in Wissenschaft & Frieden 1991-1: Nach dem Golfkrieg

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Eine vorläufige Bilanz des Golfkrieges

von H. Herwig • G. Hornig • A. Kopp • A. Otto • M. Schinke • R. Span

Während der 42 Tage des Golfkrieges stieß die immer strikter wirkende Zensur aller öffentlichen Medien auf zunehmende Kritik. So wirkungslos alle spontanen Proteste blieben, so deutlich wuchs aber auch die Zuversicht, daß nach dem Krieg die volle Wahrheit ans Licht kommen würde. Diese Gewißheit beruhte auf der Vorstellung, daß nach dem Krieg die Wahrheit nicht mehr unterdrückt werden könnte, weil die Menschen sie hören wollen und weil die Medien nicht mehr daran gehindert werden könnten zu berichten, was geschehen ist.

Beides hat sich als offensichtlich falsch erwiesen. Wir wissen heute kaum mehr als am Tage des Kriegsendes und es drängt sich der fatale Verdacht auf, daß viele von uns auch nicht mehr wissen wollen. Dabei geht es um die entscheidende Fage: Hat dieser Krieg gezeigt, daß Kriege doch »führbar« sind? Hatten also alle diejenigen unrecht, die behauptet hatten, (spätestens) in unserer hochzivilisierten und hochgerüsteten Welt könnten Kriege grundsätzlich nicht mehr als Mittel der Konfliktlösung eingesetzt werden? Die Antwort auf diese Fragen kann einzig auf dem Hintergrund der Fakten erfolgen, die dieser Krieg geschaffen hat. Darum ist die Kenntnis dieser Fakten so außerordentlich wichtig. Nur vor dem Hintergrund der vergangenen Ereignisse kann es z.B. zu einer rationalen Entscheidung kommen, wie sich die Bundeswehr in Zukunft in solchen Konflikten verhalten soll.

Wir haben deshalb versucht, aufgegliedert in vier Teilbereiche, diejenigen Tatsachen zusammenzutragen, die heute bekannt sind und gleichzeitig die Fragen zu stellen, auf die wir auch heute noch keine Antwort haben. Für die Faktensammlung mußten wir uns dabei auf allgemein zugängliche Quellen stützten. Im wesentlichen waren dies: Frankfurter Rundschau, Spiegel, Time Magazin, The Guardian, Nature, Greenpeace-Magazin, sowie die Materialsammlung der »Radiogruppe Gegenöffentlichkeit« in Göttingen, die systematisch Nachrichten internationaler Rundfunksender gesammelt hat.

Durchgehend stiessen wir dabei auf ungenaue und z.T. widersprüchliche Angaben. Da heute aber kein verläßlicheres Zahlenmaterial zur Verfügung steht, bleibt nur die Möglichkeit, vorhandene Angaben sorgfältig untereinander zu vergleichen und Widersprüche dort aufzuzeigen, wo sie offensichtlich sind.

Opfer: Tote und Verletzte

Eine Bestandsaufnahme des Krieges am Golf muß sich notwendig mit dessen Opfern, deren Zahl und der Art der Kriegführung beschäftigen, auch wenn dieses statistische Material nicht geeignet ist, das Grauen des Krieges anschaulich und begreifbar zu machen.

lm Golfkrieg standen sich insgesamt über eine Million Soldaten gegenüber: mehr als 705.000 Alliierte (mit einem Anteil von 527.000 US-Amerikanern) und vermutlich etwa 550.000 Irakis in 42 Divisionen. Nach unterschiedlichen alliierten Schätzungen starben in dem Krieg 80.000 bis 150.000 irakische Soldaten, 60.000 bis 175.000 kamen in Gefangenschaft. Von irakischer Seite gab es hierzu keine Angaben. Die Opfer der alliierten Truppen konnten sehr detailliert mit 162 Toten, 288 Verwundeten und 40 Vermißten angegeben werden. Nach dem Krieg gab es über die Opfer in der irakischen Zivilbevölkerung weder von irakischer noch von alliierter Seite Angaben, so daß hier der Weltöffentlichkeit eine wesentliche Tatsache vorenthalten wird und wohl auch vorenthalten werden soll. Um sich vom Ausmaß des Grauens ein Bild zu machen, kann man versuchen, Art und Anzahl der Angriffe gegenüberzustellen:

Der Irak feuerte insgesamt 82 Scud-Raketen ab, davon knapp die Hälfte auf Israel. Die offizielle Bilanz nennt fünf Todessopfer. Nicht berücksichtigt ist hier der Angriff auf eine US-Kaserne, der 28 Todesopfer und 98 Verletzte forderte. Die Ziele der Alliierten waren strategisch wichtige Ziele im Irak, vor allem in den Bevölkerungszentren (knapp ein Viertel der 17.6 Mio. Irakis leben in Bagdad). Neben offensichtlich militärischen Zielen gab es auch Angriffe auf Industrieanlagen und Wohngebiete, in denen militärische Einrichtungen vermutet wurden. Den 82 irakischen standen etwa 110.000 alliierte Angriffe gegenüher. Diese Anzahl, die mitgeführte Bombenlast, sowie die Tatsache, daß kaum Schutzraum für die irakische Zivilbevölkerung vorhanden war (die wenigsten Häuser waren unterkellert), lassen darauf schließen, daß die Anzahl der zivilen Todesopfer die des Militärs noch übersteigt. Die Zahl der Verletzten dürfte noch um ein Mehrfaches darüber liegen. Daß von der häufig zitierten »chirurgischen« Vorgehensweise kaum die Rede sein kann, verdeutlichen zum einen die Bombardierung der fliehenden, fast wehrlosen Soldaten auf der Straße zwischen Kuwait und Basra – tausend ausgebrannte Fahrzeuge auf 1,5 km Länge zeugen davon –, zum anderen die Zerstörungskraft der eingesetzen Waffen:

Dagegen wurden lasergesteuerte Präzisionswaffen nur in 10 – 15% der Einsätze verwendet; von britischer Seite werden zudem Fehler und Mängel gemeldet. Und auch, wo Präzisionswaffen ihr Ziel mit »chirurgischer« Genauigkeit trafen, starben aufgrund ungenauer Aufklärung hunderte Zivilisten, wie der Angriff auf den Bunker in Bagdad zeigt, der lange Zeit im Mittelpunkt des Medieninteresses stand.

Die Folgen sind nicht absehbar: Hungersnöte, Epidemien, psychologische Schädigungen, insbesondere der Kinder. Die völlig zerstörte Infrastruktur läßt weder eine medizinische Versorgung noch eine ausreichende Versorgung mit Lebensmitteln zu. In einer Zwischenbilanz wurde von 5.000 Toten infolge mangelnder Vorsorgung gesprochen, eine weitere Quelle berichtet von 3.000 Säuglingen, die durch fehlende Babynahrung starben. Darüberhinaus stellen sich längerfristig die Probleme extremer Massen-Arbeitslosigkeit und Flüchtlingselend.

Es bleiben offene Fragen:

Kosten: Zerstörungen und wirtschaftliche Verluste

Wie in anderen Bereichen wurden für die tatsächlichen Kriegs- und Folgekosten entweder unterschiedliche Angaben oder nur grobe Schätzungen veröffentlicht. Eine vorläufige Gesamtbilanz der Kosten wurde der breiten Öffentlichkeit bislang nicht mitgeteilt und kann hier auch nur unter Mindestabschätzungen gezogen werden, wobei Folgekosten nur geschätzt werden können.

Den geringeren Anteil der wirtschaftlichen Verluste machen die direkten Kriegskosten der Alliierten und des Iraks aus. Dabei beziffern die USA ihre Kosten für die Operationen Wüstensturm und Wüstenschild auf etwa 70 Mrd. US $, wobei etwa 18 Mrd. von den USA selbst getragen werden sollen. Für den Rest liegen Übernahmezusagen aus Saudi-Arabien (17 Mrd.), Kuwait (16 Mrd.), Japan (10,7 Mrd.), der Bundesrepublik (6,6 Mrd.) und weiteren Staaten vor. In diesen Zahlen nicht enthalten sind eigene Kriegskosten von Alliierten, die selbst direkt am Krieg beteiligt waren (Frankreich, Großbritannien, Saudi-Arabien, Ägypten und weitere). Auch der Bundesrepublik entstehen zusätzlich zu der Beteiligung an den US-amerikanischen Kosten weitere Kosten in Höhe von mehr als 4 Mrd. US $ durch Geld- und Sachleistungen an andere Alliierte oder durch den Krieg betroffene Staaten. Irakische Angaben für den Bereich der direkten Kriegskosten wurden nicht bekannt.

Ein weitaus höherer Betrag als diese direkten Kriegskosten ist für den Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur in Kuwait und dem Irak zu erwarten. Für Kuwait werden die Kosten des Wiederaufbaus auf 100 bis 200 Mrd US $ geschätzt. Kuwait, selbst hat bei der UN Forderungen von 100 Mrd. US-Dollar geltend gemacht, worin noch nicht laufende Verluste durch das brennende Öl enthalten sind. Bei einem Förderverlust von 3 bis 4 Mio. Barrel Öl pro Tag werden finanzielle Verluste auf etwa 80 bis 120 Mio. US $ täglich geschätzt. Selbst wenn die Ölbrände in durchschnittlich 2 Jahren gelöscht werden, summieren sich diese Verluste auf etwa 50 bis 100 Mrd. US $. Diese Summe könnte deutlich größer werden, falls die Brände der Ölquellen zu einer wesentlichen Beeinträchtigung der Effzienz der Ausbeutung der Lagerstätten führt.

Für den Irak ist das Ausmaß der Zerstörungen noch völlig unklar. In einem UN-Bericht wird von apokalyptischen Zuständen und vorindustriellen Verhältnissen gesprochen. Der Irak selbst hat während des Krieges die Zerstörungen mit 200 Mrd. US $ beziffert. Diese Zahl scheint angesichts von mehr als 110 Tausend alliierten Einsätzen gegen militärische und industrielle Einrichtungen als durchaus realistische Größenordnung. Auch für den Irak muß man annehmen, daß der Großteil der Ölförderanlagen zerstört wurde, obwohl keine Informationen über Brände von Ölquellen vorliegen. Angesichts der Zerstörung der irakischen Industrie scheint die Diskussion um Reparationsforderungen, die der Irak selbst bei funktionierender Infrastruktur nur in Zeiträumen von einigen 10 Jahren hätte einlösen können, eher rhetorisch. Daher wird man auch die irakischen Vorkriegsschulden von etwa 80 Mrd. US $ als Kriegsverluste ansehen müssen.

Diese vorläufigen Abschätzungen lassen Gesamtkosten in Höhe von wenigstens 500 Mrd. US $ erwarten. Ein Betrag dieser Größenordnung, der etwa 40% der gesamten Auslandsschulden der Dritten Welt ausmacht, wird auch weltwirtschaftliche Folgen haben. Dabei enthält diese Bilanz zahlreiche Unwägbarkeiten, die die Kosten erhöhen und im Detail für die Betroffenen weitere schwerwiegende Folgen haben können. Eine Erhöhung des Weltzinsniveaus aufgrund des zusätzlichen Kapitalbedarfs könnte gerade für den Schuldendienst der Länder in der Dritten Welt verhängnisvoll sein. Schon jetzt hat der Krieg Auswirkungen auf den Handel in der Golfregion, von denen zum Beispiel Jordanien oder die Türkei betroffen sind. Einige Millionen Gastarbeiter mußten in ihre Heimatländer zurückkehren mit der Folge einer erhöhten Arbeitslosigkeit und den entsprechenden sozialen Auswirkungen. Nicht zuletzt wird der Krieg verheerende Ausfälle in der landwirtschaftlichen Produktion zur Folge haben, dadurch daß z.B. nicht bewässerte Böden im Irak versalzen und als Nutzfläche ausfallen oder Böden in der betroffenen Region durch giftige Niederschläge des schwarzen Regens unbrauchbar werden.

Ökologische Schäden des Krieges

Die globalen und regionalen Beeinträchtigungen des Ökosystems durch die direkten und indirekten Auswirkungen des Krieges sind in ihrer Konsequenz noch nicht einmal abzuschätzen. In den über 900 brennenden Ölförderstätten Kuwaits verbrennen täglich ungefähr 3 his 4 Mio. Barrel Öl, etwa 500 Tausend Tonnen.

Das unter hohem Druck austretende Öl verbrennt schlecht und unvollständig. Der hohe Schwefelgehalt des kuwaitischen Öls erhöht noch den Anteil giftiger und krebserregender Verbrennungsprodukte, die zusammen mit dem Ruß die Menschen und die Umwelt bedrohen. Bereits jetzt ist die Todesrate in Kuwait 2 bis 3 mal so hoch wie normal und die Temperaturen sind durch die Rauchwolken um bis zu 110C abgesunken.

Die Aussagen der Wissenschaftler bezüglich einer globalen Auswirkung der Katastrophe tendieren dahin, daß man davon ausgeht, daß die Verbrennungsprodukte nur etwa 2 bis 3 km hoch aufsteigen werden. Solange der Ruß und die anderen Verbrennungsbestandteile nicht in die untere Stratosphäre in etwa 10 km Höhe gelangen, in welcher sie durch starke Zirkulation fast über der ganzen Erde verteilt würden, werden sie im Umkreis von ca. 600 – 1000 km nach einigen Tagen im Niederschlag auf die Erdoberfläche gelangen. Je nach Richtung der herrschenden Monsunwinde wären hiervon die Gebiete von Nordwestafrika bis nach Pakistan betroffen. Unter der Voraussetzung, daß die Rußpartikel nicht in höhere Atmosphärenschichten getragen werden, sind globale Klimaveränderungen nicht zu erwarten. Der Ölteppich, 160 mal 60 Kilometer groß, verursacht von 1,8 Mio. Tonnen ausgetretenem Rohöl, 40 mal soviel wie bei dem Unglück der Exxon Valdez vor Alaska, hat das Meer und etwa 400 km der Küste verschmutzt. Dies betrifft diese Meeresregion besonders in ihrer Funktion als

Trinkwassergewinnungsgebiet der Küstenstaaten Lebensraum von etwa 300 Fischarten (einige davon nur hier vorkommend), der Meeresschildkröten und der vom Aussterben bedrohten Dugong-Seekuh Lebensraum wertvoller Korallenbänke und Seegrasteppiche (die ausgedehnten Flachwasserzonen sind vom absinkenden Öl besonders bedroht) wichtiges Gebiet (Zwischenstation) für Zugvögel

52 Vogelarten sind durch den Golfkrieg bereits ausgerottet. Andere Aspekte der Zerstörungen sind noch völlig ungeklärt. Die Auswirkungen der brennenden Ölquellen auf Landwirtschaft, Viehzucht und Fischfang in den betroffenen Gebieten sind noch nicht abzuschätzen. Hier ist damit zu rechnen, daß die giftigen Bestandteile der sich niederschlagenden Verbrennungsrückstände in die Nahrungskette gelangen werden. Das Ökosystem Wüste ist durch die Kampfhandlungen stark geschädigt.

Auswirkungen durch die Zerstörung chemischer oder petrochemischer Industrieanlagen müssen vermutet werden, verläßliche lnformationen liegen hierzu bisher aber nicht vor.

Politisch-gesellschaftliche Folgen für die Region

Im wesentlichen sind es vier Probleme, die die Länder des nahen Osten, die Türkei, sowie die moslemischen Länder an der Südküste des Mittelmeers seit Jahren nicht zur Ruhe kommen lassen. Der Golfkrieg hat in keiner Weise zur Lösung dieser Probleme beigetragen, sondern die Probleme im Gegenteil noch verschärft.

  1. Das Palästinenserproblem: Bisher konzentrierte sich das Palästinenserproblem auf die von Israel besetzten Gebiete und die Flüchtlingslager im Libanon und in Jordanien. Der Krieg hat nun auch die in Kuwait lebenden Palästinenser in das Problem hereingezogen: Die in Saddam Hussein gesetzte Hoffnung wurde nicht erfüllt, von den ehemals 400 Tausend Palästinensern in Kuwait sind 300 Tausend geflohen. Die 100 Tausend Palästinenser, die in Kuwait geblieben sind, sind dort unter dem Verdacht der Kollaboration massiven Repressalien – die Berichte reichen bis hin zu Folterungen – ausgesetzt. Die intensiven diplomatischen Bemühungen zur Lösung des Palästinenserproblems, die nach Kriegsende eingesetzt haben, scheinen erste Früchte zu tragen. Zumindest die israelische Opposition ist inzwischen zu Konzessionen in der Palästinenserfrage bereit. Dies zeigt, daß Lösungen eben doch nur auf diplomatischem Wege gefunden werden können.
  2. Das Kurdenproblem: Seit Jahren fordern die Kurden, die als Minderheiten im Irak, im Iran und in der Türkei leben, einen unabhängigen Staat, zumindest aber größere Autonomie. In allen drei Ländern werden ihre Forderungen brutal unterdrückt, wie auch das gewaltsame Vorgehen türkischer Sicherheitskräfte in den vergangenen Wochen bewies. Die militärische Niederlage Saddam Husseins und die Hoffnung auf alliierte Unterstützung hat nun die Kurden im Norden des Irak zu einem spontanen Aufstand veranlaßt. Dieser Aufstand hat inzwischen tausenden Kurden das Leben gekostet, ohne daß für die Kurden realistische Erfolgschancen zu sehen ist. Ein unabhängiges oder zumindest autonomes Kurdistan kann nur aus Verhandlungen mit den drei beteiligten Staaten hervorgehen. Auch hier wäre diplomatischer Druck sinnvoller und effektiver als Waffengewalt.
  3. Das Wohlstandsgefälle: Von den insgesamt etwa 400 Mio. Bewohnern der Region (In Westeuropa leben etwa 250 Mio. Menschen) leben weniger als 20 Mio. in Ländern, die über ein Auslandsvermögen von vielen hundert Milliarden US $ verfügen (Kuwait: 1,7 Mio. Einwohner, etwa 200 Mrd. US $ Auslandsvermögen). Die restlichen 380 Mio. Menschen leben in Ländern, deren Wirtschaft unter hohen Auslandsschulden leidet. Diese Staaten werden durch die enormen Folgekosten des Golfkrieges besonders hart getroffen. lnnerhalb der Staaten setzt sich das Wohlstandsgefälle fort. Während die kuwaitische Herrscherfamilie über ein Privatvermögen von mehr als 100 Mrd. US $ verfügte, wurden die als Gastarbeiter ins Land geholten »arabischen Brüder« kaum besser als Sklaven behandelt.
  4. Der islamische Fundamentalismus: Genährt von der starken Polarisierung der Gesellschaft haben fundamentalistisch islamische Strömungen in den meisten Staaten der Region großen Zulauf bekommen. 300 der 400 Mio. Menschen leben in Staaten, in denen islamisch orientierte Regierungen an der Macht sind, bzw. die islamische Opposition eine ernste Bedrohung für die westlich orientierten Regierungen bedeutet. Das Zusammenhalten der Allianz gegen Saddam Hussein kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Haß dieser Menschen auf die westliche Welt, insbesondere auf die USA, mit jeder Bombe, die auf den lrak gefallen ist, größer geworden ist. Ein gutes Beispiel für diese Situation ist Pakistan: Während die pakistanischen Befehlshaber die Kampfbereitschaft ihrer an den Golf entsandten Truppen beteuerten, mußte der Iran hunderttausend Pakistanis daran hindern, über iranisches Territorium Saddam Hussein zur Hilfe zu kommen.

All diese Probleme werden durch die Hochrüstung des arabischen Raumes noch brisanter gemacht. Wenigstens in diesem Punkt hätte der Golfkrieg dazu führen können, daß nach der weitgehenden Zerstörung der irakischen Armee ein neues militärisches Gleichgewicht auf niedrigerem Niveau erreicht wird. Stattdessen werden aber die Fehler dcr Vergangenheit mit neu verteilten Rollen fortgesetzt. Die USA planen in nächster Zeit Waffenexporte an Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Israel und die Türkei im Gesamtvolumen von 18 Mrd US $. Der Löwenanteil, Waffen im Wert von 10 Mrd. US $, wird an Saudi-Arabien gehen, stellt aber erst den ersten Teil von langfristig geplanten Lieferungen im Gesamtwert von 21 Mrd. US $ dar. Die Hilfe für Länder wie Jordanien, die sich nicht eindeutig zur Allianz bekannten, wurde hingegen drastisch reduziert.

Offen bleiben bis heute die Fragen nach der eigentlichen Rolle der Türkei im Kurdenaufstand (Präsident Özal hat Kontakte zur Führung der irakischen Kurden zugegeben – soll hier doch noch eine territoriale Erweiterung der Türkei in Form einer autonomen kurdischen Provinz durchgesetzt werden?), und danach, welche diplomatischen Konzessionen die USA gegenüber Israel machen mußten, um ein israelisches Eingreifen in den Krieg zu verhindern.

Die Folgen nur ansatzweise bekannt

Die geschilderten Fakten und die noch unbeantworteten Fragen verdeutlichen, daß bis heute die Folgen des Golfkrieges nur ansatzweise bekannt sind. Das volle Ausmaß der Zerstörung sowie die tatsächlichen Folgen für die Region und darüber hinaus für die Welt sind uns bis heute vorenthalten. Wenn trotzdem als Konsequenz aus dem Golfkrieg die Berechtigung abgeleitet wird, eine neue Weltordnung zu proklamieren, so wird offenkundig, daß dies zunächst nur die neue Machtsituation in der Welt beschreibt, nachdem der alte Ost-West-Gegensatz weitgehend abgebaut ist. Die Frage, ob Kriege heute (wieder) als führbar angesehen werden, gewinnt auf diesem Hintergrund eine ganz neue Dimension. Während im Ost-West-Gegensatz militärische Auseinandersetzung größeren Ausmaßes unterblieben, weil beide Seiten sich gegenseitig »abschrecken« konnten, stellt sich die Situation im jetzt aufbrechenden Nord-Süd-Konflikt ganz anders dar.

Wenn Kriege grundsätzlich als führbar angesehen werden, wird es zu diesen Kriegen kommen. Der Golfkrieg war mehr als ein Beispiel dafür. Er markiert den Zeitpunkt, zu dem die Entscheidung fällt, ob unsere Enkel auf dieser Erde noch werden leben können oder nicht.

Dieser Artikel wurde von Mitgliedern der Naturwissenschaftler-Initiative »Verantwortung für den Frieden« verfasst, die in einer von vielen Regionalgruppen an der Ruhr-Universität Bochum arbeiten.

Namentlich beteiligt: Prof. Dr.-Ing. H. Herwig • G. Hornig • Dipl.-Phys. A. Kopp • Dr. rer nat. A. Otto • M. Schinke • Dipl.-Ing. R. Span.

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