in Wissenschaft & Frieden 1993-3: Medien und Gewalt

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Landminen

Versteckte Mörder in der »Dritten Welt«

von Thomas Küchenmeister

»Hidden Killers«, »Tödliches Vermächtnis«, »Perverse Technologie« – so oder ähnlich sind Untersuchungen betitelt, die sich mit dem Thema Landminen befassen. „Nach Beendigung des Kalten Krieges“, so ein Mitarbeiter des US-Senats, sind Minen zu einer hauptsächlichen Bedrohung des Friedens geworden. Sie kosten wenig und wirken in ungeheurer Weise erschreckend und brutal, weil sie neuerdings genutzt werden um Zivilisten zu terrorisieren und zu verstümmeln … besonders Frauen und Kinder.“1

Mindestens 80 Millionen Landminen sind derzeit weltweit hauptsächlich in Ländern der »Dritten Welt« verlegt.2 Im Schnitt verlieren jeden Monat 800 Menschen ihr Leben, 450 weitere werden schwer verletzt.3 Amputationen mit traumatischen psychischen und physischen Folgeschäden kennzeichnen das Schicksal der Minenopfer. Die Mehrheit dieser Opfer sind Zivilisten, fernab in armen Ländern der »Dritten-Welt«, so daß die Massenmedien diese Katastrophe kaum zur Kenntnis nehmen. Fährt ein UN-Panzer in Somalia auf eine Mine und vier Soldaten müssen dabei ihr Leben lassen, erfährt dies wiederum ein weltweites Echo. Minenfelder stellen besonders nach Beendigung eines Krieges jahrzehntelang eine Gefahr für die Bevölkerung dar. Einige Minen sind bewußt so »pervers« konstruiert, daß mit ihnen gezielt der Genitalbereich des Opfers getroffen wird.4 Bewußt wird dieses Waffensystem von den Militärs genutzt, um Flüchtlingsbewegungen zu steuern und/oder, wie in Irakisch-Kurdistan, ganze Landstriche für den »inneren Feind« unbewohnbar zu machen. Die intensive Verminung bewohnter Landstriche hinderte so z.B. rund 4 Millionen afghanische Flüchtlinge an der Rückkehr in ihr Heimatland. Die Produzenten und Exporteure der Landminen sind zumeist in Europa, den USA und der ehemaligen Sowjetunion zu finden.5

Während Landminen herkömmlicher Bauart (1. und 2. Generation) mittlerweile auch in Nicht-Industrieländern produziert werden, entwickelt und produziert besonders die Rüstungsindustrie in den westlichen Industrieländern eine neue, »effektivere« 3. Generation von Landminen. Diese elektronisch aktivierbaren und programmierbaren Systeme, von Militärexperten als »wunderbar defensive« und »humane« Minen gepriesen, sind in den Mittelpunkt der Diskussion um zukünftige Verbote dieser Waffengattung geraten. Leider besteht unter den VertreterInnen verschiedener Menschenrechtsorganisationen, die sich eine Ächtung dieser Waffen zum Ziel gesetzt haben, bislang keine Einigkeit über ein umfassendes Verbot dieser Waffensysteme. Umstritten ist ob die neuen Minen bzw. welche Minentypen überhaupt verboten werden sollten. Die internationale Staatengemeinschaft hat sich in den zurückliegenden Jahren darauf verständigt, konventionelle Waffenarsenale zu reduzieren oder, wie im Fall der chemischen Waffen, deren Einsatz zu ächten. Der massenhafte Einsatz von Landminen, vornehmlich in der »Dritten Welt«, konnte (sollte) jedoch auch durch die seit 10 Jahren existierende »UN-Konvention gegen wahllos wirkende Waffen« nicht eingedämmt werden. Man darf gespannt sein, ob die Bundesrepublik, die selbst jährlich über 250 Millionen DM für den Bau und die Entwicklung von Minensystemen aufwendet, auf einer Konventions-Überprüfungskonferenz im Jahre 1994 für einen weltweiten Stopp der Produktion, des Exports und der Anwendung von Landminen votiert.

Die Funktionen des Minenkrieges

Die hauptsächliche Funktion des Minenkrieges ist es, den Gegner zu demoralisieren, möglichst effektiv Wege zu versperren bzw. Nachschubwege zu unterbrechen. Da Flexibilität und Mobilität in Verbindung mit Feuerkraft Bestandteil jeder modernen Militärtaktik (z.B. der NATO) sind, wird jede zeitliche und physikalische Behinderung, erzeugt durch Minenfelder, als Vorteil dem Gegner gegenüber angesehen. Dieser militärischen Denkweise folgend bindet beispielsweise ein Soldat, dem die Beine weggerissen wurden, wesentlich mehr »Ressourcen« (Transport, Versorgung) und schwächt damit seine Einheit mehr, als dies bei seinem sofortigen Tod der Fall wäre.6

Eine andere Einsatzstrategie verfolgen z.B. die Truppen Saddam Husseins in Irakisch-Kurdistan. Dort liegen u.a. als Folge der Bekämpfung der Peshmergas sowie der kurdischen Zivilbevölkerung mindestens 20 Millionen Landminen. Die Minenfelder dort befinden sich nicht nur im Gebiet entlang der Grenzen, sondern sie sind auch weit im Landesinneren zu finden.7 Laut UNHCR werden bewußt Dörfer und Felder vermint, um die kurdische Bevölkerung an einer Rückkehr zu hindern. Einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Middle East Watch zufolge besteht der durchaus berechtigte Verdacht, daß die irakische Armee Millionen von Minen verlegt hat, um weite Gebiete Kurdistans für alle Zeit unbrauchbar zu machen.8 Zivilisten, früher oft indirekte Opfer bewaffneter Konflikte, werden so bewußt zu Zielscheiben gemacht. Guerilla-Gruppen verwenden häufig selbstkonstruierte Minen als offensive Waffe, um die politische und ökonomische Infrastruktur eines Landes zu »unterminieren« und damit gezielt, den Regeln der psychologischen Kriegsführung folgend, einem Staat »Nadelstiche« zu versetzen.9

Landminen – Perverse Technologie

Landminen stellen selbst über Jahrzehnte hinweg eine tödliche Bedrohung dar. Häufig verminen beispielsweise kleinere Infantrieeinheiten ihre Stellungen, um diese zu schützen, lassen dann aber die Minen nach einem Ortswechsel einfach zurück. Das Aufspüren von Landminen ist eine arbeitsintensive, langwierige und gefährliche Operation, bei der moderne Techologien kaum eingesetzt werden können. Das Verfahren, sie zu entschärfen, ist noch schwieriger und außerordentlich gefährlich, urteilt eine US-Studie.10 So sollen nach UN-Angaben die im Auftrag der UNO eingesetzten 27 professionellen Minenräumteams in Afghanistan ca. 4300 Jahre benötigen, um das Land wieder minenfrei zu machen.11 Ausgedehnte Gebiete Libyens sind als Folge der Kämpfe zwischen Briten und der deutschen Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs noch immer dicht vermint.12 Selbst in den Niederlanden werden noch Jahr für Jahr durchschnittlich 12 Menschen durch Landminen aus dem Zweiten Weltkrieg verletzt.

Der Einsatz dieser Waffen und die davon ausgehenden Folgen bürden den Gesellschaften in der »Dritten Welt« enorme Lasten auf, die auf Grund der dort vorherrschenden Armut aber nicht getragen werden kann. Für ärztliche und soziale Versorgung sowie physische und psychische Rehabilitation stehen kaum Mittel zur Verfügung. Minen verhindern die landwirtschaftliche Nutzung von Agrarflächen, belasten das medizinische Versorgungssystem, führen zu sozialem und ökonomischen Zerfall, Hunger und Krankheit und verursachen Massenflucht aus den verminten Gebieten.

Generationen von Minen

Zu den Landminensystemen werden gezählt: Schützenminen (Anti-Personen-Minen/Anti-personnel-Mines), also gegen Menschen gerichtete Minen, Panzerminen(Anti-tank-Mines), gerichtet gegen Panzerfahrzeuge bzw. deren Insassen. Schützenminen sind aber auch, je nach Sprengkraft, gegen Personen und/oder ungepanzerte Fahrzeuge gerichtet. Zudem gibt es sogenannte moderne Off-Route-Minen, Minen die aus großer Entfernung Panzer zerstören sollen. Dieser Minentyp soll aber zukünftig auch als Mehrzweckmine gegen andere Ziele gerichtet werden.

Es wird davon ausgegangen, daß ca. 300 verschiedene Landminentypen weltweit in über 40 Ländern produziert werden.13 Ausgelöst werden Minen älteren Typs zumeist über Druck-, Kipp- oder Zugzünder. Diese Zünder reagieren bereits auf einen »kinderleichten« Druck/Zug von 0,23 bis 20 kp. Landminen können je nach Entwicklungsstand, per Hand, per Artillerie oder per Flugzeug bzw. Helikopter in großer Stückzahl und sehr schnell verlegt werden. Für die Opfer nicht sichtbar werden Minen oft versteckt gelegt oder vergraben, an Bäumen befestigt oder dicht unter der Wasseroberfläche in Uferbereichen von Flüssen plaziert.14 Um das Auffinden (mit Metaldetektoren) dieser Minen zu erschweren, werden Minen seit Beginn der 70er Jahre fast ausschließlich aus Plastik oder Keramik produziert. Die erste vollständig aus Plastik bestehende Mine wird in drei bis vier Jahren erhältlich sein. Werden solche Minen dann z.B. im Boden vergraben, sind sie nicht mehr zu lokalisieren.15

Je nach Bauart und technischem Entwicklungsstand werden Landminen in drei Generationen unterteilt. Besonders die der 3. Generation sind in allen erdenklichen Tarnfaben erhältlich und funktionieren selbst noch bei extremsten Temperaturen (zwischen – 32 Grad bis + 60 Grad). Sie sind für den Einsatz unter allen nur erdenklichen klimatischen und geologischen Gegebenheiten konzipiert und vorbereitet. Ein markantes Kennzeichen der neuen Minen ist die verstärkte Nutzung elektronischer Komponenten, die sie programmierbar machen, was bedeutet, daß sie sich selbst entschärfen bzw. zerstören können. Sie können außerdem mehrmals deaktiviert- bzw. aktiviert werden. Ausgestattet mit hochwertigen Mehrfach-Sensoren (Akustik, Magnetfeld, Millimeterwellen) sollen die Minen der Zukunft zuverlässig »Freund« und »Feind« unterscheiden können. Militärexperten schwärmen in diesem Zusammenhang immer wieder von »wundervoll defensiven« Waffen, und sprechen gar von der »humanen« Mine, die nun nicht mehr über einen langen Zeitraum »scharf« bleibt, sondern deren Einsatz gezielt »verzögert« aktiviert werden kann und die die Ziele trifft, die sie treffen soll. Doch selbst die »intelligentesten« Minen werden nicht intelligent genug sein, zuverlässig einen Panzer von z.B. einem Schulbus, vollbesetzt mit Kindern, oder einem anderen Zivilfahrzeug zu unterscheiden. Die Militärs betreiben jedoch mit der »guten Mine« ein böses Spiel. Der Lobpreisung der neuen High-Tech-Waffen soll schlicht suggerieren, daß die alten Minen die »bösen« Minen sind und die neuen die »Guten«, dies sicherlich mit der Zielsetzung, diese »guten« Minen von zukünftigen Verbotsregelungen auszunehmen und Märkte der Zukunft zu sichern.

Eine umfassende Darstellung der unterschiedlichen Minentypen und ihrer Tötungstechnik soll der Leserin und dem Leser an dieser Stelle erspart bleiben, doch an Hand einiger Beispiele soll (muß) erläutert werden, wie »pervers« diese Waffen konstruiert sind.

Schützenminen (Anti-Personen-Minen) sind im Vergleich zu Panzerminen wesentlich kleiner und leichter sowie schwerer zu orten, denn es bedarf nur einer geringen Menge (meist nur weniger Gramm) an Sprengstoff, um »weiche Ziele« (Personen), wie es im Militärjargon heißt, zu zerstören. Um die Räumung der Panzerminen zu erschweren, werden sie oft zusammen mit diesen verlegt. Schützenminen können in bezug auf ihre Sprengwirkung in zwei Gruppen eingeteilt werden. Zum einen gibt es reine Detonationsminen, die in einer aufwärts gerichteten Explosion die untere Hälfte des menschlichen Körpers zerfetzen und dabei auch Schmutz in Wunden treiben, so daß die Opfer dann sehr oft Amputationen mit traumatischen Folgen über sich ergehen lassen müssen. In die Kategorie »besonders abscheulich« gehören mit Sicherheit Schützenminen mit Splitterwirkung. Diese sind so konstruiert, daß sie bis zu 1.200 Metalkugeln oder auch Stahlsplitter verschießen. Je nach Minentyp werden alle Personen, die sich in einer Entfernung von bis zu 50 Metern von der Mine aufhalten, getroffen und getötet. Gesteigert wird die »Effizienz« dieses Minentyps noch durch einen Zusatzeffekt, der bewirkt, daß die Splittermine zunächst mittels einer kleinen Sprengladung in eine Höhe von 0,5 bis 1,5 Meter geschleudert wird, um dann bewußt in Höhe des Genitalbereichs des Opfers zu detonieren und diesen zu zerfetzen. Diese Minen werden als Springminen (Bounding/Jumping Mine) bezeichnet.16 In einer Firmenbroschüre des italienischen Minenproduzenten Valsella werden den Beschreibungen der einzelnen Minentypen Abbildungen zugefügt, die eindeutig den beabsichtigten Zielbereich des jeweiligen Minentyps erkennen lassen.

Panzerminen der ersten Generation sind im Prinzip im Ersten Weltkrieg entwickelt worden. Eine Mine dieser Generation, entfaltet ihre zerstörerische Wirkung auf einer »Sperrbreite« von »lediglich« einem Meter – ein Panzer muß also mit seiner Kette genau über eine Mine rollen um diese zur Detonation zu bringen. Panzerminen der zweiten Generation besitzen eine höhere Sprengkraft und Wirkungsbreite. Die »Sperrbreite« beträgt ca. 3 Meter. Diese Minen verfügen über sogenannte Hohlladungs- oder Projektilgeschosse. Nachdem ein Fahrzeug über eine Mine diese Typs fährt, wird die Panzerung perforiert, so daß der Explosionsdruck alle Insassen im Innenraum des Panzers tötet oder es wird, je nach Typ, eine zweite Sprengladung im Inneren des Panzers zur Detonation gebracht. Diese Ladungen haben genügend „Durchschlagskraft, Komponenten im Panzer zu zerstören und Treib- und Sprengladungen der im Panzer gelagerten Munition zur Explosion zu bringen“.17

An die Panzerminen der dritten Generation sollen zukünftig so anspruchsvolle technische Anforderungen gestellt werden, daß mit ihnen eine „neue Qualität im Sperreinsatz“ erreicht wird.18 Dieser Qualitätssprung wird hinsichtlich der Wirkung, so begeistern sich Militärexperten, „von bisher »Hemmen« und »Sperren« auf »Vernichten« gesteigert.“ 19 Diese „neue Qualität … auf dem Weg zu einem agressiven Kampfsystem“ soll künftig dadurch erreicht werden, daß »dynamische« Minen auf größere Entfernung mit ihren Sensoren das Ziel aufnehmen und den Bekämpfungsvorgang automatisch mit Flugkörpern oder Geschossen einleiten.

Auch Minen der dritten Generation spiegeln so den Trend der »qualitativen Aufrüstung« wider. Großzügüg verzichtet das Militär auf viele alte Minen zugunsten »effektiverer« neuer Minen. Die neuen Minen erreichen vergleichsweise einen »exzellenten« Wirkungs- d.h. Zerstörungsgrad. So entsprechen 15.000 Minen der ersten Generation dem »Kampfwert« von 500 Minen der zweiten Generation beziehungsweise von nur 200 Minen der dritten Generation. Weiterer Vorteil: Die Neuen sind viel leichter als die Alten. Wiegen 15.000 Minen der ersten Generation noch 30.000 kg, kommen 200 der dritten Generation nur noch auf 1.400 kg. Da macht es nichts, daß die neuen Minen um ein mehrfaches teurer sind. Mit den Minen der dritten Generation läßt sich – trotz höherer Einzelkosten – insgesamt wesentlich billiger töten.20

Einsatzländer und Opfer

Die Gefahr durch Landminen getötet zu werden ist eindeutig in den Kontinenten des Südens am größten. So sind ca. 30 Millionen Minen in afrikanischen Staaten und ca. 23 Millionen Minen in asiatischen Staaten verlegt.21 Da hier viele Kriege wüteten oder immer noch in Gang sind, werden Landminen auch weiterhin die Hauptursache für den massenhaften Tod zumeist von Zivilisten (mehrheitlich Frauen und Kinder) bleiben.22 14 Jahre Krieg haben allein in Afghanistan dazu geführt, daß mindestens 10 Millionen Minen zumeist von sowjetischen Interventionstruppen verlegt wurden. Die »Stiftung amerikanische Vietnam Veteranen« (VVAF) geht davon aus, daß ein Fünftel der 1 Million Kriegstoten – zumeist Kinder – Opfer von Landminen wurden.23 So setzten sowjetische Truppen oft sog. »Butterfly«-Minen (Schmetterlings-Minen) ein, die der äußeren Form nach eher einem Spielzeug denn einer Mine gleichen und die natürliche Neugier der Kindern weckten. „Zudem gibt es noch immer sogenannte »Booby-trap« – Minen, die als Gebrauchsgegenstände oder Spielzeug getarnt sind. … Oft spielen Kinder mit Minen, ohne zu wissen, was sie in der Hand haben. In Afghanistan kennen alle Kinder Minen. Sie sammeln sie aber trotzdem ein und werfen sie gegen Bäume, um sie zur Explosion zu bringen…“, so ein britischer Chirug, der im Auftrag des Internationalen Roten Kreuzes in vielen minenverseuchten Ländern gearbeitet hat.24 Dicht vermint ist auch der Nordwesten Kambodschas. Laut Internationalem Roten-Kreuz erlitt in Kambodscha jeder 236. Einwohner Minen-Verletzungen, was insgesamt 30.000 Amputationen bei den Opfern erforderlich machte. Der Krieg in Kambodscha ist demnach „der erste in der Geschichte der Menschheit, in dem Landminen mehr Opfer als jedes andere Waffensystem verschuldeten“.25 Im Nachbarland Laos verminte die US-Luftwaffe während des Vietnamkrieges den sogenannten Ho-Chi-Minh-Pfad, um Truppenbewegungen auf diesem Weg zu erschweren. Noch heute werden immer wieder Zivilisten getötet oder verletzt und das Gebiet kann von der Bevölkerung nur begrenzt landwirtschaftlich genutzt werden. Ähnliches gilt für Vietnam. Nach Angaben des Internationalen Roten Kreuzes, behandelte allein das Sulaymanyah Krankenhaus in Irakisch-Kurdistan zwischen März und September 1991 mehr als 1650 Landminenverletzte. Im Zeitraum zwischen August 1991 und August 1992 wurden in Kurdistan mindestens 1.269 Menschen durch Minen getötet, mindestens 3.325 Menschen wurden verletzt.26 Über 70.000 Tote hat der Bürgerkrieg in El Salvador in den zurückliegenden 12 Jahren gefordert. Zwei Drittel aller zivilen Kriegsversehrten sind Kinder, verletzt zumeist durch Minen.27 Schätzungen der Vereinten Nationen zufolge beläuft sich die Anzahl ungeräumter Minen in Bosnien-Herzegowina derzeit auf ca. 1,5 Millionen, was mit Sicherheit eine wachsende Zahl von Toten und Verletzten unter der Zivilbevölkerung verursachen wird,28 zumal sich das Problem nach UN-Erkenntnissen noch verschärft. Diese Aufzählung ließe sich noch fortführen, doch insgeamt sind die Angaben über die Anzahl der von Landminen verletzten oder getöteten Zivilisten leider sehr unterschiedlich, unvollständig und damit zu wenig aussagekräftig bzw. es wird gerade erst damit begonnen in größerem Umfang Daten zu sammeln. Weder die Vereinten Nationen noch die internationalen Menschenrechtsorganisationen, so der Leiter der Organisation »Physicians for Human Rights«, Eric Stover, konnten bislang umfangreiche und präzise Angaben über die Anzahl von Landminenopfer machen. Die wenigen Artikel, so beklagt er, die sich mit dieser Problematik beschäftigen, sind zumeist aus militärischer Sichtweise geschrieben und behandeln nur die Opferzahlen unter den Soldaten. Auch das Internationale Rote Kreuz stelle nur Daten über Minenopfer zusammen, die es selbst in seinen Krankenhäusern behandelt.29 So mußten laut Internationalem Roten Kreuz in minenverseuchten Ländern relativ zur Bevölkerungszahl folgende Anzahl von Amputationen vorgenommen werden: In Kambodscha bei einer von 236 Personen, in Angola bei einer von 470 Personen, in Somalia, bei einer von 650 Personen, in Uganda bei einer von 1.100 Personen, in Vietnam bei einer von 1.250 Personen und in Mozambik bei einer von 1.862 Personen.30

Minenmarkt und Minenproduzenten

Derzeit werden in über 40 Staaten Landminen hergestellt. Neben den USA, Rußland und China gehören auch die Bundesrepublik, Italien, Spanien, die Slowakei, Bulgarien und Serbien zu den Haupt-Landminenproduzenten. In der Bundesrepublik sind dies hauptsächlich: Dynamit Nobel, die Diehl GmbH (incl. deren Tochterfirma Junghans, die hochwertige Zünder für Minen produziert), die DASA, Honeywell, Rheinmetall, die Buck Werke, Feistel Pyrotechnik, Wegmann, die MLRS-EPG (Europäische Produktions-Gesellschaft) und die Sensys AG. Diese Firmen sind an der Entwicklung und/oder der Produktion vieler, bei der Bundeswehr aktuell oder zukünftig eingesetzten, Minentypen bzw. Minenverlegesysteme beteiligt.31 Allein im Haushaltsjahr 1993 sind im Einzelplan 14 (Bundesministerium der Verteidigung) 271 Millionen DM für den Gesamtbereich Minenkampf bereitgestellt. Die ca. 1.000 MW-1 Luftverlegesysteme für den Tornado sollen insgesamt Kosten in Höhe von 2,3 Milliarden DM verursachen.32

Die wachsende Kritik an Produktion, Export und Anwendung von Landminen wird sich für den westeuropäischen Minen-Markt mittelfristig kaum negativ auswirken. Die Minen-Beschaffungsmengen der westeuropäischen Staaten werden trotz sinkender investiver Rüstungsausgaben weitgehend unverändert bleiben (s. Tabelle).

Minen aus nicht-europäischer Produktion werden kaum auf dem europäischen oder US-amerikanischen Markt verkauft werden, da sie den »technischen« Anforderungen westlicher Armeen nicht entsprechen. Sie werden aber sicherlich auf den Exportmärkten in der »Dritten Welt« mit den Systemen aus westlichen Industrieländern konkurieren. Der Export ist für Minen-Produzenten geradezu zwingend notwendig, da die Entwicklungs- und Produktionslinien aufrecht gehalten werden sollen, um Profit zu erzielen. Ist einmal ein inländischer Auftrag erfüllt, wird eine Produktionslinie geschlossen, es sei denn, weitere Minen können exportiert werden.33

Weltweite Ächtung von Landminen ?!

Minen sind Gegenstand verschiedener internationaler Vereinbahrungen. Die wichtigsten sind: Das Genfer Abkommen von 1949, die Zusatzprotokolle von 1977 und das UN-Übereinkommen über das Verbot oder die Beschränkung des Einsatzes bestimmter konventioneller Waffen, die übermäßiges Leiden versuchen oder unterschiedslos wirken von 1980. Die Begriffe »übermäßiges Leiden» und »unterschiedslos» sind hierbei sehr umstritten und fordern Widerspruch heraus. Was bedeutet übermäßiges Leiden? Auch wenn es Stimmen gibt, die sagen, daß es nicht bewiesen ist, daß Schützenminen schlimmere Verletzungen verursachen als andere Waffenarten, kann dem entgegengehalten werden, daß diese nun einmal, wie bereits angesprochen, bewußt so konstruiert sind, daß sie gezielt Arme, Beine, den Genitalbereich oder gar den ganzen Körper zerfetzen. Das Abkommen, bislang nur von 36 Staaten ratifiziert, gilt nur für internationale Konflikte, d.h. für Konflikte zwischen Kriegsparteien aus unterschiedlichen Staaten, berücksichtigt aber nicht die steigende Zahl innerstaatlicher Konflikte. Die meisten der aktuellen Konflikte werden jedoch nun einmal nicht von »regulären« Armeen betrieben und es ist zu vermuten, daß z.B. Freischärlergruppen sich nicht um die Konvention scheren. Zudem verbietet das Abkommen, Waffen „offensiv oder defensiv oder als Repressalie gegen die Zivilbevölkerung … zu richten.“ (Artikel 3, Abs.2)34 Am 2. Dezember 1993 wird sich das Inkrafttreten der Konvention zum zehnten Mal jähren. Auf der anstehenden Überprüfungskonferenz sollte das Ziel der Bundesregierung sein, diese Konvention zu verbessern und nicht weiterhin die Entwicklung und die Produktion von Landminen mit Millionen von Steuermitteln zu befördern.

Im vergangenem Jahr rief medico international zu einer Internationalen Landminen Kampagne (ILMK) auf. Die Hauptforderung der Kampagne ist der weltweite Stopp der Produktion, des Exportes und der Anwendung von Landminen. Internationale Unterstützung fand medicodurch Handicap International, Human Rights Watch, Mines Advisory Group, Physicians for Human Rights sowie die Vietnam Veterans of America Foundation. Auf bundesdeutscher Ebene beteiligen sich neben medico die deutsche IPPNW, die BUKO-Kampagne, die AG Landminenkampagne im Netzwerk Friedenskooperative, das Rüstungsinformationsbüro RIB, sowie die Kampagne »Produzieren für das Leben – Rüstungsexport stoppen«. Auch das Internationale Kommitee des Roten Kreuzes (IKRK) veranstaltete im April dieses Jahres – unter dem Titel »Eine perverse Anwendung von Technologie« – ein Symposium zum Thema Landminen. Leider, so scheint es, ziehen aber nicht alle Organisationen und Gruppen an einem Strang. So forderte das Internationale Rote Kreuz auf seinem Landminen-Symposium lediglich die Ächtung der Schützenminen (Anti-Personen-Minen) und deutete zudem die Bereitschaft an, Minen der 3. Generation von Verbotsforderungen auszuklammern, da diese nicht mehr »unterschiedslos« töten.35 Auf einer Arbeitskonferenz der deutschen VertreterInnen der Internationalen Landminen Kampagne im Mai dieses Jahres wurde hingegen gefordert, alle Landminentypen zu ächten. Eine ausschließliche Ächtung von Minen der 1. und 2. Generation würde der militärischen Denkweise hinsichtlich einer »humaneren« 3. Generation von High-Tech Landminen folgen und ignorieren, daß z.B. Landarbeiter bei der Ernte oder zivile Fahrzeuge weiterhin durch Anti-Panzerminen (z.B. auch der 1. und 2. Generation wie in Libyen) bedroht sind. Zudem würde eine solch reduzierte Ächtung, ähnlich der »Atomwaffensperrvertragslogik«, dazu führen, daß zukünftig die »guten« High-Tech Minen der 3. Generation aus westlichen Industrieländern aus Verbotslisten verschwinden und weiter exportiert werden. Minen älteren Typs, oft in Ländern der »Dritten Welt« kopiert, werden dann als die »Bösen« gebrandmarkt und so z.T. den neuen Minen Märkte öffnen. Außerdem würde darüber hinaus die technische Weiterentwicklung im Minensektor außer Acht gelassen, denn Modifikationen von Minen stellen für die Industrie kein großes Problem mehr dar, schon gar nicht, wenn es gilt, bestehende Verbote zu unterlaufen. So werden Mehrzweckminen zukünftig – nicht zuletzt auf Grund der anhaltenden Kritik an Schützenminen – verstärkt produziert werden.36 Da z.B. Splitterminen sowohl gegen Personen als auch gegen Fahrzeuge eingesetzt werden können, bedarf es im Falle einer Ächtung von Schützenminen lediglich einer einfachen Umwidmung z.B. auf das »Zielobjekt Fahrzeug« – tödlich für Menschen bleiben die Minen dann allemal. Zudem gibt es bereits diverse Submunitionskonzepte, die vorrangig gegen einen »Zieltyp« gerichtet sind, sich aber »umstellen« können (z.B. auf ungepanzerte Fahrzeuge).

Verwässert wird zudem die eigentliche Wirkrichtung der einzelnen Systeme durch den gemeinsamen Einsatz verschiedener Minentypen. Schon seit Mitte der 80er Jahre sind z.B. die Tornados der Luftwaffe in der Lage mit Hilfe der Mehrzweckwaffe MW-1 einen tödlichen »Minenmix« in großer Stückzahl abzuwerfen. Mit diesem System soll eben nicht nur der offensive Kampf gegen Flugzeuge am Boden, sondern auch die Bekämpfung feindlicher Landstreitkräfte »in der Tiefe des Raumes« wesentlich verbessert werden. Dies bedeutet im Militärjargon eine „aktive Bekämpfung von weichen (Personen/ der Verf.) und halbharten Zielelementen (z.B. Flugzeuge im Freien, Fahrzeuge)“ sowie harten Zielelementen (Panzer).37 In vier Behälter verteilt enthält die MW-1 die Startbahnbombe STABO, die Start- und Landebahnen zerstört und /oder eine Mischung der Submunitionen MUSA (Anti-Personenmine), MUSPA (Anti-Personenmine mit akustischem Zünder) sowie der Panzermine MIFF.

Auch die amerikanische Forderung38, Exportverbote mit der Vorschrift zu koppeln, zukünftig Minen wieder mit mehr Metalkomponenten zu versehen, um sie leichter auffindbar zu machen, folgt militärischer Logik und mißachtet die Zivilbevölkerung, die sich ja nicht mit Detektoren schützen kann. Zudem sind Fragen hinsichtlich der Entschädigung der Opfer zwischen IKRK und ILMK umstritten. Die ILMK fordert hier eine Entschädigung eindeutig nach dem Verursacherprinzip. Der grundsätzlichste Unterschied gegenüber dem IKRK sowie den amerikanischen VertreterInnen der ILMK besteht aber in der Forderung der deutschen ILMK-Gruppe nach einem umfassenden Verbot der Produktion, des Exports und der Anwendung aller Landminen (-Generationen). Was Sinn macht, denn kaum setzte beispielsweise die US-amerikanische Regierung im Oktober 1992 ein Moratorium in Kraft, welches US-amerikanischen Firmen verbietet, Schützenminen zu exportieren, protestierten die einheimischen Minenproduzenten vehement: „Laßt uns nicht das Kind mit dem Bade ausschütten … wir brauchen den Export, um das Minen-Entwicklungspotential zu erhalten, welches die USA in Zukunft benötigen werden.“ 39 So ist zu wünschen, daß – wie auch immer – das Problem Landminen in das Bewußtsein der Öffentlichkeit gelangt und diese Waffen zu einem Symbol des Schreckens und des Leides werden, was hoffentlich dann auf internationaler Ebene zu einer umfassenden Ächtung dieser heimtückischen Killer führen wird.

Minenbeschaffungsmengen der europäischen Staaten (ohne ehem. WVO-Staaten)
Minentyp 1970 -1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 1993- 2002
Panzer- minen 3.803 167 168 165 153 142 136 141 131 147 158 1.508
Schützen- minen 4.121 227 212 250 242 265 268 219 255 258 266 2.462
Quelle: Forecast International/DMS Market Intelligence Report (1993): Ordnance & Munitions Forecast – Landmines (USA)/Landmines (Europe)/Landmines (International), March. Alle Angaben in 1.000. Die Werte ab 1992 bis incl. 1996 werden als sehr verlässlich, ab 1997 bis incl. 1999 als verlässlich angegeben. Ab dem Jahr 2000 beruhen die Angaben auf Schätzungen.) Beschaffungsmengen der europäischen Staaten im Sektor Minen plus einer Schätzung der Anzahl von Minen, die sich in Militärlagern befinden und ältere Minentypen, welche nicht mehr als funktionstüchtig angesehen werden, ersetzen sollen. Nicht enthalten sind Beschaffungen aller ehemaligen Warschauer Vertrags-Staaten. Zudem sind Angaben über das »Aimed Controlled Effect Anti-Tank Mine« Programm1 nicht enthalten.
Anmerkung:
1) 1987 unterzeichneten die Regierungen Großbritanniens, Frankreichs und der Bundesrepublik eine Vereinbarung über die Entwicklung dieses »off-route«-Panzerminensystems der dritten Generation. Die Entwicklungskosten werden auf ca. 34 Mio.$ geschätzt. Der Beschaffungsumfang wird für die Bundesrepublik mit 100.000 Stück, für Frankreich mit 50.000 und für Großbritannien mit 20.000, bei einem Stückpreis von 5.000 $, angegeben. Vergl.: Forecast International/DMS Market Intelligence Report (1993): Ordnance & Munitions Forecast – Landmines (USA)/Landmines (Europe)/Landmines (International), March, S. 11.

Die Saat des Krieges … Geht am Ende auf

Internationale Kampagne gegen Landminen

Der Entschluß medico internationals (Deutschland) und der Vietnam Veterans of America Foundation (USA), eine internationale Kampagne gegen Landminen zu initiieren, fiel vor etwa 1 1/2 Jahren in den Minenfeldern von Kambodscha, El Salvador und irakisch Kurdistan. Als Hilfsorganisationen zogen wir damit die Konsequenz aus der Projektarbeit in jenen drei der 27 Länder, die nach Schätzungen der UNO von ca. 120 Millionen Landminen wie von Konfetti überzogen sind. Minen sind die Saat des – oft längst beendeten – Krieges. Sie sind die Saat, die tagtäglich aufgeht, die keinen Waffenstillstand kennt, Menschen dahinrafft, tötet oder für den Rest ihres Lebens zu Krüppeln macht.

Während NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen) in jenen überwiegend in der sog. Dritten Welt liegenden Todeszonen mit allen Kräften versuchen, zusammen mit den Betroffenen den Kampf gegen die Killerwaffe Nummer Eins aufzunehmen (Aufklärungsprogramme für die Bevölkerung, Markierung von Minenfeldern, Minenräumprogramme und ärztliche Versorgung/Rehabilitation), werden in den Kriegen der Gegenwart, wie in Ex-Jugoslawien, täglich neue Minen verlegt. Jahr für Jahr werden in den von Steuergeldern finanzierten Verteidigungshaushalten der westlichen Länder neue Programme für die Entwicklung neuer, sogenannter »intelligenter« Minen, für Minenverleg- und Minenräumsysteme eingestellt. Die intelligente Mine der 3. Generation, von Militärs und Produzenten als »humane«, weil nicht mehr unterschiedslos wirkende Waffe, gekennzeichnete Mine, eröffnet neue Dimensionen der globalen Bedrohung und Vernichtung. Nicht nur deren ferngesteuerter elektronischer Einsatz durch die sich zur Zeit formierenden »Krisenreaktionskräfte« der NATO, sondern auch die Möglichkeiten, Fluchtbewegungen an dem Betreten der westlichen Wohlstandsinsel Europa zu hindern, machen das Forschen und Entwickeln dieser neuen perversen Waffensysteme so attraktiv.

Um diesen Teufelskreislauf, der immer mehr Regionen der Welt auf Jahrzehnte zu explosiven Todeszonen werden läßt, zu beenden, haben sich medico international (BRD), Vietnam Veterans Foundation (USA), Mines Advisory Group (GB), Handicap International (Frankreich), Physicians for Human Rights (USA), Human Rights Watch (USA) und European Network Against Armtrade (ENAAT) mit dem gemeinsamen Aufruf, die Produktion, den Export und die Anwendung von Landminen zu ächten, an die Weltöffentlichkeit gewandt.

Diese Forderung richtet sich insbesondere an die UNO, nach deren eigenen Schätzung die Räumung der derzeit ca. 120 Mio. Minen 50 Jahre dauern würde unter der Voraussetzung, daß keine neuen Minen mehr verlegt werden. Die internationale Kampagne will eine Änderung der 1981er Konvention „zum Verbot oder der Einschränkung des Einsatzes bestimmter konventioneller Waffen, die übermäßige Verletzungen verursachen oder unterschiedslos wirken können“ herbeiführen. Landminen sollen weltweit und völkerrechtlich verbindlich geächtet werden.

In zahlreichen Ländern haben sich, wie auch in der Bundesrepublik Deutschland, Trägerkreise der Kampagne gegen Landminen gegründet. Sie setzen sich zum Ziel auf die nationalen Regierungen Druck auszuüben, die Geheimhaltung über Forschung, Entwicklung und Export von Minen aufzuheben und sich im internationalen Rahmen für ein generelles Verbot von Minen einzusetzen.

In Deutschland wird die Kampagne von medico international, IPPNW, der AG Landminenkampagne im Netzwerk Friedenskooperative, der BUKO-Kampagne »Stoppt den Rüstungsexport«, der Kampagne »Produzieren für das leben, Rüstungsexporte stoppen«, dem Rüstungsinformationsbüro Baden-Württemberg sowie dem Komitee für Demokratie und Grundrechte getragen.

Seit dem Antikriegstag 1993 fährt ein mobiler sensorbetriebener Minenteppich von Stadt zu Stadt, um das Minenproblem in den Zonen des geschäftigen sorglosen Treibens visuell wahrnehmbar zu machen. Eine begleitende Ausstellung sowie zahlreiches Hintergrundmaterial informieren über die Ursachen sowie die Auswirkungen des Minenkrieges auf die Zivilbevölkerung, über die Produzenten und die politisch Verantwortlichen. Durch Unterschriften können die Menschen die Forderungen der Kampagne an die Bundesregierung unterstützen.

In der Abschlußresolution der Bonner Arbeitskonferenz vom 20. Mai fordert die Kampagne ein internationales Verbot

  • der Forschung und Entwicklung
  • der Produktion
  • des Verkaufs/des Exportes
  • der Anwendung von Landminen .

Die nationalen Regierungen werden aufgefordert, in Vorleistung zu treten. Ein internationler Fonds soll eingerichtet und aus Mitteln der Minenherstellerfirmen und der minenproduzierenden Länder finanziert werden. Aus ihm sollen Mittel zur Verfügung gestellt werden zur Räumung der Minenfelder, Entschädigung der Minenopfer, Wiederaufbau wirtschaftlich geschädigter Regionen, gesundheitlicher Versorgung der Minenopfer sowie präventiver Maßnahmen.

Die bereits erfolgten Reaktionen auf die internationale Kampagne lassen sich grob untergliedern in:

1.) Unterstützung von Organisationen wie z.B. UNICEF und terre des hommes, deren eigene Arbeit in den Regionen durch Minen behindert und erschwert wird, bzw. mit der Opferversorgung zu tun haben

2.) Einrichtung von Arbeitsgruppen und Abhalten von Konferenzen seitens der VN, UNHCR und ICRC, die zwar das weltweite Minenproblem in den Griff bekommen wollen und müssen, aber nicht bereit sind, die Forderung nach weltweiter Ächtung aller Landminen zu unterstützen

3) Reaktionen vor allem westeuropäischer Regierungen, die mit allen Mitteln die Entschädigungsfrage nach dem Verursacherprinzip vom Tisch haben wollen und nicht bereit sind, die in der militärischen Planung befindlichen Konzepte für den Minenkampf der Zukunft mit high-tech-Minen zur Diskussion zu stellen.

Die internationale Kampagne wird anläßlich des 10. Jahrestages des Inkrafttretens der 1981er Konvention am 2. Dezember 1993 mit verschiedenen Aktionen die gegenwärtigen Versuche, ein zukünftiges generelles Verbot von Landminen zu vereiteln, zurückweisen und den eigenen Forderungen phantasievoll Nachdruck verleihen.

Kostenloses Informationsmaterial (Faltblätter, Unterschriftensammlungen, Plakate uvm.) sowie ein gerade erschienenes Buch der Kampagne „Das Bild der Welt als kontrollierter Explosivkörper“ für 10,- DM können angefordert werden bei medico international, Obermainanlage 7, 60314 Frankfurt.

Angelika Beer, medico international, Koordinatorin der Landminenkampagne

Literatur

Bellero, Luciano (1985): Eine neue Generation von Landminen für die 90er Jahre, in: Wehrtechnik, Nr. 7, S. 82-86.

Europäische Wehrkunde (1985): Der Tornado wird für FOFA armiert, Nr. 5., S.271 ff.

Forecast International/DMS Market Intelligence Report (1993): Ordnance & Munitions Forecast – Landmines (USA)/Landmines (Europe)/Landmines (International), March.

Held, Manfred (1986): Panzerminen: Von der ersten zur dritten Generation, in: Jahrbuch der Wehrtechnik, 16, S. 244-253.

Human Rights Watch/Physicians for Human Rights (1993): Landmines a deadly legacy, A Report To The May 1993 London meeting.

Johnson, Rebecca, Denny, Rob (1993): Report on Landmines, im Auftrag des Internationlen Roten Kreuzes, Genf, April.

Leahy, Patrick (1993): Landmine Moratorium: A strategy for stronger international limits, Arms Control Today, Januar/Februar, S. 11 ff.

Reckhaus, H. Sonnemann, H. (1990): Kampfsystem Sperren, in: Jahrbuch der Wehrtechnik, 19, S. 148-159.

US Department of State/Bureau of Political-Military Affairs (1993): Hidden Killers – The Global Problem With Uncleared Landmines. A report on international demining. Prepared by the Office of International Security Operations. Fiscal Year 1993.

Wurst, Jim (1993): Ten Million tragedies, one step at a time. In: The Bulletin of the Atomic Scientist, Juli/August 1993, S. 14-21.

Anmerkungen

1) Defense News (1993): U.S. Mine Firms Hit Foreign Ban, 19-25 July. Zurück

2) Eine aktuelle Studie des US-amerikanischen Außenminsteriums (US Department of State/Bureau of Political-Military Affairs (1993): Hidden Killers – The Global Problem With Uncleared Landmines. A report on international demining. Prepared by the Office of International Security Operations. Fiscal Year 1993) gibt an, daß in 62 Ländern derzeit ca. 85 Millionen Minen verlegt sind und daß dadurch 150 Menschen jede Woche vor allem in der Dritten Welt getötet oder verletzt werden. Eine aktuelle Studie von Human Rights Watch und Physicans for Human Rights (Human Rights Watch/Physicians for Human Rights (1993): Landmines a deadly legacy, a report to the may 1993 London meeting.), geht von bis zu 200 Millionen verlegten und/oder gelagerten Landminen weltweit aus. Werden die Minen nicht geräumt, würde dies zukünftig nach UNO-Statistiken hochgerechnet ca. 2 Millionen weitere Minenopfer bedeuten. Vgl.: Wurst, Jim (1993): Ten Million tragedies, one step at a time. In: The Bulletin of the Atomic Scientist, Juli/August 1993, S. 14-21. Zurück

3) Angabe des Internationalen Roten Kreuzes. Vgl.: Frankfurter Rundschau (1993), 22.4. Zurück

4) Dieser Minentyp wird als »Springmine« (Bounding/Jumping Mine) bezeichnet. Zurück

5) Johnson, Rebecca, Denny, Rob (1993): Report on Landmines, im Auftrag des Internationlen Roten Kreuzes, Genf, April. Zurück

6) Wurst, Jim (1993), a.a.O, S. 16. Zurück

7) Die Einschätzung beruht auf Angaben von Medico International. Zurück

8) Macgrath, Rae (1992): Hidden death, Land Mines and Civilian Causalities in Iraqi Kurdistan, Middel East Watch. Einige der von Middle East Watch in Kurdistan gefundenen Minen waren Panzerminen, im überwiegenden Fall wurden aber Schützenminen (Anti-Personen Minen) entdeckt. Die meisten der gefundenen Minen (Valmara 69 and VS-50) waren italienischer Herkunft und wurden von der Firma Valsella in großem Umfang exportiert. Zwischen 1982 und 1985 hatte der italienische Minenproduzent Valsella illegal Waffen, u.a. 9 Mio. Schützen- und Panzer-Minen, im Wert von 180 Mio. $ über seine Filiale in Singapur an den Irak verkauft. Zurück

9) US Department of State (1993) a.a.O. Zurück

10) US Department of State (1993) a.a.O. Zurück

11) Wurst, Jim (1993), a.a.O. Erheblich schneller ging die Entminung (ca. 1 Mio.) im Ölscheichtum Kuwait nach dem 2. Golfkrieg voran, dies sicherlich deshalb, da nur reiche Länder jene Firmen bezahlen können, die über modernes Räumequipment verfügen. Zurück

12) ebenda Zurück

13) Human Rights Watch, a.a.O. In einer Datenbank über Landminen, an deren Aufbau der Autor dieses Artikels im Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit (BITS) beteiligt ist, sind bis zum jetzigen Zeitpunkt knapp 300 Landminentypen aus rund 40 Ländern erfaßt. Z.B. sind umfangreiche Daten zu mehr als 70 verschiedenen Landminentypen aus italienischer Produktion erfaßt, mehr als 40 Typen aus russischer Produktion und mehr als 20 aus serbischer Produktion kommen hinzu. Quellen zu insgesamt mehr als 600 verschiedenen Landminentypen liegen vor. Zurück

14) Die technischen Angaben stammen aus der angegebenen Datenbank. Zurück

15) Forecast International/DMS Market Intelligence Report (1993): Ordnance & Munitions Forecast – Landmines (USA)/Landmines (Europe)/Landmines (International), March . Zurück

16) Die technischen Angaben stammen aus der angegebenen Datenbank. Mit zu den bekanntesten Minen diesen Typs, dürften die VALMARA 69 und 59 des italienischen Minenproduzenten Valsella zählen. Diese Minen wurde in großem Umfang in den Nahen und Mittleren Osten (besonders in den Irak und den Iran) exportiert, und im ersten bzw. zweiten Golfkrieg massiv eingesetzt. Zurück

17) Vgl.: Held, Manfred (1986): Panzerminen: Von der ersten zur dritten Generation, in: Jahrbuch der Wehrtechnik, 16, S. 246. Zurück

18) Reckhaus, H.; Sonnemann, H. (1990): Kampfsystem Sperren, in: Jahrbuch der Wehrtechnik, 19, S. 156. Zurück

19) Reckhaus, H.; Sonnemann, H. (1990) a.a.O., S. 156/57. Zurück

20) Vgl.: Held, Manfred (1986) a.a.O. Zurück

21) US Department of State (1993) a.a.O. Zurück

22) Vgl.: Johnson, Rebecca, Denny,Rob (1993) a.a.O. Zurück

23) Statistiken des IKRK weisen aus, daß 1992/93 in Afghanistan 23<0> <>% der Minenopfer Kindern waren, im Hargeisa Hospital in Somalia lag ihr Anteil sogar bei 75<0> <>%. Vgl. auch: Frankfurter Rundschau (1993): Bonn soll Minen räumen helfen und nicht länger deren Bau fördern, 18.9., S. 1. Zurück

24) Frankfurter Rundschau (1993): Das Interview: Kriegschirurg Robin Coupland – Perverse Technologie Minen, 21.4. Zurück

25) Johnson, Rebecca; Denny, Rob (1993), a.a.O. Das Amt für Nachrichtenwesen der Bundeswehr meldet unter dem Aktenzeichen: Lage Kambodscha (G2/A2-Bericht Nr. 08/92) Juni 1992, S.5 f. „Nach ersten glaubhaften Hinweisen sollen geräumte Wege und Plätze über Nacht wieder vermint werden, um entweder von den Passanten Wegezoll zu erpressen oder für die Kooperation beim Suchen Finderlohn zu kassieren.“ Zurück

26) Macgrath, Rae (1992): Hidden death, Land Mines and Civilian Causalities in Iraqi Kurdistan, Middel East Watch, S.1. Zurück

27) Vgl.: Frankfurter Rundschau (1993): Im Wortlaut: Ärzte für die Dritte Welt, 6.9., S.2. Zurück

28) US Department of State, a.a.O. Zurück

29) Wurst, Jim (1993) a.a.O., S. 16. Zurück

30) Johnson, Rebecca, Denny,Rob (1993) a.a.O. Zurück

31) Klein, Thomas (o.J.) Manuskript zu den deutschen Minenfirmen, Kommunikationszentrum Idstein. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang die Verlegesysteme SKORPION, MARS/MLRS (Raketenwerfer) oder das Luftverlegesystem MW-1, die Panzerabwehrverlegemine DM 31 (dies läßt jedoch keine Rückschlüsse auf den Stückpreis dieser Mine zu), die Panzerabwehrwurfminen AT-1 und AT-2, die Panzerabwehrrichtminen DM 12, PARM 1 und 2, sowie 20.000 Schützenminen und 200.000 Panzerabwehrminen aus den Beständen der ehemaligen NVA. Erbe, Jürgen (1992): Minenverlegen/Minenräumen, Wehrtechnik Nr. 10. Der Bundesminister der Verteidigung – Parlamentarischer Staatssekretär (1993): Schreiben an die Präsidentin des deutschen Bundestages. Beantwortung der kleinen Anfrage des MdB Vera Wollenberger und der Gruppe Bündnis 90/Die Grünen »VN-Waffenübereinkommen und Landminenproblematik« – BT-Drs. 12/3878. Zurück

32) Angaben eines Mitarbeiters der Gruppe Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag. Vgl. auch: Frankfurter Rundschau (1993): Bonn soll Minen räumen helfen und nicht länger deren Bau fördern, 18.9., S. 1. Zurück

33) Vgl.: Forecast International/DMS Market Intelligence Report (1993) a.a.O. Zurück

34) Deutscher Bundestag (1992): Drucksache 12/2460, 24.4. Zurück

35) Beer, Angelika (1993): Bundesdeutsche Arbeitskonferenz gegen Landminen, in Friedensforum, Nr. 4/5. Zurück

36) Nassauer, Otfried (1993): Explosive Zukunft, Manuskript. Zurück

37) Europäische Wehrkunde (1985), Der Tornado wird für FOFA armiert, Nr. 5. Zurück

38) US Department of State/Bureau of Political-Military Affairs (1993) a.a.O., S. 183. Zurück

39) Defense News, a.a.O. Zurück

Thomas Küchenmeister ist Diplom-Politologe und lebt in Berlin. Der Autor ist derzeit an der Erstellung einer Datenbank über Landminen im Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit (BITS) beteiligt.

in Wissenschaft & Frieden 1993-3: Medien und Gewalt

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