in Wissenschaft & Frieden 1990-1: 1990-1

zurück vor

Spürpanzer Fuchs

Der bundesdeutsche Beitrag zum US-amerikanischen C-Waffen-Programm

von Manuel Kiper

Der Bonner Professor Paul hat jüngst den Nobelpreis für Physik erhalten. Seine Erfindung, die Paulsche Ionenfalle, wurde zu einer militärischen Aufrüstung besonderer Art genutzt: das Prinzip hat Eingang in die Entwicklung des bundesdeutschen Spürpanzers »Fuchs« gefunden. Der FUCHS ist inzwischen zum weltbesten C-Waffen-Spürgerät und zum bundesdeutschen Rüstungsexportschlager avanciert.

Das BMVg hat die Umsetzung des Paulschen Meßprinzips im Rahmen der ABC-Abwehr mit einem Betrag von 5 Millionen DM zu einem mobilen, universalen, hochempfindlichen Spürsystem, dem MM-1 von Bruker-Franzen in Bremen, finanziert. Montiert wird das MM-1 auf den Transportpanzer FUCHS von Thyssen-Henschel. Der Spürpanzer FUCHS gehört damit zu der Familie der von Thyssen-Henschel bereits mit mehr als 1.000 Fahrzeugen gelieferten Transportpanzer FUCHS. Im Feldheer werden die ABC-Abwehrbataillone auf Korpsebene mit je 18, die ABC-Abwehrkompanien der Divisionen mit je 6 Spürpanzern ausgestattet.1 Der Spürpanzer FUCHS wurde im Februar 1988 der Truppe übergeben. Insgesamt soll das Heer bis Ende 1990 140 Exemplare erhalten. Mehr als siebzig Füchse sind schon ausgeliefert. Bis zum Jahr 1990 wird damit im Bereich der Bundeswehr „eine analytische Meßkapazität“ installiert, „die weltweit ihresgleichen sucht“, wie es B. Odernheimer anläßlich eines Vortrags auf der Jahrestagung 1987 der Schutzkommission beim Bundesministerium des Innern ausdrückte.2

Das bei Bruker-Franzen in Bremen entwickelte Spürgerät MM-1 beruht auf einer miniaturisierten Massenspektrometrie kombiniert mit Gaschromatographie. Dieses Wunderwerk der Analytik wurde für das Militär konzipiert, kann aber in gleicher Weise zur Analyse ziviler Schadstoffe eingesetzt werden.

Die Nachweisgrenzen des MM-1 liegen für thermisch stabile, unpolare Stoffe wie Lindan oder TCDD unter 1ng absolut. Chlorbenzol wird in der Luft in Konzentrationen um 10ug/m³ innerhalb von 30 Sekunden, in Trinkwasser (indirektes Verfahren mit Anreicherung an Silicongummi) in Konzentrationen um 1ug/kg innerhalb von 3 Min. angezeigt. Auf Oberflächen werden seßhafte Schadstoffe, je nach Beschaffenheit der Oberfläche, in Belegungsdichten von einigen ug/m² bis mg/m² erfaßt.

Das MM-1 ist durch weitgehende Automation der Meßdatenauswertung mit Mikroprozessor sehr einfach zu bedienen. Spürergebnisse werden übersichtlich auf einem Bildschirm dargestellt. Im Routinebetrieb können bis zu 22 Schadstoffe quasi kontinuierlich nebeneinander detektiert werden. Die zu detektierenden Stoffe können durch Zugrundelegung von Literaturspektren und Eichung der gespeicherten Daten auf beliebige Fragestellungen aktualisiert werden.

Mit diesem Gerät können heute bereits die einzelnen Kampfstoffe in Konzentrationen unter einem Milliardstel Gramm und innerhalb von 30 Sekunden nachgewiesen werden. Spürergebnisse über Tabun, Soman, Sarin, VX, Phosgen, Adamsit und Dutzende weiterer Kampfstoffe können über Funk „nahezu in Echtzeit in ein Lagezentrum übermittelt werden“. Mit dem MM-1 kann dabei Luftspüren, Bodenspüren oder auch Wasseranalyse betrieben werden. Unbekannte Substanzen können vom Datensystem gesteuert während der Messung automatisch identifiziert werden; bislang sind ca. 1.000 Substanzen in Datensätzen erfaßt. Die Eichung des Spürsystems auf chemische Kampfstoffe fand in der Wehrwissenschaftlichen Dienststelle der Bundeswehr für ABC-Schutz statt.

Das MM-1 ist zwar eine mililtärische Entwicklung. Mit dem MM-1 können aber auch Altlasten aufgespürt und untersucht werden, Abgasfahnen von Bränden nachgespürt und die Schadstoffe identifiziert, Schadstoffe im Wasser schnell und zuverlässig vor Ort bestimmt und quantifiziert werden, ausdünstende Schadstoffe wie z.B. Holzschutzmittel in der Innenraumluft entdeckt, Giftmülltransporte kontrolliert werden und vieles mehr, z.B. natürliche C-Kampfstoffe in der Luft aufgespürt und ins Einsatzlagezentrum gemeldet werden oder wie beim Bundeskriminalamt: das MM-1 gegen den Heroinschmuggel eingesetzt werden.3

Aufrüstung der US-Army mit dem Spürpanzer

Die Entwicklung des Spürpanzers FUCHS ist von Anfang an „auf großes Interesse im Ausland gestoßen“.4 Bereits 1986 wurden US-Soldaten in der ABC- und Selbstschutzschule Sonthofen am Spürpanzer ausgebildet. Anschließend unterzogen sie den FUCHS einem Vergleichstest mit anderen Entwicklungen. Die USA haben daraufhin entschieden, eine ähnliche eigene Entwicklung abzubrechen und den Spürpanzer FUCHS für die US-Streitkräfte zu beschaffen. Sechs Spürpanzer wurden für Erprobungszwecke bereits im Jahr 1988 geliefert. Sechs weitere sollten im Jahr 1989 folgen. In den Jahren 1990/91 sollen weitere 44 Stück beschafft werden. Für die volle Ausrüstung soll mit Auslieferung ab 1992 eine weiterentwickelte Version bereitgestellt werden. Der Bedarf hierfür wird auf mehrere Hundert Stück veranschlagt.5 Bislang hatten die USA in ihrem Chemical Warfare – Biological Defense Program die Entwicklung der B- und C-Waffenanalytik selber betrieben. Angeblich wurden vom Spürpanzer FUCHS 576 Stück geordert.6

Vermerkt sei hier, daß der FUCHS nicht nur an die USA geliefert wird, sondern Exemplare auch an Abu Dhabi, Thailand und Kampuchea. Auch der Iran beabsichtigte, zwei Füchse zu ordern.

MM-1 im Katastrophenschutz

Das MM-1 kann aber nicht nur chemische Kampfstoffe riechen. Seine Entwicklung wurde zwar von der Bonner Hardthöhe mit Millionenbeträgen angeschoben, schließlich ging es um die Entdeckung von eingesetzten C-Waffen. Die Analytik taugt aber genauso gut für friedliche Zwecke. Einige zivile Exemplare sind bereits im Einsatz, so z.B. bei der BASF in Ludwigshafen. Wenn auch noch kein einziges kommunales Umweltamt in der Bundesrepublik über ein MM-1 verfügt, und die Umweltämter auf absehbare Zeit offensichtlich hinter der Aufrüstung der Bundeswehr zurückstecken müssen; die Schutzkommission beim Bundesamt für den Zivilschutz drängt bereits auf eine mobile Eingreifgruppe ausgestattet mit MM-1. Dies geht hervor aus ihren Empfehlungen, die sie im Mai 1989 zu Fragen der Bewältigung von Chemieunfällen verabschiedet hat. Zum Schutz der Zivilbevölkerung im Katastrophen- oder Verteidigungsfalle („der größten Katastrophe“) sollen Spürgeräte in Hubschraubern bei zentralen Katastrophenstäben bereitstehen, um Giftgasfahnen jedweden Ursprungs aufzuspüren.

Die Schutzkommission empfiehlt für die Verbesserung des Bevölkerungsschutzes im Frieden und im Verteidigungsfall folgende Vorgehensweise zur Bewältigung von Chemieunfällen:

  1. Die Realisierung eines mobilen Einsatzkonzeptes zur schnellen Gewinnung wichtiger Analysedaten vor Ort und den quellbezogenen, schwerpunktmäßigen Einsatz unspezifischer Detektoren zum Zwecke der Frühwarnung.
  2. Die Etablierung einer zentralen Expertengruppe zum Zwecke der Beratung der Katastrophenabwehr im Ereignisfall.
  3. Die Definition der Inhalte und die Realisierung von Faktendatenbanken im Einvernehmen mit der Expertengruppe.“

Die Schutzkommission vertritt die Meinung, daß das „GCMS-Meßprinzip im mobilen Einsatz die Methode der Wahl für den hier ins Auge gefaßten Verwendungszweck darstellt.“ Ein flächendeckendes Frühwarnmeßnetz ähnlich dem Strahlenschutz würde allerdings zu der „gewaltigen Zahl von mindestens 43.000 Meßstellen führen.“ Die Schutzkommission sieht angesichts der ungeheuren Kosten eines solchen Meßnetzes und dem Mangel an Toxikologen in der Bundesrepublik die Alternative in der Enwicklung eines mobilen Einsatzkonzeptes gestützt auf Hubschrauber. Die Schutzkommission kommt zu dem Schluß: „Im Hinblick auf die Notwendigkeit qualifizierten Personals einerseits und die Höhe der notwendigen Investitionskosten andererseits wird eine gemeinsame Nutzung der mobilen Einsatzeinheit durch die in den Bereichen Katastrophenschutz und Umweltschutz tätigen Institutionen vorgeschlagen.“ 7

Um die Bedeutung dieser Vorschläge für den Umweltschutz zu ermessen, sei noch ein Blick auf die Schutzkommission geworfen. Im Jahre 1951 wurde die Schutzkommission gegründet, „weil“, wie Staatssekretär Spranger es anläßlich ihrer 35. Jahrestagung im Jahre 1986 ausführte, „die schon bald nach Ende des 2. Weltkrieges wieder auflebende Bedrohungssituation, die u.a. durch die neuen atomaren Angriffswaffen gekennzeichnet war, schon die erste Bundesregierung zwangen, Zivilschutzmaßnahmen für die Bevölkerung zu planen. Dazu wurde die von unabhängigen Wissenschaftlern unter Führung von Prof. Werner Heisenberg in der Schutzkommission dem Bundesminister des Innern freiwillig angebotene Unterstützung dankbar angenommen.“

Die Schutzmediziner kümmern sich um Katastrophen, wobei in ihrer Vorstellung Krieg die größte Katastrophe ist, auf die es sich vorzubereiten gilt. Dies sieht nicht nur Rebentisch, der langjährige Sanitätsinspekteur der Bundeswehr in seinem Standardwerk zur Katastrophenmedizin so.8 Vielmehr wird bereits seit 1980, angefangen vom Gesundheitssicherstellungsgesetz der sozialdemokratischen Gesundheitsministerin Antje Huber, bis zum Ende 1989 verabschiedeten neuen Katastrophenschutzergänzungsgesetz die Vereinnahmung des Gesundheitswesens für militärische Zielsetzungen betrieben. Die Ziele dieser Kommission machte Spranger denn auch anläßlich des 35jährigen Wirkens der Kommission deutlich, als er erklärte, daß „die Waffen, gegen deren Wirkung diese Kommission seit langem Schutzmaßnahmen erforscht“ – trotz aller Abrüstungsbemühungen – nach Auffassung der Bundesregierung „sobald nicht unwirksam gemacht oder abgeschafft sein werden.“

Die biologische Aufrüstung des Spürpanzers

Aber nicht nur Chemie ist beim Militär gefragt. Neue Entwicklungen setzen auf eine biologische Aufrüstung des Spürpanzers FUCHS : Biosensoren werden entwickelt. Und wieder hat die Bundeswehr die Nase vorn. Bei Bruker-Franzen im amerikanischen Auftrag wie bei Professor Schügerl am Institut für Technische Chemie der Universität Hannover oder bei Professor Schmitz in Hamburg am renommierten Bernhard-Nocht-Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten oder an der Universität Ulm werden Alarmgeräte gegen Biogifte und B-Waffen entwickelt.

Professor Schügerl, der mit seinem Institut für Technische Chemie der Universität Hannover in den Forschungsschwerpunkt „Grundlagen der Bioprozeßtechnik“ der Universitäten Braunschweig, Göttingen, Hannover, der GBF und des Max-Planck-Instituts für Biophysikalische Chemie eingebunden ist, wickelt für das Bundesverteidigungsministerium das Projekt „Entwicklung und Herstellung eines Antigendetektionssystems auf der Basis eines immunoptischen Biosenors“ ab. Ziel des Forschungsvorhabens ist es, feldverwendungsfähige Detektoren zur Erkennung von Mykotoxinen zu etablieren. Mykotoxine sind biologische Gifte, die von Pilzen ausgeschieden werden. Zu diesen rechnen sowohl die Aflatoxine, als auch T-2 Toxin und Hunderte weiterer.

Mykotoxine sollen in den kriegerischen Auseinandersetzungen in Kampuchea, Afghanistan und zuletzt von seiten des Iraks im Golfkrieg eingesetzt worden sein. Glaubt man US-Quellen, dann gibt es bereits 10 Staaten auf dieser Erde, die B-Waffen herstellen. Daß dazu der Irak gehört und daß der Irak gerade Mykotoxine im Krieg gegen Iran eingesetzt hat, ist für manche Militärzeitschriften längst erwiesen. So berichtete Rudolf Brüchen in der Europäischen Wehrkunde schon 1986: „Im Frühjahr 1984 wurden erstmals verwundete iranische Soldaten nach Europa geflogen. Es sollte geklärt werden, was ihre schweren Verletzungen verursacht hatte. Iran behauptete, bei irakischen Angriffen seien chemische Kampfstoffe eingesetzt worden. Irak hielt dem entgegen, die Verletzungen seien Folgen einer Explosion in einer petrochemischen Fabrik (...). Am Ende stand fest: Die Verletzungen sind durch eine Mischung von drei Kampfstoffen hervorgerufen: Yperit, Mykotoxine und ein Gas, das später als Tabun identifiziert wurde.“ 9

Die Rabtaaffäre des Frühjahrs 1989 hat hier zu einem bösen Erwachen in der Bundesrepublik geführt. Wie die Bundesregierung in ihrem Bericht vom 15.2.1989 feststellte, „war die Anlage in Rabta zur Herstellung von C-Waffen nicht nur geeignet, sondern von vornherein bestimmt gewesen.“ 10 Daran könnte die Bundesrepublik nicht ganz unbeteiligt sein. Immerhin waren aus der Bundesrepublik Mykotoxine an den Irak geliefert worden. Josef Kühn mit der Firma Plato-Kühn aus dem niedersächsischen Neustadt am Rübenberge vermittelte den Irakern 1986 einen gewünschten Giftlieferanten, nämlich die Firma Sigma Chemie in Oberhaching bei München. 1987 gingen zum Preis von 29.630 DM 100 mg des Mykotoxins HT-2 und 500 mg des Mykotoxins T-2, 2000 mg Diacetoxyscirpenol und 100 mg Verrucarol als Gefahrgut deklariert von Hannover per Luftfracht nach Bagdad. Ein Verfahren gegen Kühn wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit wurde gegen Zahlung von 25.000 DM vom Generalbundesanwalt wegen geringer Schuld mit Verfügung vom 16.8.1988 eingestellt.11 Die Verwicklungen waren immerhin so, daß der SPIEGEL schrieb: „Mit deutscher Hilfe erforscht und entwickelt der Irak biologische Waffen.“12

Nach Angaben der Bundesregierung war in diesem Verfahren die Lieferung von Mykotoxinen „ohne rechtliche Bedeutung“. Wie die Bundesregierung fortfuhr, „unterliegt die Ausfuhr von Mykotoxinen im übrigen, jedenfalls in kleineren Mengen, nach einem vom Generalbundesanwalt eingeholten Gutachten des Bundesamtes für Wirtschaft in Eschborn auch weder dem Kriegswaffenkontrollgesetz noch dem Außenwirtschaftsgesetz.“

Die Bundesrepublik ist aber nicht nur Spitze was die Reinigung potentieller B-Agenzien anbelangt. Andere Forscher entwickeln B-Waffen-Spürgeräte. Professor Schügerl wurde bereits erwähnt. Ein weiterer ist Professor Schmitz in Hamburg, am renommierten Bernhard-Nocht-Institut für Schiffs- und Tropenkrankenheiten.

Wie er dazu kam, B-Waffen-Staubsauger für die Bundeswehr zum Schnellnachweis der B-waffen-geeigneten, hartnäckige Fieber und innere Blutungen verursachenden Erreger wie Arena-, Junin- und Dengueviren zu entwickeln, erklärt Schmitz selber so: „Ich habe über meine Ergebnisse im Rahmen von Vorträgen gesprochen, und dann sind Mikrobiologen auf mich zugekommen, die bei der Bundeswehr arbeiten, und haben gesagt: Ihr macht das gut und tüchtig – wir möchten gerne testen, inwieweit in die Umwelt irgendwelche Viren oder Bakterien abgegeben sein können... Was die Bundeswehr macht, kann ja auch mal positive Effekte haben. Ist doch besser, die bezahlen uns diese zwei Stellen, als wenn sie da irgend so 'ne Rakete in die Ostsee schießen. Da drückt einer auf 'nen Knopf, und schon gehen dreihunderttausend Mark kaputt. Und die würden wir hier gerne haben. Da ist das Geld doch mal sinnvoll kanalisiert.“ 13

Schmitz wickelt für das BMVg das Projekt „Schnellnachweis von Virusantigenen durch den Einsatz von Fluoreszenz- und Lumineszenzverfahren“ ab. Dieses auf fünf Jahre ausgelegte Projekt hat die „Suche nach und Anwendung neu entwickelter Nachweisverfahren“ für militärisch relevante krankmachende Viren zum Ziel. Die Rüstungsabteilung des BMVg hat im Lastenheft vom 21.7.1987 zum Zuwendungsbescheid für dieses Projekt deutlich gemacht, daß „besonderer Wert auf die Konzipierung von laborfern einsetzbaren schnellen Testsystemen gelegt wird“. Im Lastenheft heißt es weiter: „In enger Zusammenarbeit mit der Industrie und Wehrwissenschaftlichen Dienststelle der Bundeswehr für ABC-Schutz sollen für das ausgewählte Detektionsverfahren Reagenziensets konzipiert werden, die eine Durchführung der Diagnostik ohne Laborunterstützung ermöglichen.“

Daß Schmitz dabei etwas mit Panzern zu tun habe, hört der Tropenmediziner nicht gerne. Dabei geht es bei dem feldverwendungsfähigen Gerät, an dessen Konzeption Schmitz wie Schügerl beteiligt sind, letztlich auch um den neuen bundesdeutschen Rüstungsexportschlager, nämlich den Spürpanzer FUCHS sowie tragbare Miniaturdetektoren für die Truppe.

Zur Zeit arbeitet auch Bruker-Franzen mit Hochdruck an einem System CBMS, einem Massenspektrometer, mit dem auch biologische Agenzien identifiziert werden können. Das Gerät wird entwickelt im Unterauftrag für die US-Firma Teledyne. Nach Auskunft von Franzen würde während der Entwicklung lediglich mit harmlosen Heu- oder Tabakbakterien gearbeitet. Die Abstimmung auf die Bio-Kampfstoffe geschehe in dafür geeigneten Labors vermutlich in den USA.14

In den USA ist inzwischen die Entwicklung optischer Biosensoren erfolgreich geglückt. Kürzlich wurde ein Quarzfaserbiosensor für T-2 Mykotoxin in Zusammenarbeit mit dem Aberdeen Proving Ground, einem der drei maßgeblichen US-amerikanischen B- und C-Waffenforschungszentren entwickelt. Das Prinzip dieses Verfahrens beruht darauf, daß an das optische Material ein Antikörper gebunden wird, an den das biologische Material, das sogenannte Antigen, spezifisch angekoppelt und damit die optoelektronischen Verhältnisse ändert, was sich in einem Signal bemerkbar macht. Die unveränderte Stabilität des Biosensors über Monate hinweg konnte unter Beweis gestellt werden.15

Resultierend aus den Schutzforschungsprogrammen der NATO werden somit hochsensible vor Ort einsetzbare Detektionssysteme zum Aufspüren von chemischen und biologischen Agenzien auf den Markt kommen. Ähnlich wie das MM-1 bisher schon nicht nur C-Kampfstoffe, sondern in gleicher Weise auch alle anderen Chemikalien in der Umwelt ausfindig machen konnte, werden die in Entwicklung begriffenen Biosensoren es zukünftig auch erlauben, vor Ort Lebensmitteluntersuchungen auf beliebige Pilzgifte oder bakteriellen Befall wie z. B. Salmonellen vorzunehmen. Rüstungskonversion fällt bei dieser Art »Schutzwaffe« leicht. Ob für solche Zwecke allerdings dann auch Gelder zur Verfügung stehen werden, oder ob die Abwehrkraft unserer Gesellschaft beim Schutz gegen potentielle CB-Kampfstoffe stehenbleiben wird, ist zwar nicht entschieden. Bislang allerdings haben die Militärs die Spürnase vorn.

MM-1 und die C-Waffen-Hochrüstung

Abwehr gegen C- und B-Waffen setzt immer Kenntnis und Handhabung der krankmachenden und todbringenden Erreger und Gifte voraus. Schnellnachweissysteme, Antidots und Impfstoffe sowie schnelle Immunisierungsverfahren erlauben erst den wirkungsvollen Einsatz potentieller C- und B-Waffen. Selbst Schnellnachweissysteme erhöhen noch die Kampfkraft der Truppe – wie sie selber sagt – da nur so das kampfkraftschwächende und verschleißende Agieren unter Bedingungen von ABC-Schutz im Zweifelsfalle umgangen werden kann. Wie Steinhoff in der Wehrtechnik schreibt, ist zwar der Einsatz chemischer Kampfstoffe völkerrechtlich geächtet, nicht aber „implizierte Drohgebärden und Anschein erweckendes Verhalten in dieser Richtung. Solches Verhalten löst vernünftigerweise prophylaktische Schutzmaßnahmen aus und damit auf Dauer Kampfkraftminderung, ohne daß der Gegner völkerrechtlich schuldig wird.“ 16

Die Bedeutung des Spürpanzers FUCHS im Rahmen der Aufrüstung der NATO wird aber erst eigentlich deutlich, wenn man auf das US-amerikanische C-Waffen-Programm einen Blick wirft. Genauere Angaben dazu finden sich im Rahmen des US-Haushaltes. Hier ist der C- und B-Waffen-Schutz integraler Bestandteil des C-Waffen-programms. Sein Name: Chemical Warfare – Biological Defense Research Program. Dieses Programm enthält ein Tödliches C-Programm, ein Kampfunfähigmachendes C-Programm und u.a. ein B-Waffen-Schutzforschungsprogramm. „Die Zielsetzungen“, des tödlichen C-Programms sind es, wie es für das Haushaltsjahr 1986 heißt, „C-Kampfstoff/Munitionssysteme zu entwickeln, die eine zuverlässige und glaubwürdige Abschreckung und eine sichere und moderne Vergeltungskapazität verfügbar machen; und fortgeschrittene Technologie in C-Kampfstoff-Waffentechnik aufrecht zu erhalten, um jede technologische Lücke oder Überraschung zu vermeiden“.17 Die Ziele des kampfunfähig machenden C-Programms sind es, „neue schnell wirkende körperlich kampfunfähig machende Substanzen zu entdecken, die durch Einatmen oder Aufnahme durch die Haut wirksam werden, stark wirkende Schmerzmittel undf flüchtige Betäubungsmittel herzustellen und auszuwerten“.18

Die Haushaltsmittel für diese Art Forschung des sogenannten Chemical Modernization Program sollten von 1437.5 Mio. $ des Jahres 1987 bis 1989 auf 1488.0 Mio $ gesteigert werden. Die Mittel für Medical Chemical Warfare/Biological Defense RDT&E sollten von 150.1 Mio $ auf 167.7 zwischen 1987 und 1989 gesteigert werden.19 1987 begannen die USA nach 18 Jahren Pause mit der Produktion einer neuen Generation von nunmehr binären C-Waffen und neuartigen Geschossen und Bomben. Der bundesdeutsche Spürpanzer FUCHS ist integraler Teil dieses Modernisierungsprogramms der US-amerikanischen C-Waffen-Vergeltungs- und Abschreckungskapazität.

Gespannt darf man deshalb auf die Antwort der Bundesregierung auf eine umfangreiche Anfrage der GRÜNEN im Deutschen Bundestag zum Spürpanzer FUCHS sein.20 Im Rahmen nationaler Verteidigungs- und Abschreckungskonzepte ist auch der Spürpanzer FUCHS ein Instrument der Bedrohung, da insbesondere gegenüber unterlegenen Ländern z.B. der Dritten Welt die Weltöffentlichkeit durch fingierte Beweise für terroristisches oder aggressives Verhalten manipuliert werden kann. Im Rahmen des Einsatzes einer internationalen Kontrollbehörde zur Einhaltung der zukünftigen C-Waffen-Konvention wie bei der Weiterentwicklung der 1972er B-Waffen-Konvention in puncto Verifikationsmaßnahmen könnte einem sensiblen und mobilen Detektionssystem wie dem MM-1 und dem Spürpanzer FUCHS allerdings eine friedenssichernde Funktion zukommen. Die Internationalisierung des C-und B-Waffen-Schutzes gilt es allerdings erst noch durchzusetzen. Im Rahmen nationaler Programme bleibt der FUCHS eine Bedrohung.

Anmerkungen

1) Soldat und Technik, 4/1988, S. 221 Zurück

2) B. Odernheimer, Analytik mit ortsfesten und mobilen Meßeinrichtungen, Vortrag auf der Jahrestagung 1987 der Schutzkommission beim BMI, S. 21-37. Zurück

3) Bruker-Franzen, Das mobile Massenspektrometer MM-1 im Umwelt- und Katastrophenschutz. Zurück

4) Soldat und Technik, 5/1988, S. 290. Zurück

5) ibido Zurück

6) SZ Zurück

7) Schutzkommission beim BMI, Empfehlungen der Schutzkommission zu Fragen der Bewältigung von Chemieunfällen, verabschiedet am 4.5.1989. Zurück

8) E. Rebentisch, Wehrmedizin, München 1980. Zurück

9) R. Brücken, Krieg mit chemischen Waffen, Europäische Wehrkunde 12/1986, S. 724-726. Zurück

10) Deutscher Bundestag, 15.2.89, D5 11/3995. Zurück

11) DS 11/4172, a.a.O. Zurück

12) Spiegel, 5/1989, S. 16. Zurück

13) taz Ausgabe Hamburg, 3.5.1988. Zurück

14) Manuel Kiper und Jürgen Streich. Biologische Waffen: Die geplanten Seuchen. rororo aktuell. Reinbek 1990. Zurück

15) M.L. Williamson et al., Analytical letters, 22(4), 803-16 (1989). Zurück

16) ABC-Abwehrtruppe – willkommen auf dem Gefechtsfeld, Wehrtechnik 10/85, S. 58-71. Zurück

17) Department of Defense, Annual Report on Chemical Warfare – Biological Defense Research Program Obligations 1 October 1985 through 30 September 1986, RCS: DD-USDRE (A) 1065, S. 13. Zurück

18) ibido, S. 15. Zurück

19) ibido, Information Paper on Chemical Modernization Program. Zurück

20) Lieferungen des Spürpanzers FUCHS für das US-amerikanische C-Waffenprogramm, biologische Aufrüstung des Spürpanzers und seine Nutzung im Umwelt- und Katastrophenschutz. Zurück

Dr. Manuel Kiper ist Biologe und arbeitet z.Zt. als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bundestagsfraktion der GRÜNEN.

in Wissenschaft & Frieden 1990-1: 1990-1

zurück vor

weitere Informationen dieses Fenster ausblenden