in Wissenschaft & Frieden 1991-3: Zukunft der Rüstung

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Exempel Golfkrieg – Wird die These von der zunehmenden Unführbarkeit von Kriegen widerlegt?

Eine interaktive multimediale Dokumentation als computergestützte militärische Technikfolgenabschätzung

von Wolfgang Hofkirchner • Peter Purgathofer

Der Krieg am Golf fand statt. Also war er machbar. Also war Krieg machbar. Die Behauptung, Kriege seien in der heutigen Welt nicht mehr machbar, wird durch das Faktum Golfkrieg Lügen gestraft. So einfach ist das. Zu einfach! Denn die These von der Unführbarkeit von Kriegen hebt auf die Zweckmäßigkeit ihrer Führung ab: „Bezwecken Kriege in der Tat noch das, was sie sollen?“ ist die Frage, auf die sie eine negative Antwort gibt.

Krieg ist Mittel der Politik. Krieg ist die Anwendung bewaffneter Gewalt – heute, unter den Bedingungen der Existenz nationalstaatlich verfaßter Gesellschaften – innerhalb von bzw. zwischen Staaten zum Zweck der Erreichung innen- bzw. außenpolitischer Ziele. Diese Ziele sind entweder staatsbürgerlich bzw. nationalstaatlich borniert, d.h. darauf beschränkt, nur einem Teil des gesellschaftlichen Subjekts (bestimmten Gruppen innerhalb einer Nation bzw. bestimmten Nationen innerhalb der Völkergemeinschaft) auf Kosten eines anderen Teils Entwicklungsbedingungen einzuräumen, oder sie umfassen die Aufhebung ebendieser Herrschafts-, Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse. Nur in diesem zweiten Fall läßt sich davon sprechen, daß Krieg gerecht(fertigt) sei, sofern die Verhältnismäßigkeit des Mittels gewahrt werden kann, die Größe des Leids also, das durch den Einsatz des Mittels erst verursacht wird, weit unterhalb der Größe desjenigen gehalten werden kann, zu dessen Überwindung es eingesetzt wird.

Aber Krieg bleibt Mittel der Politik auch dann, wenn diese Verhältnismäßigkeit nicht mehr garantiert werden kann. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde ein Zeitalter eingeläutet, in dem zum einen die Zerstörungskraft der Waffensysteme aufgrund ihrer ins Unermeßliche gesteigerten technischen Leistungsfähigkeit die Grenzen des militärisch Sinnvollen überschritten hat. Mit der Erklärung des obersten Repräsentanten der führenden Militärmacht der Erde, daß ein Atomkrieg niemals geführt werden dürfe, ist diese Erkenntnis seit Mitte der 80er Jahre regierungsamtlich. Und seit damals reift eine weitere Erkenntnis, nämlich daß es die Verwundbarkeit der zivilen Infrastruktur aufgrund ihrer komplizierten und komplexen technischen Interdependenzen zum anderen ist, die den Einsatz von Waffensystemen auch dann schon militärisch sinnlos macht, wenn diese weitaus weniger destruktiv sind. Beide Tendenzen bedeuten, daß Krieg als rationales Mittel der Politik obsolet zu werden beginnt, weil die Folgen der Anwendung bewaffneter Gewalt auch noch so bornierte politische Ziele in ihr Gegenteil zu verkehren drohen. Krieg wird für den Verfolg der eigenen Interessen zunehmend kontraproduktiv.

Und in dieser Situation eskalierte die Krise am Golf zum ersten und gleich mit dem ganzen Arsenal seiner noch nicht auf dem Schlachtfeld erprobten High-Tech-Waffen in Szene gesetzten Mid-intensity-Krieg des Westens nach dem Zusammenbruch des bisherigen Feindbildes Nummer 1. Die einen, die sich von der Beendigung des Ost-West-Konflikts die Perspektive der Zivilisierung der zwischenstaatlichen Beziehungen erwartet hatten, traf der Krieg unvorbereitet, wie ein diabolus ex machina, für die anderen, die im Westen noch nie etwas Neues zu finden bereit gewesen waren, kam er folgerichtig, ja unausweichlich, mit dem Wegfall des Gegners, der in ihrer Sicht allein es vermocht hätte, ihn in die Schranken zu weisen. Obwohl er länger war, als einige vorgesehen hatten, war er doch kürzer, als viele befürchtet hatten. – Ein Erfolg?

Wenn dieser Krieg ein Erfolg war, dann muß die These vom drohenden Verfall der sinnvollen Führbarkeit von Kriegen revidiert werden. Entweder ist sie überhaupt zu verwerfen, oder es ist ihr Geltungsbereich, der eingeschränkt werden muß: Die These ist dann als ganze fallen zu lassen, wenn es falsch ist, daß die waffentechnologische Entwicklung immer lethalere Systeme oder daß die zivilisatorische Entwicklung immer fragilere Systeme hervorbringt, wenn also vielmehr zutrifft, daß die High-Tech-Waffen – etwa aufgrund ihrer typischen Spezifikationen Punktzielgenauigkeit und verkleinerte Sprengkraft – oder der Zivilschutz – etwa durch die Härtung lebenswichtiger Nervenstränge der Gesellschaft – den Trend geradezu umkehren. Die These gilt dann nur in einem Teilbereich, wenn eingeschätzt wird, daß dieser Krieg entweder Kampfhandlungen auf dem Territorium eines Staates mit hoch-verletzlicher industrieller Infrastruktur oder den Einsatz von Waffen hoher Vernichtungswirkung notwendigerweise ausgeschlossen hat – etwa weil es sich bei diesem Krieg um keinen Krieg zwischen hochentwickelten Gesellschaften gehandelt hat, sondern um einen Krieg zwischen Repräsentanten hochentwickelter Gesellschaften auf der einen Seite und Repräsentanten weniger entwickelter Gesellschaften auf der anderen. Die These kann dann für all jene Fälle aufrechterhalten werden, in denen die Beteiligung störanfälliger Infrastruktur oder hoch-zerstörerischer Militärpotentiale nicht mehr auszuschließen ist, während Kriege etwa in der Dritten Welt nicht zu der Klasse der Objekte gehören müssen, über die die These etwas aussagt. (Falls die Verwundbarkeit oder die Vernichtungsfähigkeit im Golfkrieg nicht notwendigerweise, sondern nur zufälligerweise nicht gegeben gewesen sein sollten, muß die These in keiner Weise revidiert werden. Es reicht, daß diese Bedingungen hätten eintreten können. Denn die These behauptet ja gerade, daß sie nicht mehr mit Sicherheit auszuschließen sind.)

Und wenn der Golfkrieg kein Erfolg war, dann wird die These von der verlorengehenden Sinnhaftigkeit der Kriege bestätigt. Sie bewährt sich nicht erst dann, wenn sich zeigen läßt, daß die wirklichen Folgen die angestrebten Kriegsziele konterkarieren. Sie bewährt sich bereits dann, wenn angenommen werden muß, daß derartige Folgen möglich und wahrscheinlich gewesen sind.

Ob die These beibehalten werden kann, ob sie modifiziert oder ob sie zurückgewiesen werden soll, müssen Untersuchungen zeigen.

Unsere Idee ist es nun, in einer Art Synopse militärischer Technikfolgenabschätzung zum Golfkrieg eine computerunterstützte Dokumentation mit den wichtigsten Ergebnissen einschlägiger Studien aufzubauen, die den Benutzer und die Benutzerin befähigt, Argumente pro und kontra gegeneinander abzuwägen und im Dialog mit dem PC eine eigene Gesamteinschätzung zu erarbeiten.

»Militärische Technikfolgenabschätzung«

Im einzelnen sollen Informationen zu den folgenden Gebieten abrufbar sein:

Mensch Technik Natur/Umwelt Gesellschaft
Militärpotential 1.1. 1.2. 1.3. 1.4.
Ziviles Potential 2.1. 2.2. 2.3. 2.4.
Risikopotential 3.1. 3.2. 3.3. 3.4.

1. zum Militärpotential der betreffenden Staaten, u.zw.
1.1. zu den Streitkräften (Truppenstärken, Ausbildungsstand),
1.2. zu den Rüstungen (Waffengattungen, Waffentechnologien, Führungssysteme),
1.3. zu den Aufmarschräumen, und
1.4. zu den Doktrinen, die den Gebrauch des Militärpotentials festschreiben;
2. zum „zivilen“ Potential, d.h. der Wirtschaftskraft, der Lebensfähigkeit, der betreffenden Staaten, u.zw.
2.1. zur personellen Infrastruktur (Wohnbevölkerung, erwerbstätige Bevölkerung, Qualifikationsstruktur),
2.2. zur materiellen Infrastruktur (Produktionsanlagen, Versorgungsnetze),
2.3. zu den natürlichen Ressourcen, und
2.4. zu den Politiken, mit denen die Entwicklung des zivilen Potentials bestimmt wird; und
3. zum „Risikopotential“ der betreffenden Staaten, d.h. dem Möglichkeitsfeld aller Folgewirkungen, die beim Einsatz des vorhandenen Militärpotentials auf der Grundlage des gegebenen zivilen Potentials mit einer gewissen (von 0 verschiedenen) Wahrscheinlichkeit zu erwarten sind und die Erfüllung der (über)lebenswichtigen gesellschaftlichen Funktionen in einem quantifizierbaren Ausmaß stören, seien sie kurz-, mittel oder langfristig, seien sie lokal, regional oder global, wobei die tatsächlich eingetretenen Folgewirkungen eine Teilmenge dieses Risikopotentials darstellen, u.zw.
3.1. zu den kalkulierbaren sog. Kollateralschäden (zivile Opfer),
3.2. zu den kalkulierbaren Schäden am sachlichen Produktivvermögen,
3.3. zu den kalkulierbaren Umweltschäden (Atmosphäre, Hydrosphäre, Pedosphäre), und
3.4. zu den kalkulierbaren negativen Folgen gesellschaftlicher Art (Konflikte).

Mit diesen Daten sollen Beurteilungen zum Themenkomplex Kriegsfolgen – Kriegsführung – Kriegsursachen – Kriegsverhütung erleichtert werden: War der Krieg schon ein zu großes Risiko, als daß er noch verantwortbar geführt hätte werden können, oder hielt sich das Risiko in Grenzen? Was waren die Kriegsziele und wurden irgendwelche erreicht? Welche gesellschaftlichen Probleme bestanden vor dem Krieg und welche bestehen jetzt, wurden irgendwelche von ihnen durch den Krieg gelöst? Waren Alternativen zum Krieg denkbar?

Dazu beizutragen, daß Fragen wie diese (auch für ein nicht-wissenschaftliches Publikum) wissenschaftlich fundiert beantwortbar werden, ist der Zweck der Dokumentation.

Deshalb soll diese Dokumentation interaktiv und multimedial sein. Das entscheidende Element an interaktiven Dokumentationen ist die Selbstbestimmung im Umgang mit dem Material. Im Gegensatz zu Dokumentationen in anderen Medien, etwa Fernsehen oder Radio, die die NutzerInnen zu reinen KonsumentInnen machen, können diese hier nach eigenem Gutdünken aus dem Fundus des vorhandenen schöpfen. Diesen Vorteil hätte etwa auch ein Buch oder eine Broschüre. Was diesen Medien jedoch fehlt, ist die Einbindung von Animation und Ton sowie schnelle, komplexe Interaktion.

Grundstruktur des Programmes sind Landkarten in drei verschiedenen Maßstäben – eine Weltkarte, eine Regionalkarte und eine Karte, auf der im wesentlichen nur Irak und Kuwait zu sehen sind. Zwischen diesen drei Sichten kann jederzeit gewechselt werden. In jeder Sicht können wie durch Filter unterschiedliche Aspekte hervorgehoben werden, die aus der oben beschriebenen Matrix (Potentiale/Betroffene) stammen. So sind beispielsweise für Kuwait (lokale Sicht) die Folgen der Entzündung der Ölquellen abrufbar. Durch Wechsel der »Brennweite« können die regionalen oder globalen Folgen der Brände abgefragt werden.

In jeder dieser Ebenen liegen zu jedem Aspekt die wichtigsten Informationen in noch detaillierterer Form vor, wobei das Spektrum der Erscheinungsformen dieser Hintergrunddaten von kurzen Textstücken über kommentierte Grafiken oder Darstellungen von Szenarien bis zu Animationen, die Wirkungsweisen besser verständlich machen, reicht.

Da das Lesen von Text auf dem Bildschirm langsamer und ermüdender ist als auf Papier, wollen wir auf lange Textpassagen möglichst verzichten und die Informationen durch grafische Umsetzung und Hervorhebung der essentiellen Daten möglichst leicht erfassbar machen.

Die Umsetzung erfolgt in HyperCard 2.0 auf Macintosh. Wir werden uns voraussichtlich auf das Format der 9“-Bildschirme beschränken, da das Produkt auch auf den kleinsten Macintosh-Modellen lauffähig sein soll. Zur Einbindung von Bildern und Grafiken steht uns neben einem Scanner eine Möglichkeit zur direkten Digitalisierung von Videobildern zur Verfügung, die es ermöglicht, auch in Form von Videokassetten vorliegendes Material einzubinden.

Unterstützung für unser Projekt, Wünsche, Anregungen, Anfragen bitten wir an folgende Anschrift: Institut für Gestaltungs- und Wirkungsforschung, TU Wien, Möllwaldplatz 5, A-1040 Wien

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