in Wissenschaft & Frieden 1993-1: Zivil und militärisch

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Globale Krise und Demokratie

von naturwüchsiger Expansion zu kontrolliertem Gleichgewicht

von Gerhard Knies

Sind die Menschen, ist die Menschheit in der Lage, sich in einer Welt und auf einer endlichen Erde dauerhaft einzurichten? 5.000.000.000 Jahre nach Entstehung des Planeten Erde, ca. 4.000.000 Jahre nach dem vermuteten ersten Auftreten von Menschen auf der Erde, und ca. 300 Jahre nach Beginn der (wissenschaftlich-technisch-) industriellen Zivilisation ist dieses innerhalb weniger Jahrzehnte zu einer Frage von wachsender Aktualität geworden, denn die Antwort ist unklar.

Wer will, daß die Welt bleibt wie sie ist, will nicht, daß sie bleibt. Erich Fried

Der Begriff der einen Welt ist gleich aus drei unterschiedlichen Gründen akut geworden; steht er doch im Gegensatz zu vielen Welten/Erden – die wir angesichts der menschlichen Expansionsdynamik dringend brauchen – im Gegensatz zu keiner Welt – einer Option, die wir uns durch miltärische Gewaltpotentiale geöffnet haben, und auf die wir uns durch zivilisatorische Gewalttätigkeit gegen das Biotop Erde zubewegen ohne zu wissen, ob der Bremsweg noch reicht – und im Gegensatz zur parzellierten Welt – jenem Konzept, das die Völker zur Abgrenzung von Lebensweisen, von arm und reich, und zur Absicherung von Vorteilen vor anderen gegenwärtig ohne Aussicht auf Dauerhaftigkeit praktizieren.

Die industrielle Zivilisation hat eine Entwicklungsdynamik der Menschen erzeugt, die das System Menschheit stärker gemacht hat als die Natur – und damit extrem verwundbar und selbstzerstörbar. Die wachsenden globalen Probleme zeigen uns täglich, daß die Balance der Menschheit mit der einen, endlichen Erde nicht von selbst kommen wird, quasi als evolutionäres Ergebnis von Versuch und Irrtum. Der gegenwärtige Umgang mit den Problemen, vor denen die Menschheit als Gattung steht, zeigt auch, daß Nationalstaaten mit dem Selbstverständnis von Gegenspielern und Rivalen ungeeignet sind als die globalen Akteure für deren Bewältigung.

Die Zeit für eine neue Stufe der globalen Selbstorganisation der Menschen – mithilfe oder gegen ihre Staaten – zur Bändigung der Selbstzerstörungspotentiale ist überfällig. Erforderlich ist eine systemische Höherorganisation über den Rahmen von Völkern, über die Nationalstaatlichkeit hinaus auf die Ebene Menschheit.Das Dilemma besteht darin, daß die zeitlichen Relationen für diesen Prozess gesetzt werden von dem rasanten Niedergang des Biotops Erde und nicht von der kulturellen Entwicklunggeschwindigkeit der Menschheit.

Was muß eine neue Selbstorganisation der Menschen leisten? Wie kann sie aussehen und wo liegen entscheidende Hindernisse? Um diese Fragen drehen sich die folgenden Ausführungen.

Systemische Höherorganisation

Die ca. 5 Milliarden Menschen, die gegenwärtig die Erde bevölkern, sind in ca. 190 Staaten organisiert. Nationalstaaten sind derzeit die höchste politische Organisationsstufe der Menschen1. Man kann sie einzeln, aber auch als ein weltweites System betrachten. Bevor wir eine Analyse dieses Systems beginnen, möchte ich das Konzept der systemischen Höherorganisation an zwei Beispielen erläutern.

Ein vertrautes und für die folgende Diskussion sehr aufschlussreiches Beispiel ist der Straßenverkehr. Die Benutzer eines Straßennetzes bilden mit diesem ein Verkehrssystem. Zweck dieses Verkehrssystems ist es, daß Fahrzeuge von ihrem Startplatz zu ihrem Zielort kommen können. Gibt es nur ein Fahrzeug, so kann der Fahrer ganz nach seinem eigenen Willen fahren. Seine Verhaltensmaxime könnte sein: größtmögliche Geschwindigkeit. Benutzen mehrere Fahrzeuge gleichzeitig das Straßennetz, so würde eine solche Maxime für ihn und andere gefährlich und letztlich tödlich sein. Verkehrssicherheit wird jetzt zum leitenden Ordnungsprinzip. Man kann diese erreichen durch technische Maßnahmen an den Fahrzeugen, wie z.B. Panzerung, wenn man die Souveränität der Fahrer nicht einschränken will, oder aber in Form einer sog. systemischen Höherorganisation durch Einführung von Verkehrsregeln. Die Fahrer können dann nicht mehr jederzeit die technischen Möglichkeiten ihrer Fahrzeuge nach belieben ausreizen, aber sie erreichen unversehrt ihr Ziel.

Das Betriebssystem für die technischen Einrichtungen Straßennetz plus Fahrzeuge, also die Summe der Verkehrsregeln und die polizeilichen Institutionen zu ihrer Durchsetzung, hat eine Ordnungsfunktion zum Wohle seiner Teile. Es transformiert sie von Rivalen zu Partnern. Es gibt dem Straßennetz und den Fahrzeugen erst die Qualität eines funktionierenden Verkehrssystems.

Wir sehen wie die Lebensfähigkeit seiner Teile – trotz der ihnen eigenen Destruktivität – mittels der systemischen Höherorganisation, bestehend aus einer Maxime, einem Regelwerk und einem partiellen Souveränitätstransfer von den Teilen zum Ganzen, hergestellt werden kann.

Man kann ein Schema aufstellen, das alle Erscheinungen des Lebens und des Universums von den kleinsten Elementarteilchen ausgehend als Ergebnis vieler Stufen systemischer Höherorganisation darstellt. Atome bilden die Welt der Moleküle und Verbindungen, diese wiederum Zellen und Formen des Lebens, usw.. Höherorganisation beseitigt nicht die Idendität der Teile, sondern eröffnet neue Möglichkeiten.

Das höchstentwickelte Beispiel solcher systemischen Höherorganisation zur Stabilisierung potentiell destruktiver Subjekte ist der Staat, insbesondere der demokratische Rechtsstaat. Er gibt seinen Bürgern das Maß an Sicherheit und Ordnung, das sie zur Entfaltung ihrer Individualität und zum Zusammenleben brauchen.(In einem autoritären Staat nutzt die Staatsführung die Institution Staat zudem zur Sicherung ihrer Herrschaftsrolle über die Bürger. Ihn würde man eher als Fremdorganisation seiner Bürger bezeichnen.)

Der gewaltfreie Umgang der Bürger eines Staates untereinander, also die Befreiung der Bürger aus dauernder Angst und Sorge vor Gewalt, wird nicht dadurch erreicht, daß jeder Bürger mit jedem anderen oder mit Gruppen eine (freiwillige!) Abmachung zur Gewaltlosigkeit trifft. Die Sicherheit der Bürger beruht entscheidend auf zwei Faktoren:

Die supra-individuelle (nicht: inter-individuelle) Einrichtung Staat sichert als kollektives Sicherheitssystem das Funktionieren des Gemeinschaftsunternehmens Gesellschaft ab. Ein Problem entsteht dann, wenn der Staat in »falsche Hände« gerät.

Würde man jedem Bürger seine individuelle Sicherheitssouveränität zurückgeben,so würden viele Bürger aus Gründen der Sicherheit mit einem Revolver in der Tasche herumlaufen. Jeder wird zur potentiellen Gefahr für jeden anderen. Hierfür müßte ich gewappnet sein. Das bewirkt eine systembedingte »spontane« Militarisierung.

Eine Gesellschaft mit konkurrierenden Schutzbündnissen (Banden, Bürgerwehren, autonomen Blöcken) würde kaum Sicherheit gewähren, stattdessen aber Gefahren und Chaos produzieren. Das traurige Ergebnis dieser Sicherheitsmethode wird uns in Wild-West Filmen sowie zwischenstaatlich in Form von Kriegen regelmäßig vorgeführt.

<>Nationale Parzellierung der einen Welt – die militärische Ära<>

Vielfältig und sich rasant intensivierend sind die transnationalen Wechselbeziehungen der Menschen und Völker. Zivilisation, Wirtschaft und auch Verbrechen organisieren sich transnational. Praktisch kein Staat (Volk) ist ohne andere ökonomisch lebensfähig. Dennoch hält sich jeder Staat für souverän. Während die Zahl der von Deutschland aus geführten internationalen Telefongespräche von 1,2 Millionen (1950) auf jetzt über 1 Milliarde jährlich angestiegen ist, herrscht zwischen den Parlamenten Sprachlosigkeit. Die politischen Konzepte des Umgangs der meisten Staaten untereinander sind orientiert an der Maxime Souveränität und Rivalität. Obwohl sie zugunsten ihrer zivilisatorischen Selbstentfaltung existenzielle ökonomische Abhängigkeiten von und Symbiosen mit anderen Staaten eingehen, streben sie nach größtmöglicher Unabhängigkeit von anderen und möglichst weitgehender Dominanz über andere Staaten, sowie nach maximalem Wohl und maximaler Sicherheit des eigenen Staates, notfalls auch zu Lasten anderer.

Die Fiktion äußerer Sicherheitssouveränität lassen sie sich etwas kosten. Dazu panzern sie sich. Dazu sind einige Staaten sogar bereit und gerüstet, die Erde in Schutt und Asche zu legen.

Das gegenwärtige weltweite Militärsystem für Staatensicherheit legitimiert und legalisiert den Gedanken der Weltvernichtung. Das ist unvereinbar mit den Menschenrechten und eine Respektlosigkeit vor der Schöpfung.

Als Rechtfertigung für diese Ungeheuerlichkeit wird das Ziel der Kriegsverhinderung angegeben. Wie ist dieses Argument einzuschätzen? Dazu muß man feststellen, daß ohne Militär Konflikte erst gar nicht zu Kriegen eskaliert werden können. Die Option »Krieg« steht nur solchen Staaten offen, die über Militär verfügen. Und welche innerstaatlichen Gefahren das pure Vorhandensein von Militär in Form von militärisch eingeübten Menschen und von militärischem Gerät eröffnet, das wird uns gerade in Jugoslawien vorgeführt.

Die Völkergemeinschaft kommt nur deshalb in die Situation, Kriege, d.h. militärische Eskalationen von Konflikten verhindern zu müssen, weil sie zuvor von der militarisierten Sicherheitspolitik der Staaten geistig vorbereitet und materiell ermöglicht wurden.

Militärische Sicherheitspolitik ist das trojanische Pferd des Krieges.

Staatensouveränität

Wie konnte es zu dieser Perversion staatlicher Sicherheitspolitik kommen? – Die Entwicklung der europäischen Staaten, von »1000« Kleinstaaten hin zu wenigen Nationen vollzog sich vorwiegend als Verdrängungswettbewerb rivalisierender Machteliten. Hierzu organisierten diese ihren Staat nach innen und schufen Streitkräfte als »Schule der Nation« und für den Kampf nach außen. Staatliche Außenstreitkräfte wurden so zu einem konstituierenden Element der Souveränität rivalisierender Staaten. Während im Verlaufe der Entwicklung von Rechtstaatlichkeit und Demokratie Machtfülle und -willkür der Machteliten nach innen durch Regelungen und Gesetze zunehmend eingeschränkt wurden , blieb der zwischenstaatliche Bereich ein rechtsfreier Raum für gewaltsame Souveränitätlichkeiten.

Der wissenschaftlich-technische Fortschritt hat inzwischen den Souveränitätern Weltvernichtungsinstrumente in die Hände gegeben. Kann man sie dann noch ohne Regeln und Aufsicht lassen? Ein souveräner Staat kann über Existenz oder Vernichtung jedes anderen Volkes entscheiden. Dies verneint die Souveränität anderer Staaten oder Völker. Wenn nur einer beginnt, den Schutzraum nationaler Souveränität als Freiraum zur Vorbereitung von Gewaltverbrechen im internationalen Bereich zu mißbrauchen, reagieren die anderen mit eigener Bewaffnung. Es bedarf sogar nur eines Verdachts gegen einen Unbekannnten, um spontan eine Militarisierung eines Systems souveräner Staaten auszulösen.Einzelstaatliche Sicherheitssouveränität führt zur spontanen Militarisierung des gesamten Staatensystems.

Militarisierung ist somit eine Systemeigenschaft – nicht Eigenschaft eines isolierten Teils. Man kann sie deshalb letztlich nur über die Abschaffung der nationalen Sicherheitssouveränität, also über einen Systemwandel aufheben. Zwar gibt es das Konzept eines Systems kollektiver Sicherheit . Zur Aufhebung der Militarisierung der Welt müßte es aber praktisch weltumfassend und von den jeweiligen Launen seiner Mitglieder unabhängig sein. Der dazu erforderliche Transfer nationaler Souveränität auf das übergeordnete System wird aber von den nationalen Machtinhabern, von denen auf Regierungsbänken und erst recht von denen in demokratischen Parlamenten, abgelehnt oder zumindest nicht unterstützt. Es ist durchaus möglich, daß in etwa 10 bis 20 Jahren Dutzende von Staaten sich im Schutze und als Ausweis ihrer Souveränität Weltvernichtungswaffen zugelegt haben werden.

Nationale Sicherheitssouveränität ist eine der größten und die am wenigsten kontrollierbare gobale Gefahr für die Fähigkeit der Gattung Mensch, sich auf der einen Welt dauerhaft einzurichten.

Staatenegoismus und »parzellierte Demokratie« als Säulen der Staatenrivalität

Demokratie hat mit Rassen und Abstammung nichts zu tun, umso mehr aber mit Menschenrechten. Die demokratische Rückkopplung besteht in dem »Betroffenheitsprinzip«, nach dem die von politischen Entscheidungen Betroffenen die Entscheidungsträger durch Wahl (mit-)bestimmen. Wenn die Regierung eines Staates aufgrund der – zivilisationsbedingten – Vernetzung durch ihre Entscheidungen die Lebensbedingungen der Menschen anderer Staaten beeinträchtigen oder gar zerstören kann, entspricht es dem demokratischen Rückkopplungsprinzip, daß jene Menschen einen demokratischen – und nicht einen militärischen – Einfluß auf diese Regierung nehmen können. Aber die demokratischen Eliten verweigern genau das und organisieren stattdessen Gewalttätigkeit.

Die deutsche ( oder französische, amerikanische, …) Regierung sorgt nicht dafür, daß es den Bauern weltweit gut geht! Sie sorgt aber dafür, daß es den deutschen Bauern gut geht. Das hat sie bei Amtsantritt geschworen, von diesen will sie wiedergewählt werden. Bauern in Afrika können sie nicht (ab-)wählen, auch wenn sie von Entscheidungen der deutschen Regierung zugunsten deutscher Bauern Nachteile erleiden. Die demokratischen Regelungsmechanismen funktionieren nur in den nationalen Hoheitsgebieten der transnationalen politischen Handlungsräume der Staatsregierungen. Auch hat die deutsche Regierung nur geschworen, Schaden vom deutschen Volke abzuwehren, Darüber hinaus betrachten einige Staaten die gewaltsame Sicherung ihrer ökonomischen (»vitalen«) Interessen außerhalb(!) ihres Staatsgebietes, also innerhalb anderer Staaten, als legitimes Ziel ihrer nationalen militärischen Sicherheitspolitik3.

Nationale Souveränität fördert nicht nur zwischenstaatliche Rivalität, sondern setzt auch noch den politischen Regelkreis Demokratie, dem wir bei innerstaatlichen Problemlösungen so viel positives verdanken, im transnationalen Bereich außer Kraft – mit bösen Nachteilen für die globale Völkergemeinschaft.

Die Frage ist nicht, ob Völker ihre Eigenheiten oder Staaten ihren Egoismus aufgeben können. Beides gehört zu ihrer Identität und inneren Stabilität. Die Frage ist aber, ob sie ihren Egoismus für sich und für das Gemeinwesen Welt produktiv machen können, und ob sie rechtzeitig ihre nationale Sicherheitssouveränität aufgeben können, bevor das daraus resultierende internationale Gewalttätigkeitssystem die irreversible Zerstörung unseres gemeinsamen Hauses Erde herbeigeführt hat.

Am Beispiel des Golfkrieges haben wir erlebt, wie militärische Abschreckung versagen kann. Als Verkehrsteilnehmer würden wir Einführung und Durchsetzung von Verkehrsregeln verlangen, sowie die Maßnahme des Führerscheinentzugs für kriminelle Staatsführungen.

Die Zivilisatorische Transformation der Erde in EINE Welt

Die Entwicklung der Zivilisation, die der nationalen Sicherheitssouveränität ihre jetzige fatale Qualität gegeben hat, fordert aber ganz allgemein zu einer Eingrenzung des staatlichen Souveränitätsdenkens durch ein umfassendes zwischenstaatliches Sozialverhalten heraus. Hierzu möchte ich auf einige Merkmale der zivilisatorischen Entwicklung hinweisen.

Norbert Elias hat den Prozeß der menschlichen Zivilisation unter soziogenetischen und psychogenetischen Gesichtspunkten in umfassender Weise Anfang der 30er Jahre analysiert4. Bedauerlicherweise hat er die Natürlichkeit des Menschen, seine Wechselbeziehungen mit und seine Abhängigkeiten von der Natur nicht in seine Analyse einbezogen. Es galt ja als zivilisatorischer Fortschritt, die Abhängigkeit des Menschen von der Natur abzubauen und zu beseitigen. Angesichts dieser Naturvergessenheit (H.P. Dürr) der Soziologie, möchte ich im folgenden einige naturbezogene Zusammenhänge betrachten.

Zur Zivilisation der Menschen zähle ich alles, was sie zur Führung und Gestaltung ihres Lebens entwickeln. Ausgangsgegebenheiten für die Zivilisation der Menschen sind die Natur und die Existenz anderer Menschen. Der Mensch benutzt seine Intelligenz, um seine grundsätzlichen Einstellungen sowie seine Mittel für seine Wechselwirkungen mit der Natur und anderen Menschen weiter zu entwickeln, um seine Lebensbedingungen auf der Erde zu verbessern. Zug um Zug verlagert er seine direkte Wechselwirkung mit Natur und Menschen auf eine indirekte, durch die zivile Infrastruktur vermittelte und verstärkte Wechselwirkung.

Diese Entwicklung hat jetzt einen »kritischen« Punkt erreicht – kritisch im Sinne systemischer Kritikalität, d.h. wo ein Weiter-machen-wie-bisher zu einer Veränderung des Gesamtsystems führt5. Dieser Zug des Zivilisationsprozesses konstituiert nun eine Globalisierung der Menschheit und nötigt so zu einem »Phasenübergang«6, der einen qualitativen Sprung in den Staatenbeziehungen bringt.

Um die für unseren Zusammenhang wichtigen Implikationen der industriellen Zivilisation herauszustellen, möchte ich einen Rückblick auf zwei vergangene, unvollendete Zivilisationsstufen vorausschicken mit der Absicht, deren Möglichkeiten einer Dauerhaftigkeit aufzuzeigen.

Sammler und Jäger

In dieser Zivilisationstufe versorgen sich die Menschen auf die gleiche Weise wie Tiere aus dem Angebot der Natur: Die Natur wird so genommen wie sie ist.

Die Tierwelt hat mit dieser Versorgungsweise über viele Millionen Jahre in einer stabilen Balance mit der solarenergetisch und photosynthetisch (re-)generierten Pflanzenwelt gelebt: Tiere haben die Erde nicht kahl gefressen,

Menschen würden mit dieser Zivilisationsform also im wesentlichen einige landgebundene Tierarten zurückdrängen oder ganz verdrängen bei der Konkurrenz um Nahrungsangebot und Lebensraum. Durch die Abhängigkeit der Menschen vom unmittelbaren Nahrungsangebot der Natur könnte die Zahl der Menschen über die natürliche pflanzliche Nahrungsbasis nicht hinauswachsen. Diese Zivilisationsform dürfte selbstregelnd zu einem stationären, d.h. nur sehr langsam veränderlichen Gleichgewicht der Population Mensch mit dem Gesamtsystem Natur führen. Eine systemische Höherorganisation zur Stabilisierung wäre nicht erforderlich.

Ackerbau und Viehzucht

Mit dem zivilisatorischen Fortschritt zu Pflanzen- und Viehwirtschaft wird die Situation grundlegend verändert: Die Natur wird von Menschen gesteuert.

Einiges fliegt raus, anderes kriegt mehr Platz. Die Tierwelt wird nach und nach ersetzt durch »Nutztiere« und die Pflanzen durch »Nutzpflanzen«, zunächst auf dem Lande, später dann auch im Wasser. Die Menschen leben weiterhin als Teil des biosphärischen Kreislaufs.

Die Zahl der Menschen kann so lange wachsen, wie Tiere verdrängt und Pflanzen durch Nutzpflanzen ersetzt werden können. Dieser Grenzwert kann kaum überschritten werden, da dann sofort ein Nahrungsmangel das Weiterwachsen umkehren würde. Diese Zivilisation führt im Endzustand zu einem System von Monokulturen. Würde dann eine Krankheit eine der wenigen aber weltweit angebauten Arten von Nutzpflanzen für eine oder einige Ernteperioden ausschalten, wäre das eine globale Katastrophe für diese Zivilisation7. Diese Zivilisation wäre also verwundbar. Sie müßte zu ihrer Stabilisierung, zur Wahrung des globalen Gemeinwohls und zur Vermeidung unbeherrschbarer sozialer Katastrophen eine Einrichtung zum optimalen Pflanzenschutz schaffen. Diese Einrichtung wäre nur sinnvoll, wenn sie bei der Entscheidung über notwendige Maßnahmen und bei ihrer Durchführung durch keine einzige souveräne Staatsregierung behindert werden kann, da Pflanzenkrankheiten an Staatsgrenzen nicht Halt machen.

Zur Abstützung ihrer Dauerhaftigkeit wären also supranationale Einrichtungen mit globaler Autorität erforderlich.

Die industrielle Zivilisation8

Der Beginn der maschinellen Güterproduktion im ausgehenden 18. Jahrhundert in Europa markiert den Übergang zur industriellen Zivilisation. Dadurch werden die Entwicklungsdynamik und die Entwicklungsziele der menschlichen Zivilisation – letztlich weltweit – völlig revolutioniert. Von da an hört die Menschheit auf, sich den Bedingungen der Natur und deren Möglichkeiten anzupassen, sondern: Die Natur wird zur Ressource und zur Kloake für eine Kunstwelt.

Die Menschen ziehen Zug um Zug in diese Kunstwelt um und aus der Natur aus. Die Natur wird der Herstellung, dem Betrieb und der »Entsorgung« dieser Kunstwelt untergeordnet. Sie wird zur unbegrenzten Ausbeutung und Verwüstung frei gegeben. In der Kunstwelt schotten sich die Menschen gegen die verdreckte Natur ab.

Diese zivilisatorische Revolution ist das Ergebnis der geistigen und materiellen »Befreiung« des Menschen aus seiner Naturabhängigkeit durch philosophische Aufklärung und aufblühende Naturwissenschaft mit ihren bahnbrechenden Entdeckungen und Verständnisfortschritten auf den Gebieten der Optik, Chemie, Elektrizität und Wärmekraftmaschinen seit dem 17. Jahrhundert. Grenzen der Natur werden zur Herausforderung ihrer Überwindung,

Die technischen Anwendungen dieser Erkenntnisse ermöglichten den Beginn des Baus von Maschinen und der Entwicklung gesellschaftlicher und ökonomischer Strukturen zur industriellen Güterproduktion. Die Bereitstellung maschineller Kraft, ihre Kontrolle durch Regelungstechnik, und – seit der Erfindung des Transistors – die Bereitstellung maschineller Intelligenz haben die Wirkungsmöglichkeiten der Menschen weit über ihre eigenen Kräfte hinaus gesteigert9. Die Ergebnisse dieses »Triumphs« des Geistes (Verstandes?) über und dieses Würgegriffs auf die Natur sind Wohlstand oder gar Luxus für die, die auf der »Sonnenseite« der wissenschaftlich-technischen Zivilisation stehen.

Doch es gibt erhebliche Schatten. Die Natur wird in einer militanten Weise ausgeschlachtet, vermarktet und vermüllt. Was in Millionen von Jahren an »Roh"stoffen und Energievorräten in Litho- und Biosphäre angesammelt wurde, wird in Jahrzehnten im Stile einer globalen Brandrodung für den Betrieb der Kunstwelt verfeuert und dabei umgewandelt in zum Teil Jahrzehnte bis Jahrtausende lang wirkende Zeitbomben wie z.B. das Ozonloch, die an allen Ecken und Enden aus dem Boden steigenden Dioxine, oder die radoaktiven und nuklearen Hinterlassenschaften der zivilen und militärischen Atomtechnik.

Zu den Schattenseiten des zivilisatorischen Fortschritts gehören:

Bevölkerungsexplosion: Mitte des 19. Jahrhunderts setzte ein exponentielles Wachstum ein. Die Kunstwelt erlaubt ein »Menschen-mal-Konsum« – Wachstum weit über die dauerhafte Tragfähigkeit des Biotops Erde hinaus. Geschieht dies zu schnell. dann kann der Globus kahl gefressen und bis zur Lebensuntauglichkeit verdreckt sein, bevor die kunstweltinternen Begrenzungsmechanismen wirken.

Verwundbare Versorgungssysteme: Das Instrumentarium der industriellen Zivilisation ist eine zivile Infrastruktur (Zivilisationsmaschine), die menschliche Arbeit verstärkt und uns mit Lebensnotwendigkeiten und Wohlstand versorgt. Sie trennt uns von der Natur.

Zum Verstärker »Zivile Infrastruktur« gehören: Öltanker, elektrische Kraftwerke, industrielle Fertigungsstraßen, Arbeitsteiligkeit, Spezialisierung, Informationen, Rationalisierung von Produktionsvorgängen und informationstechnische Vernetzung, Wissenschaft und Forschung, Verkehrssysteme, Handelsorganisationen, weltumspannende Warenströme, Management, Computer, gespeicherte Intelligenz, lernfähige software, u.v.a. mehr. Mit immer weniger Menschenarbeit wird immer mehr produziert, verbraucht und vermüllt. Die industrielle Produktivität, d.h. den Verstärkungsgrad der zivilen Infrastruktur, verdoppeln die Industrieländer in ca. 15 Jahren.

Wenn diese Maschinerie einmal ausfällt, stehen wir ziemlich hilflos da10. Was z.B. können wir noch in unserem normalen Tagesablauf ohne Elektrizität tun? Ohne die weltweite Zivilisationsmaschine und ohne deren globales Funktionieren können wir uns nicht mehr versorgen. Die Versorgungs-möglichkeiten früherer Zeiten würden nicht ausreichen – man denke nur an Energie-, Lebensmittel-, Wasser- und medizinische Versorgung – und sind darüber hinaus weitgehend zerstört.

Technische Großrisiken: Dieses hochorganisierte System wandelt immer kleinere Steuersignale in immer größere Produkte um. Es reagiert aber auch auf Störsignale und produziert dann Katastrophen11. Der Unfall von Tschernobyl war bisher vielleicht der spektakulärste und folgenschwerste. Störungen können extrem verstärkt werden. So kann 1 Liter Whisky ausreichen, um tausende Kilometer Meeresstrand biologisch zu zerstören – für viele Jahre. Man darf den Whiky nur nicht direkt auf den Strand gießen, sondern in unsere zivile Infrastruktur, z.B. in die Kehle des Kapitäns eines Öltankers.

Wir haben eine Zivilisation mit vielen »verpackten« Gefahren im Overkill-Bereich geschaffen. Schon ein menschlicher Fehler kann Katastrophen auslösen, die die Welt an den Rand des Abgrunds und auch darüber hinaus bringen können. Erst recht trifft dies auf Kriegführung im Umfeld von Atomkraftwerken zu. Wir hängen an der Betriebsbedingung Frieden.

Das größte und unkontrollierbarste Risikopotential liegt in der zwischenstaatlichen Sicherheitstechnik, der Militärtechnologie. Deren Ausbreitung verläuft mit beklemmender Rasanz. Obwohl bereits wegen der zivilen »Tretminen« weitgehend kriegsuntauglich – Kriege führen sie inzwischen nur noch als »Exportartikel« – betreiben gerade die hochentwickelten Industrieländer die Entwicklung immer raffinierterer Waffentechnologien, in der Illusion, sich dadurch sicherer zu machen. Doch je weiter ihre Waffen reichen, desto mehr potentielle Gegner erreichen und erzeugen sie, gegen die sie sich dann verstärkt panzern12.

Erschöpfung von Ressourcen: Die Menschheit ist abhängig von substituierbaren und von nichtsubstituierbaren Resourcen. Zu den ersteren kann man Bodenschätze wie Eisen oder Erdöl zählen. Wenn sie verbraucht sind, wird uns schon ein Ersatz einfallen, zumal ihre Erschöpfung nicht schlagartig eintritt. Zu den letzteren gehören Trinkwasser, Ackerland, oder genetische Vielfalt in der Natur. Sie können nicht nur durch Übernutzung oder Zerstörung verschwinden, sondern genau das geschieht mit ihnen. Trotz Kenntnis dieser Tatsache findet kaum eine wirksame globale Vorsorge statt13, sondern die Völker oder Staaten wetteifern eher in verschwenderischer Übernutzung. Wer zuerst kommt …

Fäkalisierung der Erde: Viele Produkte, die beim Betrieb der Kunstwelt an- oder besser: abfallen, lösen in der Natur Störungen oder Zerstörungen aus, wie z.B. CO2, FCKW, DDT, radioaktive Isotope, PVC, PBC, Schwermetalle oder Phosphate, um nur einige zu nennen. Die Wirkungszeiten dieser Produkte sind oft sehr viel länger als deren Produktionszeit, d.h. sie akkumulieren sich, oft im Ende der Nahrungskette. Noch schwerwiegender ist der Umstand, daß die Gefährlichkeit mancher Zivilisationsgülle erst mit großer Verzögerung erkennbar oder tatsächlich spürbar wird. Bis dahin kann, bei der häufig sehr schnellen massenhaften Produktion neuer Stoffe, bereits eine lethale Dosis im Umlauf sein. Wäre die Aufstiegszeit der FCKW bis zur Ozonschicht z.B. 50 statt der tatsächlichen 15 Jahre, wäre die Produktion mit dann katastrophalen Auswirkungen noch über 30 Jahre weiter gesteigert worden. Manche Giftwirkungen sind sogar grundsätzlich nicht zu überblicken, da erst gewisse Kombinationen von Stoffen oder Einflüssen zu solchen führen. Die chemische und gentechnische Innovationshetzerei wird noch für manche brenzliche Situation sorgen. Gegen den »fäkalischen Selbstmord« der Menschheit gibt es weder einen automatischen Regelmechanismus, noch verläßliche Frühwarnsysteme.

Destabilisierung natürlicher Systeme: Beispiele hierfür sind die Tier- und Pflanzenwelt, die durch Ausdünnung der Artenvielfalt, durch Zerstörung natürlicher Lebensräume oder durch Schadstoffe in Luft und Wasser bedroht sind, oder das Erdklima, das durch den Treibhauseffekt umkippen kann.

Über Millionen von Jahren hat die Menschheit sich als ein Teil der irdischen Natur entwickelt. Jetzt haben wir sie binnen zweihundert Jahren durch unsere globale Brandrodung in einen Zustand gebracht, den wir ungeschützt nicht mehr aushalten können.

Die hier sehr unvollständig skizzierten Entwicklungen gehen weiter. Wohin uns aber die zivilisatorische Raserei der Reichtumsländer und die demographische der Armutsländer innerhalb der nächsten Periode der Verdoppelung der Weltbevölkerung – also innerhalb von ca. 50 Jahren – bringen wird, ist klipp und klar zu erkennen: Der Mensch und die Menschheit wachsen über die natürlichen Kapazitäten der Erde hinaus. Kein Nationalstaat kann seine Bürger dauerhaft vor den Folgen des Überziehens der Tragfähigkeit der Erde schützen. So werden wir, ob wir es wollen oder nicht, von Staatsbürgern zu Weltbürgern.

Die erste Frage ist, ob die menschliche Intelligenz, die diese Entwicklungsdynamik angefacht hat, diese auch steuern und begrenzen kann, ob sie die Menschheit daran hindern kann, sich im Konsum- und Wachstumsrausch den »Goldenen Schuß« zu geben. Und die zweite ist, an wen in der Menschheit sich diese richtet. – Haben Menschen bisher, einzeln und in Gruppen, aus Fehlern gelernt. so werden jetzt mehr und mehr Fehler mit globalen Folgen möglich, nach denen Lernen zu spät sein wird. Wir müssen künftig vor den Fehlern aus ihnen lernen. Das ist neu.

Gibt es eine Wissenschaft für diese Aufgabe14? – Jedenfalls gibt diese Notwendigkeit den makrokosmischen, globalen Regelsystemen eine entscheidende Rolle.

Zivilisatorische Dynamik in einer endlichen Welt

Wenn die Fortsetzung des evolutionär herausgebildeten Wachstums- und Konkurrenzprinzips im mikrokosmischen Verhalten der Menschen unter den Bedingungen der industriellen Zivilisation auf der makrokosmischen Ebene die Menschheit über die Belastbarkeitsgrenze der Natur hinaus führt, dann ist die Maxime der freien Entfaltung zivilisatorischer und ökonomischer Potenzen als Betriebssytem für die Menschheit auf einer endlichen Erde fatal. Wir dürfen deshalb nicht mehr nach Absicherung der gewohnten, erwiesen destruktiven Lebens- und Wirtschaftsweisen streben, sondern müssen nach zukunftsfähigen Optionen suchen.

Grundsätzlich kann man hier zwei Ansätze betrachten: Bessere Verpackung und/oder Verminderung von Selbstgefährdungspotenzen.

Vermehrte Sicherheitstechnik vermeidet nicht Gefahrenpotentiale, sondern macht sie »beherrschbar«. So sind z.B. das containment von Kernreaktoren und deren Notabschaltsysteme Beispiele für passive und aktive sicherheitstechnische Verpackungsmaßnahmen.

Eine der größten Gefährdungen unserer Zivilisation geht von dieser verpackenden Sicherheitstechnik aus , denn sie vermehrt reale Gefahrenpotentiale indem sie sie genehmigungsfähig macht. Obendrein entzieht sie sie unserer Wahrnehmung15. Ohne sensiblen und rechtzeitigen feed-back aber kann sich ein System nicht geregelt steuern.

Einige Beispiele von Maßnahmen, die unsere Wahrnehmung vermindern:

Der Auspuff eines Autos ist so angebracht, daß er für dessen Fahrer nicht sichtbar ist. Warum sollte ein Autofahrer weniger fahren, wenn er den Dreck, den er dabei erzeugt, nicht zu Gesicht bekommt? Und gegen den Dreck der vor uns fahrenden Autos machen wir uns unsensibel durch Reinluftfilter. Ein umweltfreundliches Auto hätte seinen Auspuff zumindest im Blickfeld dessen, der auf das Gaspedal tritt, wenn nicht gar im Fahrzeuginnern. Wir stören uns an dem Gefahrenpotential der autobedingten Luftverschmutzung erst, wenn die Atmosphäre als Ganzes schon weitgehend gestört ist.

Medizinische Technik: Immer besser gelingt es uns, Probleme der Bewohnbarkeit der Erde vor uns selbst zu vertuschen. Die gesundheitlichen Schäden an den Menschen wie z.B. Allergien werden medizinisch repariert. Tieren und Pflanzen, unseren Mitbewohnern und Nahrungslieferanten im Stoffkreislauf der Natur, hilft das aber wenig. Und uns deshalb langfristig auch nicht.

Müllentsorgung: Nun werden wir alle Sorgen mit dem Müll los – nur den Müll selber nicht. Der wandert zur Deponie, über Lecks in das Trinkwasser, als Sand auf Spielplätze und Klärschlamm auf Felder für unsere Nahrung, über die Schornsteine der Verbrennungsanlagen in unsere Atemluft, oder als preiswertes Brennmaterial in Armutsländer. Ohne Müllabfuhr sähe unsere Umwelt schrecklich aus – der (eigene) Dreck läge vor unseren Augen! Vielleicht hätte dieses Erschrecken uns manche technische, ökonomische und verhaltensmäßige Fehlentwicklung erspart.

Industrielle Sicherheitstechnik: Wir schaffen immer fatalere Primärrisiken bei scheinbar gleichbleibenden Restrisiken.

Militärische Sicherheitstechnik: Sie erlaubt es, eine ganze Reihe von realen Problemen dieser Welt zu ignorieren. Die Reichtumsländer können – noch – solche Länder in Schach halten, die mit der Beschaffungskriminalität für ihre Privilegien nicht einverstanden sind. Militärische Sicherheitstechnik verführt zum Verzicht auf eine Geosozialpolitik.

Technologiefolgen-Abschätzung: Früher wurde man durch Schaden klug. Heute planen wir Projekte, bei denen der Schadensfall auf keinen Fall mehr eintreten darf, oder wir setzen uns bei der großtechnischen Umsetzung von Innovationen unter solchen ökonomischen Druck , daß wir die Erfahrung der Folgen auf niedrigem Anwendungsniveau nicht mehr abwarten.Technologiefolgen-Abschätzung soll die unbekannten Folgen in den Legitimationsgriff zwingen. Es gibt auch Autofahrer, die mit der Spekulation, die Spur werde schon frei sein, mit Vollgas in eine Nebelwand hineinrasen.

Insgesamt leistet die verpackende Sicherheitstechnik einer Steigerung des realen Gefahrenpotentials Vorschub . Natürlich können wir auf sie nicht vollständig verzichten, doch scheinen wir sie zu Weitermachen-wie-bisher zu gebrauchen, so daß uns die realen Gefahren über den Kopf wachsen.

Verpackende Sicherheitstechnik ist das trojanische Pferd der zivilisatorischen Selbstzerstörung.

Verminderung von Gefahrenpotentialen.

Wir müssen nach den Chancen für eine solche Weiterentwicklung der Zivilisation suchen, die ihre Selbstgefährdung vermindert. Welche Möglichkeiten haben wir noch? Hier sind einige:

1. Generell alles unterlassen, wirksam verhindern und unter Strafe stellen, was Hypotheken auf die Zukunft nimmt. Dazu gehört vor allem ein weltweites Verbot von Langzeitdeponien und ein Produktionsverbot von Langzeitmüll. Eine gefährliche Produktionsanlage oder die Produktion gefährlicher Güter kann man abschalten, eine Deponie nicht. Sie ist wie ein Fahrzeug ohne Bremsen. Die kriminellen Einrichtungen »Langzeit-Deponien« müssen geschlossen werden.

2. Wir brauchen globale Register und Genehmigungsstandards für alle industriellen Risikoeinrichtungen, von Deponien bis zu Produktionsstätten , insbesondere für die der Nukleartechnik, und einen globalen Inspektionsdienst für deren ständige Überprüfung ohne Rücksicht auf nationale Souveränitäten oder industrielle Betriebsgeheimnisse.

3. Die bereits vorhandenen Hypotheken oder »Altlasten« müssen saniert werden, wo es noch geht., da sie viele Menschen belasten können, oft in überregionalem Ausmaß. Da viele Verursacher gar nicht mehr in der Lage sind, sie zu beseitigen, ist diese Sanierung eine globale Gemeinschaftsaufgabe. Die Unterbindung des globalen Mülltourismus zu Lande, im Wasser und in der Luft ist ebenso eine.

4. Wir müssen mit unserer zivilisatorischen Dynamik, also der Bevölkerungs-, Risiko- und Naturverbrauchsexpansion angesichts der Endlichkeit der Erde Schluß machen. Wir müssen runter von einer Dynamik der reinen Gegenwart, die die Schätze der Vergangenheit und die Optionen der Zukunft verbraucht. Brutto-Sozialprodukt und Brutto-Naturdestrukt müssen beide zu Regelungsgrößen gemacht werden. Ökonomische und politische Mechanismen dürfen nicht länger die Zukunft ausblenden, wenn wir eine haben wollen, noch dürfen sie national parzelliert werden, wenn wir das Biotop Erde erhalten wollen.

Ich sehe als einzige Option für Dauerhaftigkeit den Einstieg in eine global organisierte Selbstbeschränkung der Menschheit. Die freiwillige einiger reicht nicht. Dazu brauchen wir globale Verantwortlichkeiten und Steuerungsmechanismen ohne Behinderung durch nationale Souveränitäten.

Optionen für die Selbstorganisation des Gemeinwesens Erde

Man kann hier einwenden, daß die Völker oder Staaten offensichtlich noch nicht reif seien für ein Aufgeben ihrer Rivalität , für transnationale Höherorganisation und gobale Selbstbeschränkung. Das ist genau das menschheitliche Dilemma. Denn der Niedergang des Biotops Erde wartet nicht bis zu diesem Moment.

Es sieht so aus, als würden die Nationalstaaten vor dieser Menschheitsaufgabe fundamental und mit schrecklichen Folgen versagen. Es ist nicht erkennbar, wo sie ihre nationalen Partikularinteressen und Eitelkeiten auch dann, wenn es national einmal weh tut, einem Globalwohl unterordnen. Gibt es denn ein erkennbares Globalwohl, ein alle Menschen einigendes Interesse, eine Welträson?

Die Erde als Lebensgrundstück der Menschen erhalten oder wiedergewinnen! Auf diese Formel müßten sich Menschen und Staaten aller Kulturen einigen können. Die Alternative, die Welt als Lebensgrundstück einiger privilegierter Menschen oder Staaten zu organisieren, oder sie für deren Konsumrausch zu Schrott zu fahren, ist für alle gefährlich. Doch wie läßt sich das übergeordnete Globalwohl organisieren?

Lokal denken – global handeln

Auf »lokaler« Ebene wird von den Menschen seit langem mit großem Erfolg demonstriert, wie man durch einen Souveränitätstransfer auf gesamtgesellschaftliche Einrichtungen sowohl das Zusammenleben in einer Gesellschaft als auch die Entfaltung der Person möglich macht. Wenn ich einen Misstand auf kommunaler Ebene empfinde, so kann ich mich an »meinen« kommunalen Parlamentarier wenden. Wo ist mein globaler Parlamentarier? Es sollte für die Nationalstaaten nicht nur möglich, sondern im Hinblick auf ihre eigene Zukunft sogar attraktiv sein, zur Ermöglichung des Lebens und Zusammenlebens der Völker auf einem endlichen Planeten auf einige Privilegien und Eigenmächtigkeiten aus der Vergangenheit zugunsten globaler Regelungen zu verzichten: Zukunftsinvestition Souveränitätstransfer.

Der Einstieg in globales Handeln erfordert die Definition und Einrichtung globaler Verantwortlichkeiten. Das verlangt nicht die Einrichtung einer Weltregierung. Aber es verlangt globale Foren, die legitimiert, anerkannt und kompetent sind, Felder für globale Verantwortlichkeiten zu definieren. Auch wenn sich nicht alle Staaten beteiligen sollten, so können doch diejenigen, die die globale Krise ernst nehmen, damit beginnen.

So könnten sich doch aus allen demokratischen Ländern – und die wichtigsten Industrieländer sind demokratisch – Parlamentarier zu einem globalen parlamentarischen Rat zusammentun und als globales Gremium Vorschläge zur globalen Handhabung der bekannten globalen Aufgaben, zum Umgang mit den bedrohten menschheitlichen Gemeinschaftsgütern und zur Wahrnehmung menschheitlicher Gemeinschaftsinteressen entwickeln, und sie dann ihren nationalen Parlamenten und Regierungen unterbreiten. In vielen Ländern hätten dann Nicht-Regierungs-Organisationen aus dem ökologie- und friedenspolitischen Bereich parlamentarische Ansprechpartner für globale Probleme und könnten kohärenten Druck auf nationale Gremien ausüben. Ein demokratisches feed-back System für globales Politikhandeln könnte so seinen Anfang nehmen. Können wir Wissenschaftler dazu ein Modell vorschlagen?

Die UNO in ihrer jetzigen Form ist dazu nicht geeignet. Sie ist eine Organisation der Regierungen von Staaten, ohne Opposition und ohne demokratische Kontrollen. Sie wird von nationalen Regierungen immer wieder im nationalen anstatt im menschheitlichen Interesse benutzt. Zwar ist sie zur Zeit das beste, was wir für die globalen Aufgaben haben, aber sie muß weiter entwickelt und ergänzt werden.

Ganz konkret brauchen wir Initiativen für

1. eine Geo-Sozialpolitik basierend auf Menschenrechten als Alternative zu militärischen Mauern zur Absicherung von Reichtumsländern gegen wachsende Ströme von »Wirtschafts«-flüchtlingen, sowie eine weltweit gerechte Wirtschaftsordnung anstelle schneller Eingreiftruppen. Nur dann werden sachlich unstrittige ökologische Stabilisierungsschritte auch durchsetzbar.

2. eine Geo-Ökosphärenpolitik, anstelle des derzeitigen ökonomischen Radikalismus und des Schacherns um nationale Vorteile bei den Maßnahmen zum Schutz der Ökosphäre. Hier müssen Schutzräume der Natur vor den Menschen konzipiert und Grenzen und Quoten für die Belastung der Natur durch Zivilisations-Fäkalien vorgelegt werden.

3. eine Geo-Ressourcenpolitik, wenn der Kampf um die letzten Schatzkammern der Erde nicht mit militärischen Mitteln ausgetragen werden soll.

4. eine Geo-Besiedlungspolitik, zu deren wichtigsten Aufgaben die Feststellung eines Grenzwertes für die Zahl der Menschen, mit der die Ökosphäre dauerhaft belastet werden kann, sowie die Festlegung regionaler Quoten gehören.

5. Regeln und Einrichtungen der Kooperation und des Rechts als Grundlage und zur Durchsetzung zwischenstaatlichen Sozialverhaltens, anstelle von Rivalität, Militanz und Faustrecht. Mit der Ablösung der völkisch-nationalen Souveränitätsordnung durch eine menschheitliche Ära wird auch die Abschaffung der weltgefährdenden Waffenproduktion und des internationalen Waffenhandels möglich. Denn militärische Weltordnung, Waffenproduktion, -besitz und -handel sind untrennbar.

6. eine schrittweise Überführung nationaler Streitkräfte in supranationale (bewaffnete) polizeiliche Ordnungskräfte und (unbewaffnete) Verbände für humanitäre Aufgaben.

7. eine Überwindung der nationalen Gefangenschaft der Demokratie, zur politischen Eindämmung der globalen zivilisatorischen Selbstzerstörungsdynamik.

Das sind eine Reihe direkt möglicher und erforderlicher Schritte. Für die Balance zwischen menschlicher Dynamik und irdischer Endlichkeit wird es kein dauerhaft geltendes Rezept geben, aber sicherlich brauchen wir eine Philosophie sowie Lebens- und Wirtschaftsmodelle der Endlichkeit und Selbstbeschränkung als Grundlage von Dauerhaftigkeit.

Anmerkungen

1) Die UNO ist ein Einstieg in eine Höherorganisation. Gegenwärtig hat sie aber noch keine eigenen Rechte, die sie auch gegen den Willen jedes ihrer Mitglieder wahrnehmen kann. Zurück

2) Die Macht des Staates ist somit nicht eigenständig, sondern resultiert aus einem Souveränitätstransfer seiner Bürger. Fordern die Bürger sie zurück – wie in »Wir sind das Volk« – so ist die Legitimation des Staates beendet. In einem Rechtsstaat ist der Bürger zudem vor staatlichem Missbrauch des Gewaltmonopols geschützt. Zurück

3) Das Neue NATO-Konzept,1991. Text in Frankfurter Rundschau vom 25/26.11.91 Zurück

4) Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, 1969, Francke Verlag, Bern, und 1976, Suhrkamp Verlag, Frankfurt. Zurück

5) Jeder kennt den »kritischen« Punkt beim Aufblasen eines Luftballons. Zurück

6) Ein Begriff aus Physik und Chemie für den Übergang eines Systems zwischen verschiedenen Ordnungszuständen, wie z.B. der von Wasser zwischen der flüssigen und der festen Phase . Zurück

7) Tatsächlich ist eine solche Situation 1841 in Irland eingetreten, das seine Ernährung damals im wesentlichen auf den Anbau einer Kartoffelsorte stützte, die dann einer Pflanzenkrankheit inselweit zum Opfer fiel. Zurück

8) Es gibt umfangreiche Dokumentationen über den Zustand des Biotops Erde und die gegenwärtige Welt. Ich verweise hier auf fünf neuere Übersichtsarbeiten: Lester R. Brown u.a.: State of the World, A Worldwatch Institute Report on Progress Towards a Sustainable Society, W.W.Norton & Co., New York 1991 Alexander King, Bertrand Schneider: Die Globale Revolution – Bericht des Club of Rome, 1991, Spiegel Verlag Hamburg, Stiftung Entwicklung und Frieden (Hrsg.): Globale Trends – Daten zur Weltentwicklung,1991, UNO-Verlag Bonn; Ernst U. von Weizsäcker, Erdpolitik, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt,1990 (2.Aufl.); Donella u. Dennis Meadows, Jorgen Randers, Die neuen Grenzen des Wachstums, 1992, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart; Al Gore: Wege zum Gleichgewicht, ein Marshallplan für die Erde, 1992, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. Zurück

9) In unseren Breiten setzt jeder Mensch im Durchschnitt 5 Kilowatt an Energie (genauer: Leistung) ein, Tag und Nacht. Das ist das hundertfache der körperlichen Leistungsfähigkeit. Damit »powern« wir unseren technisierten Zugriff auf die Natur. Zurück

10) Gerhard Knies: Friedfertigkeit durch zivile Verwundbarkeit oder: über die strukturelle Kriegsunfähigkeit moderner Industriegesellschaften. in Sicherheit und Frieden (S+F), Bd.6, Heft2, 1987, Nomos Verlag Baden-Baden; und zur Kriegsuntauglichkeit moderner Industriegesellschaften: Beiträge von M. Schmidt und W. Schwarz, U. Pordesch und A. Rossnagel, M. Sailer, E. Schmidt-Eenboom und W. R. Vogt, in S+F, Bd.8, Heft4, 1989. Zurück

11) Charles A. Perrow, Die ganz normale Katastrophe, New York, 1984; Ulrich Beck, Risikogesellschaft, Frankfurt, 1986. Zurück

12) Die gegenwärtige Militärdoktrin der militärischen Führungsmacht USA heißt GPALS=Global Protection Against Limited Strikes, ein Musterbeispiel der systemischen Militarisierung. Zurück

13) Es gibt einige Ausnahmen, wie z.B. Fangbeschränkungen für bestimmte Fischarten in bestimmten Meeresgebieten. Zurück

14) Es gibt wissenschaftliche Bemühungen dazu in verschiedenen Disziplinen, aber es gibt keine »Globologie«, die systematisch und umfassend Optionen für ein kontrolliertes Gleichgewicht von Menschheit und Erde untersucht. Zurück

15) Al Gore spricht in seinem Buch (s. Fn.8) in diesem Zusammenhang von „Aus den Augen, aus dem Sinn“. Zurück

Dr. Gerhard Knies, Jahrgang 1937, arbeitet als Physiker an dem Großforschungsinstitut DESY in internationalen Kollaborationen auf dem Gebiet der Elementarteilchenphysik. Er beschäftigt sich im Zusammenhang mit der Friedensbewegung seit einigen Jahren mit der zivilen Verwundbarkeit von Industriegesellschaften.

in Wissenschaft & Frieden 1993-1: Zivil und militärisch

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