in Wissenschaft & Frieden 1989-3: 1989-3

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Der Zweck der Wissenschaft: der Frieden

von Harald Boehme

Die Haltung des Wissenschaftlers zur Frage des Friedens wird oft als seine persönliche Entscheidung betrachtet. Die Wissenschaft selbst vermeidet es, ihm darauf eine Antwort zu geben, um sich den Schein der Objektivität zu wahren. Die Frage, ob der Frieden mit Rüstung zu vereinbaren sei, erscheint unwissenschaftlich, weil sie politisch ist. Doch damit gibt die Wissenschaft der Politik nach, welche für den Frieden rüstet und dabei, gewollt oder nicht, den Krieg vorbereitet. Die vermeintliche Objektivität der Wissenschaft steht dabei im Dienst der Subjektivität des Staates, der sich der Wissenschaft für die Rüstung bedient. Diesem Staat gegenüber soll der Wissenschaftler verantwortlich sein und seinem eigenen Gewissen, welches ihn vor dem Mißbrauch der Wissenschaft bewahren soll. Öffentliche und private Verantwortung bedeuten aber beide kaum mehr, als wissenschaftlich verantwortlich zu sein, d.h. den Kriterien seines Faches zu genügen. Insofern die Wissenschaft an sich jedoch unverantwortlich ist, ist dies auch der Wissenschaftler für sich. An ihn kann keine moralische Forderung gestellt werden, so lange die Institution, der er angehört, selbst keine Moral hat. Das heißt nicht, daß die Wissenschaft an sich unmoralisch ist, sondern daß Wissenschaft ohne Rücksicht auf Moral betrieben wird. Diese Moral soll ihre Tugend sein, unabhängig von gesellschaftlichen Zwängen erfüllt sie ihren Zweck, rein der Wahrheit verpflichtet zu sein. Aber sind die Zwecke der Wissenschaft auch die der Gesellschaft?

Der Zweck der Wissenschaft

Fragen wir nach dem Zweck der Wissenschaft, so gibt zunächst die Sprache selbst die Antwort: Wissen zu schaffen. Dieses Wissen kann das einzelne Ereignis sein oder das allgemeine Gesetz, nach dem sich das Einzelne ereignet. Das letztere ist die entscheidende Triebkraft der neuzeitlichen Wissenschaft, nicht um ideell Gesetzgeber zu sein, sondern um real den Gegenstand mittels seiner Gesetze beherrschen zu können. Die Voraussetzung dafür ist, daß man weiß, wie der Gegenstand reagiert, wenn man ihn in bestimmter Weise manipuliert. Auch hier geht es nicht um den einzelnen Gegenstand, sondern um das Gesetz eines allgemeinen Prozesses, unabhängig von seiner Darstellung im Einzelnen. Jedoch die Erkenntnis des Allgemeinen ist nicht losgelöst von seiner einzelnen Darstellung, insofern bedarf jede wissenschaftliche Theorie eines gegenständlichen Modells, an dem ihre Wahrheit gemessen wird. Für die mathematischen Naturwissenschaften gilt das wörtlich, der in der Theorie ausgedrückte funktionale Zusammenhang variabler Werte wird im Modell nachgebildet als Funktion von Meßwerten. Der Zweck der Wissenschaft ist also nicht die reine Theorie, sondern das mittels der Theorie hervorzubringende Experiment. Daß die Experimentalwissenschaften dabei zu Theorien kommen, als ihre ideellen Mittel, erweckt allerdings den Anschein, als ob diese Theorien ihr Zweck seien; was jedoch nicht darüber hinwegtäuschen kann, daß sich auch dieser Zweck erst im realen Experiment erfüllt. Es gibt kein Wissen ohne den Gegenstand, worüber man etwas weiß, so daß Wissenschaft das Schaffen solcher Gegenstände, gegenständliche Tätigkeit ist, Produktion von Modellen des Wissens.

Wird Wissenschaft als Produktion von Modellen charakterisiert, dann legt dies den Vergleich mit der Produktion überhaupt nahe. Deren Zweck sind Gebrauchswerte, Gegenstände, die ein Bedürfnis befriedigen und zu deren Herstellung andere Gegenstände gebraucht werden. Modelle sind hingegen Erkenntniswerte, Gegenstände, die eine Theorie befriedigen, aber sonst keinen Gebrauchswert an sich haben. Als Modelle sind sie sogar vom gewöhnlichen Gebrauch ausgeschlossen, damit sie vom Verschleiß bewahrt und derart sich identisch das Allgemeine repräsentieren können. Experimente sind Repräsentationsmittel und als solche keine Produktionsmittel; mit jenen haben sie jedoch gemein, daß zu ihrer Herstellung andere Produktionsmittel gebraucht werden. So bedürfen die Experimente der Physik der ganzen modernen Industrie, um Apparaturen und Meßinstrumente in der Qualität herzustellen, die dafür nötig ist. Wissenschaftliche Modelle sind also Resultate der Produktion, die selbst unproduktiv konsumiert werden, insofern sie allein den Bedürfnissen der wissenschaftlichen Erkenntnis dienen. Die reine Wissenschaft, deren Zweck die Erkenntnis ist, erweist sich so als Luxusproduktion; d.h. nicht, daß sie dies auf Grund ihres ideellen Charakters ist, denn sie bedeutet ja reale Produktion von Modellen, sondern daß der reine Erkenntniszweck die Unproduktivität der Modelle bedingt. Damit bleibt die Wissenschaft unreproduktiv, so lange ihre Produkte nicht als Produktionsmittel in der gesellschaftlichen Reproduktion genutzt werden, aber diese verzehren bei ihrer eigenen Produktion. Wissenschaft um der ideellen Erkenntnis willen verringert also die realen Mittel der gesellschaftlichen Reproduktion, weil die Idealität ohne deren Realität nicht zu erreichen ist. Aber dieser Verlust betrifft nicht nur die Gesellschaft, sondern bedeutet auch das Absterben der reinen Wissenschaft. Sogar wenn die Gesellschaft den Verlust aus ihrem Überschuß ersetzen kann, bleibt die unreproduktive Wissenschaft doch ohne Folgen für deren Reproduktion. Es bleibt daher bei der einfachen Reproduktion der Gesellschaft, so daß der Wissenschaft immer nur die gleichen Produktionsmittel zur Verfügung stehen und ihre Modellproduktion auf jene Mittel beschränkt ist. Darin hat die Wissenschaft dann selbst ihre Schranke, sie ist nur noch zu quantitativem Wachstum fähig, indem sie größere Experimente macht oder mehr Erscheinungen beobachtet, aber sie kann keine neue Qualität des Wissens erreichen, weil sie keine neue Qualität ihrer materiellen Mittel erreicht. Man nennt dies »normale« Wissenschaft, weil man ihre Unreproduktivität für normal hält und die Wissenschaft in ihrem Selbstzweck abgesondert von der Gesellschaft betrachtet. Welche Anormalität dies jedoch ist, zeigt die Wirkung, welche die Wissenschaft auf die Gesellschaft und vice versa tatsächlich hat.

Praktisch haben die Naturwissenschaften die Gesellschaft jedoch verändert, indem sie die gesellschaftliche Reproduktion verändert haben. Damit ist der weitergehende Zweck der Wissenschaft gegeben, Modelle zu produzieren, die Produktionsmittel repräsentieren. Dieser Zweck ist verschieden von dem der reinen Forschung, die der Erkenntnis gewidmet ist; er ist aber der eigentliche Grund, warum überhaupt geforscht wird. Genauer gesagt, besteht der Grund für die wissenschaftliche Luxusproduktion darin, daß sie reale Möglichkeiten schafft für die Entwicklung von neuen, wirklichen Produktionsmitteln. Die einfache Reproduktion ist für die Wissenschaft eine Fiktion, denn ihre praktische Anwendung verweist auf erweiterte Reproduktion. Indem aber die Produkte der Wissenschaft selbst produktiv sind, erweitern sie nicht nur die gesellschaftliche Reproduktion, sondern zugleich die Reproduktion der Wissenschaft, d.h., die Wissenschaft wird für sich reproduktiv, wenn sie nicht nur Wissen an sich, sondern für die Gesellschaft produziert.

Wissenschaft & Reproduktion der Gesellschaft

Akzeptiert man die Verflechtung von Wissenschaft und Gesellschaft in ihrem jeweiligen Reproduktionsprozeß, so können die Zwecke der Wissenschaft keine anderen als die der Gesellschaft sein. Aber was ist der Zweck der Gesellschaft anderes als die Erhaltung der Gesellschaft? Darin jedenfalls hat sie ihren objektiven Zweck, der mit ihrer Existenz gegeben ist. Denn diese beruht auf der Reproduktion der Gesellschaft, also Tätigkeit, deren Zweck eben diese Reproduktion ist. Derart, als Voraussetzung der subjektiven Zwecksetzung, ist der objektive Zweck keine Norm oder ein a priori jenseits der Gesellschaft, sondern in ihr selbst gesetzt. Einfacher ausgedrückt, weil Menschen leben und in ihren Nachkommen weiterleben, hat die Menschheit den Zweck dieses Weiterlebens. Für diesen Zweck ist die Nichtexistenz der Gesellschaft auszuschließen, weil damit jede Form des menschlichen Lebens, welches eben nicht nichtexistieren kann, ausgeschlossen ist. Dies ist kein logisches, sondern ein inhaltliches Argument; andererseits ist der Inhalt und damit die unbedingte Erhaltung des Lebens ausgeschlossen, wenn logisch argumentiert wird, daß das Nichts ist und dasselbe wie das Sein sei (Hegel). Daraus nun die Möglichkeit abzuleiten, die Menschheit könne auch nicht existieren, erweist sich für sie als eine Unmöglichkeit.

Unter Frieden verstehen wir, daß die Erhaltung der menschlichen Gesellschaft das Prinzip der gesellschaftlichen Tätigkeit ist. Nicht nur, daß sich die Gesellschaft als ein Naturzustand zufällig erhält, sondern diese Erhaltung wird im Frieden von den Subjekten bewußt angestrebt, woraus sich zugleich die negative Bestimmung des Friedens ergibt, die Reproduktion vor Zerstörung zu schützen. Damit beinhaltet der Frieden erstens die produktive Tätigkeit in der gesellschaftlichen Reproduktion und zweitens, jede Tätigkeit zu vermeiden, welche diese Reproduktion zerstören kann.

Derart ist der Frieden durch Reproduktion sowohl positiv als auch negativ bestimmt, sowohl aktiv als auch passiv. Es ist besonders an diese zweite, ihrem Inhalt nach pazifistische Bestimmung zu erinnern, wenn die Produktion von Zerstörungsmitteln mit dem vermeintlichen Schutz vor Zerstörung gerechtfertigt wird. Denn in jedem Fall vergrößert sich dabei das Potential der Zerstörung; jedoch kann das Gebot nur lauten, jede Möglichkeit der Zerstörung zu verhindern, weil es um die Menschheit geht, die sonst auf dem Spiele steht. Daraus ergibt sich drittens die negativ aktive Bestimmung des Friedens als diejenige Tätigkeit zur Erhaltung der Reproduktion, die gegen solche Tätigkeiten gerichtet ist, deren Prinzip nicht die Erhaltung der Reproduktion ist. Erst durch die tätige Negation der negativen, unfriedlichen Tätigkeit, kann Tätigkeit insgesamt friedlich sein; dies ist das Prinzip, daß sie es nicht nur vereinzelt ist, sondern den Frieden zur Totalität erhebt.

Damit wird der Frieden zur Sache der ganzen Menschheit und nicht nur von einzelnen Mächten, denn es kann keinen Frieden für die einen und Krieg für die anderen geben, einmal weil die Folgen des atomaren Krieges global sind, aber auch weil das Weiterleben für die Ganzheit nicht gilt, wenn in Teilen zerstört und getötet wird.

Wissenschaft & Frieden

Was bedeutet der Frieden für die Wissenschaft? Zunächst erfüllt sie in ihrer Anwendung den objektiven Zweck der gesellschaftlichen Reproduktion. Für den Frieden geschieht wissenschaftliche Tätigkeit, wenn diese Reproduktion zu ihrem bewußten Inhalt wird. Damit wird kein der Wissenschaft fremdes Bewußtsein verlangt, denn darin besteht die Bedingung für die Reproduktion der Wissenschaft. Es wäre daher im Interesse der Wissenschaft selbst, wenn Wissenschaftler den hippokratischen Eid schwören, ihr Wissen einzig zum Wohl der Menschheit anzuwenden. Entscheidend ist an dieser Formulierung das einzig, denn das heißt genau, daß das Wohl der Menschheit das Prinzip der Wissenschaft ist. Derart war aber der Frieden bestimmt, woraus sich für die Wissenschaft ergibt, daß sie erstens für die gesellschaftliche Reproduktion produktiv ist, zweitens alles vermeidet, was für diese Reproduktion destruktiv ist und drittens auch als Wissenschaft jede destruktive Tätigkeit, insbesondere jede derartige wissenschaftliche Tätigkeit zu verhindern sucht. Es ist also keine friedliche Wissenschaft, wenn ihre Anwendung außer zu Produktionsmitteln auch zu Destruktionsmitteln führt, weil darin die gesellschaftliche Reproduktion zwar wirklich erweitert, aber möglicherweise noch weitergehend vernichtet wird. Andererseits genügt es für den Frieden nicht, wenn sich wissenschaftliche Tätigkeit frei davon hält, Modelle für Destruktionsmittel zu produzieren oder in reiner Forschung verharrt, weil jede Anwendung in der Produktion zur Destruktion zu mißbrauchen ist. Solche Verweigerung hält zwar das Gewissen des Wissenschaftlers rein, dürfte aber nicht selbstzufrieden sein. Man kann wohl friedlich forschen, wenn woanders Rüstungsforschung betrieben wird, aber dann muß die Kritik dieser Rüstungsforschung auch Teil der eigenen Forschungsarbeit sein. Nicht nur, daß die eigene Forschungsarbeit tatsächlich ebenso für die Produktion als auch für die Rüstung anwendbar ist, zumindest in der Rüstungsproduktion, sondern die Forschung ist noch nicht für den Frieden, wenn sie lediglich passiv friedlich ist. Selbst wenn es nur um die Wissenschaft geht, muß es aktiv um den Frieden und gegen die Rüstung gehen; dies ist das Fazit der einfachen Wahrheit, daß Wissenschaft für die Rüstung gegen die Wissenschaft ist.

Dem wird oft entgegengehalten, daß Forschung für das Militär auch wissenschaftlich fruchtbar sei; schließlich sei es gleichgültig, für wen man forscht, Hauptsache ist, daß man forscht. Unterstützt wird diese Meinung dadurch, daß das Militär auch Grundlagenforschung fördert, wohl wissend, daß jede Forschung militärisch anwendbar sein kann. Das Fatale daran ist, daß Grundlagenforschung bezüglich ihrer Anwendung tatsächlich indifferent ist, weil sie nur den Erkenntnissen gewidmet ist. Dazu dürfen diese jedoch nicht der militärischen Geheimhaltung unterliegen, denn dann wären es keine Erkenntnisse mehr, sondern Geheimnisse, aus denen kein Wohl für die Menschheit, sondern nur Unheil zu erwarten ist. Darüberhinaus sind geheime Erkenntnisse schon dem Begriffe nach unproduktiv für das Leben der Gesellschaft, an sich tote Wahrheiten, wenn sie nicht gar zu tötlichen Wahrheiten werden. Andererseits steht Wissenschaft immer im Spannungsfeld der Gesellschaft, insofern ist es keineswegs gleichgültig, für welche gesellschaftlichen Kräfte wissenschaftlich produziert wird, denn diese verwerten dann die Produkte. Ein wissenschaftliches Modell in der Hand des Militärs wird sicher eine andere Anwendung erfahren, als wenn es zum zivilen Gebrauch dienen soll. Die Forschung, welche die Modelle erstellt, ist auch verantwortlich für die daraus resultierende Entwicklung. Man kann diese Entwicklung nicht ignorieren und sich auf reine Forschung reduzieren, insofern gesellschaftliche Institutionen die Mittel für die Forschung bereitstellen, was wiederum von ihrer Anwendung abhängt. Wer auf Kosten des Militärs forscht, forscht auch dann für die militärische Anwendung, wenn seine Forschung nicht anwendbar ist. Denn die Nicht-Anwendbarkeit ist nur ein zeitliches Resultat, welches bald in Anwendbarkeit umschlagen kann, und sie ist als solches bereits ein Wissen, welches dem Militär allein dadurch nützt, daß andere es nicht wissen.

Ein weiteres Argument ist der zivile Nutzen der Rüstungsforschung; als ob erst Destruktivkräfte zu entwickeln wären, bevor daraus Produktivkräfte werden. Dabei wird auf den 2. Weltkrieg verwiesen, wo Erfindungen für den Krieg sich auch im Frieden nützlich zeigten, z.B. das Düsenflugzeug, das Radar und die Operationsforschung. Der Krieg wird so als ein Ereignis interpretiert, welches in seiner Negativität nur relativ ist, so daß der positive Effekt diese aufheben könne. Diese Relativität ist jedoch zu bestreiten, die Destruktion ist das absolute Geschäft des Krieges, was zerstört ist, ist nicht mehr. Insofern können Erfindungen des Krieges auch nachträglich diesen nicht vergessen machen, sie bleiben ein Erbe, welches weiterhin auf den Krieg verweist, besonders dann, wenn sie als Erfindungen des letzten Krieges benutzt werden, um den nächsten vorzubereiten. So waren die Erfindungen des 1. Weltkrieges, Panzer, U-Boot und Kriegsflugzeug die entscheidenden Waffen im 2. Weltkrieg; und zu den genannten Erfindungen des 2. Weltkrieges gesellt sich die Atombombe, womit nunmehr die Welt von Vernichtung bedroht ist. Die Erfindungen des Krieges werden durch den Krieg selbst desavouiert, und es bleibt die banale Feststellung, daß eine friedliche Wissenschaft sicher größeren Nutzen für den Frieden hat. Mit nur einem Bruchteil der Kriegskosten hätte die Wissenschaft auch ohne Krieg das entwickeln können, was der positive Effekt des Krieges sein soll, von der Perversion dieser Positivität ganz zu schweigen.

Nicht weniger zweifelhaft ist der zivile Nutzen der Rüstung im Frieden. Denn der Frieden wird dadurch seinem Wesen nach relativiert als Bedrohungsfriede, Abschreckungsfriede, kalter Krieg usw. Nicht die wirkliche Erhaltung der Gesellschaft ist das Prinzip der Rüstung, sondern ihre mögliche Vernichtung. Allerdings scheint es so, als ob sich die Gesellschaft dank Rüstung sogar weiterentwickelt. Dazu sei an die Informationstechnologie erinnert, dem heute entscheidenden Mittel zur Steigerung der Produktivkräfte, welche bisher zuerst Militärtechnologie ist, zur Steigerung der Destruktivkräfte. Daraus läßt sich aber nicht folgern, im Frieden auf diese Technologie zu verzichten, weil sie militärischen Ursprungs ist, ebensowenig sie je nach Auftragslage sowohl friedlich als auch militärisch zu gebrauchen, sondern die Forderung kann nur lauten, sie nunmehr einzig für den Frieden zu gebrauchen. Denn Wissenschaft und Technologie ist nicht in friedliche und militärische Anwendung teilbar, weil die militärische Anwendung die Möglichkeit zur Vernichtung aller Anwendung bereitstellt. Der Frieden kann nur ein Prinzip der Wissenschaft in ihrer Totalität sein, derart ist er der objektive Zweck der Wissenschaft; hingegen ist die Wissenschaft für die Rüstung objektiv zwecklose Wissenschaft, die allein subjektiven Zwecken genügt.

Die Frage ist nicht, ob Rüstungsforschung friedlichen Nutzen hat, sondern warum Forschung für die Rüstung in dem Maße betrieben wird und dabei den Krieg mit vorbereitet. Beim heutigen Potential der Zerstörung wäre dies wohl nur ein Stundenkrieg, woraus sich für die Rüstung die äußerste Anstrengung der Kräfte bereits im Frieden, der bloß ein Nicht-Krieg ist, ergibt.

Die äußerste Anstrengung deshalb, um die gleiche Anstrengung des Gegners zu überbieten, was die gegenseitige Steigerung ins Grenzenlose bedingt. Beziehungsweise Rüstung hat ihre Grenzen erst in der größtmöglichen Ausnutzung der Produktivkräfte zur Schaffung von Destruktivkräften, wodurch die gesellschaftliche Reproduktion, und zwar die eigene wie die des Gegners, bereits indirekt dadurch zerstört wird, daß sie unreproduktiv verschlissen wird. Von dieser äußersten Anstrengung profitiert scheinbar die Wissenschaft, wenn sie sich der Rüstung dienstbar macht, aber in Wahrheit wird sie dadurch ebenso verschlissen als eine in ihrer Reproduktion aufs äußerste geschädigte Wissenschaft. Entscheidend ist jedoch, daß die äußerste Anstrengung für die Rüstung die äußerste Bedrohung für die Gesellschaft bedeutet; um diese Bedrohung abzuwenden, ist die äußerste Anstrengung für den Frieden nötig, dies gilt auch für die Wissenschaft.

Zusammenfassung eines Vortrages zur Ringvorlesung »Wissenschaft und Verantwortung«, Universität Münster, Sommersemester 1988.

Literatur

Boehme, H.:Von Galilei bis Hiroshima. Über Naturwissenschaft und Sittlichkeit. Informationsdienst Wissenschaft und Frieden, 5. Jhg., Nr.2/1987.
Clausewitz, C. v.: Vom Kriege. Frankfurt/Main (Ullstein) 1980.
Furth, P.: Frieden oder gerechte Frieden? Düsseldorfer Debatte 8-9 (1985).
Keil-Slavik, R.: Von der Feuertafel zum Kampfroboter. Die Entwicklungsgeschichte des Computers. In: Militarisierte Informatik, Hrg. Bickenbach, J. u.a., Marburg 1985.
Marx, K.: Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses. Archiv sozialistischer Literatur 17, Frankfurt 1969.
Ruben, P.: Wissenschaft als allgemeine Arbeit. Sozialistische Politik 36, 8. Jhg., Heft 2/1976.
Scheffran, J.: Zum Verhältnis von Wissenschaft und Krieg in der Geschichte. In: Physik und Rüstung, Universität Marburg 1983.

Dr. Harald Boehme ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Mathematik/Informatik der Universität Bremen.

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