in Wissenschaft & Frieden 1993-3: Medien und Gewalt

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„Schlacht um Herzen und Hirne“

Die Geschichte deutscher Kriegspropaganda

von Jo Angerer

„Unser Beitrag zur nationalen Moral besteht in der Wahrheitsvermittlung. Zum Patriotismus sind wir nicht verpflichtet.“ Dies schrieb der BBC-Hörfunkchef, als nach Ende des Falkland-Krieges die Berichterstattung des britischen Vorbilds für Radiojournalismus öffentlich kritisiert wurde. Was ist Wahrheit?

Im Medienzeitalter ist Wahrheit zunächst die veröffentlichte Wahrheit. Gerade in Kriegszeiten zählt das vorgebliche Streben von Journalisten nach objektiver Berichterstattung nur noch wenig. Aus dem Westen gegenüber aufgeschlossenen Politiker HUSSEIN (Erster Golfkrieg) wurde der Teufel SADDAM (Zweiter Golfkrieg). Heute hat dieser die Teufelsrolle weitgehend abgegeben an DIE SERBEN (in ihrer Gesamtheit) und AIDID (Somalia). Das Vermitteln von Feindbildern, das Einschwören auf das vordefinierte Gut und Böse, all dies zählt zu den Aufgaben der Propaganda.

Die Kriegsberichterstattung ist die emfindlichste Nahtstelle zwischen Medien und Militär. Objektivität und die freie Berichterstattung stehen hier im Widerstreit mit der Pflicht zur militärischen Geheimhaltung und der Loyalität zur eigenen Seite“, so Georg Wegemann, Bildjournalist und Mitarbeiter der US-Air-Force, in der Bundeswehrzeitschrift „Information für die Truppe“ (9/91).

Propaganda bedeutet das bewußte Einspannen und Ausnützen von Gefühlen und Gedanken für bestimmte politische Zwecke. Eine erste Blüte erreichte die Propaganda im Dritten Reich: Eine perfekt funktionierende Maschinerie aus Aufmärschen, Fackelzügen, Presse, Film und Radio. Abermillionen Menschen wurden in ihren Sehnsüchten, Hoffnungen und Ängsten gleichgeschaltet. Primitive Feindbilder funktionierten und wirken heute noch in vielen Köpfen nach: Der Jude, Der Russe, Der Kommunist, Der Neger, Der Ausländer.

Die deutsche Propaganda hatte im Zweiten Weltkrieg drei Aufgaben: Zersetzung des »Wehrwillens« gegnerischer Soldaten auf den Schlachtfeldern, Beeinflussung der Zivilbevölkerung in besetzten Gebieten, Stärkung des »Durchhaltewillens« in der deutschen Bevölkerung. Flugblätter, Broschüren, Lautsprecherdurchsagen und Rundfunk waren die Mittel der Propaganda.

Eine neue Form des Radiojournalismus wurde perfektioniert, die Frontreportage. Reality-Radio mit Wirkung: „Sie hören Frontberichte der Propagandakompanien: Kameramann beim Stuka-Angriff. Bildbericht von einem Infanterie-Gefecht. Mikrofon im angreifenden Bomber. Wird es gelingen, den Bericht trotz starken Beschusses zu Ende zu führen? Wird die Aufnahme-Apparatur vielleicht getroffen? Oder gar der Berichter selbst verletzt? Hören Sie unseren Berichter aus der angreifenden Maschine selbst: ,Und schon befinden wir uns über Feindesland. Unser Kampfflugzeug braust dem Ziel zu. Unter uns zerstörte Brücken und Eisenbahnen…`“

Die Wirkung der Nazi-Propaganda beschreibt Franz Müller, Mitglied der Widerstandsgruppe »Weiße Rose«: „Ich persönlich bin von einem Film sehr beeindruckt worden: »Kampf und Untergang unserer Emden«. Das war ein kleiner deutscher Kreuzer, der im Weltkrieg gegen eine Übermacht der englischen Flotte unterging. Dargestellt wurde der Heroismus, das Unbeugsame, das ,auf der Brücke stehen` bis die Wellen schließlich den Kapitän und seine Offiziere verschlangen. Die Mannschaft natürlich genauso. Heroischer Untergang. Ich saß in diesem Film mit meinen Freunden, ich heulte wie ein Schloßhund. Ich war fest überzeugt, daß dies das Wahre, das Richtige und das Unsrige sei. Und daß unsere Gegner wirklich Ratten sind, wenn sie solche Tapferkeit nicht sehen und anerkennen. Das dringt tief in einen ein. Propaganda war etwas, was den Menschen formte und ihn bestimmte.“

Bereits vor der sogenannten Machtergreifung 1933 inszenierten die Nazis ihre Propaganda perfekt.

„Hitler über Deutschland“, lautete der Slogan im Wahlkampf 1932. Zu seinen Wahlkampfauftritten kam Hitler per Flugzeug. Die „Deutschlandflüge des Führers“ waren zumeist so organisiert, daß die Landung unmittelbar neben den Kundgebungsplätzen stattfand.

Nach der Machtergreifung begann dann die Gleichschaltung. Die „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat“ setzte am 28. Februar 1933 die Presse- und Meinungsfreiheit außer Kraft. Zunächst zerschlug man die linke, später auch die bürglich-liberale und die konservative Presse. In der »Reichspressekonferenz« wurden die politischen Berichterstatter auf den jeweiligen Kurs des Regimes eingeschworen.

Am 15. März 1933, einen Tag nach seiner Vereidigung als Reichspropagandaminister, erklärte Goebbels den dort versammelten Journalisten: „Selbstverständlich sollen Sie hier Informationen bekommen, aber auch Instruktionen. Sie sollen nicht nur wissen, was geschieht, sondern sollen auch wissen, wie die Regierung darüber denkt und wie Sie das am zweckmäßigsten dem Volk klarmachen können.“

Und die Journalisten funktionierten. Darunter später Prominente wie der spätere Frühschoppen-Moderator Werner Höfer, der die Hinrichtung des jungen Pianisten Karlrobert Kreiten wegen Wehrkraftzersetzung im Berliner »12 Uhr Blatt« so kommentierte: „Es dürfte heute niemand Verständnis dafür haben, wenn einem Künstler, der fehlte, eher verziehen würde als dem letzten gestrauchelten Volksgenossen.“

Im November 1943 notierte Josef Goebbels in seinem Tagebuch: „Jedenfalls glaube ich, daß wir von der moralischen Haltung des deutschen Volkes keine Schwierigkeiten zu erwarten brauchen. Unser Volk befindet sich heute in ausgezeichneter Verfassung. Das ist auf unsere gute Propaganda, zum Teil aber auch auf die harten Maßnahmen zurückzuführen, die wir gegen Defaitisten treffen.“

Das Volk wurde zu einem kollektiven Volksempfänger gleichgeschaltet.

10. November 1933. Mittag. Überall in Deutschland heulten die Fabriksirenen, ruhte die Arbeit. In allen Betrieben mußten die Radiogeräte eingeschaltet werden: Der Führer spricht. Verordneter »Gemeinschaftsempfang« von Rundfunksendungen gehörten bald zum festen Repertoire der nationalsozialistischen Propaganda.

Josef Goebbels im März 1933: „Der Rundfunk muß der Regierung die fehlenden 48 Prozent zusammentrommeln, und haben wir sie dann, muß der Rundfunk die 100 Prozent halten, muß sie verteidigen, muß sie innerlich so durchtränken mit den geistigen Inhalten unserer Zeit, daß niemand mehr ausbrechen kann.“

„Das Radio erlebte durch den Volksempfänger, der für jedermann zu einem unglaublich günstigen Preis zu haben war, einen unglaublichen Aufschwung und erlangte dadurch eine große Bedeutung in diesem Zusammenhang“, sagt Franz Müller. „Das Radio, aber auch die Lautsprecheranlagen, Übertragungen der Führer-Reden, der Goebbels-Reden und auch von Parteiveranstaltungen, die die propagandistischen Slogans der Nationalsozialisten wiederholten. Das prägt sich ein, das hört man, das geht ins Unterbewußte und Goebbels, das muß man widerstrebend anerkennen, war ein Meister darin.“

Anfang 1933 gab es in Deutschland vier Millionen Radiogeräte. 1939 waren es neun, 1941 16 Millionen. Ganze 35 Mark kostete der »Deutsche Kleinempfänger«, im Volksmund »Goebbels-Schnauze« genannt. Das Radio wurde zum wichtigsten Propaganda-Medium der Nazis.

Das Radio und die Radio-Reportage

Beispiel: Eine Radio-Reportage über die Bombardierung Moskaus, gesprochen von einem unbekannten Journalisten, der in der Bomberstaffel mitflog. Sprachbilder, die an jene Fernsehbilder im Golfkrieg erinnern.

„Großangriff auf Moskau: Wie ein zündender Funke ist gestern Abend dieser Befehl unter die Besatzungen der Kampftruppe gesprungen. Und nun waren wir über Moskau. Und wir haben es brennen sehen wie wir London, Birmingham, Hull und die englischen Industriezentren brennen sahen. Es war ein Bild, das wir nie vergessen werden. Wir waren als erste Maschine der Gruppe gestartet und hatten den Auftrag das Zentralverwaltungsgebäude der Komintern anzugreifen – also der bolschewistischen Weltrevolution mitten ins Herz. (…) Und dann fielen unsere Brandbomben. Das ist ein eigenartiges Gefühl, wenn man es nicht erlebt hat kann man es sich kaum vorstellen. Wie tausend kleine Feuerpilze schießt es unten auf, zuerst gelb, das ist das Feuer der Brandbomben, und dann beginnt der Brand rot, mit einer großen Qualmwolke und vor und neben und hinter uns, überall warfen die anderen Maschinen ihre Bomben. Und ein Brand stand neben dem anderen.“

Ab 1938 wurden 6.000 Lautsprechersäulen in fast allen deutschen Städten aufgestellt, zur Berieselung derjenigen, die keinen Volksempfänger besaßen. Das Medium Radio: Nicht nur plumpe Holzhammer-Propaganda, sondern Live-Übertragungen, Kriegsreportagen und Musik- und Unterhaltungsprogramme. Letztere waren für Goebbels besonders wichtig: „Es ist ein Unterschied, ob ein Volk mit Freude und Optimismus seiner schweren Lebensaufgabe dient, oder ob es kopfhängerisch und pessimistisch den Sorgen des Alltags entgegentritt.“

Der sogenannte Unterhaltungsauftrag des Rundfunks war bis ins Detail festgelegt. Wenig Militärmärsche, dafür viele blut- und bodenorientierte Volkslieder. Wenig Moderation in Musikprogrammen, keine fröhlichen Rhein-Lieder wegen der Luftangriffe auf die Städte dort. Dafür „Freunde, das Leben ist lebenswert“, „Nur nicht nervös werden“ und „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“, so der Programmzettel einer Sendung vom Oktober 1942.

Mit dem Kriegsbeginn wird das Abhören von Auslandssendern unter Strafe gestellt. Warum das so ist, das wurde auch im Unterhaltungsprogramm begründet. Ausschnitt aus einer Radiosendung mit dem Propaganda-Kabarett „Tran und Helle“:

„Das ist aber nett, daß Du endlich einen Radioapparat gekauft hast. Jetzt kannst Du miterleben, was wir für eine interessante Zeit haben. Die großen Kundgebungen aus dem ganzen Reich kannst Du mit anhören.

Vielleicht kann ich auch hin und wieder ausländische Sender hören.

Wie? Ausländische Sender willst Du hören?

Ja, Auslandsnachrichten. London, zum Beispiel.

London?

Ja, London. Kannst Du mir sagen wie man das bekommt?

Ich weiß zwar nicht wie Du London bekommst, aber was Du bekommst, wenn Du London bekommst, das weiß ich.

Was denn?

Kittchen, Sogar Zuchthaus!

Auch wenn es keiner merkt?

Ob das einer merkt oder nicht merkt, das spielt doch gar keine Rolle. Sowas tut man als guter Deutscher nicht.

Aber man muß sich doch orientieren, was draußen vorgeht.

Natürlich, die ausländischen Sender, die sagen die reine Wahrheit. Hast Du noch niemals von dem Nachrichtensystem unserer Feinde gehört? Dann müsstest Du wissen, daß alles nur darauf abzielt unsere Widerstandskraft zu schwächen.“

Beginn des Zweiten Weltkrieges

Mit dem als Verteidigungsakt propagandistisch umgewerteten Überfall auf Polen am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg – und die Kriegspropaganda. In den „Grundsätzen für die Führung der Propaganda im Krieg“ vom 27. September 1938 heißt es: „Im Dienst der Wehrmacht wird die Propaganda eingesetzt: Erstens zur Erhaltung der Opferfreudigkeit und der geschlossenen Wehrwilligkeit des eigenen Volkes. Zweitens zur Aufklärung über die das Leben des eigenen Volkes beeinflussenden militärischen Maßnahmen. Drittens zur Überwindung von Unruhe und Erregung im Volke, die durch feindliche Einwirkung auf das Heimatgebiet hervorgerufen werden. Viertens zur Tarnung, Verschleierung und Irreführungen eigener militärischer Absichten dem Auslande gegenüber.“

Die Journalisten wurden zu Kriegsberichterstattern. Überall wurden Propagandakompanien aufgestellt, selbst bald schon Thema der Rundfunk-Propaganda: „Wie, Herr Hauptmann, setzt der Führer einer Propagandakompanie seine Kriegsberichter ein? Ja, das hängt immer davon ab, wo sich die besonders großen Kampfhandlungen abspielen. Als Kompaniechef der Propagandakompanie gehöre ich gleichzeitig dem Stab des Armee-Oberkommandos an und habe dadurch engste Fühlung mit der Führung. Ich erfahre also immer rechtzeitig wo sich besonders interessante und schwere Kampfhandlungen abspielen und dementsprechend muß ich meine Männer einsetzen.“

Im Juni 1941 begann der Krieg gegen die Sowjetunion. Die Propaganda in der Heimat und an der Front wird so total wie der Krieg. Eingesetzt werden 11 Propagandakompanien mit insgesamt 2.244 Mann. Die »Abteilung Ost« im Reichspropagandaministerium leitet ein Mann, der nach dem Krieg auch weiterhin der »Psychologischen Kampfführung« verbunden bleiben wird: Dr. Eberhard Taubert, Autor des furchtbaren NS-Propagandafilms »Der ewige Jude«. Bereits 1933 gründete Taubert die »Antikomintern«, die antibolschewistische Informationszentrale im Propagandaministerium. Im Sommer 1941 schießen die deutschen Militär-Propagandisten 22 Millionen Flugblätter mit speziellen Granaten hinter die sowjetischen Linien. Propagandatexte, immer versehen mit der Aufforderung zur Wehrmacht überzulaufen:

„Passierschein. Vorzeiger wünscht kein sinnloses Blutbad. Er verläßt freiwillig die Rote Armee und geht zu den deutschen Behörden über. Er ist überzeugt, daß ihm gute Behandlung zuteil wird.“

Letzteres, die gute Behandlung von Deserteuren und Gefangenen, war eine Propaganda-Lüge, die bei den Soldaten der Roten Armee wenig verfing. So meldet die »Propaganda-Abteilung Weißruthenien« in ihrem Bericht für den Zeitraum vom 1. bis zum 15. November an das »Oberkommando der Wehrmacht«: „Es kommt immer wieder vor, daß Gefangene, die infolge völliger Entkräftung ihren Marsch in das rückwärtige Gebiet nicht mehr fortsetzen können, einfach erschossen werden. (…) Die Bevölkerung empfindet einen krassen Gegensatz zwischen den in den abgeworfenen Flugblättern gemachten Versprechungen und der tatsächlichen Behandlung von Kriegsgefangenen.“

Propaganda erzeugt Gegen-Propaganda. Im Sommer 1941 wirft die Rote Armee über den deutschen Linien ein Flugblatt ab. Der Titel: »Hitlers Dank«.

„Deutscher Soldat! Auf Hitlers Befehl bist Du in den Krieg gezogen, gibst Deine lezte Kraft hin, riskierst jeden Augenblick Dein Leben. Dabei quält Dich ständig der Gedanke: Wie mag es wohl meinen Angehörigen daheim gehen? Vielleicht hast Du eine alte, gebrechliche Mutter zu Hause. Sie ist Witwe, ist hilfsbedürftig. Wer sorgt für sie? Der Nazi-Staat?“

Es folgt die wahre Geschichte des deutschen Gefreiten Ernst-Albert Wulff, der sich vergeblich um Unterhaltszahlung für seine verwitwete Mutter bemüht hatte. Sowjetische Soldaten fanden den Schriftwechsel mit dem zuständigen Landratsamt unter den Papieren des gefallenen Soldaten. Das Flugblatt endet: „Ist das der Dank des Vaterlandes? Denk Du nach: Ist das der Dank Hitlers, wie Du ihn Dir vorgestellt hast? Willst Du dafür Dein junges Leben opfern?“

Das Schicksal der Mutter des Gefreiten Ernst-Albert Wulff beschäftigt bald höchste deutsche Militärdienststellen, für so gefährlich hält man dort das Flugblatt – weil dieses eben kein Lügenmärchen sondern eine nachprüfbare Geschichte erzählt. Wulffs Mutter bekommt nachträglich doch Unterhaltszahlungen. Den zuständigen Landrat verbittert es, daß „eine Abänderung der früheren Entscheidung durch ein bolschewistisches Flugblatt ausgelöst worden ist.“

Stilmittel, nicht nur in der Rundfunk-Propaganda, ist die Heroisierung, zum Leitbild wird der heldenhafte deutsche Soldat.

Propaganda als Heldenepos

„Eine Schwadron der SS-Kavallerie-Division steht im Angriff gegen eine bolschewistische Feldbefestigung hier im Mittelabschnitt der Ostfront. Das Peitschen der Gewehrschüsse, das Tackern der MGs, das Heulen der Granaten, dieser Lärm des Gefechts, der vorher die Luft erzittern ließ, ist seit einigen Minuten verstummt. Unheimlich diese plötzliche Stille, die keine Stille ist, nur ein Atemholen. Eine Meldung muß zum Regiments-Gefechtsstand gegeben werden. Der Chef ruft nach einem Melder. Aus der Gruppe der abseits stehenden Männer tritt ein Reiter hervor. Der Obersturmführer erklärt ihm wie wichtig diese Meldung für das ganze Unternehmen ist und daß sie unbedingt durch muß und zwar auf dem schnellsten Wege. Und dieser Weg ist gefährlich. Das weiß der junge Reiter. Aber diese Gefahr schüchtert ihn nicht ein. Nein, stolz und mutig wird er bei dem Gedanken, daß ihm allein ein solch wichtiger Auftrag anvertraut ist. Als er seinem Fuchs vor dem Aufsitzen den schlanken Hals streichelt, da ist es als wolle er dieses Gefühl des Stolzes auch auf sein Pferd übertragen – und sein Pferd versteht ihn.“

Dem heldenhaften deutschen Soldaten gegenübergestellt wird der »Untermensch«, speziell der russische. Franz Müller erinnert sich: „Da gab es den Begriff, der täglich im Radio oder auf Plakaten erschien: Der russische Untermensch. Da fotographierte man eben Russen, unrasiert, unterernährt und dreckig.“

Propaganda-Unternehmen »Skorpion«

Mitte 1944. Die Überlegenheit der Allierten ist drückend. Die deutsche Durchhalte-Propaganda verfängt nicht mehr. Deshalb wird im Juli 1944 das Propaganda-Unternehmen »Skorpion« gegründet. Die »Skorpion«-Flugblätter, aufgebaut als Frage und Antwort-Spiel unter dem Titel: „Willst Du die Wahrheit wissen, Kamerad, frage den Skorpion!“, legen schonungslos die Realitäten des Krieges offen: „Wie steht der Krieg? Wir liegen in einem sehr schweren Abwehrkampf gegen die Engländer und Amerikaner. Der Feind hat heute noch die absolute Luftüberlegenheit. Er hat mehr Panzer und Artillerie als wir.“

Ausgehend von Wahrheiten, die jedem deutschen Soldaten aus eigenem Erleben bekannt waren, erweckte »Skorpion« subtil Hoffnungen auf die Genialität der deutschen Generalität und – vor allem – auf die Entwicklung neuartiger »Wunderwaffen«, die das Blatt auf geheimnisvolle Art und Weise wenden würden. Zitat aus einem Skorpion-Flugblatt: „Es liegt in der Natur der Sache, daß man über diese Dinge nicht eher Genaues aussagen darf, bis der tatsächliche Masseneinsatz erfolgen kann. So sicher, wie, entgegen allem Zweifel, an den sich jeder erinnern wird, eines Tages die V-1-Waffe gekommen und seither pausenlos eingesetzt ist, so sicher werden auch die Waffen kommen, für deren Entwicklung und Produktion wir über zwei Jahre härteste Defensive auf uns genommen haben.“

Jedes Skorpion-Flugblatt endete mit: „Richte Deine Anfragen an ,Skorpion Feldpostnummer 00 220`. Wenn es Fragen von besonderer Bedeutung sind, die den Landser ernstlich beschäftigen, wird der Skorpion antworten. Er wird stets die ungeschminkte Wahrheit sagen.“

Schon bald gab es gefälschte »Skorpion«-Flugblätter. Eine dieser Fälschungen gelangt auf den Schreibttisch von Generalfeldmarschall Model, der über den »merkwürdigen Inhalt« des vermeintlich deutschen Flugblattes verärgert ist. Erst die Abteilung »Skorpion-West« klärt ihn darüber auf, daß es sich um eine Fälschung handelt. Model befiehlt daraufhin die sofortige Einstellung der Skorpion-Propaganda, des letzten größeren Propaganda-Unternehmens im Zweiten Weltkrieg.

Erkannt und gelernt hatten die Propaganda-Fachleute eines: Die beste Propaganda, weil glaubwürdig, ist die Verbreitung nachprüfbarer Wahrheiten, freilich durch Auslassung und Kommentierung auf den jeweiligen politischen Zweck hin zugespitzt.

Auch im März 1987 gibt es wieder »Berichte zur Presse- und Informationslage«. Festgestellt wird: „Situation im Kriegsgebiet immer undurchsichtiger. Nur noch wenige Zeitungen erscheinen, Notausgaben werden immer dünner oder werden ebenfalls eingestellt. Wichtiges und unverzichtbares Mittel zur Info ist der Hörfunk.“

Gelobt wird das Ingolstädter Stadtradio für „Live-Berichte aus dem Gebiet der 10. Panzerdivision“, beklagt wird das „vereinzelte Auftreten linker Sponti-Blätter“.

„Exercise – Exercise – Excercise“, steht in dicken Lettern über den einzelnen Berichten, die Informationsberichte stammen aus dem WINTEX/CIMEX-Manöver, das im März 1987 stattfand.

„Verhaltenswirksame Information ist die direkte Einflußnahme auf Zielgruppen im Rahmen militärischer Operationen. Zweck dieser Einflußnahme ist es, die Zielgruppe so zu informieren, daß sie sich lagegerecht verhält. Dies ist nur möglich, wenn die verhaltenswirksame Information der Wahrheit entspricht“, kann man in der – in der Zwischenzeit außer Kraft gesetzten – „Zentralen Dienstvorschrift 1/200“ der Bundeswehr nachlesen.

Mit »Psychologische Verteidigung« beschäftigen sich in Spitzenzeiten rund 1.000 Bundeswehrsoldaten. Die PSV wurde vor 31 Jahren gegründet, zunächst unter der Bezeichnung »Psychologische Kampfführung«. 1970 dann, zu Beginn der sozialliberalen Koalition wurde der Begriff »PSK« in das friedlicher klingende »PSV« umgewandelt. Die PSV in der ursprünglichen Form gibt es heute nicht mehr. Nach diversen Skandalen wurde die Truppe aufgelöst.

Mitarbeiter des Bundesbeauftragten für den Datenschutz fanden in PSV-Karteien Namen prominenter Politiker wie: Petra Kelly, Herta Däubler-Gmelin und Egon Bahr. PSV-Oberservateure melden, wer Kriegsdienstverweigerer berät, was sich in der DKP tut, was christliche Pazifisten, Wissenschaftler für den Frieden, Weltbank-Kritiker und Tieffluggegner unternehmen. Die »Psychologische Verteidigung« finanzierte auch private Institutionen, die sich an Zielgruppen wenden, „die mit Informationen wirksamer erreicht werden, wenn die Bundeswehr nicht in Erscheinung tritt“, so die damalige PSV-Dienstvorschrift.

Eine dieser Institutionen war die »Studiengesellschaft für Zeitprobleme« mit Sitz in Bonn. Rund eine Million Mark jährlich erhielt die Studiengesellschaft aus dem Etat der Hardthöhe. Dafür sollte Stimmung gemacht werden. Mit Dokumentar-Filmen wie »Wir und unser Staat«, »Mit der Bedrohung leben« und »Friede in einer friedlosen Welt«. Im Streifen »Friede – nur unter Waffen?« geht es um Sicherheitspolitik.

„Durch sachliche Gliederung und verständlichen Aufbau eignet sich der Film insbesondere auch zur politischen Grundlagenvermittlung an Schulen und anderen Bildungseinrichtungen“, heißt es in der Inhaltsangabe.

Die PSV-Truppe der Bundeswehr hatte Geschichte. Und die war eng verknüpft mit dem Namen jenes Dr. Eberhard Taubert, der im Zweiten Weltkrieg die »Abteilung Ost« im Reichspropaganda-Ministerium leitete. Nach dem Krieg diente sich Propagandist Taubert dem frischgebackenen »Gesamtdeutschen Ministerium« an und gründete den privaten Propaganda-Verein »Volksbund für Frieden und Freiheit«, kurz »VfFF«.

Der »VfFF« erhielt Zuwendungen aus dem Etat des »Bundesministeriums für gesamtdeutsche Fragen«, bestätigt die Bonner Hardthöhe. Die Spezialität des »Volksbundes«: Hetzangriffe auf Personen wie Gustav Heinemann und Martin Niemöller. Beide werden ausdrücklich genannt in einer Broschüre mit dem Titel: »Stalins Helfershelfer am Werk«.

Daß Taubert unmittelbar am Aufbau der neuen PSK gearbeitet hat, das bestreitet das Bundesverteidigungsministerium. Doch die Kontakte waren vielfältig. In Bonn unterhielt Taubert ein Verbindungsbüro, das in Sachen »Psychologischer Verteidigung« für die NATO tätig war.

Die Aufgabe der »Psychologischen Verteidigung« im Krieg waren laut Dienstvorschrift so definiert:

„Die Unterstützung der zivilen Verteidigung durch verhaltenswirksame Information der Bevölkerung kann erforderlich sein bei: Lenkung von Bevölkerungsbewegungen, Räumen und Sperren bestimmter Gebiete oder Verkehrswege, Schutz gefährdeter Bevölkerungsgruppen, Schutz von Objekten und Räumen, Abwehr sicherheitsgefährdender Kräfte.“

Wichtigstes Einsatzmittel hierbei: das Radio. Ein Spezialbataillon in Andernach war ausgerüstet mit mobilen Rundfunkstudios und -sendeanlagen.

„Um das nötige journalistische Rüstzeug für ihre Arbeit zu erhalten, hospitieren zahlreiche der Redaktionsoffiziere bei Rundfunkanstalten und Nachrichtenagenturen. Allerdings erreicht die PSV-Truppe ihre volle Schlagkraft erst durch die Verstärkung mit Reservisten. Diese stammen vielfach aus dem Bereich des Journalismus, der Werbung und Psychologie“, weiß die Fachzeitschrift »Europäische Wehrkunde«. 1987 wurden PSV-Sendungen erstmals ausgestrahlt, im Rahmen des Manövers »Kecker Spatz« auf einer Mittelwellenfrequenz des Bayerischen Rundfunks.

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