in Wissenschaft & Frieden 1992-1: Wissenschaft und Verantwortung

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Die ökologischen Folgen des Golfkrieges

Ein vermeidbares Verbrechen an den künftigen Generationen

von Olaf Achilles

Vor dem militärischen Konflikt am Golf waren sich alle Kriegsteilnehmer und auch die Weltöffentlichkeit darüber im klaren, daß militärische Handlungen in dieser Region eine ökologische Bedrohung weit über die Grenzen Kuwaits hinaus bedeuten werden. Schon vor allen Kriegshandlungen konnte festgehalten werden:

Nach dem Prinzip der Schadensminderung hätten sämtliche militärischen Maßnahmen in der Region aus Gründen der Internationalen Ökologischen Sicherheit unterlassen werden müssen. Allein der potentielle Schadstoffausstoß brennender Ölfelder, und hierbei insbesondere die klimaschädlichen Gase, hätten angesichts der schon stattfindenden dramatischen Änderungen im Weltklima, zu einem besonnenen, weitsichtigen und möglichst ausschließlich diplomatischen Lösungsweg führen müssen.

Folgende »ökologische Verbrechen«, hervorgerufen durch die Mißachtung des »Umweltkriegsverbots-Vertrag« vom 18. Mai 1977 und des Zusatzprotokolls I zu dem Genfer Abkommen vom 12. Dezember 1977, konnten während und nach dem Krieg festgestellt werden:

Die Datenlage

Auf einer ersten wissenschaftlichen Konferenz am 2.1.91 in London, die auf Initiative der Grünen in England stattfand, äußerten einige Experten gegenüber der Weltpresse ihre Befürchtungen über die möglichen Auswirkungen eines Krieges. Neben den zu erwartenden lokalen und eventuell globalen Klimaänderungen, könnte u.a. der Monsunregen in Indien direkt beeinflußt werden, was im Extremfall zu Ernteausfällen und damit zum Hungertod von Millionen von Menschen führen würde. Auch könnte die Ozonschicht über Indien und in anderen Bereichen der durch Raucheintrag gestörten Stratosphäre geschädigt werden.

Die Verseuchung der Golfgewässer sei bei einem Krieg vorgezeichnet und würde damit den Nahen und Mittleren Osten eines wichtigen Teils seiner natürlichen Nahrungsmittelgrundlage berauben (Dokument AI, Independent 3.1.91/ FR 4.1.91/ dpa 9.1.91).

Die deutschen Umweltverbände warnen auf einer gemeinsamen Pressekonferenz vor einer globalen Umweltkatastrophe als Folge eines Golfkrieges. Der Deutsche Naturschutzring (DNR), der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) erklärten u.a., daß die weltweiten ökologischen Folgen eines Krieges weit über das Tschernobyl-Desaster hinaus gingen. Wer heute Krieg führe, könne dies nur noch um den Preis der eigenen ökologischen Vernichtung tun (div. Presse 12.1.91). (Dokument A II, Taz 12.1.91) Zahlreiche Wissenschaftler wenden sich mit weiteren ökologischen Szenarien gegen den Krieg. Die weltweit bekanntesten sind die »Abschlußerklärung der Scientific Task Force vom 14.1.91 in New York« (Dokument A IIIa) sowie eine Studie über die potentiellen Folgen eines Krieges für den Golf durch Öleintrag (Dokument A IIIb).

Das Britisch-Meteorologische Institut veröffentlicht am 15.1.91 in London eine Studie zu den möglichen Klimafolgen brennender Ölquellen in Kuwait. Die Studie stelle ein »worst-case szenario« dar und wird von der Industrie als „übertrieben pessimistisch“ bezeichnet. (Dokument A IV)

Schon im November 1990, vor dem Ausbruch des Golfkrieges, hatten kuwaitische Exilpolitiker an amerikanische und kanadische Ölbrandexperten wie Red Adair Aufträge für einen eventuellen Löscheinsatz vergeben. (Spiegel 41/91) (Dokument AV)

Zerstörung der Ölfelder in Kuwait

„In Washington wird davon ausgegangen, daß Saddam Hussein seine Drohung wahrmachen und die drittgrößten Ölvorräte der Welt in Kuwait vor einem eventuellen Rückzug vernichten wolle.“ (Dokument A VI FAZ 24.1.91)

Das US-Energieministerium gibt bekannt, das brennende Ölfelder allenfalls regionale Umweltschäden verursachen, aber keine globale Bedrohung auslösen würden. Intern wird ein Erlaß herausgegeben, der allen Wissenschaftlern, die mit Bundesmitteln forschen untersagt, sich negativ zu den ökologischen Folgen des Golfkrieges zu äußern. (Dokument A VII und A VIII, FR 25.1.91/Scientific American 5/91)

Nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums vom 12.2.91 stehen seit einer Woche mehr als 50 Öl-Quellen in Brand. Wie es dazu kam sei unklar. Die meisten seien von den Irakern selbst angezündet worden, um die eigenen Stellungen gegen alliierte Luftangriffe zu schützen. Möglicherweise seien einige Feuer im Zuge der Angriffe der alliierten Luftangriffe entstanden. (Dokument A IXa, SZ 13.2.91 Dokument IXb, Taz 14.2.91, FR 14.2.91)

Die US-Luftwaffe beginnt damit, das Land in Todeszonen (Killing Boxes) einzuteilen und Bomben auf die Planquadrate abzuwerfen. Die Todeszonen werden systematisch abgesucht und angegriffen. „Wir sehen jetzt meilenweit verbrannte Erde und Bombenkrater“, berichtet ein US-Bomberpilot nach Einsätzen über Kuwait und Südirak. Die US-Piloten bezeichnen die neue Strategie als exzellent und sprechen von einer systematischen Zerschlagung der Armee. (Dokument A X, TSP 14.2.91)

Die Süddeutsche Zeitung meldet, die alliierten Piloten hätten den Auftrag bekommen, die Ölfeuer mit Bomben auszulöschen. Im Umkreis der brennenden Quellen breiten sich große Seen von Öl über die Wüste aus. (Dokument A XII, SZ 19.2.91)

Präsident Bush bezichtigt den Irak einer Politik der »verbrannten Erde«. Er verfolge das Ziel, die gesamte kuwaitische Ölindustrie zu zerstören. Die iranische Nachrichtenagenur INRA berichtet, die Umweltkatastrophe sei eine Konsequenz der alliierten Luftangriffe auf Kuwait sowie auf die Öl- und Wirtschaftszentren des Iraks. Die Rauchwolken reichen bis in den Süden Irans hinein.<> (Dokument A XIII, FR 25.2.91)<>

Der Spiegel berichtet von verminten Ölfeldern. (Dokument A XIV, Spiegel 8/91)

Die Kuwait Oil Company gibt eine erste Untersuchung bekannt, nachdem alle 950 Ölförderungsanlagen gesprengt worden seien. (Dokument A XVII, FR 2.3.91)

Einsatz von Öl als Waffe in Kuwait und am Golf

Die alliierten Streitkräfte bombardieren am 28.1. die Ölpumpanlage Sea Island, mit Hilfe derer die irakische Armee Öl in den Golf gepumpt hatten. Nach Schätzungen von Experten sind 1,5 Milliarden Liter Öl ausgeflossen, 40 mal soviel wie bei dem Tankerunglück Exxon Valdez. Der Ölteppich ist 900 km2 groß und bewegt sich mit 20 Stundenkilometern Geschwindigkeit auf die saudi-arabische Küste zu.

Am 29.1. sollen bereits 1,7 Milliarden Liter Öl in den Golf geflossen sein, davon eine Milliarde aus der Ölverladestation. Der Rest komme von 5 irakischen Schiffen, darunter drei Tankern, die vorsätzlich vor Kuwait-Stadt zerstört worden seien. Eine andere Quelle seien vermutlich beschossene Tanks und Raffinerien in der verlassenen saudi-arabischen Stadt Chafdschi. (Dokument C Ia, FR 30.1.91, C Ib, FAZ 29.1.91)

Der Deutsche Gewerkschaftsbund und der Deutsche Naturschutzring fordern in einer gemeinsamen Erklärung wegen der Ölkatastrophe am Golf eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats. (Dokument C II, KSTA 30.1.91)

US-General Schwarzkopf bestätigt, daß seit Tagen erneut Öl von der Halbinsel Fao aus dem Tankerterminal Mina el Bakr fließe. Weil fast alle schwimmenden Ölsperren zum Schutz der Meeresentsalzunganlagen und Kraftwerke benötigt werden, sind Millionen Tiere im Golf ungeschützt einem qualvollem Tod ausgesetzt (Dokument C III, SZ 1.2.91)

General Schwarzkopf schließt nicht aus, daß die Anlage bei Fao durch alliiertes Bombardement leckgeschlagen wurde (Dokument C IV, SZ 8.2.91)

Ein hoher Mitarbeiter der saudiarabischen Umweltbehörde informiert, 20-30% des Öls im Golf seien „die Folge von Angriffen der Alliierten auf irakische Ziele zu Lande und zu Wasser“. Mittlerweile sind 160 Küstenkilometer von dem Ölteppich betroffen. Saudi-arabische Wissenschaftler schätzen den Ölteppich auf lediglich 1,5 Millionen Barrel Öl. Das Öl, das zuerst an die Strände Saudi-Arabiens gespült wurde, stamme aus irakischen Tankern, die von amerikanischen Bombern angegriffen worden seien (20.2.). (Dokument C VI, TAZ/TSP/FR 21.2.91)

Verschleierung der Kriegsfolgen

In einer Stellungnahme des Worldwatch Instituts aus Washington vom 1. März werden die kuwaitischen Verantwortlichen in Anspielung auf die Londoner Smogkatastrophen aus den 50er Jahren aufgefordert, Kuwait erst nach der Löschung der Brände wieder zu besiedeln. Auch würde durch die Kriegshandlungen die Wüste Jahrhunderte brauchen, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen. In einer neuen internationalen Ordnung müsse der Schutz der Umwelt im Zentrum stehen. (Dokument B I)

Gesundheitsbeamte in Bahrain warnen am 17. März die Bevölkerung, daß das Atmen mit dem täglichen Rauchen von 20 bis 30 Zigaretten gleichzusetzen ist. Auch könnte verstärkt Hautkrebs auftreten, da die weit über 100.000 Flugeinsätze der Alliierten die Ozonschicht beeinträchtigt haben, teilte Jaffar al-Bareeq, Präsident der Bahreiner Krebsgesellschaft mit. Sie bitten die Weltgesundheitsorganisation um Hilfe. (Dokument B II, Environmental Outlook 19.3.91)

In Kuwait wurde nach einer im März herausgegebenen Schätzung des US-Umweltbundesamtes EPA ungefähr zehnmal soviele Schadstoffe in die Luft ausgestoßen, wie alle Industrieanlagen und Kraftwerke der USA zusammen. (Dokument B III)

Die ersten Ausläufer der Rauchwolke erreichen Europa. Das British Meteorological Office hat Satellitenfotos ausgewertet, die zeigen, daß sich rußhaltige Regenwolken bis an das Westufer des schwarzen Meeres, Rumänien, Bulgarien und Griechenland erstrecken. Im Osten hat der Qualm Afghanistan und Griechenland erreicht. (Dokument B IV, Spiegel 25.3.91)

Kuwaitische Umweltexperten vom kuwaitischen Institut für wissenschaftliche Forschung (KISR) fordern die Evakuierung von Teilen Kuwaits. In den Krankenhäusern häufen sich die Fälle von Bronchialasthma und anderen Atemwegserkrankungen, Hautinfektionen und Blutgeschwüren. Eine Untersuchung von sieben frischgeschlachteten Schafen habe schwerwiegende Irritationen ihres Lungengewebes gezeigt. Ein Tag in Kuweit-Stadt habe eine Wirkung ähnlich dem Rauchen von 250 Zigaretten. Es wird berichtet, daß 40 Ölquellen nachträglich in Brand gesetzt wurden, um die hochgiftigen und tödlichen Gase abzufackeln. Es wird beklagt, daß weder die Vereinten Nationen noch die US-Umweltbehörde, die Expertenteams an den Golf entsand haben, das KISR wegen dessen Untersuchungen konsultiert haben. (Dokument B V, FR 28.3.91)

Der Direktor des Überwachungssystems des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) Michael Gwynne erklärt, daß die Umweltschäden durch die Ölbrände nur mit denen von Tschernobyl vergleichbar seien. „Doch wie in Tschernobyl fehlen uns auch jetzt verläßliche Daten“. (Dokument B VI, FR 30.3.91)

Der Koordinator der UN-Hilfsaktionen am Golf, Prinz Sadruddin Aga Khan berichtet am 11.4., daß schwarzer Schnee im Himalaya gefallen sei. Das Regenwasser im Iran ist nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO gesundheitsgefährdend mit Blei und Ruß verseucht. Eine Probe im Südwesten Irans von Mitte März (!) habe sechsmal soviel Blei aufgewiesen, wie Trinkwasser höchstens enthalten darf. Auch der Natriumgehalt des Wassers liege vielfach über den Sollwerten. Die Erde sei stark durch Ruß und Schwermetalle verseucht. In der kuwaitischen Ölstadt Ahmadi nehmen bei Kindern Ekzeme zu, Frauen fällt das Haar aus. (Dokument B VII, FR 13.4.91)

Am 29.4. veranstaltet der Umweltausschuß des deutschen Bundestages ein Hearing zu den Umweltfolgen am Golf. Zahlreiche Experten beklagen, daß nur sehr wenige Daten vorhanden sind. Auch gebe es keinerlei Koordination innerhalb der Ministerien, der EG oder der UNO. Die Gesundheitsgefahr für die Bewohner Kuwaits schätzt der Kieler Toxikologe Prof. Dr. Ottmar Wassermann auf 10 bis 100mal höher als die Krebsgefahr in Westdeutschland. Unter Berücksichtigung von zehn Luftschadstoffen einschließlich des Dieselausstoßes komme gemäß der geltenden bundesdeutschen Grenzwerte, bereits ein Krebstoter auf 500 Einwohner pro Jahr. Kuwait müsse sofort evakuiert werden. (Dokument B VIII, wib 2.5.91)

Die dichteste Ruß-Wolke erstreckt sich über Kuwait, dem östlichen Irak und den westlichen und südlichen Teilen des Iran. Meteorologen des britischen Wetterdienstes haben über Kuwait in 2000 Metern Höhe Konzentrationen von 30.000 Rußteilchen pro Kubikmeter Luft ermittelt, das 30-fache dessen, was in einer Großstadt bei Smogalarmstufe vorhanden ist. Auch bei den Schadstoffen Schwefeldioxid und den Stickoxiden konnte man mit 1000 ppb das 20-fache bzw. mit 50 ppb das 10-fache eines Smognotstandes ermitteln. (Dokument B III, World Watch 7/8 91)

Die Todesrate in Kuwait wird wegen der noch immer anhaltenden Ölbrände nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) um zehn Prozent steigen. Nach monatelangem Schweigen über die Umweltverschmutzung begann die kuwaitische Regierung in den vergangenen Tagen damit, über das staatliche Fernsehen Warnungen zu verbreiten.

50 bis 75% der Fläche Kuwaits seien mit öligem Ruß bedeckt. (Dokument B XIII, FR 20.9.91, Dokumente DI bis D III)

Zerstörung der (Wüsten-)ökologie

Tony Burgress, vom Wüsten-Institut der Universität von Arizona in Tucson sagte, er habe noch nie eine solche Zerstörung gesehen. Kuwaits Wüste sei vor dem Krieg trotz der Ölförderung ökologisch intakt gewesen, mit erheblichen Bewuchs und artenreichem Tierleben. Nun aber sei die Wüste weitgehend vom rußigen Abfall der Feuer bedeckt, der weder Wasser durchlasse noch das Keinem von Samen erlaube. Das gesamte Mikroleben im Wüstensand sei weitgehend abgestorben. (Dokument B IX, FR 26.6.91)

Ein UN-Beamter teilt mit, die Bewegungen tausender Fahrzeuge hätten während des 41tägigen Krieges die Bodenfläche, auf der sonst nur Kamele zogen, völlig verändert. Da die Wüste eine sehr lange Regenerationszeit benötige, seien Erosionen und heftige Sandstürme nach Angaben des UN-Wüstenexperten Ayoub unausweichlich. (Dokument B X, FR 6.7.91)

Zerstörung der Infrastruktur des Iraks

Der stellvertretende britische Generalstabschef teilt mit, daß die Bombenangriffe der Alliierten „beträchtliche Schäden“ vor allem an Einrichtungen zur Produktion chemischer und atomarer Waffen anrichten. Die Anlagen zur Rohölförderung im Irak seien zu 50 Prozent zerstört und die Lagermöglichkeiten für Öl schwer getroffen worden. (Dokument A V )

Alle wichtigen Raffinerien im Irak sind nach Angaben der Alliierten beschädigt oder geschlossen. Die Daura-Raffinerie bei Bagdad, welche 71.000 Barrel Öl am Tag produzierte, wurde in der ersten Bombennacht bereits getroffen. Danach zielten die Alliierten auf den Baiji-Komplex, die größte Anlage des Iraks mit 150.000 Barrel Ölförderung pro Tag. Basra, mit 70.000 Barrel am Tag, wurde ebenfalls getroffen (FT 15.2). (Dokument A XI)

Es wird bekannt, daß der türkische Staatspräsident Özal im letzten Moment eine Bombardierung der irakisch-türkischen Öl-Pipeline durch US-Flugzeuge verhindert hat (26.2.). (Dokument A XV SZ 27.2.91)

Das alliierte Oberkommando gibt bekannt, daß insgesamt 14 große Atom-oder Chemieanlagen zerbombt wurden. Über die Auswirkungen auf die Umgebung sei nichts bekannt. Andere Quellen sprechen im nachhinein von 31 Anlagen. (Dokument A IV, Taz 1.3.91, Dokumente D VI bis D IV)

Der Autor trug diese Stellungnahme auf der bundesweiten Anhörung zum Golfkrieg am 30. November 1991 in Stuttgart vor.

Dipl.-Ing. Olaf Achilles, Forschungsgruppe Ökologische Sicherheit, Bonn

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