in Wissenschaft & Frieden 1992-4: Facetten der Gewalt

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Zum Gewaltpotential moderner Gesellschaften

Soziokulturelle Gefährdungen des inneren Friedens

von Johannes Esser

Offensichtlich spielen sowohl bei internationalen als auch bei innergesellschaftlichen Gefährdungen des Friedens gewaltträchtige Bedingungen und Interessen eine leitende Rolle. Miliärische Friedensgefährdungen sind dabei mit den nicht-militärischen Friedensgefahren durch Realitäten der Gewaltsamkeit venetzt. Zu Schlüsselfaktoren gehören Rüstung und Militarsierung, Unterentwicklung, Armut, Unterdrückung, soziale Ungerechtigkeit und ökonomische Ausbeutung in der Dritten Welt, Wohlstand, Konsumterror und Luxus in Industriegesellschaften, weltweiter Raubbau von natürlichen Ressourcen, Umweltzerstörung.

Dagegen sind Zieldimensionen eines gewaltüberwindenden Friedens weltweite Abrüstung und Rüstungskontrolle, Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen, Beseitigung der Unterentwicklung, Abbau und Überwindung von Feindbildern, Neuordnung der Weltwirtschaft, umweltverträgliche Technologie sowie neue Demokratisierungsprozesse auf vielen internationalen und innergesellschaftlichen Ebenen. Im Hinweis auf diese Zusammenhänge ist der überragende und extreme Stellenwert des Gewaltinstruments verankert. Beim nachfolgenden Problemaufriss sollen dazu einige innergesellschaftliche Faktoren skizziert werden, die auch der Strukturierung von »Gewaltsensibilität« dienen können1.

Gewaltverständnis und Gewaltformen

In der Diskussion über den Gewaltbegriff ist festzustellen, wie widersprüchlich immer wieder das Begriffsverständnis von Gewalt ausfällt. Auf der einen Seite ist eine abstrakte Gewaltdefinition für Analysebedingungen definiert, die generell problematische Ansprüche auf Macht- und Herrschaftsstrukturen kaum aufarbeiten. Auf der anderen Seite sollte unter herrschaftskritischem Interesse berücksichtigt sein: Die Gewaltdefinition ist abhängig von konkreten widersprüchlichen, konfliktträchtigen, politischen und sozialen Bedingungen und Interessen, die vor allem alltagsbezogen subjektive Erfahrungen, Einstellungen und Bewertungen einschließen. Dagegen ist einer abstrakt lebensweltfernen Gewaltdefinition subjektives Erfahrungswissen über Gewalt, Lebenszusammenhang und Orientierungskompetenz nicht zuzuordnen.

Zum Gewaltverständnis der »Gewaltkommission«

Ein interessantes Beispiel zum Gewaltverständnis liefert die »Gewaltkommission« der Bundesregierung. Es heißt hier u.a.: „Gewalt wird in unserem Gutachten auf ausgeübte oder glaubwürdig angedrohte physische Aggressionen eingeschränkt, mit denen einem angezielten Objekt etwas gegen dessen Bedürfnisse, gegen dessen Willen geschieht.“ 2 Auffällig ist an diesem Gewalt-Verständnis die Herausstellung der physischen, also der körperlichen Gewaltform. Der Macht- und der Herrschaftsbegriff ist als unproblematisch zugeordnet.

Zur Macht im hierarchischen Bezug gehören im einzelnen z.B. das Netz von Über- und Unterordnung, ferner die Sanktionsgewalt sowie der Gehorsams- und Führungsanspruch. Macht ist als wesentliche Beeinflussungsmöglichkeit gerade dann eine Spielform der Gewalt, wenn sie Zwang gegen Abhängige und/oder Andersdenkende anwendet.

Konstitutives Moment von Macht ist staatliche Herrschaft, die zum Beispiel im öffentlichen Konfliktfall eine machtvolle Handlungsstrategie gegen Bürgerinteressen ermöglicht.3 Es überrascht in dieser Blickrichtung vielleicht weniger, wenn im Gutachten der Gewaltkommission mit der gleichzeitig angesetzten bedingungslosen Akzeptanz des staatlichen Gewaltmonopols (a.a.0.) politisch motivierte Auseinandersetzungen bei Demonstrationen, Hausbesetzungen, Blockaden, Anschlägen grundsätzlich und generell an Kriterien der Kriminalität definiert werden bzw. generell in ihre Nähe rücken4. Auch zeigt sich hier, daß die Gewaltdiskussion in der Bundesrepublik noch einen langen Weg vor sich hat. Die Gewaltkommision lehnt nachdrücklich die Erweiterung ihres Gewaltverständnisses ab. Ungerechte und unfriedliche gesellschaftliche Lebensbedingungen, Not, Unterdrückung, Armut, Zwang und Mißhandlung zum Beispiel aber machen schnell bewußt, daß diese Situationen, Konflikte und Lebenslagen für die Entwicklung und Alltagsbewältigung von betroffenen Menschen natürlich Konfrontationen mit Gewaltverhältnissen sind.

Physische Gewalttätigkeit

Physische Gewalt ist an konkreten Erfahrungen der Unterdrückung, Bevormundung und Ausbeutung festzumachen. Subjektive Intensität der Gewalterlebnisse sowie Versuche und Interessen, diese Gewalterfahrung »objektiv« zu machen, können in Konfliktfall und Analyse weit auseinanderfallen, was eine Konfliktgestaltung erschwert. Trotzdem wird die Gewaltwahrnehmung subjektiv nicht unpräzis sein. Stets hat im Alltag die konkrete Gewalttätigkeit eine Täter-Seite, eine Opfer-Seite und oft auch noch eine Seite des Gewalt-Beobachters, der Gewalttätigkeit gewähren läßt.

Für die Bewertung, für die Einstufung der Folgen von Gewalttätigkeit ist diese Perspektive wirklich erheblich. Zugrunde liegt die Auffassung, daß alle Gewalttätigkeit in einem innergesellschaftlichen und internationalen Normen- und Wertenetz der Macht- und Herrschaftsinteressen, der Abhängigkeitsprozesse und Konfliktstrukturen steht. Den Gewaltbegriff wertneutral zu fassen, ist deshalb unmöglich, zeigen sich hier doch soziale Phänomene, Deformationen und/oder menschenfeindliche Entwicklungen. Für Gewalttäter muß die Gewalthandlung kein Unheil sein, für das Gewaltopfer kann die Gewalttätigkeit gegen sich – je nach Dauer und Intensität – eine existenzielle Bedrohung sein. Der Gewalt-"Beobachter« trägt mittelbar die Gewaltanwednung mit. Ebenso ist die Notwendigkeit unverzichtbar, Anlässe und Beurteilungsmaßstäbe der konkreten Gewalthandlung offenzulegen.

Der Typus der physischen Gewalttätigkeit von Menschen verletzt unmittelbar Kinder, Jugendliche, Frauen, Männer in ihrer körperlichen Unversehrtheit. Die Merkmale der körperlichen Gewalt sind zu erkennen, zu sehen, zu fühlen. Gewalttäter und Gewaltopfer können bei dieser Gewaltform direkt benannt werden.

Kommunikative Gewalttätigkeit

Auch die kommunikative Gewalttätigkeit ist nicht harmlos. Kommunikative Gewalttätigkeit verzerrt objektive Realität. – Sie entstellt Fakten, verfälscht Ansprüche und Zusammenhänge zugunsten eigener profitabler Vorteile und Prestigezuwächse. Kommunikative Gewalt ist geprägt durch die Leitfrage, wie verbal / nonverbal der Wille des anderen zugunsten eigener Interessen zu brechen ist, ohne daß der eigene Standpunkt geschwächt wird. Es geht also um Indoktrination eines Gegners, der aus gegebenen Anlässen rücksichtslos, martialisch brutal von seinen Absichten abgebracht, der manipuliert oder gar mundtot gemacht werden soll. Kommunikative Gewalttätigkeit produziert Unterdrückung und Unrecht. Die/der Unterdrückte wird von wichtigen sozialen Lebenszusammenhängen abgedrängt. Dieser Gewalttyp entstellt und hebt auf unterschiedlichen Ebenen Verständigung auf. Als asoziales Element der Unerbittlichkeit verletzt dieser Gewalttypus unmittelbar; es wird abgelenkt, beleidigt, psychisch verletzt, entmutigt, erniedrigt. Kommunikative Gewaltätigkeit kann allein schon durch Mißachtung in der zwischenmenschlichen, in der institutionellen, in der innergesellschaftlichen Ebene Aggressivität erzeugen. Einige Alltagsbeispiele beziehen sich auf »Steffi`s Blitzkrieg« auf dem Tennisplatz oder auf die raffinierte Sprachschöpfung „Verklappung von Dünnsäure“; ein Beispiel, das gar nicht mehr erkennen läßt, daß hierbei Schwefelsäure ins Meer gekippt wird, die eine für Lebewesen hochgefährliche anorganische Lösung darstellt. Die »Auseinandersetzung in der Golf-Region« ist die realitätsverzerrende Verharmlosung des grausamen Krieges gewesen, oder die »Modernisierung der konventionellen Waffen« wie das im Rüstungsbereich heißt – soll von nächsten Schritten der fortgesetzten Aufrüstung und von der Produktion neuer Waffen ablenken. Als Zwischenfazit bleibt festzustellen: Die beiden skizzierten Gewaltformen präsentieren keineswegs abstrakte Aspekte, sondern sie sind sehr wohl mit konkreten Verhältnissen verschränkt, die menschenunwürdige Situationen ansprechen. Gewalt hat in atemberaubender Dichte Alltag durchgesetzt. Zerstörung von Lebensräumen, von Alltags- und Lebensplanungen brechen sich durch Gewalt Bahn.

Strukturelle Gewalttätigkeit

An dieser Stelle existieren Querbezüge zu einem anderen, wesentlich folgenreicheren Gewalttypus, den 1971 der norwegische Friedensforscher Galtung als strukturelle Gewaltform in die Fachdiskussion eingebracht hat. Stukturelle Gewalt liegt nach Galtung vor, „wenn Menschen so beeinflußt werden, daß ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung“. 5

Strukturelle Gewalt gilt als eine äußerst entwicklungsfeindlich ausgerichtete Behinderung von Menschen. Sie ist systemimmanent in Subsystemen historisch »gewachsen« und stabil verankert. Strukturelle Gewalt macht Gewaltakteure nur selten sichtbar. Sie wirkt auf Lebensbedingungen einerseits verdeckt und gleichzeitig verborgen, andererseits äußerst kontinuierlich. Strukturelle Gewalt ist nicht von einzelnen Situationen abhängig. Denn sie bevormundet, kontrolliert, entfremdet, verohnmächtigt, isoliert per Struktur.

Strukturelle Gewalt hat in diesem Zusammenhang eine Wächteraufgabe, die Macht- und Henschaftskonstellationen und Kontrollansprüche hervorragend schützt. Soziale Ungerechtigkeit, die Ausbeutung, die Instrumentalisierung, die Unterdrückung von Verhältnissen und von Menschen sowie die Zerstörung von menschlichen Lebenszukünften – das sind wesentliche Schlüsselaspekte von Bedingungen und Ursachen der strukturellen Gewalttätigkeit. Die Befriedigung materieller und nichtmaterieller Grundbedürfnisse, die für die Sicherstellung menschlicher Existenz so unverzichtbar ist, wird durch Gewaltprozesse in Strukturen ungewiss. Strukturelle Armut, strukturelle Unterdrückung, strukturell bedingte Entfremdungsprozesse geben hier entscheidende Anhaltspunkte.6 Das Elend des strukturbedingten Gewaltalltags bekommt scheinbar die Automatik der unausrottbaren Menschenverachtung, die so unerträglich normal sein kann.

Kulturelle Gewalttätigkeit

Diese Gewaltform, 1990 von Galtung in die Diskussion gebracht, ist entstanden und wirksam über die Jahrhunderte der jeweiligen gesellschaftlichen Kulturprozesse. Kulturelle Gewalt stützt und rechtfertigt sowohl bei internationalen als auch bei innergesellschaftlichen kommunalen Krisen und unbewältigten sozialen Problemen die Anwendung von körperlicher und struktureller Gewalt gegen Menschen und gegen deren Lebensverhälmisse.

Solche Religionen und Weltanschauungen können hier als herausragende Belege angeführt werden, in denen die Ideologie der Ungleichheit verteidigt wird. Hier liegen etwa auch die Wurzeln von Kolonialismus, Nationalismus, Sexismus oder Umweltzerstörung.

In kultureller Gewalt können sich direkte und strukturelle Gewalt »verfestigen«. Die Chance der Gewaltverminderung scheint immer kleiner zu werden.

Aber auch das ist kritisch zu sehen: Kulturelle Gewalt setzt autoritäre Wertvorstellungen über lange Zeiträume absolut und sucht sie radikal zu stabilisieren. Gegen-Entwürfe beziehungsweise Basis-Lebens-Modelle der offenen, der humanen, sozialen, politischen, religiösen, der werteverändernden autonomen Gestaltung der Alltagsbedürfnisse sind nicht erwünscht.7

Dieses ideologisierte, zu kurz greifende Gestaltungs- und Veränderungsverständnis von Lebens- und Zukunftsgrundlagen aber ist eine ungemein gefährliche Basis zu einer immer dichteren und engeren Praxis der strukturellen und der direkten Gewalttätigkeit. Die fragwürdige Diskussion über den »gerechten Krieg« ist hier ebenso ein Beleg-Beispiel wie die martialische Bekämpfung von Minderheiten bei öffentlichen Aktionen und im Verbund mit Massenmedien. Einstellungen und Praxis einer selbstgerechten Gewaltrechtfertigung sind hier dann gar nicht so selten8. Das Elend der Gewalt erhält die Automatik der angeblich unausrottbaren Menschen- und Zukunftsverachtung. Gewalttätigkeit gegen Menschen und gegen gesellschaftliche Zukünfte lassen sich bei nüchterner Analyse aber nicht auf die Normalität von Essen und Trinken entstellen und bagatellisieren.

Gewaltförmige Strukturentwicklungen

Staatliche und gesellschaftliche Gewalttätigkeit ist auch bei noch so unterschiedlichen Konfliktdiskursen in der Summe kein Normalphänomen, das lediglich am Rande unserer Gesellschaft existiert und das daher primär mit radikalen Gruppen zusammenzubringen wäre. Gewalttätigkeit bleibt dagegen vielmehr ein Kernproblem, das im innergesellschaftlichen Zentrum historisch heranwächst, und das dort, ohne etwa in Massenmedien als Skandal aufgeputscht zu werden, fortbesteht. In diesem Zusammenhang kann nicht übersehen werden, daß etwa das Thema der Jugendgewalt von der Diskussion der Gewaltanwendung durch staatliche Apparate und Organe keinesfalls abgetrennt und ausgeblendet werden darf. Nicht selten ist staatliche Repression zum Beispiel als Auslöser von Gegengewalt zu analysieren. Und die Praxis des staatlichen Gewaltmonopols kann schnell bewußtmachen, daß sie kaum in der Lage ist, gesellschaftliche Gewalt konfliktaufarbeitend aufzuheben.

Des weiteren liegen die Tiefendimensionen der Verwurzelung des gesellschaftlichen Zentrums der Gewalttätigkeit natürlich nicht weniger verankert in der permanenten Expansion der Polizeimacht9, ferner in der „Verletzung oder Tötung von Menschen durch die Zerstörung ihrer natürlichen Lebensgrundlagen mit den Mitteln des »Technischen Fortschritts"“ oder in den „immer komplizierter werdenden, knebelnden Lebensräumen einer Gesellschaft, die für viele Menschen eine undurchschaubare und ängstigende Gestalt annehmen.“ 10

Um das breite Spektrum gewaltförmiger Strukturen noch genauer zu erfassen, sollten erkenntnisleitend allein staatliche Hinsichten und Definitionen unbedingt ergänzt werden. Die Gewalttätigkeit in modernen Gesellschaften mit ihrem Machbarkeits- und Unfehlbarkeitswahn sowie mit ihrer risikointensiven organisierten Unverantwortlichkeit nimmt ja eindeutig zu und nicht ab.11

Allerdings dürften eine komplexe Verbesserung gesellschaftlicher Lebensbedingungen sowie die Verbesserung innergesellschaftlicher Lebensqualität offensichtlich entscheidend in der Lage sein, Gewaltsamkeit und Gewaltförmigkeit zumindest erheblich zu mildern.

Innergesellschaftliche Gewaltpotentiale

Geschlechterverhältnis und Dominanzalltag

Im »Kampf der Geschlechter« rückt ein hochintensives Gewaltpotential und Gewaltverhältnis in die Diskussion, der einen umfangreichen Teil von privaten und beruflichen Problemen zwischen Frauen und Männern auch aufgrund sich verändernder sozialer Normen beherrschen kann.

In aller Kürze sind hierzu als durchaus ausbeuterische und gewaltförderliche Faktoren zu nennen:

Geschlechterrollenspezifische Bewußtseinsveränderungen, verschärfte alte und neue Ungleichheiten durch gegenläufige Geschlechterrollenprofile, Unterschiede zwischen weiblicher und männlicher Destruktivität, Machtverhalten und Machtmißbrauch von Männern gegen Frauen, Bindungssucht bzw. Bindungsunfähigkeit zwischen Männer- und Frauenbeziehungen, widersprüchliche und gegensätzliche Einstellungen zur Würdigung der Familienarbeit und des Berufes zwischen Frauen und Männern, verweigerte qualifizierte Erwerbsarbeit für Frauen statt lebenslänglicher Familien- und Hausarbeit, entwürdigende Instrumentalisierung sowie materielle, soziale und sexuelle Vergewaltigung von Frauen durch Männer.

Auch kann die Auseinandersetzung um eigenes Leben und Dasein für andere durch den Wunsch nach neuen Rollenaufteilungen für größere Berufschancen von Frauen bei einem gleichzeitig erforderlichen Karriereverzicht von Männern bei ihnen äußerst gewaltträchtiges Dominanzverhalten hervorrufen.12

Mythen und Hypothesen prägen allerdings den Konfliktalltag. Und es kommt noch hinzu, daß längst nicht die Leiden von Frauen gerade an geschlechtsspezifischen Folgen bei dauerhafter Unterdrückung, Ausbeutung und Perspektivlosigkeit, jedoch auch bei Aufrüstung, Hungerterror und Kriegen offensichtlich nicht hinreichend erforscht und bekannt sind.

Gewalt in der Erziehung

Das Gewaltproblem hat in der Erziehung schon eine sehr lange Wirkungsgeschichte. Zumeist spielen zum Beispiel bei den Übergriffen auf Kinder durch Fehlleistungen der Erziehung durch Erwachsene solche Anlässe und Methoden eine große Rolle, die im Alltag Kindern Gewaltfaktoren der Zurückweisung, Erniedrigung, Venachlässigung, Verwahrlosung, Diskriminierung, Ausgrenzung, sozialen Benachteiligung, des physischen und sexuellen Mißbrauchs und/oder das Zerschlagen von Alltags- und Lebensperspektiven aufzwingen.

Die Verhinderung bzw. Überwindung dieser massiv wirksamen Strukturfaktoren der Gewalttätigkeit kann überzeugend durch ein offenes, lebendiges, frohes Erfahrungs- und Kommunikationsklima gestaltet werden.

Richtungsweisend friedensförderlich ist etwa, Kinder mit ihren eigenen Lebensgefühlen grundsätzlich zu akzeptieren, sie gerade im Konflikt/Krisenfall zu bejahen. Kinder sind nicht abzuweisen, sondern stets anzuhören und wichtig zu nehmen; sie sollten nicht in ihrer Würde und Persönlichkeit verletzt und verurteilt werden. Vieles ist mit ihnen zu diskutieren. Kinder sind vor allem auch nicht zu bevormunden und nicht arrogant auszufragen oder gar kleinzumachen. Vielmehr sollten ihre eigenen einzelnen Alltags- und Lebensbewältigungsschritte äußerst ernstgenommen werden.

Das Ganze sollte eine instruktive Antwort auf Sozialisationsprozesse bei Kindern und bei Erwachsenen sein können.

Dieses Konzept gegen Konkurrenzdenken, Stärkerituale und Gewaltverhalten kann im Zusammenleben mit Kindem ein recht ergiebiges Arbeits- und Kooperationsprogramm der ersten 10-13 Lebensjahre werden.13

Leitende Intention ist hier der langfristige Lernprozeß zu der Grundeinstellung, im qualifizierten und differenzierten Widerspruch und Ungehorsam gegen Unfrieden neue Schritte der innergesellschaftlichen Gewaltüberwindung gestalten zu können.

Ausländerfeindlichkeit und Rassismus

Die gewaltträchtige Ausländerfeindlichkeit ist gerade auch im Kontext des Rassismus eine besondere Gefährdung des inneren Friedens. Sie sind längst nicht simplifizierte und undifferenzierte Deutungsmuster der subjektiven Erfahrungsverarbeitung. In Ausländerfeindlichkeit und Rassismus zeigen sich vielmehr unerbittlicher Haß auf Menschen, auf Fremde aus anderen Kulturen. Das gewalttätig Bedrohliche besteht auch darin, daß in der Ideologie von Ausländerfeindlichkeit und Rassismus brutalisierte, menschenfeindliche Gefühls- und Denkschubladen gegen das Andere, das Neue, das Kontroverse immer größeren Platz haben. Ausländerfeindlichkeit und Rassismus sind herausragende und dramatische Elemente der kulturellen Gewalt. Durch diese Gewalt werden ausländische Gastarbeiterfamilien, Asylanten und Wirtschaftsflüchtlinge rigoros diffamiert, um sie auszugrenzen und abzustoßen. Zu rassistischen Grundelementen zählen derzeit zum Beispiel „Leugnungsstrategien bei Intellektuellen“ genauso wie Leugnungen der praktischen Politik auf Regierungsebene oder Realitätsverdrängungen „bei Amts- und Mandatsträgern“, aber auch Verdrängungen „als politische Mentalität in der breiten Bevölkerung“.14

Es zeigt sich ein hohes Maß von politischer Unkultur, von autoritärem Lebensgefühl und politischer Unterentwicklung, was sich bei einer massiven Bündelung als absolut demokratieunverträglich erweist.

Diese Fehlentwicklungen greifen die realen Chancen der multikulturellen und fremdenfreundlichen Gesellschaft heftig an. Denn Fremdenfeindlichkeit und Rassismus eint die falsche Wahrnehmung und Darstellung von Fakten sowie die rabiate Pflege der Feindbilder, die durch den allzu oft unerträglichen Transport der Massenmedien sowie durch vielfältige innergesellschaftliche soziale Probleme wie etwa anwachsende Armut und Dauerarbeitslosigkeit eine schnelle Wirkung erhalten.

Gewalt gegen Fremde und Angriffe auf Asylbewerberunterkünfte erfordem keine einzelnen, sondern ständige Aufklärungs- und Gegenaktionen. Dabei sind Ausländerfeindlichkeit und Fremdenhaß ein Problem in Westdeutschland und in Ostdeutschland. Auch hier ist Deutschland vereint. Hier ist jedoch sehr viel gegen Existenzängste und für Menschen- und Grundrechte auf Zuflucht, Asyl, Wohnung und Arbeit zu tun.

Zivilcourage und Solidarität mit Fremden stützen praktische Schritte und vertrauensbildende Maßnahmen gegen Fremdenhaß und für gleichberechtigtes Zusammenleben. Daten zum Beispiel aus dem BMFJ von 1991, die besagen, daß bei einer Umfrage 61 % der befragten Bundesbürger es in Ordnung finden, wenn viele Ausländer in Deutschland leben, können sicher nicht beruhigen.

Rechtsextremismus

Ausländerfeindlichkeit und Rassismus stehen mit dem sozialen und politischen Problem des Rechtsextremismus in unmittelbarem Zusammenhang, ja sie sind miteinander eng verzahnt.

Um die Größenordnung des Problems näherhin zu begreifen, erscheint eine Nachricht des Bundesamtes für Verfassungsschutz interessant. Nach dieser sollen in Deutschland 69 rechtsextremistische Organisationen und Gruppierungen existieren, ferner 71 rechtsextremistische Publikationsorgane sowie 25 Zeitschriften und Buchverlage.15

Bei derartig unüberschaubaren Fakten ist von Interesse, wie die Sammelbezeichnung Rechtsextremismus in der gegenwärtigen Diskussion definiert wird. Eine grobe Begriffsstrukturierung sieht etwa im Rechtsextremismus in einer Analyse vor allem „antidemokratische Auffassungen und Bestrebungen mit traditionell politisch rechts einzuordnenden Ideologieelementen“. Schlüsselfaktoren der Ideologie sind neben anderen »Nationalismus«, autoritäre Politik, die am Staat, nicht an der Gesellschaft orientiert ist, Ideologie der Ungleichheit mit der Notwendigkeit von Ausgrenzung und Abwendung derjenigen, die nicht zur eigenen Gruppe gehören.16

Von Rechtsextremismus muß aber auch gesprochen werden, wenn diffuses und aggressives Verhalten zur Praktizierung von Ausgrenzung und Abwendung von Menschen den Alltag und das spezifische Gruppenverhalten bestimmen.

Der Analyseschritt, hier eher doch von einer rechtsextremen, gleichwohl gewaltträchtigen, bedrohlichen Praxis zu sprechen, scheint instruktiver.

Auch mehr unpolitische Gruppierungen, die offensichlich in ihrer Subkultur rechtsextremistische Tendenzen zeigen, sind zu beachten. Hierzu können durchaus Hooligans gehören.

Die identitätsstiftende Funktion der niederschwelligen Gewaltbereitschaft und die brutale, teils unberechenbare und unerbittliche Gewaltpraxis müssen im Konfliktfall genauso ernstgenommen werden wie bei Skinheads.

Das Bedürfnis, gegen Unterlegene vorzugehen, ist groß und macht Spaß. Die Folgen des gewalttätigen Handelns interessieren in beiden Gruppen ebensowenig.

In der einschlägigen jüngsten Forschung werden zum Rechtsextremismus neuerdings biographische Daten kaum mehr als hinreichende Erklärungsdaten zu Gewaltbereitschaften angesehen. Das ist insofern neu, als damit jahrelang gültige Sozialisationstheorien als Ursachenmodell für Gewaltakzeptanz zumindest relativiert werden.17 Skepsis scheint hier jedoch noch angezeigt.

Die Lust auf Provokation, auf Aktion, auf Spannung ist bei rechtsextremistischen Gruppen sehr wichtig. Sie wollen leidenschaftlich erleben, daß sich bei der Gewaltaktion »wirklich etwas bewegt«, denn die Gruppe hat »doch große Macht«. Über die Risikobereitschaft in der Gruppe wird das »Abenteuer der Gewalt« gesucht und gefunden. »Bei uns«, heißt es, »bekommst du, was du brauchst.« Und das sind nach Selbstaussagen von Gruppenmitgliedern in der Übersicht »Sicherheit, Zusammenhalt, Gemeinschaft, Einordnung, Unterordnung, Gehorsam, Klarheit, Stärke, Machtgefühl, deutsch sein können.«

Angesichts solcher wenn auch knapper Aspekte kommen auf die Jugend-, Bildungs- und Ausbildungspolitik recht komplizierte Herausforderungen zu, die anzugehen, Jugendhilfe im Verbund mit der Erwachsenenbildung emsthaft in der Lage sein sollte, um angemessen auf Rechtsextremismus zu reagieren. Ein interessanter Entwurf zur Sache kann weiterführende politische und konzeptionelle Impulse aufzeigen.18

Zur Lebensbewältigung in der Industrie- und Risikogesellschaft wächst offensichtlich immer massiver der Bedarf an Konzepten für Gewaltkonflikte, die ständig unter Druck setzen.

Dieser Beitrag ist entnommen aus: P. Krahulec / H. Kreth (Hrsg.); Deutscher Alltag als Risiko, Münster 1992.

Anmerkungen

1) Zu erweiterten Grundlagen der »Gewaltsensibilität« siehe l. Esser: Mit Kindern Frieden und Zukunft gestalten. Mülheim an der Ruhr 1991, S.58 ff Zurück

2) H. D. Schwind/I. Baumann (Hrsg.): Ursachen, Prävention und KontroUe von Gewalt. Analysen und Vorschläge der Unabhängigen Regierungskommission zur Verhinderung und Bekämpfung von Gewalt (Gewaltkommission).4 Bde., Berlin I990; hier: Band 2, S. 10. Zurück

3) Vgl. K. Lenk: Macht, Herrschaft, Gewalt. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament B 24/13.6.81, S. 15 ff. Zurück

4) Vgl. Schwind, a.a.0., Bd.1, S.52 ff. Zurück

5) Zitiert nach: M. Roth: Strukturelle und personale Gewalt. Forschungsbencht HSFK. Frankfun/Main 1988. Zurück

6) Roth, a.a.0., S.26. Zurück

7) Vgl. J. Esser/Th. Dominikowski: Die Lust an der Gewalttätigkeit. Lüneburg 1992 (i.E.). Zurück

8) Vgl. K.0. Hondrich: Lehrmeister Krieg. Reinbek 1992. Zurück

9) Vgl. Esser/Dominikowski, a.a.0., S.15 ff; ferner P.- A. Albrecht/0. Backes: Verdeckte Gewalt. Plädoyer für eine »Innere Abrüstung«, Frankfunrt/Main 1990; dann: I. Kocka/R. Jessen, S. 33 f. Zurück

10) Albrecht/Backes, a.a.0., S.9. Zurück

11) Vgl. U. Beck: Gegengifte. Die organisierte Unverantwortlichkeit. Frankfurt/Main l988, S.9 ff. Zurück

12) Weitere Anregungen siehe bei L.Beck: Risikogesellschaft. Frankfurt/Main 1986, S.161. Zurück

13) Vgl. J.Esser, a.a.0., S.43 ff. Zurück

14) Friedenssicherung in den 90er Jahren. Neue Herausforderungen an die Wissenschaft. Ein Memorandum. Sonderdruck der Infonnationsstelle Wissenschaft & Frieden. Februar 1992.(Bezug: Reuterstr.44, 5300 Bonn 1). Das „Memorandum“ zur Fnedenswissenschaft wurde von 29 Wissenschaftlern konzipiert und am 29.1.92 der Öfentlichkeit vorgestellt. Zur Problematik der Ausländerfeindlichkeit und Rassismus können die Beiträge von KESKIN und BASTERRA, beide in Albrecht/Backes, a.a.0., S. 91 ff. und S. 100 ff. prohlemerweiternd herangezogen werden. Zurück

15) Vgl. BPS – Repon: Derzember/Heft 6/1991, S. 40. Zurück

16) A. Pfahl-Traughber: Rechtsextremismus in den neuen Bundesländem. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament. B 3/4-92, S.11 ff. Siehe auch Chr. Butterwegge/H. Isola (Hrsg.): Rechtsextremismus im vereinten Deutschland. Randerscheinung oder Gefahr für die Demokratie? Berlin 1991. Zurück

17) „Warum wird man rechtsextrem?“ In: Jugendhilfe Report. Landschaftsverband Rheinland. Heft 4/1991, S.3 f.; vgl. ferner G. Heim: „Lieber ein Skinhead als sonst nichts?“ In: Neue Praxis. Heft 4/1991, S.300-310; auch: K.Fann/E. Seidel-Pielen: Krieg in den Städten. Jugendgangs in Deutschland. Berlin 1991. Zurück

18) Entwurf einer Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe (AGI) und der Konferenz der Fachbereichsleitung der Fachbereiche Sozialwesen in Deutschland (KSF) zum „Extremismus Jugendlicher als Herausforderung an die Jugendhilfe“, Bonn / Berlin, im Dezember 1991. Zurück

Dr. phil. Johannes Esser ist Professor an der FH Nordostniedersachsens, Lüneburg, Fachbereich Sozialwesen

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