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Konversion: Fallbeispiel Kassel

von Jutta Weber-Bensch / Peter Strutynski

Der INF-Vertrag zwischen den USA und der UdSSR, der die Verschrottung der Mittelstreckenraketen beinhaltete, einseitige Truppen- und Rüstungsreduzierung der Staaten des Warschauer Vertrages sowie die dramatischen politischen Veränderungen in diesen Ländern haben die Abrüstung zu einem neuen Thema der Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft auch der Bundesrepublik gemacht. Angesichts des stark bröckelnden »Feindbildes« in der Bundesrepublik und des sichtbar schrumpfenden realen Militärpotentials der Warschauer Vertragsstaaten stellen sich vermehrt Fragen nach dem Sinn weiter steigender Ausgaben im Rahmen des Verteidigungshaushaltes. Es scheint, als käme nicht nur das Projekt »Jäger 90« ins Schleudern. „Im Verteidigungsministerium“, so weiß jedenfalls die Frankfurter Allgemeine Zeitung zu berichten, „und in großen wehrtechnischen Unternehmen werden bereits Szenarien für die »Zeit danach« entworfen.“ (FAZ, 26.01.1990).

Sollte sich, was aus verschiedenen Gründen wünschenswert wäre, auch in der BRD der politische Wille zur Abrüstung durchsetzen und sollten bei den Wiener Verhandlungen konkrete Schritte zur Reduzierung konventioneller Waffen vereinbart werden, so könnte dies von weitreichender Bedeutung für die führenden Rüstungsunternehmen und deren Beschäftigte sowie für bestimmte Regionen sein. Nord- und Osthessen sind seit dem Kalten Krieg und verstärkt seit dem Aufbau bundesdeutscher Streitkräfte bevorzugte Standorte für militärische Einrichtungen der Alliierten und der Bundeswehr. Mit mindestens 25 Kasernen, vier Flugplätzen, ebensovielen US-amerikanischen Border Observation Points, einer Reihe von Standortübungsplätzen und »Training Areas«, einigen Radarstationen, einer Vielzahl von Munitionsdepots, darunter auch einem mit nuklearer Munition, zwei Flugabwehrraketenstellungen und einigen Standortschießanlagen weist der Regierungsbezirk Kassel eine sehr hohe Militärdichte auf.

Dies bedeutet nicht nur einen immensen Flächen- und Landschaftsverbrauch und sich aus militärischen Aktivitäten (z.B. Manöver, Flugbewegungen) ergebende Belastungen und Schäden für Mensch und Umwelt. Es bedeutet auch Arbeitsmöglichkeiten für Tausende von Zivilbeschäftigten in Militäreinrichtungen und von Beschäftigten in verschiedenen Wirtschafts- und Dienstleistungsunternehmen der Region, die Aufträge der Streitkräfte ausführen (von Bauunternehmen bis zu Kantinenwirten). Sollten internationale Abrüstungsprozesse auch vor der Bundesrepublik nicht haltmachen, so ist insbesondere mit Blick auf die strukturschwachen Regionen daran zu denken, rechtzeitig Pläne zu entwickeln, wie eine Demilitarisierung ohne Arbeitsplatzverlust und soziale Härte für die Betroffenen zu erfolgen hat. Die Auflage neuer »Strukturprogramme« für Garnisons-Standorte, wie sie vom nordhessischen Bundestagsabgeordneten Rudi Walther vor kurzem gefordert wurde (HNA, 14.2.1990), könnte ein richtiger Schritt hierzu sein. Ein solches Strukturprogramm etwa zur Demilitarisierung Nordhessens müßte konkrete Umstellungs-, Umwidmungs-, Umschulungs- und Finanzierungspläne enthalten und sie auf die jeweilige örtliche Situation beziehen. Sinnvoll erschiene uns in diesem Zusammenhang die baldige Einrichtung einer regionalen Abrüstungskommission durch den Regierungspräsidenten, die Vorschläge zur Reduzierung der militärischen Einrichtungen und Aktivitäten erarbeiten soll. Dabei müssen Fragen der sozialen Sicherung, des regionalwirtschaftlichen Ausgleichs, der zivilen Nutzung ehemaliger militärischer Einrichtungen und die Aufgaben des Natur- und Umweltschutzes besonders berücksichtigt werden. Identische Vorschläge haben vor kurzem die DGB-Landesbezirke Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen der Öffentlichkeit unterbreitet (DGB: Entwicklung der Arbeits- und Lebensbedingungen in den Regionen Nordhessen, Südniedersachsen, Ostwestfalen, März 1990).

Kassel als Rüstungsstandort

In der Stadt und im Landkreis Kassel sind zur Zeit etwa 4.000 bis 5.000 Arbeitnehmer unmittelbar mit der Produktion von Rüstungsgütern beschäftigt; das sind rund 10 Prozent der Metallbeschäftigten im Verarbeitenden Gewerbe. Innerhalb Hessens ist Kassel der mit Abstand wichtigste Rüstungsstandort: Schätzungsweise die Hälfte aller hessischen Rüstungsarbeitsplätze ist hier konzentriert. Die wichtigsten Firmen, in denen Aufträge aus dem Bundesverteidigungsministerium abgewickelt werden, sind Wegmann & Co. GmbH, Thyssen Henschel, Henschel Flugzeugwerke und die AEG Isolier-Kunststoff GmbH (AIK). Damit eine mögliche Abrüstung von den potentiell Betroffenen, den Beschäftigten der Rüstungsindustrie, nicht als Bedrohung, sondern als Chance empfunden wird, kommt es darauf an, rechtzeitig arbeitsplatzerhaltende Umstellungspläne zu entwickeln und Diversifikationsmaßnahmen in den Betrieben einzuleiten. Dies ist gerade in Kassel von besonderer Wichtigkeit, da erstens aufgrund der Strukturschwäche der Region alternative Arbeitsmöglichkeiten kaum vorhanden sind, und zweitens die ansässige Rüstungsproduktion in sich schon ganz einseitig strukturiert ist und zu 90 Prozent von der Nachfrage nach gepanzerten Fahrzeugen abhängig ist. Seit Jahren wird von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und Bewegungen (zuletzt IG Metall und Kasseler Friedensforum 1987, DGB Kreis Kassel 1988) auf die Notwendigkeit hingewiesen, die Abhängigkeit der großen Kasseler Rüstungsfirmen von Aufträgen aus dem Verteidigungsministerium zu lockern, den Rüstungsanteil an der Gesamtproduktion zu senken und stattdessen den zivilen Sektor auszubauen. Den Ernst der Lage hat mittlerweile die Fraktion der örtlichen SPD erkannt und im Januar 1990 einen entsprechenden Antrag in der Stadtverordnetenversammlung der Stadt Kassel eingebracht (HNA; 22.01 1990 und 17.02. 1990).

Umstellungskonzepte

Erste inhaltliche Anregungen zu möglichen Umstellungsbereichen und alternativen Produkten hat die FPN Arbeitsforschung + Raumentwicklung anläßlich einer Tagung am 1. Dezember 1989 der Öffentlichkeit vorgestellt (HNA, 2.12.1989). Die dort gemachten Vorschläge knüpfen an bisherige Konzepte sowie an noch vorhandene oder erst vor kurzem eingestellte Produktlinien der beiden Unternehmen Wegmann & Co. GmbH und Thyssen Henschel an. Deren Voraussetzungen zur Konversion und Diversifikation der Produktion sind sehr unterschiedlich, insgesamt aber nicht ungünstig. Thyssen Henschel hat zwar den Nachteil, als 100-prozentige Tochtergesellschaft und als einer von acht Geschäftsbereichen der Thyssen Industrie AG Essen nicht selbständig über Entwicklungsperspektiven und Investitionen am Standort Kassel entscheiden zu können. Auf der anderen Seite verfügt das Unternehmen aber über eine ausgesprochen breite und vielgestaltige Produktpalette im zivilen Sektor (»Gemischtwarenladen«), die bei einer Konversion des wehrtechnischen Bereichs ohne große Mühe auszuweiten wäre. Anders stellt sich die Lage bei Wegmann dar, einem Unternehmen, das mit viel Erfolg in den vergangenen Jahren seinen Rüstungsanteil ständig erhöht und zivile Produktionen entsprechend heruntergefahren oder als selbständige Unternehmensbereiche ausgegliedert hat. Nach der Verselbständigung des Unternehmensbereichs Industrietechnik (1987) und der Einstellung des Drehgestellbaus (1989) ist die Firma Wegmann & Co. GmbH mit rund 2000 Beschäftigten heute ausschließlich in der Rüstungsproduktion engagiert. Diesem Handikap steht der nicht zu unterschätzende Vorteil gegenüber, daß es sich bei Wegmann um ein in Kassel ansässiges selbständiges Unternehmen handelt, dessen Forschungs-, Entwicklungs- und Investitionsentscheidungen auch in Kassel getroffen werden. Sowohl Thyssen Henschel als auch Wegmann verfügen über eigene FuE-Abteilungen sowie über einen außergewöhnlich hohen Facharbeiteranteil (vgl. hierzu J.Weber-Bensch, P. Strutynski, Skizzen der fünf größten Metallbetriebe im Kasseler Raum, Kassel {FPN} 1989).

Die konkreten Produktvorschläge für beide Betriebe, die in der Vergangenheit im zivilen Sektor häufig ähnliche oder sich ergänzende Produktionen aufwiesen, beziehen sich im wesentlichen auf die Bereiche Antriebstechnologien für Fahzeuge, öffentlicher schienengebundener Personenschnellverkehr und öffentlicher, zum Teil ebenfalls schienengebundener Personalverkehr (vgl. nachfolgende Übersicht).

Konversion als kontinuierlicher Prozeß

Vorzustellen haben wir uns die angesprochenen, aber noch nach vielen Seiten zu ergänzenden Konversions- und Diversifikationsprozesse als einen planmäßigen und kontinuierlichen Prozeß, in dem problematische oder unerwünschte Produktionen heruntergefahren, parallel dazu neue Produktionslinien aufgebaut und zwischenzeitlich nicht ersetzbare Arbeitskräfte in betrieblichen Maßnahmen umgeschult oder weiterqualifiziert werden. Dies könnte in einer mittelfristigen Perspektive bedeuten, daß die Rüstungsproduktion bei Thyssen schließlich ganz aufgegeben wird, während Wegmann möglicherweise noch einen kleinen Rest gepanzerter Fahrzeuge bzw. Komponenten für Panzer und andere militärische Geräte herstellt. Da es sich bei einem großen Teil der in Frage kommenden verkehrstechnischen Produkte um Güter handelt, die von der öffentlichen Hand (Bund und Gemeinden) nachzufragen wären, beantwortet sich die Frage nach der Finanzierbarkeit mit dem Hinweis auf entsprechende Haushaltsumschichtungen zu Lasten des Rüstungsetats. Ergänzend hierzu wären spezifische Förderungsprogramme von EG, Bund und Land vor allem zur Unterstützung technisch-materieller Umstellungsprozesse und qualifikatorischer Maßnahmen zu mobilisieren.

Die Probleme, denen sich die regionale Metallwirtschaft gegenüber sieht, sind natürlich nicht auf den Bereich der Rüstungsindustrie beschränkt und somit auch nicht allein mit deren Konversion zu lösen. Nach dem gleichen Muster wären auch gefährdete Bereiche ziviler Produktion umzustellen. Sowohl im Falle des Kasseler Volkswagenwerkes mit seinem Schwerpunkt Getriebebau als auch im Falle des Kasseler Mercedeswerks, in dem fast ausschließlich LKW-Achsen hergestellt werden, kommt es dabei aber weniger auf Konversionsprozesse an, das heißt, daß eine vorhandene Produktion durch eine andere ersetzt werden müßte, sondern im Vordergrund stehen Diversifikationsbemühungen, um auf diesem Weg die nahezu totale Abhängigkeit von nur einem Produkt, dem Automobil, abzubauen. Dies ist schon allein aus umwelt- und energiepolitischen Gründen erforderlich und wird spätestens dann zu einem arbeitsmarktpolitischen Zwang, wenn die ersten Produktionseinbrüche aufgrund zu erwartender Marktsättigung und wenn spürbare Beschäftigungsreduzierungen aufgrund weltweit bestehender Überkapazitäten der Branche auftreten werden. Aller Erfahrung nach wird es dann aber für einen geordneten Produktionsumbau zu spät sein.

So wären bei Mercedes Benz Überlegungen anzustellen, aus der mittelfristig rückläufigen Achsproduktion freigesetzte Arbeitskräfte nach entsprechenden betrieblichen Qualifizierungsmaßnahmen in aufzubauende neue Produktlinien umzusetzen. Diese könnten im Bereich der Achs- und Drehgestelltechnik für Schienen- und Straßenfahrzeuge, im Bereich des Spezialfahrzeugbaus etwa zur Altlastenbeseitigung bzw. -entsorgung oder im Bereich land- und forstwirtschaftlicher Fahrzeuge, Maschinen und Geräte liegen.

Auch bei VW wird man sich – trotz des Schubs, den man sich mit dem Eindringen in den Automobilbau der DDR erhofft – an den Gedanken gewöhnen müssen, daß der ungebremste Anstieg der PKW-Produktion im allgemeinen und der steigende europäische Marktanteil von VW im besonderen an Grenzen stoßen könnte. So ist gegen unliebsame Beschäftigungseinbrüche rechtzeitig Vorsorge zu treffen durch den Aufbau neuer Produktionslinien. Zu denken wäre etwa an:

Übersicht:

Ausgewählte Produktionsvorschläge für Thyssen Henschel und Wegmann

Antriebstechnologien für Fahrzeuge

Dr. Jutta Weber-Bensch und Dr. Peter Strutynski sind tätig im Bereich Arbeitsforschung und Raumentwicklung an der Gesamthochschule Kassel.

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