in Wissenschaft & Frieden 1993-2: Das UN-System

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Umweltkonflikte

Die Konfliktform im post-ideologischen Zeitalter?

von Stephan Libiszewski

In den letzten Jahren hat sich auch die Friedens- und Konfliktforschung verstärkt der Ökologie angenommen. Einerseits ist Umweltzerstörung als Teil eines erweiterten Sicherheitsbegriffes diskutiert worden. Andererseits werden ökologische Veränderungen als eine potentielle Ursache künftiger Konflikte und Kriege angesehen.1

Diese zweite Debatte hat sich aber bisher hauptsächlich darauf beschränkt, empirische Beispiele für Umweltkonflikte aufzulisten, wie z.B. Auseinandersetzungen um knappe Wasserressourcen, Spannungen im Zusammenhang mit sogenannten »Umweltflüchtlingen« oder der Streit um die Verantwortlichkeiten für den globalen Klimawandel. Ihr mangelte es bislang weitgehend an theoretischer Schärfe.

Der folgende Beitrag will deshalb einige zentrale Begriffe im Zusammenhang mit dem Phänomen und Untersuchungsgegenstand »Umweltkonflikte« bzw. »ökologische Konflikte« reflektieren.2 Dies wird in der Form von zwei Definitionen und drei Thesen erfolgen.3 Erst auf dem Hintergrund dieser Präzisierungen werden sich schliesslich einige Rückschlüsse ziehen lassen bezüglich der Frage, ob wir es bei Umweltkonflikten mit einer neuen Konfliktform zu tun haben sowie ob und inwiefern dieser im Zeitalter nach dem Ost-West-Konflikt die Rolle eines strukturierenden Faktors der internationalen Politik zukommen wird.

Erster Punkt: Was ist das Ökologische an ökologischen Konflikten?

Diese Frage mag trivial klingen, ihre Klärung ist aber nötig. Denn in der relativ jungen Diskussion über ökologisch verursachte Gewaltkonflikte bestehen diesbezüglich zahlreiche Unschärfen und Missverständnisse. Häufig werden Umweltkonflikte einfach mit Konflikten um natürliche Ressourcen gleichgesetzt.4 Eine andere Variante ist, die ökologische Problematik und damit zusammenhängende Konflikte allein auf das Problem der Umweltverschmutzung zu beziehen.5

Beide Kriterien treffen jedoch nicht die »differentia specifica« des ökologischen Faktors. Das allgemeine Kriterium der natürlichen Ressourcen ist zu unspezifisch: Land, Erdöl und andere Ressourcen spielten in fast jedem Territorial- und Kolonialkrieg der letzten 200 Jahre und auch schon in historischer Zeit eine wichtige Rolle. Das Kriterium der Senken hingegen ist zu eng: Etliche ökologische Probleme wie z.B. Bodenerosion, Süsswasserverknappung oder die Dezimierung von Fischbeständen würden davon nicht erfasst. Denn diese sind oft nicht in erster Linie auf Verschmutzung zurückzuführen, wenn auch diese eine Rolle spielen kann, sondern originär auf die Übernutzung dieser Ressourcen.

Der ökologische Charakter von Umweltkonflikten muss also in einem anderen Merkmal zum Ausdruck kommen. Das entscheidende Kriterium, das hier vorgeschlagen wird, ist das der Erneuerbarkeit von Ressourcen. Der Ressourcenbegriff soll hier freilich nicht nur die materiellen Ausgangsstoffe der Produktion – sog. Quellen – umfassen, sondern auch natürliche »Dienstleistungen« wie günstige klimatische Bedingungen oder die Qualität von Wasser, Böden und Luft, die mit der Eigenschaft der Natur als Senke zusammenhängen, das heisst mit ihrer Fähigkeit, Abfälle und Nebenprodukte menschlicher Aktivitäten aufzunehmen und/oder zu verarbeiten.

Das Kriterium der Erneuerbarkeit ist eng verwandt mit der Bedeutung von Ökologie als der Lehre von den Wechselbeziehungen zwischen Lebewesen und ihrer belebten und unbelebten Umwelt. Denn es ist das Eingebundensein in regelhafte Stoffwechselkreisläufe, das die Erneuerbarkeit einer Ressource ausmacht. Deren tatsächliche regelmässige Erneuerung bzw. die Regenerierung von deren Qualität hängt wiederum vom ungestörten Funktionieren dieser Ökosysteme ab. Als Teil der Stoffwechselkreisläufe, die das Leben erhalten, sind erneuerbare Ressourcen darüber hinaus oft nicht substituierbar (Luft, Wasser, Nahrung). Darin kommt ihr Doppelcharakter als Quelle von Wohlstand im ökonomischen Sinne und als biologische Voraussetzungen für das menschliche Überleben zum Ausdruck.

Nicht-erneuerbare fossile und mineralische Ressourcen sind hingegen gerade deshalb nicht-erneuerbar, weil sie nicht gleichermassen in ökologische Stoffwechselkreisläufe eingebunden sind.6 Der enorme Verbrauch nicht-erneuerbarer Ressourcen und die Freisetzung der darin enthaltenen Energien und Schadstoffe sind zwar eine der Hauptursachen der ökologischen Krise in der Moderne. Insofern hängen der Raubbau an den nicht-erneuerbaren Ressourcen und die Degradierung der erneuerbaren Ressourcen eng zusammen. Für sich genommen stellt aber die Extraktion z.B. von Erdöl kein Eingriff in das Ökosytem dar. Die Erschöpfung der Rohölreserven ist kein ökologisches, sondern ein originär ökonomisches Problem. Nicht-erneuerbare Ressourcen können demnach knapp werden, sie können aber nicht in dem Sinne degradiert werden.

Deshalb sind Konflikte über den Besitz von oder den Zugang zu nicht-erneuerbaren Ressourcen keine ökologischen Konflikte. Dies sind traditionelle Verteilungskonflikte um absolut knappe und ungleich verteilte Güter. Als erste Definition muss hingegen festgehalten werden: Ökologische Konflikte sind Konflikte im Zusammenhang mit der Degradierung erneuerbarer Ressourcen, d.h. der Verringerung ihrer Menge oder Beeinträchtigung ihrer Qualität in Folge einer anthropogenen Störung ihrer Erneuerung bzw. Regenerierung. Der Begriff der ökologischen Degradierung ist eng verwandt mit dem Konzept der Nachhaltigkeit. Die Definition könnte demnach auch lauten: Ökologische Konflikte sind Konflikte im Zusammenhang mit erneuerbaren Ressourcen, sofern diese nicht nachhaltig genutzt werden.

Ökologische Degradierung kann eine oder mehrere folgender Formen annehmen:

Auch ökologische Degradierung ist historisch kein völlig neues Phänomen. Aber erst auf dem Hintergrund globaler human-ökologischer Transformation8, im Zuge von Industrialisierung und der weltweiten Verbreitung des westlichen Wachstumsmodells, ist die Degradierung erneuerbarer Ressourcen zu einem allgegenwärtigen und bezeichnenderweise heute dringenderen Problem geworden als die Verknappung nicht-erneuerbarer Rohstoffe, die noch vor 20 Jahren die Debatte dominierte.

Wie führt ökologische Degradierung zu Gewaltkonflikten?

Diese Frage betrifft das Problem der Kausalitätsbeziehung und interdisziplinären Vermittlung von ökologischer Degradierung und Konflikt. Im allgemeinen wird dieser Zusammenhang nur assoziativ hergestellt in dem Sinne, dass wo Ressourcenverknappung aufgrund von Degradierung zu verzeichnen ist, es auch verstärkt zu Verteilungskonflikten kommen muss. Dieser Schluss ist nicht völlig falsch. Ressourcen sind in der Tat die Gestalt, in der Natur vom Menschen angeeignet wird, und dadurch auch die Stelle, an der Natur am ehesten zum Anlass konflikthafter Phänomene wird. Insofern leistet der Ressourcenbegriff bereits eine gewisse Vermittlung. Er erklärt aber noch nicht sehr viel.

Konflikte sind soziale und keine natürliche Phänomene. Ökologische Degradierung und Ressourcenverknappung führen deshalb nicht als solche und nicht automatisch zu Konflikten, sondern dann und dort, wo sie ökonomische, soziale und politische Interessen berühren. Es bedarf deshalb einer dritten analytischen Ebene, in der diese Übersetzung von einem ökologischen in ein soziales Phänomen geschieht. Wir nennen dies die sozialen Effekte von ökologischer Degradierung.

Demnach hat eine Analyse ökologischer Konflikte stets in zwei Schritten zu erfolgen:

1) Welche sozialen Effekte resultieren aus der ökologischen Degradierung?

2) Welche (Gewalt-)Konflikte resultieren aus diesen sozialen Effekten?9

In beiden Analyseschritten müssen der sozioökonomische und politische Kontext, in dem die ökologische Degradierung und ihre sozialen Effekte stehen, berücksichtigt und in die Analyse einbezogen werden.10 Agrargesellschaften etwa sind in viel stärkerer und direkterer Weise von klimatischen Veränderungen betroffen als Industriegesellschaften, in denen die Landwirtschaft einen relativ geringeren Stellenwert besitzt, und die eher über technische und finanzielle Möglichkeiten zu Gegenmassnahmen verfügen. Die aus den sozialen Effekten ökologischer Degradierung resultierenden Konflikte werden wiederum in Gesellschaften, in denen ohnehin tiefe soziale oder ethnische Spaltungslinien bestehen, eher gewaltsam ausgetragen werden denn in homogenen und stark integrierten politischen Zusammenhängen. Schliesslich ist die Kriegsträchtigkeit internationaler Konflikte im Zusammenhang mit ökologischer Degradierung und ihren sozialen Folgen nicht losgelöst zu sehen vom Zustand der sonstigen politischen Beziehungen zwischen den betreffenden Staaten und dem Grad ihrer zwischenstaatlichen Verflechtung.

In theoretischer Hinsicht ergibt sich aus diesem Analysemodell eine wichtige Konsequenz: Wenn es ihre sozialen Effekte und nicht die ökologische Degradierung selbst sind, die zu Konflikten führen, dann werden sich letztere nicht notwendigerweise als Konflikte um die Verteilung erneuerbarer Ressourcen bzw. der Kosten ihrer Degradierung manifestieren, sondern unter Umständen als soziale und ökonomische, ethnische oder nationale Konflikte, als Anti-Regime-Kriege oder als Herrschaftskonflikte.

Das veranlasst mich, als zweite Definition zu formulieren: Ökologische Konflikte sind durch ökologische Degradierung induzierte Konflikte.

Der Begriff »induziert« soll zum Ausdruck bringen, dass Umweltdegradierung eines sozialen und/oder politischen Brennpunktes bedarf, um zu Konflikten zu führen. Ökologische Degradierung wird demnach selten allein, sondern meistens als konfliktverursachender Faktor unter anderen vorkommen und sich nicht notwendigerweise in Form eines explizit ökologischen Konfliktgegenstandes manifestieren.11

Erste These: Die meisten ökologisch induzierten Gewaltkonflikte werden innerstaatliche Konflikte sein bzw. auf der innerstaatlichen Ebene ihren Ausgangspunkt haben.

Wenn von Ökologie als Ursache von Konflikten die Rede ist, wird meistens in erster Linie an zwischenstaatliche Konflikte um einen klar umgrenzten ökologischen Gegenstand gedacht,

Diese Ebene von zwischenstaatlichen Konflikten um ökologische Ressourcen gibt es. Sie ist eminent wichtig und auf ihr findet statt, was man die »Ökologisierung der internationalen Beziehungen« nennen kann. Auch die Gewaltträchtigkeit dieser zwischenstaatlichen ökologischen Konflikte soll an dieser Stelle in keiner Weise heruntergespielt werden. Insbesondere Konflikte um die Nutzung grenzüberschreitender Flüsse sind wegen der asymmetrischen Situation zwischen Ober- und Unteranrainer schwer verregelbar. Sie können, wo Wasser ohnehin knapp ist und eine politisch gespannte Lage herrscht wie im Nahen Osten, eine ernstzunehmenden Kriegsgefahr darstellen. Bei öffentlichen Ressourcen – regionalen wie globalen – wirkt hingegen das »Trittbrettfahrer-Dilemma«, das den Abschluss wirksamer zwischenstaatlicher Abkommen verzögern oder gar verhindern kann.

Das reale Kriegsgeschehen hat sich aber seit der Beendigung des Dekolonisierungsprozesses allgemein von der zwischenstaatlichen auf die innerstaatliche Ebene verschoben.13 Von dieser Ebene werden auch die meisten ökologisch induzierten Gewaltkonflikte ausgehen, ich würde sogar sagen: an der zwischenstaatlichen Kooperation vorbei. Zum einen, weil ökologische Degradierung immer noch in erheblichem Masse »Selbstzerstörung« ist – Selbstzerstörung nicht notwendigerweise bezogen auf die Ursachen und Hintergründe; diese liegen oft in weltmarktbedingten Zwängen zum Ressourcenraubbau. Selbstzerstörung aber in bezug auf die Wirkungen.

Hier greift eine funktionale Kooperation im Umweltbereich, die nicht Fragen der sozioökonomischen Entwicklung miteinschliesst, in der Tat zu kurz. Sie mag auf das Verhältnis zwischen Staaten vertrauensbildend wirken, sie verhindert aber unter Umständen nicht die Desintegration ihrer jeweiligen Gesellschaften. Es sind dann auch nicht notwendigerweise die staatlichen Akteure, die interne ökologische Problemlagen nach aussen tragen und sie dadurch zu einem internationalen Konfliktpotential machen. Sondern oft sind es im wörtlichen Sinne die Gesellschaften selbst, die in Form ökologisch (mit-)bedingter Migrationsbewegungen die Staatsgrenzen überschreiten.

Die These vom Vorherrschen innerstaatlicher Konflikte gilt zum anderen auch für Gewaltkonflikte im Zusammenhang mit der Degradierung der globalen Gemeinschaftsgüter. Es liegt in der Natur dieser Güter, und es ist Teil ihrer »Tragödie«, dass die Kausalitäten und Wirkungsweisen sehr komplex sind und nur vermittelt auftreten. Verursacher und Opfer globaler Umweltveränderungen sind schwer genau zu bestimmen, sie liegen geographisch meist weit auseinander und kommen, wenn überhaupt, nur auf einer relativ abstrakten Ebene politisch miteinander in Berührung.

Die Konfliktlinien, die etwa auf dem Umweltgipfel in Rio zu verfolgen waren – der Nord-Süd-Konflikt und die quer dazu verlaufenden Trennungslinien – werden nicht die typischen Konfliktlinien der zukünftigen ökologisch induzierten Kriege sein. Es sind zwar militärische Interventionen seitens der Staatengemeinschaft oder derjenigen Mächte, die sich für deren Vertreter halten, denkbar, um besondere Umweltsünder – bzw. Staaten, die zu solchen gebrandmarkt werden – zu bestrafen.14 Man denke dabei an das vielpublizierte Szenario, wonach die Länder in den Tropen notfalls mit Gewalt gezwungen werden sollen, auf eine weitere Abholzung ihrer Regenwälder zu verzichten. Die meisten Kriege werden aber zwischen den von globaler Umweltzerstörung Betroffenen ungeachtet ihres Anteils an den Ursachen ausgetragen werden, nämlich dort, wo klimatische Veränderungen und der Meeresspiegelanstieg Agrarwirtschaften zum Kollaps, Millionen Menschen in die Flucht und politische Strukturen zum Auflösen führen werden.

Der Konfliktgegenstand ist bei solchen innerstaatlichen Konflikten schwer als ein eindeutig ökologischer zu umgrenzen. Wenn wir ethnische Konflikte und Sezessionsbestrebungen in der Sahel-Zone, in Nigeria oder auf der Insel Bougainville, oder Anti-Regime-Kriege in Mittelamerika und auf den Philippinen als ökologisch induzierte Konflikte interpretieren, so bilden dort Bodenerosion, Desertifikation oder die ökologischen Folgen von Bergbauprojekten lediglich Glieder in einem vernetzten Bündel verschiedener, sich gegenseitig verstärkender Konfliktursachen. Zu diesem Bündel gehören neben ökologischen Problemen und mit ihnen verknüpft: ungerechte Landbesitzverhältnisse, die überstürzte Umwandlung von subsistenten Landwirtschaften in unangepasste marktorientierte Monokulturen, Bevölkerungswachstum, unkoordinierte Teilindustrialisierung und unkontrollierte Urbanisierung, Aussenverschuldung und der Zwang zum Ressourcenexport sowie unabgeschlossene Prozesse der Nationenbildung – also die klassischen Ursachen und Merkmale von Unter- bzw. Fehlentwicklung.

Gesellschaftliche Produktions-, Konsumtions- und Verteilungsmuster sind also sowohl der Ausgangspunkt von Umweltdegradierung als auch dasjenige Feld, auf das die veränderte Umwelt wiederum zurückwirkt: sie zwingt ihrerseits zu sozialen Redistributions- und politischen Reorganisationsprozessen, die gezwungenermassen konflikthaft und potentiell gewaltsam verlaufen. Das Verhältnis von Umwelt und Gesellschaft muss deshalb eher als ein rückgekoppeltes dargestellt werden denn als ein lineares. Ökologische Konflikte entstehen dort, wo gesellschaftliche Erwartungen mit der Realität einer degradierten Ressourcenbasis in Widerspruch geraten (Graphik 2).

Meine zweite These lautet deshalb: Der konfliktverursachende Charakter von ökologischer Degradierung ist stets zu sehen im Verhältnis von Umwelt zu gesellschaftlicher Entwicklung.15

Dies gilt auch für diejenigen Fälle, die oben als zwischenstaatliche Konflikte um klar bestimmbare ökologische Ressourcen charakterisiert wurden – wenn auch hier die Kausalitätsbeziehung zwischen Umwelt und Konflikt offenkundiger und leichter zu bestimmen ist. Denn natürliche Güter sind ja nicht einfach Ressourcen, sondern sie bekommen ihren spezifischen Wert als Ressourcen erst in Abhängigkeit vom Entwicklungsstand einer Gesellschaft. Selbst bei biologisch unverzichtbaren Stoffen wie Luft und Süsswasser hängt die benötigte Menge stärker von der Art und dem Grad der ökonomischen Aktivitäten und von den kulturellen Gewohnheiten ab als von den biologischen Grundbedürfnissen einer bestimmten Bevölkerungszahl. Der tägliche Süsswasserverbrauch der privaten Haushalte variiert z.B. von 5,4 Liter pro Kopf in Madagaskar bis zu 500 Litern in den USA.

Umwelt und Entwicklung sind rückgekoppelt, in ihrem Verhältnis zu Konflikt sind sie aber untereinander nicht austauschbar (Graphik 3). Entwicklung und Unterentwicklung, und in diesem Zusammenhang muss als teilweise eigenständige und genuin politische Variable auch Nationenbildung genannt werden, können unabhängig von ökologischer Degradierung zu Konflikten führen und haben dies in der Vergangenheit stets getan. Umwelt ist deshalb in bezug auf Konflikt eine abhängige Variable von Entwicklung. – Das ist der tiefe Sinn des Begriffes induziert.

Umwelt ist aber eine Variable, die heute von Entwicklung nicht mehr wegzudenken ist, will letztere Bestand haben und sich nicht ihre eigene natürliche Grundlage unter den Füssen abgraben. Insofern wird – auf dem Hintergrund globaler human- ökologischer Transformation – ökologische Degradierung auch das Konflikt- und Kriegsgeschehen wie allgemein sowohl die innerstaatliche als auch die internationale Politik in zunehmendem Masse bestimmen.

Als Einschränkung und um einem verkürzten »Ökologismus« vorzubeugen, muss aber abschliessend als dritte These präzisiert werden: Wenn es stimmt, dass die Kausalitätsbeziehung zwischen Umwelt und Konflikt eine vermittelte ist, dann sind ökologische Gewaltkonflikte keine eigene Konfliktform, sondern es gibt verschiedene Erscheinungsformen ökologisch induzierter Gewaltkonflikte. Diese ergeben sich aus den spezifischen sozialen Problemlagen, die durch ökologische Degradierung erzeugt werden.

Ökologisch induzierte Konflikte stellen in diesem Sinne auch keine Konfliktformation dar. Die einzelnen ökologischen Konfliktlinien sind zu kontextgebunden und stehen untereinander und mit anderen politischen Gegensätzen zu sehr im Widerspruch, als dass sie bisher die Welt in geschlossene »Lager« hätten spalten könnten. Auch der vielbeschworene »Nord-Süd-Konflikt« um Umwelt und Entwicklung ist durch mehrere quer dazu verlaufende Spaltungslinien gebrochen. Er steht zudem mit der Tatsache im Widerspruch, dass die meisten ökologisch induzierten Gewaltkonflikte innerhalb des Südens stattfinden.

Die globale ökologische Krise wird aber dann zu einem sowohl die Innenpolitik als auch potentiell das internationale System als Ganzes strukturierenden Faktor werden, wenn sie, analog zur sozialen Krise im 19. Jahrhundert, unterschiedliche und entgegengesetzte ordnungspolitische Entwürfe zu ihrer Lösung hervorbringen wird. »Umweltkonflikte« und »ideologische Konflikte«, um die zentralen Konzepte aus dem Titel meines Beitrages zum Schluss nochmals aufzugreifen, wären dann aber nicht notwendigerweise sich gegenseitig ausschliessende Begriffe. Vielmehr würde »Ideologie« – hier allgemein verstanden als das Bild der gewünschten Gesellschaft und der wichtigsten Mittel, die zum Aufbau einer solchen Gesellschaft nötig sind – zum Katalysator von Konflikten, die ihre Wurzeln in ökologischen Transformationsprozessen haben.

Bei dem Aufsatz handelt es sich um die überarbeitete Fassung eines Vortrages im Rahmen des AFK-Workshops »Ökologische Sicherheit oder Frieden durch nachhaltige Entwicklung«, 13./14. November 1992 in Hamburg

Anmerkungen

1) Vgl. etwa: Bastian, Till: Naturzerstörung: Die Quelle der künftigen Kriege, IPPNW Wissenschaftliche Reihe Bd. 1, Heidesheim 1991; Meyer, Berthold/ Wellmann, Christian (Red.): Umweltzerstörung: Kriegsfolge und Kriegsursache, Friedensanalysen Nr. 27, Frankfurt/M 1992; auch Bächler, Günther: Ökologische Sicherheit und Konflikt, Arbeitspapiere der Schweizerischen Friedensstiftung Nr. 05, Bern 1990. Zurück

2) Die Begriffe »Umweltkonflikt« und »ökologischer Konflikt« werden im weiteren als Sinonyme verwendet. Zurück

3) Die beiden Definitionen basieren auf meinem Aufsatz What is an Environmental Conflict?, ENCOP Occasional Paper No. 1, Bern/Zürich 1992; bei den drei Thesen handelt es sich um ergänzende und weiterführende Gedanken. Zurück

4) Ein bekannter Vertreter dieser Sichtweise ist Arthur H. Westing. Vgl. etwa seinen Aufsatz Environmental factors in strategic policy and action: an overview, in: ders. (Ed.): Global Resources and International Conflict, Oxford, New York 1986, S. 3-20. Zu dieser Betrachtung tendiert aber auch Lothar Brock: Peace through Parks: The Environment on the Peace Research Agenda, in: Journal of Peace Research, Vol. 28, No. 4 (1991), S. 408f. Zurück

5) Dies dürfte eher dem Verständnis von Ökologie entsprechen, wie es in der öffentlichen Diskussion vorherrscht. Zurück

6) Genaugenommen sind auch fossile und mineralische Bodenschätze »erneuerbar«. Ihre Entstehung hängt aber von geologischen Prozessen ab, die Millionen Jahre dauern und nicht im engeren Sinne Ökosysteme darstellen. Ressourcen, deren Formation die Zeitdimension der Menschheitsgeschichte sprengen, müssen – aus menschlicher Perspektive – als nicht-erneuerbar gelten. Zurück

7) Übernutzung wird hier verstanden als eine Verbrauchsrate, die höher liegt als die Erneuerungsrate einer Ressource – oder um es ökonomisch auszudrücken: einer Verbrauchsrate, die den »Kapitalstock« der Ressource angreift. Da nicht-erneuerbare Ressourcen ausschliesslich aus »Kapital« bestehen, ist der Begriff Übernutzung wie überhaupt der Begriff Degradierung sinnvollerweise nur auf erneuerbare Ressourcen anwendbar. Zurück

8) Zum Begriff der humanökologischen Transformation siehe Bächler, Günther: Konflikt und Kooperation auf dem Hintergrund globaler human-ökologischer Transformation, ENCOP Occasional Paper No. 5, Bern/Zürich 1993 Zurück

9) Für die Ausdifferenzierung des Modells in Form eines Analyserasters siehe Böge, Volker: Proposal for an Analytical Framework to Grasp »Environmental Conflict«, ENCOP Occasional Paper No. 1, Bern/Zürich July 1992. Zurück

10) Zu dieser Interpretation siehe auch Homer-Dixon, Thomas: On the Threshold: Environmental Changes and Acute Conflict, in: International Security, Vol. 16, No. 2 (1991), S. 76-116. Zurück

11) Der Begriff des ökologisch »induzierten« Konflikts ist – ohne ihn theoretisch zu explizieren – von Reidulf K. Molvær in die Debatte eingeführt worden. Vgl. seinen Aufsatz Environmentally Induced Conflicts? A Discussion Based on Studies from the Horn of Africa, in: Bulletin of Peace Proposals, Vol. 22, No. 2 (1991). Zurück

12) Eine gute Typologisierung zwischenstaatlicher Umweltkonflikte befindet sich bei Breitmeier, Helmut/ Zürn, Michael: Gewalt oder Kooperation. Zur Austragungsform internationaler Umweltkonflikte, in: antimilitarismus information (ami) Nr. 12/1990, S. 14-23. Siehe dazu auch Müller, Harald: Internationale Ressourcen- und Umweltproblematik, in: Knapp, Manfred/Krell, Gert: Einführung in die internationale Politik, Ein Studienbuch, München 1990, S. 350-382, sowie Libiszewski, Stephan: Ökologische Konflikte im internationalen System – heute und in der Zukunft; in Bächler, Günther et. al.: Umweltzerstörung – Krieg oder Kooperation? Ökologische Konflikte im internationalen System und Möglichkeiten der friedlichen Bearbeitung, im Erscheinen Zurück

13) Vergleiche dazu die empirischen und theoretischen Arbeiten der Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF) an der Universität Hamburg. Zurück

14) Dieses und andere Szenarien sind dokumentiert bei Böge, Volker: Die Militarisierung der internationalen Umweltpolitik, in: Bächler, Günther et. al., im Erscheinen (s. Anm. 12) Zurück

15) Entwicklung wird hier ganz allgemein verstanden als die Entfaltung der Produktivkräfte und die Verwirklichung sozialer und politischer Werte. Insofern ist das hier gezeichnete Verhältnis von Umwelt, Entwicklung und Konflikt gleichermassen auf »Entwicklungs-« wie auf Industrieländer anwendbar. Zurück

16) Die schraffierten Pfeile sollen zum Ausdruck bringen, dass von »Konflikt« wiederum Rückwirkungen auf »Umwelt« und »Entwicklung« ausgehen, nämlich in der Form von ökologischen Zerstörungen durch Kriegsvorbereitung und Kriegsführung sowie ihrer volkswirtschaftlichen und sozialpsychologischen Schäden. Die Untersuchung dieser Rückkoppelungen sind aber nicht Gegenstand des vorliegenden Beitrages. Zurück

Stephan Libiszewski ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Forschungsstelle für Sicherheitspolitik und Konfliktanalyse der ETH Zürich. Er arbeitet an einem gemeinsam mit der Schweizerischen Friedensstiftung Bern durchgeführten Forschungsprojekt über »Gewaltkonflikte aufgrund ökologischer Probleme« (ENCOP).

in Wissenschaft & Frieden 1993-2: Das UN-System

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