Gegengewalt zu rechtfertigen. Insofern ist die Debatte eigentlich gar nicht so neu. Und insofern ist es auch nichts Neues, wenn einige, unter anderem auch ich, die Auffassung vertreten: In bestimmten Situationen, wo ein Volk ausgerottet oder vertrieben werden soll, ist Gegengewalt legitimierbar, und die Staatengemeinschaft muß den Opfern mit militärischen Mitteln (selbstverständlich nur unter der Verantwortung der UNO) helfen.

Das Verhältnis zur Friedensbewegung war immer etwas gespannt. Das ist notwendig und auch gut so, weil die Friedensforschung eben nicht den Anspruch haben kann und auch nicht haben sollte, in allem und jedem die Position einer gesellschaftlichen Bewegung zu vertreten, zumal sich selbstverständlich in der Friedensforschung der Bundesrepublik auch die unterschiedlichen innergesellschaftlichen Positionen niederschlagen. Das führt dazu, daß zum Beispiel viele, wie auch ich, zwar dezidiert gegen die »Nachrüstung« plädiert haben, aber die für mein Gefühl etwas übertriebenen apokalyptischen Visionen – „mit jeder neuen Rakete rückt der Dritte Weltkrieg näher“ und „Nuklearkrieg ist gleich Auschwitz“ und „Auschwitz ist gleich Hiroshima“ und und ähnliches – nie mitgemacht haben, ganz zu schweigen von den sehr problematischen Denkkategorien, die diese Gleichsetzungen implizieren und auf die Dan Diner und Micha Brumlik erst kürzlich wieder aufmerksam gemacht haben.

Oder daß viele trotz der Kritik an der NATO auch schon damals die Frage gestellt haben, ob die Existenz von Atomwaffen in einem bipolaren Verhältnis nicht doch die Bereitschaft dämpft, Kriege unterhalb dieser Ebene zu führen. Und leider, muß man sagen, muß die Frage nunmehr bejaht werden. Kaum waren der nukleare Deckel und die Bipolarität weg, wurden konventionelle Kriege in Europa wieder möglich. Insofern müssen sich auch diejenigen, die in der Friedensbewegung aktiv waren, fragen, ob sie damals das eine oder andere nicht ebenfalls falsch eingeschätzt haben.

Nötig wäre, sowohl manche Einschätzungen in der Friedensforschung als auch die Politik in der Friedensbewegung im Lichte des Endes des Ost-West-Konflikts kritisch zu reflektieren und auf die gegenseitigen neuen Herausforderungen auch Antworten zu geben. Sie können – und müssen vielleicht – von den alten abweichen. Ich finde es deshalb schade und auch politisch verheerend, daß innerhalb der gesellschaftlichen Gruppierungen, die nicht militaristisch sind – und ich glaube, das kann man für alle FriedensforscherInnen und Gruppen in der Friedensbewegung sagen –, der Streit zum Teil mit größerer Heftigkeit geführt wird als die Auseinandersetzung mit denjenigen, die – unter der Hand oder auch offen – eine an einem traditionellen nationalen Interesse orientierte Außenpolitik vorbereiten. Also, die Bösartigkeit der Kritik, die manchmal vorgebracht wird, finde ich einerseits unberechtigt, andererseits auch politisch destruktiv, weil sie von der gemeinsamen Auseinandersetzung mit anderen und sehr gefährlichen Richtungen ablenkt. Aber es ist ja nun leider, eine alte linke und pazifistische Tradition, lieber die eigenen Auseinandersetzungen ums Detail bis zum letzten Blutstropfen durchzufechten, als sich darauf zu konzentrieren, sich mit dem eigentlichen Gegner argumentativ politisch auseinanderzusetzen.

W&F: Noch eine letzte Frage, dann wären wir fast am Ende: Begreift Ihr Euch denn noch als Teil der Friedensbewegung? Oder könnte man sagen: Braucht Ihr die Friedensbewegung?

P. Schlotter: Was heißt, ein Teil der Friedensbewegung? Wir sind erst einmal ein Forschungsinstitut, und MitarbeiterInnen des Instituts sind Mitglieder von politischen Parteien oder sind aktiv in bestimmten Friedensgruppen oder halten in ihrer beruflichen Position Vorträge bei Gruppen der Friedensbewegung und bei anderen.

Wir sind im Rahmen des in bürgerlich-liberalen Gesellschaften ausdifferenzierten Wissenschaftssystems ein Forschungsinstitut, das in Friedensbewegungen hineinwirkt und von Friedensbewegungen natürlich auch Impulse erhält. Diejenigen, die sich als gesellschaftliche Gruppierung in die Politik einmischen wollen, brauchen wissenschaftliche Gegenexpertise, auf die sie sich beziehen können; und diese braucht, wie in unserem Fall im Wissenschaftssystem der Bundesrepublik Deutschland, die Finanzierung über die Gesellschaft in Form vorwiegend staatlicher Mittel. Sie braucht aber auch einen gesellschaftlichen Resonanzboden, der sie trägt und der sagt: Also, das, was ihr dort macht, mit dem stimmen wir in vielem nicht überein, aber im Prinzip finden wir es wichtig und gut, daß es Leute gibt, die nicht nur das wiedergeben, was die offizielle Politik will, sondern kritische Gegenexpertisen (auch im Detail) erarbeitet. Die akademische Forschung oder die universitäre Forschung kann das kaum leisten. Dort ist mehr Grundlagenforschung angesagt, und die Universität hat den vorrangigen Auftrag, Studentinnen und Studenten mit wissenschaftlichem Denken vertraut zu machen und auf das Berufsleben vorzubereiten. An einem Forschungsinstitut kann man viel eher ein politisches Problem, für das sehr viele Detailkenntnisse nötig sind, untersuchen und dann der Gesellschaft Gegenexpertisen zur Verfügung stellen. Insofern, denke ich, brauchen Friedensbewegung und Friedensforschung einander, und wenn die Friedensbewegungen die gesellschaftliche Unterstützung von Friedensforschung aufgäben, würden sie sich letztlich nur den Boden unter den Füßen wegziehen, auf dem sie selber stehen

Vielen Dank

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