in Wissenschaft & Frieden 1993-3: Medien und Gewalt

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Gerüchte, Granaten und Gewöhnung

Alltag eines Kriegsberichterstatters am Beispiel Sarajevo

von Franz Bumeder

Täglich bekommen wir von den Medien die Berichte über den Krieg im ehemaligen Jugoslawien ins Haus geliefert. Den Inhalt kennen wir inzwischen: Tod, Verwüstung, Vertreibung. Wenig erfahren wir dagegen in der Regel über die Bedingungen, unter denen diese Berichte entstehen, über die Probleme, mit denen die Korrespondenten vor Ort zu kämpfen haben. Einen von ihnen haben wir deshalb gebeten, seine Erfahrungen aufzuschreiben: Franz Bumeder, Redakteur bei B-5 aktuell. Er war mehrmals für einige Wochen in Sarajevo, um von dort für die Hörfunk-Programme der ARD-Sender zu berichten.

Ein Flugzeug des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen soll abgeschossen worden sein. Ersten Informationen zufolge liegt es in der Nähe des Flughafens der bosnischen Hauptstadt und brennt. Niemand unter den im Gebäude des bosnischen Rundfunks anwesenden internationalen Journalisten weiß, woher diese Nachricht kommt. Sie ist einfach da, und sie macht sich breit. Zehn Minuten später ist klar: es war wieder einmal eine Ente.

Sarajevo im August 1992. Dauerbeschuß, viele Tote, viele Schwerverletzte, brennende Häuser. Und immer wieder Gerüchte über militärische Erfolge, über Niederlagen, über Großangriffe und Ausbruchsversuche. Die Nachrichtenlage ist undurchsichtig, verläßliche Quellen gibt es nur wenige. Die internationalen Kollegen sind hin- und hergerissen zwischen Berichtserstattungs- und journalistischer Sorgfaltspflicht.

Grundregeln der Arbeit, jedem Hospitanten vertraut, können nicht eingehalten werden. Das Telefonnetz ist größtenteils zerstört, Pressesprecher existieren nicht, amtliche Mitteilungen gibt es nicht. Informationen zu bekommen und vor allem bestätigen zu lassen, dafür stehen nur zwei Möglichkeiten zur Verfügung: sich selbst zu überzeugen oder persönliche Kontakte.

Lebensgefährliche Recherchen

Die einheimischen Medien sind nur beschränkt nutzbar, natürlich haben sie auch legitime eigene Interessen. In einer belagerten, Tag und Nacht beschossenen Stadt zu arbeiten, bleibt nicht ohne Einfluß auf die Berichterstattung der einheimischen Kollegen. Die meisten verstehen ihre Arbeit als Beitrag zur Verteidigung der Stadt gegen die serbischen Verbände, den »Aggressor«, der auch bewußt so genannt wird. Man will der Welt die schrecklichen Aktionen dieses Aggressors zeigen, dazu braucht man die ausländischen Kollegen als Transmissionsriemen.

Sich selbst als ausländischer Journalist vor Ort zu überzeugen, ist nur bedingt möglich. In einem normalen VW Golf an die Frontlinie, an Schauplätze von Straßenkämpfen oder in Stadtteile zu fahren, in denen Minute für Minute Granaten einschlagen, ist lebensgefährlich. Sichere Plätze gibt es nicht. Den BBC-Kollegen Martin Boll, wohl einen der erfahrensten Kriegsreporter, verletzte ein Granatensplitter beim Drehen – an einem, wie er glaubte, ungefährlichen Ort.

Die Kolleginnen und Kollegen zu Hause in den Redaktionen kennen diese Probleme nur bedingt. Und sie können sie auch nur bedingt berücksichtigen. Sie brauchen die »News«, sie müssen Seiten, Magazine oder Sendeplätze füllen. Sie reagieren auf Agenturen, die ihrerseits schnell und oft ungesichert vor Ort auf Meldungen reagieren. Nur: An den Schreibtischen zu Hause stehen viel mehr Informationen zur Verfügung als im Berichtsgebiet. Als im Herbst wirklich eine Maschine des UN-Flüchtlingshilfswerks abgeschossen wurde, eine italienische, meldeten Kollegen aus Sarajevo immer noch die Serben als dafür verantwortlich. Dabei war im Ausland längst klar, daß bosnische Regierungstruppen die Rakete abgefeuert hatten.

„Wir können das nicht bestätigen“

Auch die Informationspolitik der UNPROFOR, der Schutztruppe der Vereinten Nationen, verfolgt eigene Interessen. Das Image des neutralen Beobachters muß gewahrt bleiben, und die eigenen Informationskanäle sind alles andere als effektiv. „We cannot confirm that“, „wir können das nicht bestätigen“, ist eine der häufigsten Standardformeln auf Presse-Briefings der UNPROFOR.

Über informelle Wege, im persönlichen Gespräch nach offiziellen Briefings läßt sich erheblich mehr erfahren. Für die Berichterstattung werden dann eben aus Personen »UN-Kreise«, aus Offizieren »militärische Quellen«, aus Abteilungsleitern »bosnische Regierungskreise«. Da »serbische Kreise« nicht zur Verfügung stehen, setzen sich Kollegen oft dem Vorwurf der Einseitigkeit aus. Nur – und das ist auch die immer wiederkehrende Antwort auf derartige Kritik – an den Journalisten liegt es nicht, wenn sie nicht einfach ins 26 Kilometer von Sarajevo entfernte serbische Hauptquartier Pale fahren und dort auch »die andere Seite« hören können.

Zum Vorwurf der Einseitigkeit kommt der der Parteinahme. Doch oft ist die Art der Berichterstattung nur Ausdruck der eigenen Betroffenheit. In der eingekesselten Stadt zu sitzen, vor der akustischen Dauerkulisse detonierender Panzer- und Mörsergranaten, zwischen brennenden Wohnhäusern und bedroht von Heckenschützen die eigene Angst zu spüren, das heißt, die Situation der Zivilbevölkerung am eigenen Leib zu erleben. Kleinkinder ohne Arme und Beine in Kliniken zu sehen, in Ambulanzräumen zu recherchieren, in denen der Boden überall mit Blut bedeckt ist, tote Menschen auf den Straßen, das erzeugt eigene Wut auf »die da oben in den Bergen«, aber auch auf deren Befehlshaber in Stäben und Hauptquartieren.

Der eigene Anspruch, auch in Reportagen zwischen Nachricht und Meinung fein säuberlich zu trennen, ist oft nur schwer aufrechtzuerhalten. Kollegen können sehr hilfreich sein. „Lies mal gegen, bitte“, diese Frage ist oft die einzig mögliche Art, eine gewisse Professionalität beim Texten zu bewahren.

Krieg als Routine

April 1993: Ein Jahr Krieg in Bosnien-Herzegowina. Ein Jahr ziemlich kontinuierlicher Berichterstattung. Es klingt zynisch, doch der Krieg ist routinierter geworden. Und auch die Berichterstattung hat Züge von Routine angenommen. Die Kollegen vor Ort sind hervorragend ausgerüstet. Gepanzerte Autos, Funkausrüstung, Satelliten-Telefone und Faxgeräte erleichterten die Arbeit. Die einheimischen Kollegen, die für ausländische Auftraggeber arbeiten, verfügen über ein breites Informanten-Netz. Und auch die westeuropäischen oder amerikanischen Journalisten – fast alle zum wiederholten Mal in der bosnischen Hauptstadt – wissen, an wen sie sich wenden müssen, wissen um die Wichtigkeit persönlicher Beziehungen, haben oft sogar intensive Freundschaften geschlossen.

Die journalistischen Probleme sind dennoch mit denen des Vorjahres vergleichbar. Regierung und UNPROFOR sind immer noch an einer bestimmten Berichterstattung interessiert. Die jeweils eigene Sache, der jeweils eigene Standpunkt soll der Weltöffentlichkeit vermittelt werden. Die Ansprüche der Heimatredaktionen sind gestiegen. An den Schreibtischen zu Hause hat man sich an die Präsenz von Kollegen vor Ort gewöhnt. Man hat sich auch an die Bilder und Stories von dort gewöhnt. Neues, noch nicht Dagewesenes soll geliefert werden. Nur: In diesem über ein Jahr hinweg tobenden blutigen Krieg gibt es kaum noch Neues. Das Leid der Zivilbevölkerung ist Routine geworden, auch auf deutschen Fernsehschirmen und in Radio-Magazinen. Berichte über Granaten, die weiterhin Tag für Tag und Nacht für Nacht auf Sarajevo fallen, über »Snaijper«, Heckenschützen, die jeden Tag Menschen töten, reißen niemand mehr vom Hocker. Und die allnächtlichen Meldungen von Radio Sarajevo über Tote und Verwundete bilanzieren »nur« noch individuelles Leid, genügen statistischen Anforderungen. Stoff für die Nachrichtensendungen zu Hause sind sie kaum noch.

Für die Kollegen vor Ort sieht das anders aus. Wenn eine Granate in einem Nachbarhaus explodiert, nur 50 Meter von der Wohnung von Freunden entfernt, mit denen man die Nacht verbringt, ist dieser Krieg wieder nahe, unheimlich nahe. Die Granate hätte einen selbst treffen können, hätte Freunde töten können.

Permanente Angst

Dann wird wieder diese permanente Angst spürbar, die das Leben der Menschen in Sarajevo kennzeichnet, die Angst der Eltern um ihre Kinder, der Frauen um ihre Männer an der Front, der Männer um ihre Familien zu Hause. Und dann steigt auch der eigene Anspruch wieder, über diesen Krieg zu berichten, die Weltöffentlichkeit immer wieder auf das Morden in Bosnien-Herzegowina aufmerksam zu machen, wohl wissend, daß man mit seinen Meldungen, Hintergrundberichten und Reportagen oft auf verlorenem Posten steht. Unter Umständen – und vollkommen nachvollziehbar – ist eben die Bundesliga doch wichtiger als ein Massaker an der Zivilbevölkerung in Srebrenica, Gorazde oder Sarajevo.

Anmerkung

Der Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung des Autors aus dem Gewerkschaftsrundbrief »IG Medien Info, Fachgruppe Rundfunk / Film / AV-Medien * RFFU * Verband Bayern« (Ausgabe 2, Mai 1993, S.1-2) entnommen und nachgedruckt.

Franz Bumeder ist Redakteur beim Bayerischen Rundfunk, B 5 Aktuell.

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