in Wissenschaft & Frieden 1993-1: Zivil und militärisch

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Dual-use in der Psychologie

Militärpsychologie, ein wichtiges und legitimes psychologisches Forschungs- und Berufsfeld?

von Marianne Müller-Brettel

Die Wehr- oder Militärpsychologie gehört seit dem Ersten Weltkrieg zu den Berufsfeldern für PsychologInnen und seit Beginn dieses Jahrhunderts werden psychologische Verfahren beim Militär angewandt. Die Dual-Use-Problematik psychologischer Forschungsergebnisse und Verfahren soll im folgenden anhand der Beschreibung der historischen Entwicklung der Beziehungen zwischen Psychologie und Militär und der Motivationen sowohl einzelner Psychologen und Psychologinnen wie auch der Psychologie als Disziplin, ihre Erkenntnisse in den Dienst von Rüstung und Militär zu stellen, diskutiert werden. Zum Schluß wird auf das Problem der Verantwortung der WissenschaftlerInnen für den Dual Use ihrer Ergebnisse und die Möglichkeiten, Mißbrauch zu verhindern, eingegangen.

Die beiden Weltkriege als Bewährungsfeld der Psychologie

Die Psychologie ist eine relativ junge Disziplin, die sich gegen Ende des letzten Jahrhunderts in Deutschland und in den USA durch die Einrichtung von Lehrstühlen und psychotechnischen Labors, sowie eigenen Zeitschriften und Berufsverbänden etablierte. Schon vor dem ersten Weltkrieg wurden empirische Untersuchungen an Soldaten durchgeführt (Rodenwaldt, 1905). Im Ersten Weltkrieg wurden in der Reichswehr zwischen 1915 und 1918 etwa 24.000 Kraftfahranwärter Ausleseverfahren unterzogen und psychotechnische Untersuchungen an Flugzeugführern, Artilleriebeobachtern und Funkern durchgeführt. Aufgrund der ständischen Gesellschaftsordnung und der allgemeinen Wehrpflicht sowie der feudalistischen Struktur des Reichsheeres wurden solche Verfahren weder bei der Rekrutierung von Soldaten noch bei Anwärtern der Offizierslaufbahn eingesetzt. Erst nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches und der Entfeudalisierung des Offizierscorps wurden charakterologische Tests bei der Auslese der Offiziersanwärter verwendet.

Im Nationalsozialismus wurde die Wehrmachtspsychologie weiter ausgebaut, 1942 wurden die Luftwaffenpsychologie und die Heerespsychologie aufgelöst, nur die eignungspsychologischen Dienststellen der Kriegsmarine blieben noch bis kurz vor Kriegsende bestehen (Riedesser & Verderber, 1985). Eine der Hauptursachen für die Auflösung dürfte darin gelegen haben, daß die ganzheitliche Eignungsdiagnostik in bezug auf die militärischen Erfordernisse versagte. Sie war nicht nur sehr zeitaufwendig (eine Prüfung dauerte zwei Tage), sondern ihr Ergebnis, nämlich ein differenziertes Bild vom Charakter des Bewerbers zu erhalten, erwies sich als schlechtes Prognosemerkmal für die Kampftauglichkeit (Danziger, 1990). 1956, ein Jahr nach dem Beginn des Aufbaus der Bundeswehr, wurde auch mit dem Aufbau des wehrpsychologischen Dienstes der Bundeswehr begonnen, mit den Schwerpunkten Personalpsychologie, wehrtechnische Psychologie, Sozialpsychologie und klinische Psychologie.

Im Unterschied zu ihren deutschen Kollegen waren die amerikanischen PsychologInnen sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg sehr erfolgreich. 1917 bei Kriegseintritt der USA wurden auf Initiative der American Psychological Association (APA) unter Führung von Robert Yerkes zwölf Komitees gegründet, die sich unter anderem mit psychologischen Problemen von Ausfällen nach Schockerlebnissen, von emotionalen Reaktionen wie Furcht oder Feigheit, der Rehabilitation nach Verletzungen, der militärischen Ausbildung und Disziplin, der Wahrnehmungsfähigkeit und der Auswahl von Soldaten befaßten. Am erfolgreichsten war das »Committee on Classification of Personnel«. Diesem Kommitee gelang es, durch Zuweisung von über dreieinhalb Millionen Rekruten zu entsprechenden Aufgaben, innerhalb kürzester Zeit eine kampffähige Armee aufzustellen. Wobei der Erfolg der PsychologInnen primär auf die erstmalige Anwendung von Prinzipien des wissenschaftlichen Managements und nur in zweiter Linie auf die Verwendung psychologischer Tests zurückzuführen war (Camfield, 1992).

Auch im Zweiten Weltkrieg wurde der Einsatz von PsychologInnen durch von der APA unterstützte und mitorganisierte Kommitees koordiniert. Sie wurden wie im Ersten Weltkrieg eingesetzt in der Personalauslese, bei der Lösung psychologischer Probleme im klinischen, pädagogischen, arbeitsorganisatorischen und ergonomischen Bereich, bei der psychologischen Kriegsführung und zur Hebung der Moral der Truppe. In weit stärkerem Maße als im Ersten Weltkrieg ging die Unterstützung der amerikanischen Intervention in Europa durch die PsychologInnen über die konkrete militärpsychologische Tätigkeit hinaus und umfaßte auch die akademische Psychologie. Zum einen entwickelten viele namhafte PsychologInnen Strategien für die amerikanische Politik gegenüber Deutschland nach Beendigung des Krieges und zum anderen waren Psychologen neben anderen Sozialwissenschaftlern an großen empirischen Untersuchungen über die Auswirkungen der Kriegsereignisse auf Soldaten und Zivilbevölkerung beteiligt (Müller-Brettel, 1991).

Ein weiteres Anwendungsgebiet der Psychologie im Krieg sind Untersuchungen über die kulturellen Eigenheiten des Gegners und die daraus abgeleitete Entwicklung von Propagandastrategien. Schon im Ersten Weltkrieg finden wir psychologische Arbeiten über die Seelenbeschaffenheiten des Gegners (ebda). Auch in den 30er Jahren wird die Bedeutung von Untersuchungen der vergleichenden Völkerpsychologie für die Außenpolitik betont, da „die Kenntnis der seelischen Eigenart der benachbarten oder gegnerischen Völker Voraussetzung für eine erfolgreiche Politik ihnen gegenüber ist“ (Blau, 1937, S. 162). In den USA werden solche Projekte seit den 50er Jahren auf empirischer Basis durchgeführt.

Der Umfang der militärpsychologischen Forschung ist nicht nur wegen der Geheimhaltungsvorschriften schwer abzuschätzen, sondern auch, weil die Grenzen zwischen militärischer und ziviler Forschung oft fließend sind (Mohr, 1987). Insgesamt dürfte das Volumen der speziell für militärische Zwecke durchgeführten Forschung im Verhältnis zur gesamten psychologischen Forschung sehr gering sein. Die Anzahl der in den Psychological Abstracts (PA) aufgeführten Veröffentlichungen zur Militärpsychologie beträgt kaum ein Prozent1. Nicht zuletzt sind bis heute fast alle im Militär erfolgreich angewandten psychologischen Methoden und Techniken ursprünglich für zivile Zwecke entwickelt worden. Ebenso spielt der Militärpsychologische Dienst als Arbeitsmöglichkeit für PsychologInnen eine untergeordnete Rolle. In Deutschland sind Ende der 80er Jahre knapp 1 Prozent, in den USA etwas über 1 Prozent der PsychologInnen dort beschäftigt (Schorr, 1991; APA, 1991). Auch in Lehrbüchern wird Militärpsychologie als Teil der angewandten Psychologie nur am Rande erwähnt. Im Gegensatz dazu steht die Bedeutung, die von den PsychologInnen selbst der Militärpsychologie für die Entwicklung ihrer Disziplin beigemessen wird. So sind sich die meisten Psychologiehistoriker darin einig, daß sowohl in Deutschland in den 20er und 30er Jahren wie auch in den USA besonders in den 50er Jahren der Aufschwung der Psychologie2 entscheidend auf ihren erfolgreichen Einsatz während der beiden Kriege zurückzuführen ist.

Zusammenfassend kann die Entwicklung der Zusammenarbeit zwischen PsychologInnen und Militär folgendermaßen beschrieben werden:

1. Es waren PsychologInnen, nicht Militärs, die den Einsatz psychologischer Verfahren im Militär propagierten.

2. Es wurden vorwiegend ursprünglich für zivile Zwecke entwickelte psychologische Verfahren eingesetzt.

3. Der erfolgreiche miliärische Einsatz psychologischer Verfahren hat wesentlich zur Steigerung des Prestiges der Psychologie als eigenständiger Disziplin beigetragen.

Motive für den Einsatz psychologischer Erkenntnisse und Verfahren im Militär

Die Frage, warum WissenschaftlerInnen ihre Arbeit militärischen Zwecken zur Verfügung stellen, ist schwierig zu beantworten, da hierfür nicht ein oder mehrere einzelne Motive verantwortlich gemacht werden können. Vielmehr handelt es sich um ein Konglomerat unterschiedlicher Motive, die wiederum bedingt sind durch das Zusammenwirken verschiedener Faktoren wie

a) konkrete gesellschaftliche Bedingungen wie vorherrschende Ideologien, politische und ökonomische Situationen,

b) disziplinäre Bedingungen wie forschungspolitische und wissenschaftstheoretische Prämissen oder personelle und organisatorische Rahmenbedingungen der jeweiligen Disziplin und

c) konkrete individuelle Bedingungen wie Berufschancen, Arbeitsplatzbedingungen und soziologische und psychologische Merkmale von WissenschaftlerInnen.

a) Militärpsychologie als patriotische Pflicht

Die Unterstützung die der Erste Weltkrieg durch die Mehrheit der deutschen Professoren erfahren hat, ist bekannt3. Vor dem Hintergrund einer in der Philosophie weitverbreiteten Weltuntergangsstimmung (Vondung, 1988), dem Einfluß der Massenpsychologie (Moscovici, 1979) und dem Vorherrschen von Rassentheorien und anderen biologischen Vorstellungen in der Psychologie (Chorower, 1982) stand die Legitimität des Krieges für die Mehrheit sowohl der deutschen wie der amerikanischen PsychologInnen außer Frage, weshalb die Unterstützung des Krieges eine selbstverständliche patriotische Pflicht war (Stern, 1915; Yerkes, 1918).

Erst seit dem Zweiten Weltkrieg wird eine breitere Diskussion über die Legitimität der Verwertung psychologischer Forschungsergebnisse und Verfahren für militärische Zwecke unter amerikanischen und deutschen PsychologInnen geführt. Die amerikanische Diskussion findet Eingang in das offizielle Organ der APA (Issue on …, 1965; 1966), wogegen in der Bundesrepublik die Kritik an der Militärpsychologie grundsätzlicherer Art ist, gleichzeitig aber weitgehend außerhalb der deutschen Psychologenverbände stattfindet (Brieler, 1985; 1987).

b) Die Bedeutung des erfolgreichen militärischen Einsatzes psychologischen Wissens für das Prestige der Psychologie

Sicher war der Einsatz psychologischer Verfahren im Militär nicht der ausschlaggebende Faktor für den Durchbruch der Psychologie zu einer angewandten Wissenschaft und für ihre Etablierung als Disziplin an den Hochschulen. Vieles spricht aber dafür, daß in bestimmten Bereichen und Zeiträumen die Militärpsychologie ein wichtiger Faktor zur Hebung des Prestiges der Psychologie war. So wurden nach dem Ersten Weltkrieg viele psychotechnische Labors sowohl in den USA wie auch in Deutschland gegründet und psychotechnische Verfahren in der Industrie angewandt. Im Nationalsozialismus vermehrte sich, bei gleichzeitigem leichtem Rückgang der Hochschullehrerstellen insgesamt, die Zahl der psychologischen Lehrstühle und Institute parallel zum Aufbau der Wehrmachtspsychologie bis hin zur Verabschiedung der Diplomprüfungsordnung für Psychologen 1941 (Geuter, 1984). Auch das exponentielle Wachstum der PsychologInnen in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg wird oft auf den erfolgreichen militärischen Einsatz der Psychologie zurückgeführt. Der Dual-Use psychologischer Verfahren ist daher für viele PsychologInnen nicht Problem, sondern eher ein Qualitätssiegel ihrer Arbeit und eine Chance für die Stabilisierung und Expansion ihrer Disziplin.

c) Bedeutung der Rüstungsforschung und Militärpsychologie als Arbeitsplatz

Neben der Bedeutung der oben beschriebenen gesellschaftlichen Faktoren für das Vorantreiben des Dual-Use psychologischer Techniken durch die PsychologInnen selbst, gibt es eine Reihe von subjektiven Bedingungen und Motivationen, die in gewissem Umfang auch unabhängig von den gesellschaftlichen Bedingungen wirken. Zu dieser Problematik liegen vor allem Berichte und empirische Ergebnisse von Untersuchungen an Naturwissenschaftlern vor. Die dort beschriebenen Mechanismen lassen sich auch auf die Bedingungen von Psychologen übertragen und sollen im folgenden erörtert werden.

In Berichten über die Arbeit von Physikern beim Bau der Atombombe in Los Alamos werden folgende Motive genannt: Konkurrenz, das Bedürfnis nach Anerkennung oder danach, »einfach ein Projekt zu Ende zu machen«. Eine weitere Ursache dafür, daß 1944 mit wenigen Ausnahmen alle Wissenschaftler in Los Alamos blieben und die Bombe zu Ende bauten, wird in der institutionellen Verankerung des Projekts in der Armee gesehen. Die Wissenschaftler identifizierten sich mit ihrer Rolle als Teil der Armee und akzeptierten die damit einhergehende Unterordnung der eigenen Urteilsfähigkeit unter die militärische Order (Dyson, 1984). Die Unterordnung unter die militärische Autorität bedeutet, daß der Forscher nicht nur sich selber unterordnet, sondern auch die Verantwortung für die Verwertung seiner Ergebnisse an andere abgibt. Cohn (1987) beschreibt aufgrund der Erfahrung einer Analyse der Sprache von Atomexperten eine ähnliche Delegation der Verantwortung, indem die technischen Probleme von den politischen und menschlichen getrennt werden. Dadurch entsteht ein System, innerhalb dessen „ein menschlicher Bezugspunkt nicht legitim“ (S.<|>142) ist. Von den Atomexperten werden menschliche und politische Probleme zwar nicht geleugnet, sie sind aber separate Fragen, für die andere zuständig sind. Diese Abspaltung wird erleichtert durch das eingeengte Erkenntnisinteresse an dem WIE, unter Vernachlässigung des WOZU ihrer Forschung und der zunehmenden Spezialisierung, die „zum Ignorieren der übergreifenden Zusammenhänge, zur Verstümmelung der »humanen Kompetenz« des Wissenschaftlers“ führt (S. 135).

Eine große Rolle dürfte die Attraktivität der Projekte in der Rüstungsforschung selbst spielen, die wie der Bau der Atombombe in Los Alamos eine hohe intrinsische Motivation ermöglichen (Csikszentmihalyi, 1985) oder wie das Projekt Camelot den Sozialwissenschaftlern eine größere Freiheit in der Grundlagenforschung gewähren als Universitäten (Horowitz, 1966). Auch für die Techniker und Ingenieure, die im deutschen Faschismus an der Kriegsvorbereitung beteiligt waren, war neben der Befreiung vom Fronteinsatz die Chance, an der Durchführung eines aufregenden Projektes beteiligt zu sein, ein wichtiges Motiv (Heinemann-Grüder & Wellmann, 1990).

Ähnlich wie im Militär wirken in der Rüstungsforschung und Rüstungsproduktion soziologische und psychologische Mechanismen, die eine Kritik oder gar Kündigung für den einzelnen äußerst schwierig machen. So ist die Verweigerung eines Wissenschaftlers meist ein individueller Akt, den er nicht nur ohne die Solidarität seiner Kollegen, sondern auch gegen die Anfeindungen seiner Scientific Community durchstehen muß, und der zunächst gesellschaftlich wenig bewirkt (Stöver, 1985). Ein weiteres erschwerendes Moment ist die spezielle Klassenlage der Intellektuellen, die sie historisch eher zum Diener der jeweiligen herrschenden Klasse als zum Oppositionellen bestimmt (Wellmann & Spielvogel, 1990).

Dual Use und die Verantwortung der Wissenschaft und der WissenschaftlerInnen

Charakteristisch für die Dual-Use-Problematik ist die Tatsache, daß die Grenzen zwischen ziviler und militärischer Forschung fließend sind. Auch die Finanzierungsquellen selber bieten keinen eindeutigen Anhaltspunkt. Betrachtet man die Projekte, die zum Beispiel von der NATO gefördert werden, so unterscheiden viele sich nicht von zivilen Forschungsprogrammen. Die Ergebnisse etlicher am sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr oder an Bundeswehrhochschulen durchgeführten Untersuchungen sind auch für die Friedensforschung von Interesse (Müller-Brettel, im Druck). Das heißt, mit Mitteln von militärischen Stellen finanzierte Projekte können Ergebnisse liefern, die primär im zivilen Bereich von Nutzen sind, und umgekehrt sind die am erfolgreichsten im Militär verwendeten psychologischen Techniken meist Produkte der zivilen Forschung.

Wie nun kann verhindert werden, daß die Psychologie sich in den Dienst von Destruktion und Vernichtung, Krieg und Völkermord stellt, wie sollen sich die PsychologInnen verhalten?

Wissenschaft und Forschung sind zum einen wesentliche Bestandteile der Gesellschaft und als solche den gesellschaftlichen Zielen und Aufgaben unterworfen. Die Kritik an der Militärpsychologie kann daher nicht allein als Problem einzelner Forschungsinhalte oder als das der Militärpsychologie selbst diskutiert werden. Eine generelle Ablehnung der Miliärpsychologie und jeder Form von Rüstungsforschung ist letztlich nur von einem konsequent pazifistischen Standpunkt aus möglich, denn solange die Legitimität des Militärs nicht in Frage gestellt wird, müssen auch ihm wie allen anderen gesellschaftlich legitimierten Institutionen wissenschaftliche Erkenntnisse und Verfahren zur Verfügung gestellt werden. Zum anderen werden diese gesellschaftlichen Prozesse und Institutionen auch durch die Wissenschaft und die WissenschaftlerInnen mitgestaltet. Weder die Psychologie als Disziplin insgesamt noch jeder Psychologe oder jede Psychologin dürfen sich der „alltäglichen Verantwortung für die gesellschaftlichen Verhältnisse“ entziehen, denn jedes Handeln und Nichthandeln steht in bestimmten gesellschaftlichen Zusammenhängen und hat damit gesellschaftliche Konsequenzen (Osterkamp, 1987).

Wie kann nun diese Verantwortung übernommen werden, und wie kann der Mißbrauch von Wissenschaft und Forschung verhindert werden? Hierfür kann es meiner Meinung nach keine generellen Lösungen geben, vielmehr muß diese Problematik entsprechend den unterschiedlichen Situationen immer und immer wieder diskutiert werden. Zum Schluß sollen zwei Forderungen näher erörtert werden:

a) die Forderung nach der Verantwortung für die eigene wissenschaftliche Tätigkeit hinsichtlich der theoretischen Annahmen der Psychologie, der Qualität der Arbeit und der Forschungsziele und

b) die Forderung nach der Verantwortung für die Verwertung der Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit.

a) Verantwortung für die eigene wissenschaftliche Tätigkeit

Gerade im Zusammenhang mit der Militärpsychologie und der ideologischen Unterstützung von Kriegen gibt es eine Reihe von Beispielen, wo durch Verletzung wissenschaftlicher Standards und Normen die Psychologie zu Vernichtung und Destruktion beigetragen hat. Wissenschaftlich nicht abgesicherte Theorien wie soziobiologische Vererbungs- und Rassentheorien oder massenpsychologische Ansätze wurden mit Unterstützung von PsychologInnen und PsychiaterInnen zur ideologischen Absicherung der Politik benutzt: Die Euthanasie wurde mit wissenschaftlichen Ergebnissen über die Unheilbarkeit von psychischen Krankheiten gerechtfertigt, der Völkermord mit Rassentheorien legitimiert und die Ursache von Kriegen mit „der menschlichen Natur“ erklärt (Chorover, 1982; Kroner, 1980).

In bezug auf die Qualität der wissenschaftlichen Arbeit haben empirische Projekte, die entweder aus Gründen des Opportunismus, indem man dem Auftraggeber keine Ergebnisse liefern wollte, die seinen Interessen widersprachen, oder aufgrund schlechter Durchführung, falsche Daten geliefert und unter Umständen dazu geführt, daß Kriege verlängert wurden und viele zusätzliche Opfer gefordert haben4. Die Geheimhaltung solcher Projekte, die eine Kontrolle durch die Fachöffentlichkeit ausschließt, trägt dazu bei, daß solche »falschen« Ergebnisse erst anhand ihrer fatalen Konsequenzen in der Praxis falsifiziert werden.

Hinsichtlich der Forschungsziele muß es Aufgabe der Psychologie sein, gesellschaftliche Bedingungen und Ursachen der Verschüttung, Hemmung oder Freisetzung menschlicher Gestaltungs- und Entwicklungspotentiale ausfindig und zu Ansatzpunkten psychologischer Ziel- und Fragestellungen zu machen. Denn professionelles psychologisches Handeln läßt sich nicht trennen von der Vertretung menschlicher Gestaltungs- und Entwicklungsansprüche und -rechte (Schmidt, 1990). Im Unterschied dazu beruht der Großteil psychologischer Forschung auf der Übernahme der Zielsetzungen der Natur- und Ingenieurwissenschaften aus dem 19. Jahrhundert, die ihre Aufgabe darin sahen, menschliche Probleme durch die Kontrolle über die Natur und ihre Anpassung an die menschlichen Bedürfnisse zu lösen. Analog dazu sehen viele PsychologInnen ihre Aufgabe darin, soziale Probleme durch die Kontrolle individuellen Verhaltens und seiner Anpassung an die gesellschaftlichen Bedürfnisse zu lösen. Diese Zielstellung begünstigte die Entwicklung von Intelligenztests, Verhaltenstrainingsmethoden und Desensibilisierungstechniken. Diese wiederum haben sich im Militär gut bewährt, indem sie nicht die Wahrnehmung individueller Entwicklungsansprüche, sondern die Anpassung an die objektiv die individuellen Entwicklungspotentiale einschränkenden Bedingungen des Militärs, angefangen von der Unterordnung unter den militärischen Drill in der Kaserne bis hin zur Überwindung der Todesangst vor einem Kampfeinsatz, unterstützen.

b) Verantwortung für die Verwertung der Ergebnisse wissenschaftlicher Tätigkeit

Die Forderung nach der Übernahme der Verantwortung für die Verwertung wissenschaftlicher Ergebnisse ist weit schwieriger zu realisieren als die Forderung nach der Übernahme der Verantwortung für die eigene wissenschaftliche Tätigkeit, da die Verwertung in den meisten Fällen der direkten Kontrolle durch die WissenschaftlerInnen entzogen ist. Um hier eine Lösung zu finden sind sicher noch viele Diskussionen erforderlich. Eine mögliche Forderung könnte sein, die Trennung zwischen Politik und Wissenschaft aufzuheben. Meiner Meinung nach ist dies nicht sinnvoll, denn es ist wichtig, politisches Handeln und wissenschaftliche Arbeit auseinanderzuhalten. Die politische Arbeit gehorcht anderen Gesetzen und erfordert andere Bedingungen und Maßnahmen als die wissenschaftliche. Der Politiker muß oft auf der Grundlage einer mangelhaften Informationsbasis kurzfristige Entscheidungen treffen. WissenschaftlerInnen dagegen, die sich dem politischen Zeit- und Entscheidungsdruck beugen, laufen Gefahr, Ergebnisse zu produzieren, die nicht nur nach wissenschaftlichen Kriterien unwahr, sondern auch für die Politik unbrauchbar sind, weil sie kein adäquates Abbild der Realität geben.

Ebensowenig dürfen aber die WissenschaftlerInnen ihre Verantwortung über die Verwertung und die Folgen ihrer Tätigkeit an die Politiker abgeben. Gerade die Beispiele aus dem Nationalsozialismus zeigen, wie ein solches Verhalten dazu führte, daß viele PsychologInnen selbst nach Repressionen von seiten der Nazis ihre Arbeit fortgesetzt haben5 und damit, wenn auch subjektiv nicht beabsichtigt, objektiv doch zur Vernichtung menschlichen Lebens beigetragen haben. Um sich der Dual-Use-Problematik der eigenen Forschung zu stellen, müssen daher sowohl die an Hochschulen und in der Forschung tätigen WissenschaftlerInnen, wie auch die BerufspraktikerInnen zum einen immer wieder die Frage nach der Zielsetzung ihrer Tätigkeit und ihrer möglichen Folgen stellen und zum anderen die Verwertung ihrer Wissenschaft in den unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen aufmerksam verfolgen und sich gegen jeden Mißbrauch zur Wehr setzen bis hin zur Arbeitsverweigerung. Dies erfordert ein sehr hohes Maß an persönlicher Integrität, Mut und Zivilcourage und hat oft Repressalien bis hin zum Berufsverbot und zur Arbeitslosigkeit zur Folge.

Jedoch ist nicht nur die individuelle Übernahme von Verantwortung gefordert, sondern auch die kollektive. WissenschaftlerInnen sind auf die Dauer nicht nur überfordert, sondern auch wirkungslos, wenn ihr Engagement gegen einen Mißbrauch ihrer wissenschaftlichen Ergebnisse nicht unterstützt und mitgetragen wird durch WissenschaftlerInnenorganisationen wie zum Beispiel die Deutsche Gesellschaft für Psychologie oder die American Psychological Association. Die Diskussion der Dual-Use-Problematik in diesen Organisationen, so mühsam und schwierig sie auch sein mag, ist daher unbedingt erforderlich und muß von den sich für den Frieden einsetzenden PsychologInnen immer wieder neu eingefordert werden.

Literatur

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Anmerkungen

1) Der Einwand, daß die niedrige Anzahl auf die Geheimhaltung militärischer Forschung zurückzuführen ist, muß sicher berücksichtigt werden. Es gibt aber Anhaltspunkte dafür, daß auch unter Berücksichtigung der unter die Geheimhaltung fallenden Arbeiten der Umfang im Verhältnis zur Gesamtzahl wissenschaftlicher Arbeiten in der Psychologie immer noch relativ gering ist. Zum Beispiel ist die Zahl von 761 Projekten, die eine Bibliographie des US-Department of Defense von 1968 zur psychologischen Kriegsführung ausweist (Watson, 1982, S. 30), vor dem Hintergrund der allein in diesem Jahr in den PA veröffentlichten 18.588 Titeln nicht sehr hoch. Ferner bedeutet Geheimhaltung eine starke Einschränkung des Forschungspotentials, da wissenschaftliche Kommunikation eine unerläßliche Bedingung für innovative Forschung ist. So kommt auch Watson zu dem Schluß, daß die der Geheimhaltung unterworfenen psychologischen Projekte von relativ geringer Qualität sind. Zurück

2) Zum Beispiel stieg die Zahl der Mitglieder der APA von 4.183 1945 auf 30.839 1970 (Crawford, 1992) und die Anzahl der in den Psychological Abstracts dokumentierten Publikationen von 4.817 1948 auf 18.260 1970. Zurück

3) So wurde 1914 der »Aufruf an die Kulturwelt«, in dem der Kriegsbeginn durch Deutschland gerechtfertigt wird und der mit der Verpflichtung schließt, „daß wir diesen Kampf zu Ende kämpfen werden als ein Kulturvolk, dem das Vermächtnis eines Goethe, eines Beethoven, eines Kant ebenso heilig ist, wie sein Herd und seine Scholle“ (Nicolai, 1919/1985, S. 9) von 93 Wissenschaftlern und Künstlern unterschrieben, wogegen der Gegen-"Aufruf an die Europäer« von Nicolai, Einstein, Buek und Förster, in dem ein Zusammenschluß der europäischen Völker in einer Art Europäerbund gefordert wird, keine weiteren Unterzeichner fand (Nicolai, 1919/1985, S. 9). Zurück

4) Die berüchtigste Studie in diesem Zusammenhang ist eine Untersuchung der Rand Corporation, die zwischen 1964 und 1969 die Moral und Motivierung der Vietcong Bewegung analysierte und zu dem Schluß kam, daß über wenige Wochen geführte massive Luftangriffe den Willen des Vietcong brechen könnten (Watson, 1982). Zurück

5) Beispiele hierfür sind Willi Hellpach, dem seit 1933 die Bezüge um rund die Hälfte gekürzt wurden (Gundlach, 1985) oder Hildegard Hetzer, der 1934 die Professur entzogen wurde (Bruns & Grubitzsch, 1992) die aber dennoch beide ihre psychologischen Kompetenzen dem System zur Verfügung stellten, sei es als Apologet der völkischen Ideologie auf dem Internationalen Psychologen-Kongreß 1936 in Prag oder als Mitarbeiterin in Umsiedlungslager in Polen bei der Selektion von zur Germanisierung geeigneter polnischer Waisenkinder. Zurück

Marianne Müller-Brettel ist Diplompsychologin und arbeitet am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Sie ist Mitglied der Friedensinitiative Psychologie, Psychosoziale Berufe.

in Wissenschaft & Frieden 1993-1: Zivil und militärisch

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