in Wissenschaft & Frieden 1991-4: Testfall Rüstungsexport

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Kostendämpfungsstrategie

Integration ziviler und militärischer Produktion neuer Technologien

von Manfred Domke

Die Ost-West-Entspannung, die noch bescheidenen Abrüstungserfolge, die Golf-Krieg-Erfahrungen und enorme Haushaltsprobleme der Industrie-Länder haben für alle Fragen der militärischen Sicherheit neue Randbedingungen geschaffen. Anpassungen der Kriegsmaschinerie, der Wissenschaftsbasis und des militärisch-industriellen Komplexes sind unausweichlich. Der Golfkrieg hat mit seiner Botschaft „Die Welt bleibt unsicher und gefährlich“ der erforderlichen Umorientierung allerdings vorerst eine Atempause verschafft. Debatten über die künftige Rolle und Strategie der NATO und die Umstrukturierung der Streitkräfte in leichtere und mobilere Verbände ausgerüstet mit tödlicheren Waffen haben bereits begonnen.

Die große Herausforderung wird jedoch im Umbau der Technologie- und Produktions-Basis für das Militär gesehen. Dabei geht es nicht nur darum, vorhandene Kapazitäten zu verringern, sondem auch darum, die Entwicklungen künftiger Waffen vorauszusehen und festzulegen, wie die wissenschaftlichen und technischen Fortschritte des zivilen Bereichs national und interational am besten für das Militär nutzbar gemacht werden können. Zivile und militärische Forschung und Entwicklung auf den Gebieten Mikroelektronik und Informationstechnologie sind bereits weitgehend zusammengeführt. Im nächsten Schritt soll die Integration der Produktion von Militärtechnik in den zivilen Bereich hinein verstärkt gefördert werden. Dual-Use-Technologien sollen die Finanzierbarkeit künftiger Militärtechnik sicherstellen.

Bessere Militärtechnik für weniger Geld

Die militärische Überlegenheit bleibt untrennbar mit der Überlegenheit auf dem Gebiet der Informationstechnologie verbunden.Während über die Reduzierung von Raketen, sonstigen Waffensystemen und Kampftruppen verhandelt wird, soll die »Aufrüstung im Forschungs- und Entwicklungs(FuE)-Bereich« eher noch verstärkt werden. Wegverhandelte militärische Geräte und Soldaten sollen durch den Einsatz sehr teurer supermoderner Technik, durch intelligentere und wirksamere Waffen ausgeglichen werden. Die militärischen Anforderungen an die Informationstechnik (IT) werden also weiter steigen. Extreme militärische Anforderungen an die IT erfordern spezielle Fertigungstechniken. Obwohl Anforderungen, Fertigungsprozesse und Technologien für das Militär und den zivilen Bereich zunehmend divergieren, soll künftig aus Kostengründen die Integration der Produktion ziviler und militärischer Technologien verstärkt vorangetrieben werden. Basis dieser Dual-Use-Politik ist und bleibt die mit höchster Priorität versehene militärische Sicherheit.

Es besteht weitgehender Konsens, daß die Rüstungshaushalte in absehbarer Zeit sinken werden. Die FuE-Etats 1991 für das Militär steigen zwar noch weiter oder stagnieren. Mittelfristig werden aber auch sie gekürzt werden.

Einziger Ausweg aus dem Dilemma „Bessere Militärtechnik für weniger Geld“: Staatliche Forschungspolitik setzt verstärkt auf Dual-Use-Technologien. Diese Technologien werden im Interesse des Militärs und für das Militär zivil gefördert, erforscht, entwickelt und produziert und sollen aus Kostengründen auch zivil genutzt werden.

Militärisch genutzte Techniken und Geräte des zivilen Marktes, auf die das Militär während der FuE-Phase keinen direkten Einfluß ausübt, werden nicht in diese Dual-Use-Untersuchung einbezogen. In der militärischen Fachsprache werden sie mit »nondevelopmental items« (NDI) bezeichnet. Auf militärischen Bedarf zugeschnittenes Gerät heißt dagegen »dedicated military equipment«. (OTA, 1991, p. 16)

Die Bezeichnung »doppelt-verwendbare Technologien« gehört zu den Sprachregelungen, die bestehende Verhältnisse verschleiern. Mit »Dual-Use« wird abgelenkt von der Einflußnahme der Sicherheitspolitik auf die Forschungs-, Technologie- und Wirtschaftspolitik sowie vom Einsatz ziviler Ressourcen bei der Herstellung von Technologien für das Militär. Dual-Use suggeriert Neutralität, Wert- und Zweckfreiheit von Wissenschaft und Technologie. Dem Steuerzahler wird darüberhinaus das Gefühl vermittelt, daß seine Steuern selbst in der Rüstung gut angelegt sind.

Der verdeckte Gebrauch ziviler Ressourcen für die Entwicklung neuer Informationstechnologien für das Militär und die damit einhergehende Deformierung des IT-Sektors können nur dann reduziert bzw. verhindert werden, wenn die Entstehungs- und Verwertungsbedingungen neuer IT analysiert, aufgedeckt und auch in den Bereichen von Wissenschaft und Gesellschaft öffentlich debattiert werden, die nicht oder nicht unmittelbar am Entwicklungsprozeß beteiligt sind.

Die Entwicklung der politischen Rahmenbedingungen

Trotz sinkender Militärhaushalte wird es auf dem Rüstungsmarkt weiterhin Wachstumsbereiche geben. Die Siemens AG z.B. betrachtet die sicherheitspolitischen Veränderungen nicht als Bedrohung für ihre Rüstungsgeschäfte. In der Militärelektronik wird künftig mit einem Wachstum von l-3<0> <>% gerechnet. Der Bereich Sicherungstechnik ließ sich bereits in der Vergangenheit bei maßgeschneiderter Militärtechnik 2/3 der Entwicklungskosten zivil finanzieren.

„Die stetig steigenden Entwicklungskosten einerseits und die Kürzungen in den Militärhaushalten andererseits erfordern verstärkt die Nutzung von Synergien aus dem zivilen Kommunikationsbereich. Kostengünstige zivile Basistechnologien in Verbindung mit Militarisierungs-Maßnahmen führen zu einer deutlichen Reduzierung der Gesamtentwicklungskosten.“ (ST90, 1990, S. 21.)

Es klingt paradox, aber Abrüstung und globale Haushaltsreduzierungen führen leider nicht zur »Abrüstung« im FuE-Bereich. Im Gegenteil, heute steigt die Bedeutung der militärischen FuE weiter, was auch an den Haushaltszahlen zu erkennen ist.

In den USA sind die FuE-Haushalte für das Militär 1991 mit Ausnahme von SDI gestiegen: Army research sciences +1,6<0> <>%, Navy r. s. +8,7<0> <>%, Air Force r.s. +7,1<0> <>%, University research initiatives +81,5<0> <>%, Defense Advanced Research Projects Agency +14,1<0> <>%, SDI -24,3<0> <>%.

Präsident Bush hat auf einem Symposium des Aspen Instituts in seiner Rede „In Defense of Defense“ auf die langfristigen Konsequenzen heutiger Entscheidungen im Forschungsbereich verwiesen. Falsches Wirtschaftlichkeitsdenken im FuE-Bereich könnte einen hohen Preis fordern. Forschungsprogramme, die heute gefördert oder nicht gefördert werden, würden den Charakter der Streitkräfte im Jahr 2000 und darüber hinaus festlegen. Forschung müsse heute so angelegt sein, daß möglichen Herausforderungen der Zukunft entschlossen entgegengetreten werden könne. Den Männern und Frauen in den Streitkräften müsse Amerika die beste Technik anbieten.

„And to prepare to meet the challenges we may face in the future, we must focus on research an active and inventive program of defense R&D.

Let me begin with the component with great long-range consequences: research. Time and again, we have seen technology revolutionize the battlefield. The U.S. has always relied upon its technology edge to offset the need to match potential adversaries'strength in numbers. Cruise missiles, stealth fighters and bombers, today's »smart« weapons with state-of-art guidance systems and tomorrows's »brilliant« ones – the men and women in our armed forces deserve the best technology America has to offer.

And we must realize the heavy price we will pay if we look for false economies in defense R&D. Most modern weapons systems take a minimum of 10 years to move from drawing board to battlefield. The nature of national defense demands that we plan now for threats on the distant horizon. The decisions we make today – the programs we push forward or push aside – will dictate the kind of military forces we have at our disposal in the year 2000 and beyond.“ (Bush, 1990, in: Cheney 1991, p. 133)

War es ein merkwürdiger Zufall, daß Bush gerade an dem Tag dem Militär den Rücken stärkte, als der Irak in Kuweit eindrang?

In der Bundesrepublik bleiben die Gesamtausgaben für militärische Forschung 1991 mit 3,8 Milliarden DM auf Rekordhöhe. Nur 1990 lagen die Ausgaben mit knapp 4 Milliarden DM noch höher. Während die Rüstungsforschung und die wehrtechnische Forschung seit 1982 prozentuale Erhöhungen von 55,5<0> <>% und 91,6<0> <>% verbuchen konnten, hinkt die zivile Forschung im gleichen Zeitraum mit 25,0<0> <>% hinterher. Etwa 1/4 aller FuE-Gelder wurden 1991 in der Bundesrepublik für neue Waffensysteme ausgegeben. Für die Entwicklung neuer Waffen werden im laufenden Jahr FuE-Mittel ausgegeben, die 4 mal so hoch sind wie die der Umweltforschung, 7 mal so hoch wie die der Gesundheitsforschung, 12 mal so hoch wie die der Forschung für emeuerbare Energien und 28 mal so hoch wie die der Forschung zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen. (Bulmahn, 1991)

Anpassung der Rüstungsindustrie an die neue Sicherheitsumgebung

In den USA hat bereits eine öffentliche Diskussion über den Umbau der Technologie- und Produktions-Basis für das Militär begonnen. Diese Rüstungsbasis besteht aus einer Kombination von Menschen, Institutionen, Technologie-Know-How und Produktionskapazität zur Entwicklung und Herstellung von Waffen und militärischen Unterstützungssystemen, die zur Erreichung der Sicherheitsziele benötigt werden.

„The defense technology and industrial base … contains three functional elements:

1. a technology base that includes private industry laboratories and research facilities, university laboratories conducting defense research, government laboratories (e.g., those run by the National Aeronautics and Space administration and the Departments of Energy, Commerce, and Defense), test centers, and the trained scientific and technical personnel to staff these facilities;

2. a production base composed of private industry as well as government enterprises (both government-owned and government-operated and government-owned and contractor-operated);

3. a maintenance base consisting of government facilities (arsenals, depots, etc.) and private companies that maintain and repair equipment either at their own facilities or in the field.“ (OTA,1991, p.2)

Diese Anpassung der »Defense Technology and Industrial Base« an die neue Sicherheitsumgebung wird als große Herausforderung mit internationalem Charakter begriffen. Die zentralen Fragestellungen dieser Umorientierung reichen weit über die Dual-Use-Problematik hinaus. Die verstärkte Integration ziviler und militärischer Bereiche wird sehr deutlich gefordert und soll sehr schnell umgesetzt werden.

„The Transition to a new defense industrial base must also cope with internationalisation of defense technology and industry and the increasing prominence of civilian high technologies with potential military applications (»dual-use« technologies).

…, needed changes in the base, such as promoting the integration of military production into the civil sector, should be initiated quickly.

The report (DoD, 1988) argued for a DoD investment strategy that would encourage the development and widespread introduction of dual-use product and process technologies, and increase the interaction between the defense and civilian bases. The challenge in determining the size and nature of the future defense technology and industrial base is thus not only one of potentially downsizing current capabilities, but also of anticipating future weapons developments and of determining how best to utilize scientific and technological advances within the domestic civil sector, as well as abroad.“ (OTA, 1991, pp. 13-16)

Andere Kemfragen werden gerade andiskutiert: Wieviel militärische Sicherheit ist für die Zukunft erforderlich und bezahlbar? Welche Forschungs-, Entwicklungs- und Produktionskapazitäten sind dafür nötig und wie sollen diese in Friedens-, Krisen- und Kriegszeiten organisiert, geführt und genutzt werden? Welcher Grad von ausländischer Abhängigkeit kann im Rüstungsgeschäft akzeptiert werden? Welcher Zeitrahmen soll gewählt werden?

Die Lage in der Bundesrepublik

In der Bundesrepublik wird die wachsende Rolle der Informationstechnik für das Militär im ressortübergreifenden Zukunftskonzept Informationstechnik (ZKI) der Bundesregierung (ZKI, 1989, S.120 ff) beschrieben:

Die Verbesserung der Verteidigungsfähigkeit der Bundeswehr durch effektive Nutzung moderner Technologien sei politisch wünschenswert und als Ziel eine große Herausforderung für Forschung und Industrie. Der Informationstechnik komme dabei eine Schlüsselrolle zu. Der Anteil an den Entwicklungs-, Produktions- und Nutzungskosten würde steigen. Die Bundeswehr versuche, sich weitgehend auf Entwicklungen für den zivilen Bereich abzustützen. Dies gelte insbesondere für Führungs- und Informationssysteme und Mikroelektronik.

„In Zukunft wird auch verstärkt darauf hinzuwirken sein, sogenannte Dual-Use-Technologien intensiver zu nutzen, d.h. zu versuchen, militärische Forderungen bei zivilen Entwicklungen frühzeitig mitberücksichtigen zu lassen, beziehungsweise auf derartige Dual-Use-Technologien in Form von Add-On-Programmen aufzusetzen, um den militärischen Bedarf zu decken“. (ZKI, 1989, S. 122)

Der Parlamentarische Staatssekretär im BMVg Willy Wimmer hatte im April 1989 in einem Schreiben dem Verteidigungsausschuß dargelegt, daß die Programme des BMFT wie auch die der EG zunehmend im Sinne von »dual-use« genutzt bzw. in dieser Richtung beeinflußt werden. Als die SPD-Fraktion im Frühjahr 1990 in einer Kleinen Anfrage (Drucksache 11/6602) die Programme in Erfahrung bringen wollte, wiegelten Frau Hürland-Büning, Parlamentarische Staatssekretärin im BMVg, und Willy Wimmer ab. Eine direkte Beeinflussung ziviler Programme im Sinne von »dual use« gäbe es bisher nicht. Allenfalls sei eine indirekte Beeinflussung durch bestimmte Auftragnehmer möglich.

„7.2 Welche Programme des Bundesministeriums für Forschung und Technologie, anderer Bundesressorts und der EG werden im Sinne von »dual use« durch das Bundesministerium der Verteidigung genutzt und in ihrer Richtung beeinflußt?

Wie hat sich das Volumen dieser Programme seit 1982 entwickelt?

Der Bundesminister der Verteidigung baut mit seinen Vorhaben zur Forschung und Technologie (FuT) grundsätzlich auf ziviler Forschung und Technologie auf. Nur soweit unabweisbar wird die zivile wissenschaftlich-technische Basis durch eigene Vorhaben ergänzt. Demzufolge wurden bisher keine Programme anderer Ressorts, insbesondere des Bundesministers für Forschung und Technologie oder der Europäischen Gemeinschaft, im Sinne von »dual use« durch den Bundesminister der Verteidigung genutzt oder direkt beeinflußt. Eine indirekte Beeinflussung der Durchführung ziviler Programme zwecks wehrtechnischer Nutzung von Ergebnissen dieser Programme durch diejenigen Auftragnehmer, die sowohl mit zivilen wie wehrtechnischen Aufgaben betraut sind, ist jedoch möglich.“ (Deutscher Bundestag, Drucksache 11/7373, 12.6.1990)

Frau Bulmahn, MdB der SPD, gab sich mit dieser ausweichenden Antwort nicht zufrieden und verwahrte sich in ihrem Schreiben vom 25.6.1990 an die Parlamentarische Staatssekretärin des BMVg mit aller Entschiedenheit gegen einen Mißbrauch des BMFT-Haushalts durch den BMVg. Daraufhin konterte Willy Wimmer am 8.10.1990 mit der verblüffend einfachen Nachricht, der Dual-Use-Denkansatz wäre zwischenzeitlich zurückgestellt und würde nicht weiter verfolgt.

In dem Schreiben von Wimmer heißt es weiter: „… wurde darüber hinaus deutlich gemacht, daß wehrtechnische Forschung in der Regel in Form von add-on-Programmen auf zivil gewonnenen Ergebnissen aufsetzt. Insoweit werden zivile FuE-Ergebnisse im Sinne von »dual-use« genutzt. Dies bedeutet aber nicht, daß militärische FuE-Aufgaben aus dem Haushalt des BMFT finanziert werden. Diese Aussage gilt gleichermaßen für die europäischen Technologieprogramme.

Von einem „Mißbrauch des BMFT-Haushalts durch den BMVg“ kann daher nicht die Rede sein.“

Diese parlamentarische Beschwichtigungs-Rhetorik kann nicht überzeugen. Die außerordentlich komplexen Beziehungen und Einflußnahmen zwischen Politik, militärisch-industriellem Komplex und Wissenschaft sowie das dahinterliegende Interessen- und Macht-Gefüge sind zwar nur schwer zu durchschauen. Aber Dual-Use-Fakten fügen sich zunehmend zu einem klareren Bild vom Gebrauch ziviler Ressourcen für militärische Zwecke zusammen.

Im Gegensatz zu den USA werden in der Bundesrepublik die Grundlagenarbeiten für Mikroelektronik und Informationstechnik nicht vom Bundesminister für Verteidigung (BMVg) gefördert. Diese Aufgabe liegt beim Bundesminister für Forschung und Technologie (BMFT). (Protokoll, 1983).

Bei der Vorstellung des Forschungs- und Technologie-Programms der Bundeswehr (Forndran, 1985) wurde darauf hingewiesen, daß der halbe BMFT-Etat zum BMVg-Forschungs- und Technologie-Etat hinzugezählt werden muß, um die finanziellen Aufwendungen der Bundesrepublik mit denen der USA vergleichbar zu machen.

„Vorsicht beim Vergleich mit den USA: Die Hälfte des BMFT-Etats muß zum BMVg-Forschungs- und Technologie-Etat gezählt werden, weil das BMFT die Grundlagenforschung fördert.“ (Forndran, 1985)

Auf dieser Wehrtechniktagung wurde auch unterstrichen, daß es trotz der Abhängigkeit der Verteidigungstechnik von der Mikroelektronik kein BMVg-Programm für militärische Mikroelektronik geben würde.

Absprachen zwischen dem BMVg, dem BMFT und anderen Ressorts sorgen dafür, daß die militärischen Anforderungen in der Forschungspolitik und den FuE-Programmen Berücksichtigung finden.

„ Zwischen dem BMFT und dem BMVg bestehen vielfältige, enge Verbindungen auf allen Ebenen. So werden beispielsweise zwischen den Staatssekretären die Grundsatzfragen zur Forschung und Zukunftstechnologie laufend abgestimmt. Dies gilt aber nicht nur für die »große Linie«: In enger Zusammenarbeit der Fachleute beider Ressorts wird auch – und das ist notwendig – das Vorgehen im Detail koordiniert.“ (Rüstungsstaatssekretär Timmermann in Sadlowski (1984))

„Für den Bereich der wehrtechnischen Forschung auf dem Gebiet Informationstechnik ist darüber hinaus eine enge Abstimmung mit anderen Ressorts, wie BMFT und BMP, vorzusehen, um den Einsatz von Mitteln und Ergebnissen für die Wehrtechnik zu optimieren. Der Bundesminister der Verteidigung wird daher von den anderen Ressorts schon bei der Formulierung von Fachprogrammen und sich daraus ergebenden Einzelaufgaben beteiligt werden, um seine mittel- bis langfristigen Erfordernisse ressortübergreifend in die Planung einzubringen.“ (Riesenhuber, 1984)

Beispiele für Dual-Use-Technologien und reine Militärtechnologien

Die Leitziele des Pentagon für die Forschung und Entwicklung werden in Adam (1990) beschrieben. 21 kritische Technologien sollen auch künftig die Überlegenheit der US-Waffensysteme sicherstellen (DoD, 1991). Im Bericht des Pentagon an den Kongress (Cheney, 1991, p. 44) wird dargestellt, wie diese Technologien auf über 100 Teiltechnologien, auf die Technologie- und Produktionsbasis, auf spezielle Schlüssel-Industriebereiche, Hersteller und Zulieferer abgebildet werden.

Die Leitziele für die Forschung und Entwicklung lauten:

Auf diese Leitziele und nicht auf die Erhaltung und Verbesserung menschlicher Lebensgrundlagen werden maßgebliche FuE-Aktivitäten in den USA, in Japan und Europa ausgerichtet.

In der Technologie-Strategie der Militärs für die 90er Jahre wird der Computerforschung die höchste Priorität zugewiesen. Dabei werden massiv parallele Systeme, Kommunikation in und zwischen Systemen und hochauflöslichen Bildschinne hervorgehoben. Sehr hohe Prioritäten erhielten auch die Sensortechnik und die Materialforschung.

Das Programm der kritischen Technologien ist in erster Linie darauf ausgerichtet, innovative Technologie zu schaffen und sie wirksam in die Militärmaschine einzufügen. Dabei sollen technische Durchbrüche erzielt werden. Die 21 kritischen Technologien (siehe Tabelle) sollen auch die Waffensysteme, deren Teilsysteme, Unterstützungssysteme (z.B. Ausbildung, Logistik) und die Infrastruktur des militärisch-industriellen Komplexes evolutionär verbessern. Sie sollen schließlich auch technologische Trumpfkarten (z.B. Tarnkappentechnologie, Atombombe, Polaris-System) für neue Kriegsstrategien aufspüren. Alle 5-10 Jahre soll eine solche Trumpfkarte zur langfristigen Sicherung der Dominanz im Rüstungswettlauf gezogen werden können.

Das Komitee der Streitkräfte des US-Kongresses unterstreicht, daß eine moderne Militärmacht weitgehend von Dual-Use-Technologien abhängt und 15 der 21 kritischen Technologien die Schlüsseleigenschaft »Dual-Use« haben. Über ihren Beitrag zu den „lebenswichtigen DoD-Missionen“ hinaus hätten Dual-Use Technologien auch bedeutsames kommerzielles Anwendungspotential.

Nur 6 dieser kritischen Technologien wären eindeutig rein militärische Technologien: Sensitive radars, signature control, weapon system environment, pulsed power, hypervelocity projectiles and propulsion, high energy density materials.

„Taken as a whole, the Defense Critical Technologies have several key attributes that are significant for DoD S&T management, including:

Critically;

Continuity;

Interdependence; and

Dual-Use.

Dual-use: Finally, the Defense Critical Technologies shows that modern military power is largely dependent upon dual-use technologies. At least 15 of the 21 Defense Critical Technologies, in addition to contributing to vital DoD missions, have significant commercial applications or potential.“ (DoD, 1991, p.11-6)

Vom »dual-use« Konzept Abschied nehmen

Technischer Fortschritt, orientiert am alten Prinzip, daß der Krieg der Vater aller Dinge sei, dominiert weiterhin den sozialen und menschlichen Fortschritt. Die Entstehungsprozesse neuer Technologien werden in ihrer politischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und technischen Dimension nicht transparent gemacht. Die dahinterliegenden Interessen- und Machtstrukturen, die allenfalls exemplarisch erkennbar sind, müssen aufgedeckt werden. Deshalb sollten alternative Projekte vorrangig die Zusammenhänge zwischen Sicherheits-, Forschungs-, Technologie- und Wirtschaftspolitik einerseits und den Forschungs- und Entwicklungsprozessen andererseits zum Untersuchungsgegenstand machen. Dabei sind insbesondere die Beziehungen zwischen militärischen und zivilen Anforderungen an die IT und den Fertigungsmethoden, Fertigungstechniken und Fertigungsprozessen zu untersuchen. Dringend erforderlich sind Analysen zur Dimensionierung der neuen IT. Es ist zu fragen, ob und inwieweit die Mega- und Giga-Dimensionen im Chipbereich oder die Teraflop-Dimension im Supercomputerbereich zur Lösung der drängenden gesellschaftlichen Probleme, wie z.B. Klima, Luft, Wasser, Boden, Nahrung, Abfall, Drogen, Arbeitslosigkeit, Grundrechte und Demokratie, beitragen. Umfassende Anforderungsanalysen an eine IT, die orientiert ist an der Wiederherstellung, am Erhalt und an der Verbesserung menschlicher Lebensgrundlagen, müssen erarbeitet werden. Vom Dual-Use-Konzept ist radikal Abschied zu nehmen. Ziel muß es sein, über eine Abrüstung im FuE-Bereich zu einer Richtungsänderung in der Forschungs- und Technologiepolitik zu gelangen. Statt IT, die militärisch sehr relevant ist, muß eine sozialförderliche IT erforscht und entwickelt werden. Ohne eine in der Öffentlichkeit geführte Diskussion wird dieses Ziel nicht erreicht werden können. Die Technologiedebatte muß über den Kreis technikorientierter Experten hinausgehen.

Literatur

Adam, J.A. (1990) Toward smaller, more deployable forces, as lethal as can be, in: Special Report DEFENSE: How much is enough?, IEEE Spectrum, November, pp. 30-41.

BMFT-Journal (1987) Durchbruch bei der Supraleitung, Nr.4/August, S.8.

Bulmahn, E. (1991) Bonn rüstet weiter, Sozialdemokratischer Pressedienst WIRTSCHAFT, 46. Jahrgang/43, 6. Juni, S. 1-4.

Cheney, D. (1991) Annual Report to the President and the Congress, U.S. Govemment Printing Office Washington, D.C.20402, January.

DoD (1988) Bolstering Defense Industrial Competitiveness, Report to the Secretary of Defense by the Under Secretary of Defense (Acquisition), Washington, DC, July.

DOD (1991) The Department of Defense Critical Technologies Plan for the Committees on Armed Services United States Congress, 1 May.

Domke, M.(1988) Einflußnahme von Politik, Militär und Industrie auf die Informatik am Beispiel Supercomputer, in: Rudolf Kitzing u.a. (Hrsg.) Schöne neue Computerwelt, Zur gesellschaftlichen Verantwortung der Inforinatiker, Verlag für Ausbildung und Studium in der Elefantenpress Berlin, S. 136-163.

Domke, M. (1990) Janusgesicht der zivilen Forschung (JESSI und Dual-Use), die computer zeitung, 11. Juli, S. 21-22.

Domke, M. (1990) JESSI und Dual-Use, Beispiel für Großindustrie-Subventionen und verdeckte Rüstungs-Haushalte, Informatik Forum, 4. Jahrgang, Heft 3, September, S. 147-151.

Domke, M.(1991) DUAL-USE: Berücksichtigung militärischer Anforderungen bei der zivilen Entwicklung neuer Technologien, in Kreowski, Hans-Jörg (Hrsg.), Informatik zwischen Wissenschaft und Gesellschaft: In Erinnerung an Reinhold Franck, Informatik Fachberichte, Springer-Verlag (erscheint demnächst).

EG (1988) Strategisches Forschungs- und Technologieprogramm im Bereich Luftfahrt, Mitteilung der Kommission an den Rat und an das Europäische Parlament, Technologie-Nachrichten, Programm-Informationen, Nr. 434-2.November, S.1-16.

EG (1991a) Specific Research and Technological Development Programme in the Field of Information Technology (1991-1994), ESPRIT, Workprogramme, Draft,24th June. EG (1991b) Background Material to the 1991 ESPRIT Workprogramme, Draft, Commission of the European Communities, Brussels, 12th June.

Forndran, D. (1985) Das Forschungs- und Technologiekonzept der Bundeswehr, 58. Arbeitstagung der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik e.V.,24.-25. April, Bonn-Bad Godesberg.

OTA (1988) Commercializing High-Temperature Superconductivity, Congress of the United States, Office of Technology Assessment, OTA-ITE-388, Washington, U.S. Printing Office, June.

OTA (1991) Adjusting to a New Security Environment: The Defense Technology and Industrial Base Challenge – Background Paper, U.S. Congress, Office of Technology Assessment, OTA-BP-ISC-79, Washington, DC: U.S. govemment Printing Office, February.

Protokoll (1983) Über ein Gespräch von BMFT und BMVg mit Vertretern aus Wissenschaft und Industrie über verteidigungsrelevante Informationstechnik am 17./18. November 1983, Bonn, BMFT/413, l. Dezember.

Riesenhuber, H. (1984) Informationstechnik, Konzeption der Bundesregierung zur Förderung der Entwicklung der Mikroelekmonik, Informations- und Kommunikationstechniken, BMFT, Bonn.

Riesenhuber, H. (1990) Zum Stand der Durchführungsphase des Eureka-Programms für Mikrooelektronik JESSI (Joint European Submicron Silicon), Pressemitteilung Nr.43/90, BMFT-Pressereferat Bonn, 19. April.

Sadlowski, M. (1984) Innovationsfreundliche Beschaffungspolitik, wt-Gespräch mit dem Rüstungsstaatssekretär, wt 11/84, S.14-16.

ST90(1990) Mit Technik Frieden sichern, Siemens Bereich Sicherungstechnik, Vorträge anläßlich der Siemens-Tagung 1990.

US Air Force (1987) The US Air Force R&M 2000 Initiative, IEEE Transactions on Reliability, Vol.R-36, No.3, August, pp.277-381.

ZKI (1989) Zukunftskonzept Informationstechnik, BMFl und BMWi, Bonn, August.

Hinweis: Eine beispielhafte Aufarbeitung der dual-use-Problematik in der Mikroelektronik leistet M. Domke in dem demnächst erscheinenden Band der Schriftenreihe Wissenschaft & Frieden: Ute Bernhardt und Ingo Ruhmann (Hrsg.), Ein sauberer Tod: Informatik und Krieg, 1991. Dort findet sich auch eine ausführlichere Literaturliste.

Manfred Domke ist Informatiker, an einer Großforschungseinrichtung beschäftigt und Mitglied in der FiFF-Regionalgruppe Bonn.

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