in Wissenschaft & Frieden 1992-4: Facetten der Gewalt

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Ökologische Herausforderung der Ökonomie

Eine naturwissenschaftliche Betrachtung (Teil II)

von Hans-Peter Dürr

Prof. Dr. Hans-Peter Dürr stellte in seinem ersten Teil des Artikels (Heft 3/92) fest, daß die wachstumsorientierte Wirtschaftsweise ein großes, wenn nicht sogar das größte Grundübel der weltweiten Spannungen ist und analysierte das Verhältnis von Ökonomie und Ökologie und die Rolle des Menschen.

Welche Schlußfolgerungen können und sollten wir aus all diesen Erörterungen ziehen? Gibt es insbesondere irgendeine reale Chance, unsere gewonnenen besseren Einsichten in diese Problematik auch in geeignete Handlungen zur Entschärfung und Lösung dieser Probleme praktisch umzusetzen, um die Produktionsfähigkeit und Vitalität, die Nachhaltigkeit – wie wir heute sagen –, die „sustainability“ unserer Ökosphäre optimal zu unterstützen?

Viele erwarten hier von den Naturwissenschaftlern die wesentlichen Einsichten und praktischen Hinweise, die diese, wie sie glauben, doch aufgrund ihrer Kenntnis der Naturgesetzlichkeit die zukünftigen Entwicklungen am besten abschätzen können. Ich bin hier jedoch eher skeptisch. Denn die Prognosefähigkeit der Naturwissenschaft ist im Falle hochkomplexer Systeme äußerst begrenzt. Ich glaube stattdessen, daß unsere traditionelle Weisheit, das Wissen, das wir aus dem großen gemeinsamen Erbe der Weltreligionen schöpfen und das uns Liebe, Mitgefühl, Kooperation und Solidarität lehrt – vielleicht aber auch die Kunst – uns hierbei eine weit bessere Orientierung geben können. Da der Mensch nämlich als Gattung offensichtlich einige langfristige Überlebensprüfungen der natürlichen Auslese erfolgreich bestanden hat – sonst wären wir ja heute nicht mehr da –, läßt sich doch mit einigem Recht vermuten, daß unsere grundlegende körperliche und geistige Veranlagung wesentlich mit der Nachhaltigkeit der Ökosphäre, von der wir ja existentiell abhängen, im Einklang steht.

Selbst wenn wir eine Ethik hätten, die uns deutlich aufzeigen könnte, wie ein mit der Natur einvernehmliches Verhalten im Prinzip gestaltet werden müßte, so brauchen wir immer noch Leute, die angeben, was im konkreten Fall tatsächlich gemacht werden sollte, sowie Leute, die dann die Verantwortung übernehmen und die Initiative ergreifen, dieses auch praktisch zu implementieren. Verantwortung zu übernehmen ist hier nicht nur eine Frage der Stärke und des Mutes, sondern verlangt vor allem eine ausreichende Wahrnehmung der Komplexität der Natur und ein viel weitergehenderes Einfühlungsvermögen in die dort ablaufenden, hochvernetzten Prozesse, die durch eine sensibel austarierte Balance von Kräften und Gegenkräften – und nicht etwa durch starre Verschraubungen – in einem lebendigen Gleichgewicht gehalten werden. Es verlangt darüber hinaus aber auch eine Einsicht in die »Topologie«, die Beziehungsstruktur unseres eigenen Wissens, um den Wert und die Grenzen des eigenen Verständnisses beurteilen und die Genauigkeit und Verläßlichkeit einer Voraussage abschätzen zu können. In vielen Fällen wird Verantwortlichkeit deshalb nicht darin bestehen, bestimmte Aktionen in Gang zu setzen, sondern viel mehr im Gegenteil, Mäßigung und – wie Peter Kafka betont – Gemächlichkeit zu üben, um der Natur eine faire Chance zu geben, alle unsere vielfältigen Fehlentscheidungen und Fehlhandlungen mit ihrem reichen Instrumentarium auszubügeln.

Der Mensch als Teil des Ökosystems

Es ist deshalb dringend geboten, auf Kooperation und nicht auf Gegnerschaft mit der Natur und ihre Beherrschung zu setzen, mit der berechtigten Aussicht, damit auch an ihrer miliardenjahre langen Erfahrung teilzuhaben.

Eine Sicherung der Nachhaltigkeit, der langfristigen Tragfähigkeit der Ökosphäre erfordert von uns ein neues Verständnis unserer Rolle als Teil dieses komplexen Ökosystems. Dies verlangt einerseits wohl eine dramatische Änderung unseres Bewußtseins und unseres bisherigen Denkens, andererseits die Entwicklung und Bereitstellung von Werkzeugen, um diese neuen Einsichten auch in unseren Gesellschaften effektiv umzusetzen.

Ein neues Bewußtsein zu wecken und ein neues Denken zu entwickeln, erscheint besonders schwierig, da dies einen langen Lernprozeß erfordert, der wohl – wenn überhaupt – nur im Laufe einiger Generationen bewältigt werden kann. Ein solcher Prozeß könnte jedoch wesentlich schneller ablaufen, wenn – was ich glaube – ein solches Bewußtsein nicht neu geschaffen werden müßte, weil es nämlich in uns schon unterschwellig angelegt ist. In diesem günstigen Fall müßten wir dieses Bewußtsein nur in uns selbst wiederentdecken und aus unserem tradierten geistigen Erbe zurückzugewinnen versuchen. Wir müßten dann nur einiges Geröll beiseite räumen, daß sich in unseren Herzen und unseren Köpfen – vor allem der Menschen in den reichen Ländern, die so stark auf Aktion statt auf Kontemplation ausgerichtet sind – in den letzten Jahrhunderten angesammelt hat. Es ist selbstverständlich schwer einzuschätzen, ob solche Abräumarbeiten, ohne von großen äußeren Katastrophen regelrecht erzwungen zu werden, jemals ernstlich angegangen werden, und auch, ob sie, wenn sie tatsächlich in Gang kämen, schnell genug greifen würden, um die augenblicklich gefährlich eskalierende Situation wirkungsvoll zu entschärfen. Deshalb würde es außerordentlich hilfreich sein, wenn wir unser modernes Leben – also vor allem die Lebensweise der Menschen in den industrialisierten Ländern – durch geeignete Maßnahmen so ausrichten könnten, daß dieser Lernprozeß voll unterstützt und die notwendige Entwicklung ausreichend beschleunigt würde.

Lernprozesse werden in der Regel nicht durch kluge Reden, logische Ableitungen und abstrakte Überlegungen gefördert, sondern vor allem durch die ständige Umsetzung von Gedanken in praktische Handlungen. Auch die Natur führt ihre großartige Schöpfung nicht nach einem vorher schlau ausgeheckten, superintelligenten Konstruktionsplan aus – wegen der indeterministischen Wirkungsstruktur existiert dafür auch keine genügend feste Basis – ihr Erfolgsrezept besteht vielmehr in der Anwendung des Prinzips von »Versuch und Irrtum« also darin, in einem lockeren Spiel immer wieder Neues in dieses brodelnde Geschehen eines schon gut funktionierenden Systems hineinzuwerfen und dann geduldig abzuwarten, ob sich aus der innigen Vermählung des Neuen mit dem Alten eine neue, anders geordnete Struktur etabliert, die gewisse Vorteile gegenüber der ursprünglichen bietet.

Nachhaltige Wirtschaft

Doch wie läßt sich eine ökologisch nachhaltige Wirtschaft in unseren heutigen „real existierenden“ Gesellschaftssystemen praktisch implementieren? Die Möglichkeit irgendwelche Ziele überhaupt »aktiv« ansteuern zu können, setzt eine prinzipielle Steuerungsfähigkeit des Systems voraus. Dieses wiederum verlangt eine ausreichende Flexibilität und Reaktionsfähigkeit seiner Glieder, die wohl nur bei einer genügend weitgehenden Dezentralisierung der Gesamtstruktur erreicht werden kann. Denn Flexibilität verlangt notwendig eine umfassende und unabhängige Partizipation der Menschen. Dies kann aber nur in relativ kleinen Regionen funktionieren, da Partizipation wechselseitige Dialoge erfordern, bei denen die Zeitverzögerung, mit der eine Reaktion auf irgendwelche Aktionen eines Agierenden für diesen erkennbar erfolgt, dessen zeitliche »Frustrationsperiode« nicht überschreiten darf. Auch führt unser westlicher »wissenschaftlich - technisch - wirtschaftlicher Fundamentalismus« mit seiner irrigen Vorstellung, bei ausreichender Kenntnis aller Gegebenheiten letztlich alles »in den Griff« bekommen zu können, und mit seiner primitiven Bewertung alle Werte entsprechend dem Tauschwert allein durch Geld beziffern zu können zu Sinnentleerung, Erstarrung und Einebnung ethnischer und kultureller Vielfalt. Ethnische und kulturelle Vielfalt ist jedoch für die Überlebensfähigkeit der Menschheit so wichtig, wie die Artenvielfalt für die belebte Natur. Allerdings wird diese ethnisch-kulturelle Vielfalt ihre vitalitätsstärkende Rolle nur spielen können, wenn diese nicht durch Arroganz und Machtstreben in unzähligen, unfruchtbaren Nationalitätenstreitigkeiten zermürbt und aufgerieben wird, sondern in wechselseitiger Hochachtung und Toleranz im Geltenlassen eines »sowohl als auch« ihre synergetischen und symbiotischen Wechselbeziehungen entwickelt, bei denen zum Nutzen aller das Ganze mehr wird, als die Summe seiner Teile.

Die vor uns stehende Aufgabe, unsere Wirtschaft wirklich ökologisch nachhaltig zu gestalten, ist in der Tat gigantisch und eine Realisierung, wie von allen »Realisten« immer wieder betont, absolut utopisch. Ich stimme dieser pessimistischen Einschätzung zu und auch der damit stillschweigend verbundenen Vorstellung, daß sich die ganze Schwierigkeit eben dann auf irgendeine andere, für uns bisher noch nicht einsehbare Weise, von selbst wird lösen müssen. Denn für die Natur gibt es ja prinzipiell keine unlösbaren Situationen. Aber es gibt überhaupt keine Gewähr dafür, daß eine solche natürliche Lösung für uns Menschen besonders günstig ausfallen wird. Denn es erscheint mir beliebig unwahrscheinlich, daß die von uns Menschen in den industrialisierten Ländern in Gang gesetzte, eskalierende Produktions-Eigendynamik letztlich aus sich heraus je geeignete Gegenkräfte entwickeln wird, die diese Dynamik einfängt und stabilisiert, ohne von dem wirksamsten Instrument Gebrauch zu machen, nämlich uns Menschen und unsere rücksichtslosen, das allgemeine Leben auf unserer Erde negierenden Zivilisationen einfach auszulöschen. Diese Korrekturdynamik wird zugegebenermaßen zunächst – wie schon jetzt sichtbar und spürbar – die Schwächsten dieser Erde und Schuldlosesten an dieser Misere, also die Menschen in der »Dritten Welt« mit vernichtender Gewalt überrollen, aber sie wird sehr schnell danach auch auf uns in den industrialisierten Ländern, die eigentlichen Urheber dieser katastrophalen Entwicklung, mit unseren hochgezüchteten, hochempfindlicheren Gesellschaftssystemen verhängnisvoll durchschlagen. Es wird letztlich keine »Insel der Seeligen« mehr geben, die einer Minderheit von Privilegierten noch Schutz und Überleben gewähren könnte.

Diese pessimistische Vision, so behaupte ich, ist »realistisch«, wenn wir fortfahren, unsere Zukunftsmöglichkeiten im Sinne der sich selbst definierenden »Realisten« zu beurteilen. Ich sehe jedoch prinzipiell keinen Grund, warum wir dem Menschen von vorneherein die Fähigkeit absprechen sollen, nicht in letzter Minute und höchster Gefahr doch noch eine erfolgreichere, wirklich intelligente Gegenstrategie zu entwickeln. Zweifellos wird hierzu eine außergewöhnliche und deshalb aus utopischen Visionen schöpfende Phantasie nötig sein, wesentlich mehr Phantasie jedenfalls als uns bei »realistischen"Erwägungen, die sich ja notwendig immer nur auf bereits erprobte, vergangene Erfahrungen beziehen, so einfallen wird. Ist es nicht höchste Zeit, daß wir uns endlich der großen und lebensentscheidenden Herausforderung, mitweltverträgliche Lebensstile zu entwickeln, entschlossen stellen und weltweit eine große gemeinsame Anstrengung starten, und zwar in einer Größenordnung, wie wir sie bisher nur für unsere militärische Sicherheit so bereitwillig und »selbstverständlich« geleistet haben?

Praktische Umsetzung der Nachhaltigkeit

Doch wie sollen wir diese gigantische Aufgabe praktisch angreifen? Welche konkreten Einsteige sind denkbar, um den Menschen, insbesondere der nördlichen Erdhalbkugel zu helfen, seine Naturvergessenheit zu überwinden und ihn zu einer ökologisch vertretbaren Lebensweise zu veranlassen? Welcher Ort und welcher Zeitpunkt ist dafür am geeignetsten?

Auf den ersten Blick erscheint der jetzige Zeitpunkt für eine politische Umsetzung in den industrialisierten Gesellschaften gar nicht so ungünstig. Viele Menschen zeigen sich in hohem Maße von der Umweltproblematik beunruhigt. Viele alte Überzeugungen sind ins Rutschen gekommen. Die Forderung nach tiefgreifenden Reformen wird lauter, und es wächst auch die allgemeine Bereitschaft, sich in diesem Prozeß selbst zu engagieren und auch mögliche persönliche Nachteile dabei zu tolerieren. Andererseits versuchen viele – oft aus verständlicher Hilflosigkeit der verwirrend komplexen ökologischen Problematik gegenüber oder aus Frustration über den viel zu langsamen Fortschritt bei deren Wahrnehmung und Lösung – dieses drückende Unbehagen einfach zu verdrängen. Sie werden darin von einem gewissen Gefühl der Befriedigung und des Triumphes angesichts des Zusammenbruchs der östlichen Kommandowirtschaften unterstützt, durch den doch, wie sie glauben, sich nun eindeutig erwiesen zu haben scheint, daß unser westliches Wirtschaftssystem die beste Möglichkeit darstellt, die Menschen weltweit aus ihrer Armut herauszuholen und auch »ausreichend« zu beglücken. Es gelte jetzt nur, wie sie meinen, die in den ärmeren Ländern für eine wirtschaftliche Wende nötigen Investitionen allerseits mit höchster Dringlichkeit zu tätigen und die dafür nötigen Geldmittel bereitzustellen. Ökologische Fragen müßten bei dieser enormen Anstrengung allerdings zunächst zurücktreten. Sie könnten, so glaubt man, erst dann wirkungsvoll aufgenommen werden, wenn diese Länder sich über ein Wachstum ihrer Volkswirtschaft ein ausreichend hohes eigenes Bruttosozialprodukt erarbeitet haben, um die dafür zusätzlichen hohen Kosten aufbringen zu können.

Umbau von Produktions- und Wirtschaftsformen

Diese letztere Betrachtungsweise ist jedoch kurzsichtig und irreführend, da hierbei Umweltschutz wieder nur als großer Reparaturbetrieb gesehen und interpretiert wird. Selbstverständlich müssen überall – und besonders in den sich öffnenden industrialisierten Staaten Mittel- und Osteuropas – große Anstrengungen gemacht werden, um hochgefährliche Altlasten zu entschärfen oder unschädlich zu machen – kein leichtes Unterfangen, wenn man dabei nicht einfach an eine geographische Verlagerung der Probleme denkt. Aber: Wir müssen dabei immer im Auge behalten, daß jegliche verstärkte Aktivität – aufgrund des Entropiesatzes – notwendig wieder irgendwo zusätzliche Zerstörung erzeugt. Ein Ausweg aus diesem Dilemma kann deshalb letztlich nur darin bestehen, mit großer Intensität sich an dem Aufbau und in den industrialisierten Ländern des Westens an einen entsprechenden Umbau der Produktions- und Wirtschaftsformen zu machen, um diese Schäden von vornherein zu vermeiden. Wir mögen von einer praktischen Realisierung solcher Ideen noch weit entfernt sein. Wenn jedoch – wie immer wieder gesagt wird – die Utopien von gestern die Realitäten von heute sind, so gilt auch gleichermaßen, daß den Realitäten von morgen Utopien von heute vorausgehen müssen. Das eigentliche Ziel darf sich nicht nur auf einen möglichst breitgefächerten, nachbessernden Umweltschutz beschränken, sondern muß eine allgemeine Umstellung auf eine ökologisch nachhaltige Wirtschaftsweise sein. Dies bedeutet, daß wir in den reichen Industriestaaten des Nordens uns etwas Neues einfallen lassen müssen, um von unserer wachstumsfixierten Wirtschaftsweise herunterzukommen. Wir müssen in den reichen Ländern dringend Vorbilder für ein Wirtschaften schaffen, das auch die übrigen armen Dreiviertel der Menschheit – zu ihrem eigenen Vorteil und vor allem zur Erlangung eines menschenwürdigen Lebensstandards – praktizieren können, ohne die Vitalität und Produktionsfähigkeit unserer Erde, auf deren Grundlage wir nur existieren können, unumkehrbar zu beschädigen.

Die augenblicklich dominierende westliche Wirtschaftsform steht offensichtlich im krassem Widerspruch zu einem Wirtschaftsstil, der die Vitalität und Produktionsfähigkeit unserer Ökosphäre zu bewahren sucht. Es ist auch klar, daß eine Harmonisierung zwischen ökonomischen und ökologischen Forderungen kaum durch dirigistische Maßnahmen – etwa durch das Instrumentarium einer Ökodiktatur, die keiner will und wollen kann – wirkungsvoll erreicht werden kann, da uns die »Natur« eindringlich lehrt, daß nur dynamische, nach dem Prinzip von »Versuch und Irrtum« über Selbstorganisation sich einstellende Ordnungsstrukturen den hohen Grad an Flexibilität und Anpassungsfähigkeit erreichen können, die zur effizienten Erfüllung der komplexen äußeren Anforderungen und Aufgaben notwendig sind.

Gefragt ist vielmehr eine Wirtschaft, deren Rahmenbedingungen und Spielregeln derart gewählt werden, daß in dem von ihnen zugelassenen freien Spiel der Kräfte eine Optimierung der gewünschten Werte erreicht werden kann. Die Einführung solcher Rahmenbedingungen steht nicht im Widerspruch zur Vorstellung einer »freien Marktwirtschaft« in der üblichen Bedeutung, weil Freiheit nie von Verantwortung entkoppelt werden kann. Auch die bisher üblichen Marktmechanismen sind ja nicht »frei« im Sinne von »willkürlich«, da sie sich an gewissen Normen – so vor allem den Menschenrechten und anderen Gesetzen von Recht und Ordnung – halten müssen. Es ist dringend geboten, hier weitere Forderungen zu erheben, um wenigstens die verbal schon immer laut proklamierten Bedingungen des Generationenvertrags zu erfüllen, der uns doch verpflichtet, nach Möglichkeit unseren Kindern keine minderwertigere Erde als die von unseren Eltern übernommene zu hinterlassen. Darüber hinaus sollten wir selbstverständlich auch sicherstellen, daß wir den Ast, auf dem die Menschheit sitzt – und dessen Stabilität durch das hochempfindliche und komplexe Zusammenwirken aller Komponenten der Ökosphäre der Erde (ihrer Lithosphäre, Hydrosphäre und Atmosphäre, sowie ihrer Biosphäre) gewährleistet ist – nicht kurzfristiger Vorteile willen, selbst absägen. Es ist dringend notwendig, daß wir uns ernste Gedanken darüber machen, wie solche neuen Rahmenbedingungen aussehen könnten, um der berühmten »unsichtbaren Hand« der Wirtschaft, die aus einsichtigen Motiven so leicht und gerne zunächst die eigene Tasche füllt, über die kurzfristigen Egoismen hinaus auch etwas Vernunft beizubringen, welche in einer langfristigen Überlebensstrategie und eben einer »nachhaltigen Wirtschaftsweise« zum Ausdruck kommt. Klar dabei ist nur, daß solche neuen Rahmenbedingungen notwendig die bisher »äußere Natur« in geeigneter Form in die Wirtschaft einbeziehen muß, wobei verhindert werden sollte, daß dabei das vielfältige Wertesystem der »natürlichen Ordnungsstrukturen« nicht der einfältigen, eindimensionalen Werteskala der Wirtschaft, nämlich dem durch Geld bemessenen Tauschwert, geopfert wird.

So gut und überzeugend eine Forderung nach einem »Nachhaltigen Wirtschaften« auch klingen mag, so bereitet dieses doch – wie jeder weiß, der sich einmal mit den damit verbundenen Fragen befaßt hat – erhebliche Schwierigkeiten, wenn wir präzise beschreiben sollen, was wir nun eigentlich praktisch darunter verstehen. Es erscheint prinzipiell unmöglich, den Begriff der »Nachhaltigkeit« genügend zu konkretisieren, um ihm etwa in Form eines allgemeinen Rezeptbuches für alle Interessenten anwendbar zu machen. Das hat nicht nur mit einer augenblicklichen Unkenntnis zu tun, die etwa durch weitere Forschung und Expertisen ausgeräumt werden könnten, sondern ist von einer prinzipiellen Art. Genau betrachtet sind wir dabei als Menschen in keiner schlechteren Situation als die »Natur« selbst, die ja auch spielerisch ihre überlebensfähigen Lösungen finden muß. Nachhaltigkeit wird also nicht in der genauen Befolgung ganz bestimmter Rezepte, sondern durch eine offene, aufmerksame, umsichtige, einfühlende, liebende Lebenseinstellung erreicht. Da uns als moderne Menschen, die wir in der Mehrzahl in einer städtischen Umgebung und deshalb im Umfeld von, vom Menschen geschaffenen, vergleichsweise »einfältigen« Erscheinungsformen und Strukturen, aufgewachsen sind, die Sensibilität für die hochvernetzte, natürliche »Vielfalt« verloren gegangen ist, müssen für uns geeignete »Übungsfelder« geschaffen werden, um diese Talente – von denen wir vermuten oder hoffen können, daß sie immer noch (als Erinnerung aus der Vergangenheit unserer Menschheitsgeschichte) in uns schlummern – zu wecken und voll zu entfalten. Hier müßte ein umfassendes Programm zur Umweltbildung ansetzen.

Konkrete Beispiele

Was »Nachhaltiges Wirtschaften« im Einzelnen konkret bedeuten soll und welche Maßnahmen letztlich dafür erforderlich sind, ist also kaum faßbar. Leichter ist es dagegen anzugeben, welche Maßnahmen und Verhaltensweisen ein solches Wirtschaften verschlechtern oder befördern werden. Wichtig wäre es vor allem, durch geeignete »Versuchsprojekte«, diesbezüglich praktische Erfahrungen zu sammeln. Lassen Sie mich hierzu zum Schluß einige Beispiele aus meinem eigenen Wirkungsbereich des Global Challenges Network (GCN) anführen.

So wie durch die Einrichtung von »Naturschutzgebieten« oder »Nationalparks« die »Natur« in gewissen Regionen unserer Erde, zur Bewahrung ihrer natürlichen Vielfalt und Eigengesetzlichkeit, weitgehend von menschlichen Eingriffen abgeschirmt wird, so sollten unserer Auffassung nach zusätzlich und in noch größerem Umfange auf ähnliche Weise geeignet geschützte »Kulturlandschaften« ausgewiesen werden. Aus diesen sollten die Menschen nicht verbannt, sondern die Möglichkeit geboten werden, ein harmonisches Zusammenwirken mit der Natur – bei der sie die Natur nutzen ohne sie zu verbrauchen – wieder auszuprobieren und zu erlernen. Als geeignetes Erprobungsgebiet für eine solche Maßnahme wurde von GCN der Grenzsstreifen entlang des früheren »Eisernen Vorhangs«, der sich von Finnland bis zum Bosporus erstreckt, vorgeschlagen. Als ehemaliges militärisches Sperrgebiet während über 40 Jahren befindet sich nämlich dieses Gebiet ökologisch in einem besonders guten Zustand und bietet sich deshalb hervorragend als »ökologisches Rückgrat Europas« an. Durch eine von Hanns Langer vom GCN im März 1990 begründete Initiative »Ökologische Bausteine für unser gemeinsames Haus Europa«, dem heute schon über 80 Umwelt- und Naturschutzgruppen in West-, Mittel und Osteuropa angehören, wurden in diesem Grenzstreifen 24 »Ökologische Bausteine« identifiziert und dokumentiert. Sie sollen einer von GCN initiierten und im Oktober 1991 in Prag gegründeten »Europäischen Stiftung für Natur- und Kulturvermögen« – durch Verträge mit den jeweils hoheitlich zuständigen Staaten – ökologisch »unterstellt« werden, um in diesen Gebieten eine ökologisch verträgliche gewerbliche, land- und forstwirtschaftliche Nutzung zu gewährleisten.

Ähnliche Vorhaben gibt es auch in anderen Teilen der Welt, so z.B. in China, das die Vietnam vorgelagerte und militärisch früher teilweise gesperrte chinesische Insel Hainan im südchinesischen Meer zu einer »special economic zone« erklärt hat und dort, unter Mitwirkung eines »International Advisory Concil on the Economic Development of Hainan in Harmony with the Natural Environment«, eine ökologisch nachhaltige ökonomische Entwicklung praktisch erproben will.

Bei allen Initiativen, welche »Nachhaltiges Wirtschaften« einzuführen und zu erproben versuchen, stoßen wir jedoch auf die fast unüberwindliche Schwierigkeit, solche Vorstellungen und Maßnahmen auch im augenblicklich gesellschaftlichen und politischen Umfeld praktisch durchzusetzen. Daß solche Schwierigkeiten auftreten, ist unmittelbar verständlich. Denn beim »nachhaltigen Wirtschaften« muß doch von den Menschen verlangt werden, kurzfristige handfeste Vorteile zu Gunsten gewisser langfristiger »Vorteile« aufzugeben, wobei solche »Vorteile« – obgleich von gewissen »Weitsichtigen« eloquent und glaubhaft als solche ausgewiesen und für unser Überleben mit hoher Wahrscheinlichkeit als unabdingbar bezeichnet – für die meisten rein theoretische Konstruktionen bleiben, die sich ihrer direkten Erfahrung und Einsicht fast vollkommen entziehen. Warum sollten auch solche warnenden Stimmen irgendjemand in unserer fortschrittsgläubigen Welt aufhorchen lassen und beeindrucken, in der der Mensch fast alles für unmittelbar machbar und lösbar hält oder, bei besonders schwierigen Aufgaben, eine Lösung wenigstens nach Ablauf relativ kurzer Zeitperioden – in denen durch geeignete wissenschaftliche Forschungen und technische Entwicklungen alle Schwierigkeiten aus dem Wege geräumt werden – mit Gewißheit erwartet. Das ist aber noch nicht alles: Die Einführung geeigneter Rahmenbedingungen, welche in unseren Gesellschaften einer »Nachhaltigen Wirtschaft« eine reelle Durchsetzungs-Chance zu geben erlauben, verlangen auch im allgemeinen, gegen alle die vielfältigen, in den industrialisierten Ländern gewachsenen Machtstrukturen ankämpfen zu müssen, da deren Reichtum und Macht ja zu wesentlichen Teilen aus ihrem »nicht-nachhaltigen Wirtschaftsverhalten« resultieren.

Trotz dieser extrem ungünstigen Kräfte- und Mächtekonstellation sollten wir dieses Ringen um bessere Einsichten und deren Durchsetzung nicht vorzeitig als hoffnungslos aufgeben, sondern sorgfältig nach geeigneten »Katalysatoren« suchen. So erscheinen mir die Fragen der Energieversorgung und -nutzung für die umfassende Problematik einer »Nachhaltigen Wirtschaft« als Einstieg nicht nur für ein besseres Verständnis sondern auch für die praktische Umsetzung hervorragend geeignet zu sein.

Energiesonderabgabe

Nach heutigen groben Abschätzungen über die ökologische Tragfähigkeit unseres irdischen Ökosystems erscheint es plausibel, daß bei einer gleichverteilten Nutzung der »Natur« auf unserer Erde durch die derzeitig etwa 5,4 Milliarden Menschen aufgrund der Begrenztheit der Energieressourcen und der Umweltbelastung durch Folgeprodukte etwa ein mittlerer Energieverbrauch pro Kopf von etwa 1,5 kW, also 1,5 Kilowattstunden pro Stunde bzw. 13000 Kilowattstunden oder 1300 Liter Erdöl oder 1,6 Tonnen Steinkohlen pro Jahr, noch zulässig sein könnte. Dies muß mit dem knapp 6-kW-pro-Kopf-Verbrauch eines Mitteleuropäers oder den 11 kW eines US-Amerikaners verglichen werden. Es erscheint mir politisch nicht unmöglich, daß in Deutschland oder auch in der Europäischen Gemeinschaft nach umfassender Aufklärung der Bevölkerung eine geeignete Sonderabgabe auf nicht-erneuerbare Energieressourcen, wie etwa Kohle, Erdöl, Erdgas, politisch durchgesetzt werden kann, so daß deren Marktpreis sich in den nächsten 15-20 Jahren stetig wachsend auf etwa das Drei- bis Vierfache ihres jetzigen Preises erhöhen würde, vorausgesetzt daß dabei die zusätzlich eingezogenen Gelder in einer geeigneten, die Nachhaltigkeit weiter unterstützenden Weise wieder an die Verbraucher zurückfließen. Eine solche Maßnahme könnte eine entscheidende Wende in unserer Wirtschaftsweise bewirken. Sie würde in der Folge nicht nur den gesamten Primärenergieverbrauch senken, sondern insgesamt den Umsatz von »Material« dämpfen, wodurch eine erhebliche Verminderung des Schadstoffausstosses resultieren würde. Außerdem würde durch eine dadurch letztlich bedingte Verteuerung des Transports auch eine räumliche Dezentralisierung von Produktion, Handel und Gewerbe wesentlich begünstigt werden, was wiederum die Bewahrung und Entwicklung eigenständiger wirtschaftlicher und kultureller Strukturen fördern würde mit allen ihren positiven Konsequenzen bezüglich größerer Unabhängigkeit der spontan kommunikationsfähigen Lebenseinheiten (etwa der Regionen) und höherer Lebensqualität (in einem tieferen Sinne) ihrer Menschen.

Im Gegensatz zu dieser optimistischen Vorstellung halten die meisten jedoch eine solche Maßnahme einer Energieverteuerung für politisch undurchführbar, weil sie glauben, daß dies notwendig eine globale Einführung erfordern würde, um lokale Benachteiligungen und Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden. Meines Erachtens ist jedoch der Erfolg einer Energie-Sonderabgabe für ihre Initiatoren nicht notwendig an eine weltweite Einführung gekoppelt. Denn bei dem geschilderten Vorgehen würden einerseits kompensierende Vergünstigungen durch das rücklaufende Geld die Nachteile wesentlich mindern helfen, andererseits aber – und dies ist wohl das Entscheidendere – würden die dadurch stimulierten, kräftigen Entwicklungen intelligenter Energieerzeugungs- und Energienutzungstechnologien, von denen viele als entwicklungsreife Pläne ungenutzt in diversen Schubladen verstauben, für die Pioniere einen zukunftsträchtigen Markt mit enormen langfristigen Vorteilen erschließen. Wichtig wäre es allerdings der Bevölkerung klar zu machen, daß es sich bei diesen Sonderabgaben nicht um neue Steuern zur Finanzierung irgendwelcher anderweitiger Staatsausgaben (etwa zur Finanzierung der wirtschaftlichen Entwicklung der Neuen Bundesländer, so wichtig eine solche auch sein mag) handelt, sondern um ein »Abhalte-Anreiz-Steuerungsinstrument«, bei dem, bei richtiger Einstellung, für sie kaum eine finanzielle Verschlechterung eintreten sollte. Es wäre wichtig, durch detailierte Auflistung und Veröffentlichung der Energieaufwendungen der wichtigsten Verbrauchsgüter (in diesem gesamten »Lebens«-Zyklus) dem einzelnen Menschen die Möglichkeit zu bieten, sich nach eigenen Bewertungen sein persönliches »Energie-Menü« im Rahmen seines mittleren 1,5 kW-Energie-Leitungsbudgets zusammenzustellen und damit einen ersten und wichtigen Schritt in Richtung eines ökologisch verträglichen Lebensstils zu tun. Viele – da bin ich überzeugt – würden wohl mit Erleichterung feststellen, daß eine solche Energiebeschränkung, die zweifellos an manchen Stellen einschneidende Änderungen lieber Gewohnheiten und dementsprechend auch empfindliche Opfer verlangt, keineswegs von uns erfordert, künftig in »Sack und Asche« zu vegetieren, sondern im besten Sinne ein sinnerfülltes, lust- und freudvolles Leben zuläßt.

Eine wesentliche Voraussetzung für einen ökologisch nachhaltigen Lebensstil – und dies nicht nur aus energetischen Gründen – wird eine Änderung unseres Mobilitätsverhaltens erfordern. Im Zusammenhang mit der anstehenden wirtschaftlichen Entwicklung der Neuen Bundesländer und der mittel- und osteuropäischen Staaten des früheren Ostblocks ergibt sich hierbei prinzipiell die einmalige Chance für den Aufbau eines zukunftsträchtigen »sozial- und umweltverträglichen Verkehrssystems«. Auch hierbei ist GCN mit einem Pilotprojekt beteiligt.

Ganz allgemein läßt sich sagen: Eine äußere Natur, die nicht wie bisher kostenlos ist, hat aufgrund der üblichen Marktmechanismen bei geschickter Verwendung des Preisinstruments bestimmt eine bessere Chance, nicht mehr rücksichtslos ausgebeutet zu werden.

Offensichtlich werden mit Projekten dieser oder ähnlicher Art nur winzige erste Schritte in Richtung auf ein nachhaltiges Wirtschaften gemacht. Immerhin ist dies in unseren Augen ein Anfang. Viele weitere und wesentlich größere Schritte müssen selbstverständlich folgen, um den großen globalen Herausforderungen (global challenges) unserer Zeit gerecht zu werden. Langfristig kann uns dabei nur eine parallel zu diesen praktischen Maßnahmen laufende Bewußtseinsänderung und eine damit verbundene Änderung unseres heutigen Lebensstils entscheidend weiterbringen.

Die Frage wird allerdings bleiben, ob uns für alle diese Unternehmungen die Zeit reichen wird. Ich weiß es nicht und niemand kann es wissen. Doch erinnern wir uns: Die Natur ist kein mechanisches Uhrwerk, das uns zum Fatalismus verurteilt. Die Zukunft ist offen.

Handeln wir deshalb so, als ob noch alles möglich wäre.

Teil I

Prof. Dr. Hans-Peter Dürr arbeitet als Physiker im Max-Planck-Institut für Physik (Werner-Heisenberg-Institut) in München und ist Mitglied der Naturwissenschaftlerinitiative „Verantwortung für den Frieden“.

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