in Wissenschaft & Frieden 1993-2: Das UN-System

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Ten Years After – »Verantwortung für den Frieden«

Politische und wissenschaftliche Impulse im letzten Jahrzehnt des Ost-West-Konfliktes1

von Corinna Hauswedell

(...) In der Auseinandersetzung um das SDI-Programm und seine weitereichenden politischen Implikationen haben die naturwissenschaftlichen Forschungen und friedenspolitischen Initiativen - ausgehend von den USA - ihre vermutlich größte Wirkung entfaltet. In noch markanterer Weise als bei der Raketendiskussion gelang eine für die Naturwissenschaftler spezifische Einflußnahme in einem sich wandelnden internationalen Umfeld.

Drei Ebenen friedenswissenschaftlichen Engagements trugen aus heutiger Sicht zu dieser Wirkung bei: Erstens der öffentlich geführte technische Nachweis, dass das perfekte weltraumgestützte Abwehrschild eine Illusion, der drohende neue Rüstungstechnikwettlauf jedoch hochgradig destabilisierend sein könne1, zweitens die abrüstungspolitische Initiative, der UNO und der Bundesregierung einen von Physikern, Mathematikern und Völkerrechtlern erarbeiteten internationalen Vertragsentwurf gegen die militärische Nutzung des Weltraums vorzulegen3, und drittens Versuche, über internationale Wissenschaftskooperation einzelner Mitglieder der Initiative, am Prozess des "Neuen Denkens" in der UdSSR mitzuwirken. (...). Gorbatschow führte in seinem Buch "Perestroika" einige seiner Entscheidungen in den Jahren 1986/87 auch auf das Zusammentreffen mit westlichen Wissenschaftlern zurück; über das Moskauer Forum "Für eine Welt ohne Atomwaffen - Für das Überleben der Menschheit" im Februar 1987, bei dem unter den ca. 1000 Teilnehmern - Andrej Sacharow trat erstmals öffentlich auf - auch Vertreter der Naturwissenschaftler-Initiative und IPPNW (...) waren, schrieb er:"...(dort) hatte ich Gelegenheit, Stimmung, Gedanken und Ideen einer internationalen intellektuellen Elite kennenzulernen...Ich habe über die Ergebnisse des Konghresses mit meinen Kollegen vom Politbüro gesprochen und wir haben beschlossen, einen wichtigen Kompromiß zu machen: Das Paket von Reykjavik aufzuschnüren und das Problem der Mittelstreckenraketen von anderen Problemen zu trennen." 4 Am 28.2.1987 erklärte er die Bereitschaft zur Entkoppelung der INF-Vereinbarungen von der SDI-Problematik, und machte damit den Weg für das erste atomare Abrüstungsabkommen frei.

Die Einflüsse der Friedenswissenschaft sollen nicht überbewertet werden. Aber die nochmalige Zuspitzung der Rüstungstechnologie-Spirale seitens des Westens unter expliziter Indienstnahme der Wissenschaft einerseits (…) und die zum Umdenken drängende Krise des östlichen Systems andererseits, die wesentlich auch eine Krise der wissenschaftlich-technisch-industriellen Entwicklung unter den Bedingungen der Bipolarität war, motivierten eine (internationale) Gruppierung wie die friedensbewegten Naturwissenschaftler in besonderer Weise zum Engagement. Die beiden internationalen Friedenskongresse, die 1986 in der Bundesrepublik stattfanden, der 6. Weltkongress der IPPNW in Köln und der 1. Internationale Naturwissenschaftlerkongreß „Ways out of the Arms Race“, mit der Verabschiedung der „Hamburger Abrüstungsvorschläge“, zeitigten eine hohe öffentliche und politische Resonanz (…); die unterschiedlichen Dimensionen des gemeinsamen Überlebens gewannen – beim IPPNW-Kongreß schon stärker als in Hamburg – gegenüber der Auseinandersetzung mit den Fragen der militärischen Bedrohung eine wachsende Bedeutung. (…)

Auch wenn viele Mitglieder der Initiative mit dem Erreichten unzufrieden waren, und seit Beginn der 90er Jahre ein Rückgang der Arbeit an den Hochschulen zu verzeichnen ist, gehört die Veränderung der Hochschullandschaft, das punktuelle Hineinwirken in den Wissenschaftsbetrieb und schließlich die – wenn auch ungesicherte – Etablierung neuer zumeist interdisziplinärer Forschungsprojekte zu ihren wichtigsten Erfolgen5. Ausgehend von den 1982/83 begonnenen, an einigen Hochschulen über vier bis sechs Jahre laufenden Rungvorlesungen und den von 1985 bis 1990n in jedem Herbst durchgeführten Friedenswochen konnte ein unkonventionelles meist interdisziplinäres Lernrpogramm Kontuiren gewinen. Die frühen Seminarprogramme "Physik und Rüstung", erst in Marburg, später in Hamburg, boten Ansätze für ein friedenswissenschaftliches Curriculum der Naturwissenschaften, auch der Didaktik (...). Die Ausbildung eines Nachwuchses spielte von Anfang an eine wichtige Rolle. Mit den zunächst durch die VW-Stiftung geförderten Programmen kamen in Bochum, Darmstadt, später Hamburg und Kiel Projekte naturwissenschaftlicher Abrüstungsforschung zustane (...), -eine Innovation an deutschen Hochschulen -, die allerdings ums Überleben kämpfen müssen. Im Rahmen iniger dieser Projekte, teilweise auch über die Teilnahme an den Kongressen, entwickjelten sich seit 1987 Ansätze einer Kooperation mit der institutionellen, vorwiegend sozialwissenschaftlichen Friedensforschung. (...) Die friedenspolitischen Aktivitäten der Initiative seit 1988 waren meistenteils an den genannten Forschungsvorhaben orientiert. Dies gilt einerseits für die Arbeiten der Bochumer und Hamburger zur Verifikation konventioneller Abrüstung, wo es über Workshops und internationale Experimente auch zum Aufbau von Kontakten zu den verantwortlichen Ministerien kam (...); zum anderen für die umfangreichen Studien der darmstädter IANUS-gruppe zum gesamten Komplex Technologieentwicklung und Rüstungsdynamik.6 Hier hat sich in einer für die deutsche Wissenschaftslandschaft bisher einmaligen Struktur eine interdisziplinäre Expertise zu vielfältigen Aspekten der zivil-militärischen Ambivalenz von Forschung und Technik herausgebildet, der es schnell gelungen ist, in die »Post-Cold-War«-Debatte, vor allem über das Thema Proliferation einzusteigen (…).

Eine Ausnahme von diesen an laufenden Forschungen orientierten Aktivitäten bildete die seit 1988 geführte Auseinandersetzung um das internationale Chemiewaffenabkommen und die Beseitigung der amerikanischen C-Waffen in der Bundesrepublik. In »klassischer« Weise wurden Memoranden verfaßt und den Politikern vorgelegt sowie eine Mahnwache vor dem Chemiewaffendepot in Fischbach durchgeführt (…). Es kam 1989 auch zu einem umfangreichen Briefwechsel mit den Bundestagsfraktionen, dem Kanzleramt, sowie zu einem Gespräch mit dem AA. 7

Zu den Versuchen friedenspolitischer Einflußnahme gehörte auch die Unterstützung unterschiedlicher parteiübergreifender Initiativen zu den Bundestagswahlen 1987.

Anmerkungen

1) Dieser Artikel wird vollständig in dem Reader der Naturwissenschaftler-Initiative »Verantwortung für den Frieden« zu ihrem zehnjährigen Bestehen abgedruckt; hier auszugsweise zu dem Aspekt der Auswirkungen und Erfolge der Initiative. Zurück

2) Entfällt

3) Text des Vertragsentwurfes in R. Labusch et al. (Hrs.), a.a.O., S. 175 ff. Zurück

4) M. Gorbatschow: Perestroika. Die zweite Revolution, München 1987, S.196 Zurück

5) Für den Zeitraum von 1986-89, vergl. C. Hauswedell, Friedensforschung und Friedenswissenschaft an den Hochschulen. Neue Entwicklungstendenzen und Perspektiven, in: U. Wasmuht, Friedensforschung. Eine Handlungsorientierung zwischen Politik und Wissenschaft, Darmstadt 1991. Zurück

6) Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Naturwissenschaft, Technik und Sicherheitspolitik in der TH Darmstadt (IANUS), Selbstdarstellung/Mitglieder/Publikationsliste, Dezember 1991. Zurück

7) Unterlagen in Archiv CH; auszugsweise auch in Rundbrief 3/89, S.21 ff. Zurück

Corinna Hauswedell ist Vorsitzende der Informationsstelle Wissenschaft und Frieden, Bonn.

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