in Wissenschaft & Frieden 1990-3: Die Krise am Golf

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Kriegsgebiet Naher Osten

Fragmentarische Bemerkungen zu Situation und Perspektive1

von Till Bastian

Von den über 200 Kriegen, die zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Jahr 1989 geführt worden sind, haben 45, also ein überproportional hoher Anteil, die Krisenregion des Nahen Ostens erschüttert – und am 2.8.1990 hat mit der irakischen Invasion in Kuwait Krieg Nr. 46 begonnen… Dieser Nahe Osten ist „heute insgesamt eine hoffnungslose Region, in der eine Ordnungsstruktur fehlt und die aus konfliktträchtigen, fragmentierten Subregionen besteht, in denen der latente oder offene Krieg schon epidemische Formen angenommen hat“ – so schreibt ein aus Damaskus stammender Autor, dessen sehr lesenswerte Studie auch insofern für den gegenwärtigen Stand der Politik- und Konfliktwissenschaft typisch ist, als daß sie ökologische Probleme nicht einmal ansatzweise in die Erörterung einbezieht 2.

I. Konfliktanalyse

In der Nahost-Region überschneiden sich verschiedene Krisendimensionen und Konfliktpotentiale in kaum noch überschaubarer Weise: Der politische Gegensatz zwischen Israel und seinen Nachbarstaaten; der religiöse Gegensatz zwischen Judentum, Christentum und Islam; der innerislamische Gegensatz zwischen Sunniten und Schiiten; der ethnische Gegensatz zwischen Persern, Arabern und anderen; der politische Gegensatz zwischen Feudalherrschaften, parlamentarischen Demokratien mit kapitalistischer Wirtschaftsstruktur und autoritärem Staatssozialismus; der wirtschaftliche Gegensatz zwischen solchen Ländern, die viel und solchen, die kein oder wenig Erdölvorräte besitzen – das sind nur einige der wichtigsten Bruchkanten.

Die irakische Invasion in Kuwait vom 2.8.1990 kann zwar noch als klassischer interstaatlicher Konflikt um den Besitz von Rohstoffen betrachtet werden3, der vom irakischen Diktator Saddam Hussein in ähnlich kühler und menschenverachtender Weise kalkuliert worden sein mag wie rund 200 Jahre zuvor die schlesischen Kriege von Preußens Friedrich II.4 und infolgedessen zum Konflikt zwischen dem Irak und einer internationalen Allianz eskalierte – es kann aber kein Zweifel daran bestehen, daß die ökologischen Zukunftsprobleme die Kriegsgefahr noch einmal drastisch verschärfen werden. Denn im Nahen Osten gilt:

die Wasserführung der großen Flüsse macht einige Länder zu Wassermonopolisten auf Kosten der anderen: so ist z.B. ein Konflikt um das Euphrat-Wasser vorprogrammiert, seit die türkische Regierung mit ihrem »südostanatolischen Bewässerungsprojekt« den Bau von drei Euphrat-Dämmen eingeleitet hat (zwei davon sind bereits in Betrieb, der dritte, der »Atatürk-Staudamm«, wird demnächst vollendet). Die Präsidenten beider Länder, Yildirim Akbulut und Saddam Hussein, hatten Anfang Mai 1990 bei einem Treffen in Bagdad das Euphrat-Problem erörtert – allerdings ohne Ergebnis (die Türkei hatte den Fluß im Januar 1990 gegen irakischen Einspruch zwecks partieller Füllung ihres Atatürk-Stausees einen Monat lang aufgestaut5);

Die genannten Probleme dürften aber in jedem Fall die Bereitschaft verstärken, sich – wo der politische Niedergang der Region schon eingetreten ist und der ökologische bereits an die Türe klopft – kurzfristig auf Kosten anderer noch möglichst große Vorteile zu verschaffen: ein sozialdarwinistischer Expansionsdrang, der besonders bei der diktatorischen Führung des Iraks nicht gering entwickelt zu sein scheint.

Gerade in Anbetracht der neuen, ökologischen Dimension des Problems und ihrer zu erwartenden Eigendynamik könnte sich als zutreffend erweisen, was ein nachdenklicher Journalist schon vor drei Jahren über die Kriege des Nahen Ostens geschrieben hat: „Nicht auszuschließen ist, daß sie in den kommenden Jahren gar zu einem einzigen großen Kriegsherd verschmelzen, der sich von der iranischen Grenze bis zum Mittelmeer erstreckt“.7

II. Vom Regionalkonflikt zum Atomkrieg?

Als im Frühling 1990 der Verkauf von vierzig (!) Atombombenzündern an den Irak im letzten Moment platzte8, als kurz darauf auch noch Materialien für eine irakische Superkanone9 beschlagnahmt wurden10, kam vielleicht manchen von der Entspannung und vom raschen Wandel in Osteuropa faszinierten Mitmenschen schlagartig wieder in den Sinn, wie viele Atomwaffen es auf unserem Planeten noch gibt und daß ihre Zahl trotz Abrüstungsabkommen der Supermächte vielleicht sogar noch wachsen könnte – und zwar gerade in den Wetterwinkeln des Weltgeschehens. Die Eskalation am persischen Golf seit dem 2. August 1990 dürfte diese Befürchtungen weiter gesteigert haben – und das mit Recht.

Rascher noch als die Zahl der Atomsprengköpfe wächst freilich die Zahl der Trägersysteme – Raketen, die gegebenenfalls auch mit chemischen Kampfstoffen, der »Atombombe des kleinen Mannes« bestückt werden könnten – wozu der Irak erwiesenermaßen schon heute in der Lage ist. Derzeit werden 26 Länder geschätzt, die entweder schon über entsprechende ballistische Raketen verfügen oder aber in ihrer Entwicklung weit vorangeschritten sind. Bald wird es in einigen Ländern auch Atomsprengköpfe für diese Raketen geben, denn der »Non-Proliferation-Treaty« von 1968 hat seine Aufgabe nur bedingt erfüllt11: Gerne wird verdrängt, daß es heute bereits acht Atomwaffenbesitzer gibt – nicht nur die Supermächte USA und UdSSR, nicht nur Großbritannien, Frankreich, China und Indien, sondern auch Israel und Südafrika. Kandidaten für die Atomwaffenfähigkeit sind gewiß Pakistan, hochwahrscheinlich Brasilien12 und Argentinien, in absehbarer Zeit vermutlich eben auch der Irak. Was den letzteren anbetrifft, so wurde auf der am 20.8.1990 in Genf eröffneten vierten und letzten Überprüfungskonferenz zum NPT geschätzt, daß er binnen fünf Jahren über einsatzbereite Atomwaffen verfügen wird.

Die aus hochkarätigen Militärpolitikern zusammengesetzte sogenannte Ikle-Wohlfstetter-Kommission13, die im Januar 1988 einen Bericht zur strategischen Lage nach dem INF-Abkommen vorlegte, schätzte die Zahl der Atommächte im Jahr 2030 auf vierzig! Dies käme einer Verfünffachung der Atomwaffenbesitzer in rund 50 Jahren gleich und würde – sollte es wirklich so kommen – bedeuten, daß, rund gerechnet, von vier souveränen Staaten auf unserer Erde jeweils einer über atomare Massenvernichtungsmittel verfügen könnte! Der Atomwaffensperrvertrag selbst läuft 1995 aus; seine Verlängerung ist durchaus fraglich. Immer wieder haben vor allem Politiker aus der »Dritten Welt« darauf verwiesen, daß die Supermächte der in Artikel VI des Vertrages festgeschriebenen Verpflichtung zu ernsthafter und umfassender Abrüstung nicht nachgekommen sind14p>. Gerade im Nahen Osten zeigen sich die fatalen Folgen dieser Politik – und der zum Teil auf abenteuerlichen Wegen erfolgten Dennoch-Weiterverbreitung der militärischen Atomtechnologie14 – in verheerender Weise.

III. Verwicklung und Reaktion des Westens

Die technologische Verstrickung der europäischen Nationen, der USA und der Sowjetunion in die Militarisierung des Nahen Ostens gilt es zu bedenken, wenn heute so viel von internationalen Sanktionen und Aktionen gegen den Irak, von möglicher deutscher Beteiligung an UN-Friedenstruppen usw. die Rede ist.

Was nun diese Sanktionen selber betrifft: sie mögen sinnvoll und notwendig sein, heute gegen den Irak und künftig in vergleichbaren Fällen – doch frei von Scheinheiligkeit ist dieses Vorgehen nicht. Der Angriff Saddam Husseins gegen den Iran war nicht minder völkerrechtswidrig als seine Annektierung Kuwaits, und doch erfreute er sich allgemeiner Duldung (und er wurde zeitweise, z.B. bei der Rückeroberung der Halbinsel Fau im April 1988 sogar von US-Militärberatern unterstützt). Gegen das irakische Giftgas, an dessen Herstellung deutsche und andere Firmen nicht schlecht verdienten, hat sich kein Sturm der Empörung erhoben, als damit »nur« iranische Soldaten und kurdische Frauen und Kinder vergast worden sind….Gegen diese Sanktionen ist also vor allem einzuwenden, daß sie viel zu spät erfolgen, nämlich erst dann, als durch Husseins Maßlosigkeit die westliche Ölversorgung gefährdet wurde. Noch ein zweiter Umstand ist zu bedenken: Daß im Zuge der Ost-West-Entspannung eine neue, noch vor drei Jahren schier undenkbare Einigkeit im UN-Sicherheitsrat möglich wurde, ist ein großer Schritt voran im Engagement für den Weltfrieden; Einfluß und Bedeutung der Vereinten Nationen, die schon in Angola, Namibia und Afghanistan sowie beim Waffenstillstand im irakisch-iranischen Krieg eine sehr positive Rolle gespielt haben, werden sich künftig hoffentlich weiter erhöhen. Daß die USA allerdings, aus welchen Motiven auch immer, sofort auf eine militärische Option gesetzt und die Initiative des Handelns monopolisiert haben, die UNO vor vollendete Tatsachen stellend und alle diplomatischen Usancen mit der »normativen Kraft des Faktischen« blockierend, dann wird dieser erfreuliche Fortschritt (absichtlich?) wieder aufs Spiel gesetzt. Die Frontlinie »Panarabische Solidarität gegen imperialistische Einmischung der USA und anderer westlicher Mächte« wird dadurch erst recht zementiert. Insofern ist – über die Tagespolitik hinaus – einer konservativen französischen Zeitung zuzustimmen, die unterstrichen hat: „Der Westen ermißt nicht immer den Haß, den ihm die Völker entgegenbringen, die durch seinen Wohlstand, seine hochmütige Vergangenheit, seine herrschsüchtige Gegenwart, seine Unterstützung für feudale und korrumpierte Regime gedemütigt und gekränkt sind…Saddam Hussein könnte sehr wohl, wie Khomeini gestern oder Nasser vorgestern, der charismatische Führer werden, der den elektrisierten Massen in ihren Augen ihre Würde zurückgibt.“ 15

Bleibt zu ergänzen: und wenn nicht Saddam Hussein, dann ein anderer – internationale Militärstrafaktionen werden den populistischen Druck auf Dauer eher erhöhen und sich eventuell schon rasch als Pyrrhussieg erweisen.

IV. Der Niedergang der USA

Das Engagement der USA am persischen Golf ist vielleicht der letzte Versuch der USA, sich in der Rolle des »Weltpolizisten« dazustellen – Spötter haben angemerkt, daß eher vom »Weltsöldner« die Rede sein müßte, denn, wie US-Senator Sam Nunn pointiert formulierte, könnte es zum ersten Mal soweit kommen, daß ein Krieg der USA mit japanischen Krediten bezahlt werden muß. Die Gründe für das US-Engagement sind gewiß vielschichtig; psychologische Faktoren (etwa die Angst des George Bush, in die Lage Jimmy Carters zu geraten) spielen gewiß in individueller wie kollektiver Hinsicht keine geringe Rolle16. Daß sich hier eine Weltmacht im Niedergang in eine Situation manövriert, in der letzten Endes nur noch eine Option auf militärisches Handeln offenbleibt, stimmt für die Zukunft pessimistisch und legt den Grundstein für einen lange anhaltenden, virulenten USA-Islam-Gegensatz.

Was die ökonomische Potenz anbetrifft, sind die fünfzig »Vereinigten Staaten« nämlich schon lange alles andere als eine Supermacht. Der Versuch, die Sowjetunion »niederzurüsten«, hat dazu geführt, daß das ehemalige Gläubigerland USA heute mit den höchsten Auslandsschulden der ganzen Welt zu kämpfen hat17. Das US-Haushaltsdefizit; das nach dem Gramm-Rudman-Gesetz zum Beginn des Fiskaljahres 1991 (am 1.10.1990) auf 64 Milliarden Dollar hätte sinken sollen, ist nach einer Schätzung vom Juli 1990 auf fast 170 Milliarden Dollar gestiegen18. Das Engagement am Golf droht diesen Fehlbetrag auf 250 bis 300 Milliarden emporzutreiben. Der von der Regierung zwecks Erleichterung des Schuldendrucks bereitwillig in Kauf genommene ständig sinkende Dollarkurs – der im Juni 1990 noch den bisher niedrigsten Stand vom 31. 12. 1987 unterschritt – kann das unerwartet schwache Wirtschaftswachstum nicht ausgleichen (das US-Wirtschaftswachstum im ersten Quartal 1990 betrug, umgerechnet auf das gesamte Kalenderjahr, nur 1,3% – die Regierung hatte ursprünglich für ihre Haushaltsplanung bis 1992 eine jährliche Wachstumsrate von 2,6 bis 3% zugrunde gelegt, ihre Prognose aber schon auf 2,2% zurückstufen müssen, was von vielen Fachleuten immer noch als übertrieben optimistisch eingeschätzt wird). Der letzte große Versuch, der entgegen allen Legenden in weiten Bereichen international nicht mehr konkurrenzfähigen US-Industrie in Form des gewaltig dimensionierten SDI-Projekts19 eine militärisch fundierte »Anschubfinanzierung« zukommen zu lassen, darf als gescheitert gelten. Das Übergewicht der Rüstungsindustrie20 hat nicht nur schwerste ökologische Schäden in den USA selber hinterlassen21, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit der nicht-militärischen Branchen geschmälert, was die wirtschaftlichen Aussichten für die Zukunft verdüstert22. „Bis 1980 waren Handelsdefizite bei Industriegütern in den USA unbekannt. Heute dagegen beschränken sich die Importe nicht mehr auf Produkte mit geringem technischen und hohem Arbeitsaufwand, sondern sie nehmen sogar dort zu, wo die USA traditionell stark war: Automobile23, Gebrauchselektronik, Metallwerkzeugmaschinen, Stahl und Halbleiter. 1984 mußten die USA zum ersten Mal in ihrer Geschichte ein Defizit im Handel mit elektronischen Geräten hinnehmen.“ 24

Wirtschaftlich werden die USA die Welt in keinem Fall derart übermäßig dominieren können, wie sie dies militärpolitisch vermocht haben25 – im Gegenteil. „Amerikas Vormachtsstellung wird gefährdet durch ein drohendes Ungleichgewicht zwischen Mitteln und Zielen, zwischen politisch-militärischen Verpflichtungen und wirtschaftlichen Ressourcen. Genau diese imperiale Überdehnung leitete in der Vergangenheit den Abstieg so großer Mächte wie Spanien und Großbritannien ein“, gibt der Historiker Paul Kennedy zu bedenken.26

V. Fundamentalismus und Friedensgefährdung

Wird unter »Fundamentalismus« das »kompromißlose Festhalten« an bestimmten Prinzipien oder Überzeugungen verstanden27, so sind die Menschen in den reichen Industrienationen samt den von ihnen ins Amt gewählten Politiker Fundamentalisten der eigenen privilegierten Lebensform, an der sie auch unter der Drohung ökologischer und kriegerischer Weltzerstörung kompromißlos festhalten wollen. Es könnte allerdings durchaus sein, daß ihnen bald ein Fundamentalismus eigener Art entgegenschlägt. Hiermit ist nicht in erster Linie auf den Islam abgezielt; allerdings vermute ich, daß diese in manchen Spielarten außerordentlich militante Religionsgemeinschaft, in deren Grundlagentexten der »heilige Krieg« ausdrücklich kodifiziert ist, schon bald mit den Ländern der »atlantischen Wertegemeinschaft« (unter deren Fittichen sich immer mehr ehemals kommunistische Länder Osteuropas versammeln) in einen Gegensatz geraten wird, der sich dann rasch mit jenen aggressiven Energien aufladen könnte, die seit dem Sieg der marktwirtschaftlichen Kräfte im Osten und seit dem Verlust überkommener Feindbilder eines fokussierenden Anknüpfungspunktes entbehren.

Konflikte mit dem islamischen Fundamentalismus sind vor allem in den Randgebieten der zerbrechenden Sowjetunion28 zu erwarten, aber auch in Afrika – nicht nur an der Grenzzone zwischen Nord- und Schwarzafrika29, sondern auch in Ländern wie Algerien, wo die Islamische Heilsfront (Front islamique du salut, FIS) des Scheich Abbasi Madani bei den landesweiten Regionalwahlen im Juni 1990 835 von 1539 Kommunalratssitzen eroberte30. Diese Entwicklung wird sich nicht nur auf Länder in der Nachbarschaft und in der näheren Umgebung auswirken (Marokko, Tunesien, aber auch Ägypten usw.); sie zieht auch in altbekannter Weise den Drang zu Schutz-, Abwehr und Abschreckungsmaßnahmen nach sich31. Dies wird um so mehr der Fall sein, als – um bei der Situation der Maghreb-Staaten und bei der dortigen fundamentalistischen Tendenz zu bleiben – 1990 die Zahl der an der Südküste des Mittelmeeres lebenden Menschen die der Nordküstenanwohner wieder übersteigt – erstmalig seit der Zerstörung Karthagos (146 v. Zw.). Das demographische Übergewicht der Mittelmeer-Südanrainer wird am Ende des Jahrtausends ca. 70 Millionen Menschen betragen32. Die Gefahr eines »verteidigungspolitischen Fundamentalismus« der reichen Länder des Nordens als Reaktion auf eine Radikalisierung des Südens ist hier wie andernorts nicht gering.

Zeiten wachsender Not und Verelendung und offenkundiger Ausweglosigkeit für Millionen Menschen in einer immer ungerechteren Welt sind ein idealer Nährboden für Schwarmgeister, Eiferer, Fanatiker und Terroristen. Wer sich allerdings bloß vordergründig über deren Worte und Taten empört, ohne sich Rechenschaft darüber anzulegen, inwieweit er selber die Entstehung eines solchen gewaltschwangeren Klimas herbeigeführt oder zumindest geduldet hat – der setzt sich vor der Geschichte doppelt ins Unrecht.

VI. Fazit

Die zersplittert-unübersichtliche, von vielfältigen Interessengegensätzen geprägte Lage im »Nahen Osten« wird zugespitzt durch eine neue, kriegsträchtige Situation: die Konfrontation zwischen den sich an einstige Weltmacht und Größe klammernden USA, die um ihre Rohstoffe fürchtet, und einer autoritär-sozialistischen Diktatur, die unter dem Banner panarabischer, pan-islamischer Solidarität zum Heiligen Krieg aufruft. Diese Situation läßt der Vernunft wenig Chancen und gibt den Blick frei in eine düstere Zukunft. In jedem Fall zeigt sich, wie voreilig es gewesen ist, das Ende des »Kalten Krieges« zwischen Ost und West mit dem Ausbrechen des Weltfriedens zu verwechseln33.

Anmerkungen

1) Eine Definition der schillernden Redewendung vom »Nahen Osten« wird hier nicht versucht, auf die Fachliteratur sei verwiesen.  Am aktuellsten: Bassam Tibi, Konfliktregion Naher Osten, München 1989; vgl. auch die dort angegebene Literatur Zurück

2) Tibi 1989, S.199 Zurück

3) Die Erdölreserven des Irak werden 1990 auf rund 13.400 Millionen Tonnen geschätzt (und 'werden bei gleichbleibender Fördermenge in spätestens 90 Jahren verbraucht sein); mit der Annektierung Kuwaits oder mit der Installation eines gefügigen Marionettenregimes dortselbst jedoch kommen Erdölreserven vom selben Umfang (ca. 13.000 Millionen Tonnen) unter irakische Kontrolle, womit das eigene Ölpotential im Handstreich verdoppelt und auf rund 20n der Weltbestände angewachsen wäre. Die Situation könnte sich dadurch noch weiter verändern und dies ist gewiß beabsichtigt – wenn der Irak das benachbarte, militärisch schwache Saudi-Arabien so unter Druck setzt, daß er es zu partieller Kooperation zwingen kann. Damit entstünde ein Ölkartell, das mächtiger ist als es die OPEC je war – denn beide Länder verfügen gemeinsam über fast die Hälfte der weltweiten Ölreserve (nämlich über 61 Milliarden Tonnen bei weltweiten Rohölreserven von ca. 136 Millarden Tonnen. Alle Zahlen aus der Süddeutschen Zeitung vom 3.e.1990, die sich auf Angaben des Mineralölwirtschaftsverbandes in Hamburg stützt). Zurück

4) Die Auslandsschulden des Irak beliefen sich Anfang 1990 auf rund 50 Milliarden Dollar; durch den Preisverfall des Rohöls sank jedoch der Exporterlös des Irak (der zu 95% dem Ölverkauf entstammt) von 26 Milliarden Dollar 1980 auf 10 Milliarden 1987 (dem stand ein Anstieg des Importvolumens von 14 auf 21 Milliarden Dollar im selben Zeitraum gegenüber). Für ein Land, das rund die Hälfte seines Bruttosozialproduktes für Rüstungszwecke investiert und mit 1 Million Mann fast 12% seiner männlichen Bevölkerung unter Waffen hält und in den letzten zehn Jahren Waffen für über 80 Milliarden Dollar gekauft hat, ist es in dieser Lage nahezu »folgerichtig«; sich, wenn ein Preisanstieg und eine Fördermengenbeschränkung für Erdöl nicht durchzusetzen sind, mit militärischen Mitteln die Verfügungsgewalt über einen möglichst großen Anteil der Ölvorräte in der näheren Umgebung zu sichern. Zurück

5) „Keine Einigung über das Euphrat-Wasser“, Süddeutsche Zeitung, 8.5.1990 Zurück

6) Der Irak beispielsweise ist vor der Zeit des Ölbooms ein Agrarstaat gewesen. Die landwirtschaftliche Anbaufläche beträgt rund 10 Millionen Hektar, davon etwas mehr als die Hälfte Ackerland, auf dem Reis, Gerste und Weizen angebaut wird. Dessenungeachtet mußten 1986 2,5 Millionen Tonnen Weizen importiert werden. Die Bedeutung des einst wichtigsten Exportgutes, der Dattel, ist permanent gesunken; die Erntemenge betrug 1986 nur noch 100.000 Tonnen (1983: 400.000 Tonnen). Zurück

7) A. Hottinger, „Dreißigjähriger Krieg der Araber?“ Neue Zürcher Zeitung, 24.11. 1987 Zurück

8) Ghr. Bertram, Die Gefahren rücken näher, DIE ZEIT, 6.4. 1990 Zurück

9) Obwohl technisch nicht völlig korrekt, erweist sich dieser Name als zutreffend, denn das Wort Kanone – mit dem man seit dem 16. Jahrhundert die Flachfeuergeschütze (zum Unterschied von Mörsern und Haubitzen) bezeichnet, stammt aus dem italienischen und bedeutet »großes Rohr«. Das vom Irak bestellte »große Rohr« (mit Stahlwänden von 30cm Dicke, einem Kaliber von einem Meter und einer Rohrlänge von 156m( diente als Raketenabschußvorrichtung, wobei die verfeuerten Raketen mit beliebigen Sprengköpfen bestückt werden können. Die Einzelheiten der Konstruktion gehen auf Pläne des kanadischen Ingenieurs Gerald Bull zurück; der am 23. März 1990 in Brüssel ermordet wurde (wofür wohl mit Recht der israelische Geheimdienst Mossad verantwortlich gemacht wird). Zurück

10) „Irakische Superkanone: Stopp in letzter Minute“, Die Zeit, 4.5.1990. Über die Verwicklung bundesdeutscher Firmen in das »Unternehmen Babylon«, d.h. den Superkanonenbau siehe auch Der Spiegel, Nr. 28%1990 Zurück

11) Christoph Bertram liegt in seinem Zeit-Artikel – Anm. 8 – meiner Ansicht nach nur bedingt richtig, wenn er schreibt: „Der Nicht-Verbreitungsvertrag hat sich, vom Ergebnis her gesehen, erstaunlich bewährt“. Ist es schon ein Erfolg, wenn es hätte noch schlimmer kommen können? Bertram läßt hier z.B. die gerade mit deutscher Hilfe zustande gekommene Atomwaffenfähigkeit Brasiliens unerwähnt. Zurück

12) Brasilien; wie erwähnt, mit bundesdeutscher Hilfe. Anfang 1990 sind die im Vorjahr wegen heftiger internationaler Proteste stornierten Atomgeschäfte mit Brasilien wieder aufgenommen worden, als Bundeswirtschaftsminister Haussmann die den Firmen Steag (Essen) und Interatom (Bergisch Gladbach) erteilten Exportgenehmigungen für eine Urananreicherungsanlage nach dem Trenndüsenverfahren verlängert hatte. Vgl. Der Spiegel; Nr. 9%1990 Zurück

13) Commission On Integrated Long-Term Strategy, Discriminate Deterrence, Washington D.C. 1988 Zurück

14)Schon fünf Jahre zuvor; im Atomteststopp-Vertrag vom 5.8.1963, hatten die Außenminister Rusk (USA), Home (UK) und Gromyko schriftlich festgehalten, daß sie „es als ihr Hauptziel verkünden, schnellstmöglich ein Abkommen über eine allgemeine und vollständige Abrüstung unter strikter internationaler Kontrolle im Einklang mit den Zielsetzungen der Vereinten Nationen zu erreichen, das dem Wettrüsten ein Ende machen und den Reiz zur Produktion und zur Erprobung aller Arten von Waffen, einschließlich Kernwaffen; beseitigen würde“. Nicht ganz zu Unrecht weisen besonders Politiker aus der »Dritten Welt« beim Thema Abrüstung gerne darauf hin, daß die genannten drei Atommächte seit 1963 (und nochmals seit 1968) praktisch in Permanenz vertragsbrüchig sind. Zurück

15) Ein hervorragender Überblick hierzu bei A. Roßnagel, Nuklearterrorismus und Schwarzmarkt, in: UNIVERSITAS 5/1988 Zurück

16) Le Figaro,14.8.1990 Zurück

17) Vgl. hierzu die Ausführungen von P. Kennedy, Anm.27 Zurück

18) Zu den innenpolitischen Auswirkungen der Reagan-Ära vgl. Phillips 1990 Zurück

19) „US-Haushaltsdefizit steigt weiter“, Süddeutsche Zeitung, 19.7.1990 Zurück

20) Vom Pressesprecher des UdSSR-Außenministeriums, G. Gerassimow, bei einer Pressekonferenz in Washington zutreffend als „Save the Defence Industrie“ buchstabiert Zurück

21) 1985 flossen die öffentlichen Gelder für Forschung und Entwicklung in den USA zu 70% in Rüstungsprojekte (Zum Vergleich: in der BRD zu rund 13%; in Japan zu unter 5%); 25 bis 30 Prozent aller Wissenschaftler und Ingenieure arbeiteten im weitesten Sinne für die Rüstungsforschung – auch dieser Prozentsatz liegt in der BRD oder Japan deutlich niedriger. Zahlenangaben nach Zur Lage der Welt 1989, S.224 Zurück

22) Vgl. R. Alvarez u. A. Makhijani, Das versteckte Vermächtnis des Rüstungswettlaufs, in: Ärzte gegen Atomkrieg, Nr.32, Juni 1990 Zurück

23) „Trübe Konjunkturaussichten für die USA. Ein Drittel des Landes befindet sich bereits in einer Rezession“ Süddeutsche Zeitung, 3.8.1990 Zurück

24) Die Erträge (Nettogewinne) der führenden US-Automobilhersteller, der General Motors Corporation und der Ford Motor Company; sind in der ersten Jahreshälfte 1990 drastisch gesunken, und zwar um 46% bei GM und um 58% bei Ford. Der Gewinn im Inlandsgeschäft sank bei Ford von 459 Millionen $ im ersten Halbjahr 1989 auf 365 Millionen im selben Zeitraum 1990; der Gewinn im Überseeverkauf schrumpfte sogar von 775 Millionen $ auf 173 Millionen (Vgl. „US-Autokonzerne im Kriechgang“, Süddeutsche Zeitung, 31.7.1990)! Interessanterweise war am selben Tag in der Zeitung zu lesen, daß der Automobilkonzern Toyota für das am 30.6.1990 endende Geschäftsjahr einen Rekordgewinn von über 700 Milliarden Yen erwartet (gegenüber 570 Mrd. Yen Reingewinn im Vorjahr). Zurück

25) Worldwatch-Institute, Zur Lage der Welt 1989/90, Frankfurt a.M. 1989, S.227 Zurück

26) „Die Welt wird sich in den neunziger Jahren, mehr als zuvor, mit wirtschaftlichen Entwicklungen befassen. Die Vereinigten Staaten sehen sich dem verstärkten Wettbewerb mit dem vereinten Europa, mit Japan, sowie den an Bedeutung gewinnenden Mächten in Asien gegenüber. Unser Wohlstand zu Hause wie unsere Position in der Welt hängen davon ab, wie wir in diesem Wettbewerb dastehen werden“ schreibt der Direktor des Institutes für Internationale Wirtschaft in Washington, Fred Bergsten („Umsteuern in der Steuerpolitik“, Die Zeit, 27.7.1990) – zu den Chancen der USA in diesem Wettbewerb schweigt er allerdings vorsichtig. Zurück

27) „Gezahlt wird später“. Der Historiker Paul Kennedy über die Gefahren des US-Engagements am Golf. DER SPIEGEL, Nr. 36/1990 Zurück

28) So die neue Brockhaus-Enzyklopädie, Bd. 8, Mannheim 1989 Zurück

29) „In der Sowjetunion breitet sich der Islam aus“, Süddeutsche Zeitung, 14.7.1990. Die Zahl der sowjetischen Moslems wird laut dieser Quelle – die sich auf Angaben der Iswestija stützt – auf 70 Millionen Menschen geschätzt. Allein in der Kaukasus-Republik Dagestan seien 1990 137 Moscheen geöffnet – gegenüber 17 Gebetsstätten im Vorjahr. Zurück

30) Dort hat der islamische Einfluß zu einem der längsten, blutigsten – und von der Weltöffentlichkeit am wenigsten beachteten – Bürgerkriege Afrikas, zum Dauerkonflikt im Süd-Sudan, durchaus entscheidend beigetragen. Zurück

31) Es steht zu erwarten, daß diese Entwicklung die Auswanderung aus Algerien anwachsen läßt und damit auch dem Rechtsextremismus in Frankreich neuen Auftrieb verschafft, aber auch weit über diese Kreise hinaus Ängste und Abschottungwünsche schürt: „Das Wort des früheren algerischen Präsidenten Boumedienne, die besitzlosen Massen des Südens würden dereinst in ihrer Not den reichen Norden einfach besetzen, wrird für viele Franzosen bereits zur Vision nordafrikanischer Boat People, die noch in den neunziger Jahren auf die Küste der Provence zutreiben werden“ („ (Ein Raum voller Konflikte“, Süddeutsche Zeitung, 25.7.1990). Zurück

32) Präsident Mitterrand hat am französischen Nationalfeiertag, dem 14. Juli 1990, bekannt gegeben, daß Frankreich nicht auf den Bau der Hades-Kurzstreckenrakete verzichten wolle. Angesichts der Ost-West-Entspannung mag es als sonderbar erscheinen, daß Frankreich zwecks »Abschreckung« nicht auf eine Rakete verzichten will, die mit ihrer Reichweite vom 480 Kilometern nicht weiter als bis Hannover, Kassel oder Erfurt fliegen kann; um im »Ernstfall« diese Städte zu vernichten. Der französische Verteidigungsminister Chevenement hat freilich im Juli 1990 deutlich gemacht, daß nicht allein die Angst vor einer Destabilisierung im Osten Grund für das französische Beharren auf seiner Nuklearstreitmacht sei. In der Süddeutschen Zeitung vom 17.7.1990 heißt es: „Schauen wir nach Süden “, sagt Chevenement. „Die ungeheuren demographischen, wirtschaftlichen, kulturellen, politischen Ungleichgewichte, die sich am Horizont zusammenballen, müssen einem einfach auffallen“. Als Verteidigungsminister könne er die Risiken der Ausbreitung von Raketen, chemischen und atomaren Waffen im Nahen Osten nicht übersehen. Auch der Gaullistenführer Chirac wies am Wochenende auf „die demographische Explosion und die Entwicklung des Fundamentalismus im Süden Europas “ hin. In dieser Situation dürfe Frankreich „den erstrangigen Trumpf “ seiner Atomstreitmacht – so der Minister – nicht wegwerfen.“ Zurück

33) Süddeutsche Zeitung; 25.7.1990 Zurück

34) Vgl. T. Bastian, Naturzerstörung: Die Quelle der künftigen Kriege, Heidesheim 1990 Zurück

Dr. Till Bastian, Arzt und Schriftsteller, lebt in Isny/Allgäu.

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