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Zur Psychologisierung der Frage von Krieg und Frieden

von Winfried Mohr

Wenn die Bewahrung des menschlichen Lebens die Leitvorstellung zivilisierten Zusammenlebens ist, dann erscheint es unvernünftig, irrational, Krieg zu führen, ja selbst schon, Krieg vorzubereiten, Krieg als Möglichkeit mit einzukalkulieren. Offensichtlich werden aber Kriege geführt und vorbereitet und als Möglichkeit einkalkuliert.

Insofern Menschen nicht nur an solchen Bestrebungen beteiligt sind, vielmehr als ihre Urheber angesehen werden müssen, ist es richtig und angemessen, die Beweggründe zu untersuchen, die Menschen dazu bringen, und entsprechende Fragen an die Psychologie, die dafür zuständige Wissenschaft, zu richten. Über die Diagnose ursächlicher Bedingungen hinaus könnte die Psychologie ja auch gegebenenfalls imstande sein, Therapievorschläge für die Beseitigung des offensichtlich irrationalen Verhaltens im und zum Krieg zu liefern.

In der kurzen Geschichte der Psychologie als eigenständiger Wissenschaft kam es mehrfach zu solchen Anfragen an die Psychologie, obwohl trotz genügender Anlässe von Kriegen das Problem ihrer Vermeidung hinter dem Problem ihrer Effektivierung zurückbleibt, was die Intensität sowohl von öffentlicher Nachfrage als auch wissenschaftlicher Bearbeitung anbelangt (Ein weiteres Indiz für die Irrationalität der Strebungen zum Krieg, wenn selbst die Wissenschaft als die Institution rationaler Strebungen schlechthin nicht frei davon ist?). Sehr bekannt geworden ist der Briefwechsel zwischen Albert Einstein und Siegmund Freud aus dem Jahr 1932, in dem der Physiker Einstein die Grenzen rationaler Erklärung der Frage "Warum Krieg?" auslotet und sich vom Fachmann für das Irrationale im menschlichen Verhalten, dem Psychoanalytiker Freud, eine Erklärung für den unerklärten Rest erbittet.

Es ist nicht bekannt, ob Einstein mit Freuds Antwort zufrieden war. Sie ist in der Tendenz eher entmutigend, insofern Freud einen dem Menschen innewohnenden Trieb zum Tode als eine wesentliche Ursache nennt. Es ist auch nicht bekannt, ob Einstein Freuds Überlegungen mitbedacht hatte, als er der amerikanischen Regierung im Krieg mit dem faschistischen Deutschland den Bau der Atombombe empfahl, weil oder obwohl er die Wirkung abschätzen konnte. Die Auseinandersetzung Einsteins mit der psychologischen Seite der Kriegsursachen und sein Beitrag zum Bau der Atombombe stehen in eigentümlichen Kontrast zueinander. Man könnte geneigt sein, Einsteins widersprüchliches Verhalten mit dem Wirken des Freudschen Todestriebes in Verbindung zu bringen. Aber eine andere Erklärung ist sicherlich mindestens genauso gut.

Ein schlüssige Erklärung für die Ursachen von Krieg zu liefern sah auch Freud sich nicht in der Lage, und er entschuldigt sich bei Einstein: „Ich … bitte Sie um Verzeihung, wenn meine Ausführungen Sie enttäuscht haben“(47). Die Psychologie hat es bis heute nicht geschafft, diesem Zustand abzuhelfen. Die Beschäftigung mit dem Thema Krieg und Frieden spielte eine vergleichsweise geringe Rolle. Umfassendere Arbeiten wie etwa Fromms „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ und Jerome D. Franks „Muß Krieg sein?“ sind Ausnahmen und haben innerhalb der psychologischen Fachdiskussion nur wenig Beachtung gefunden.

Einen Aufschwung erlebt die Beschäftigung von Psychologen mit dem Thema Krieg und Frieden seit dem Wiedererstarken der Friedensbewegung in den beginnenden Achtziger Jahren. Sie hat inzwischen zu einer größeren Zahl von Veröffentlichungen geführt. Diese Entwicklung ist begrüßenswert. Dennoch weist sie Begleiterscheinungen auf, die aus der Sicht der Psychologen zu kritischen Bemerkungen Anlaß gibt. Die Rede ist von Tendenzen zur „Psychologisierung“ der Frage von Krieg und Frieden, die in etlichen Arbeiten zu erkennen ist, leider insbesondere solchen, die größere Verbreitung in populären Büchern oder Zeitschriften fanden.

Ein Psychologismus ist nach dem „Lexikon der Psychologie“ von Drever/Fröhlich „die sachlich nicht gerechtfertigte Heranziehung psychologischer Gesichtspunkte“. Im „Wörterbuch der Psychologie“ von Clauß et.al. heißt es dazu: „Form des Reduktionismus, in der die Entwicklungsgesetze der Gesellschaft und der Geschichte auf das Wirken psychologischer Gesetzmäßigkeiten kausal zurückgeführt werden.“

Die Vermeidung von Psychologismen setzt voraus zu klären, was an Krieg und Frieden überhaupt ein psychologisches Problem ist, eine Frage, die nicht einfach zu beantworten ist (vgl. Jaeger 1982; Markard 1982). In der Tat bestehen hier auch unterschiedliche Auffassungen und manches, was im folgenden als Psychologisierung charakterisiert wird, würde vermutlich von den Autoren ganz anders gesehen werden.

Psychologismen von Krieg und Frieden – die kritische Analyse einiger Beispiele

Die Fragen im Zusammenhang von Krieg und Frieden, auf die von der Psychologie Antworten erwartet werden, sind zusammengefaßt etwa folgende – sie wurden bereits angesprochen:

- Warum führen Menschen Kriege und verletzen und töten dabei andere Menschen, obwohl dies im Widerspruch zu den sonst üblichen Formen des Zusammenlebens steht?

- Wie kommt es, daß Menschen sich zum Kriegführen hergeben, obwohl sie dabei ihre eigene Existenz gefährden?

-Wie kommt es, daß Menschen Kriege vorbereiten und dabei die Mittel der Kriegführung bis zur Gefahr der globalen Vernichtung menschlichen und organischen Lebens schlechthin perfektionieren?

Antworten auf diese Fragen, die in jüngster Zeit an verschiedenen Stellen publiziert wurden, sollen auf Psychologismen hin untersucht werden. Die Kritik stützt sich in einigen Punkten auf einen Aufsatz von Ute Holzkamp-Osterkamp (1985).

In zwei Beiträgen für „Psychologie heute“ vertritt Sam Keen die Auffassung, daß die Menschen nichts gegen die Aufrüstung unternehmen, weil sie in Wahrheit für den Krieg sind, und sie sind für den Krieg infolge ihrer „geheimnisvollen Faszination für Krieg und Töten“ (Keen 1984, 47) und/oder weil er ihnen psychische Entlastung schafft. Krieg bietet den Menschen die Gelegenheit, ihre Ängste, Aggressionen, Begierden auszuagieren, indem sie diese auf einen äußeren Feind projizieren. Die Beziehung des Menschen zur Gemeinschaft wird durch die Projektion der eigenen Triebregungen auf einen Feind entlastet und dadurch verstärkt. Nach Keen bewahren „wir“ so „unsere Vorstellung von uns als zivilisierten Menschen, und (die Feinde) tragen die Bürde unserer unterdrückten Machtgelüste, unserer Lust an der Grausamkeit“ (Keen 1984, 45). Dieser Zustand ist aber instabil, denn: „Immer wieder jedoch reißen wir uns die Maske der Zivilisation vom Gesicht und stürzen uns in eine pervertierte Form dionysischer Orgie – Krieg. Er liefert uns die Katharsis für das Barbarische in uns, aber kein Bewußtsein für unsere eigenen dunklen bösen Kräfte“ (Keen 1984, 45).

Krieg ist demnach das Ergebnis innergesellschaftlicher Dynamik, die sich gegen einen eingebildeten außergesellschaftlichen Feind wendet, dessen Bild wiederum für die gesellschaftliche Integration notwendig ist. Äußere Bedrohungen sind im wesentlichen eingebildet, oder wie es Keen formuliert: „Wir haben keine Feinde, wir erfinden sie“ (Keen 1984,38).

Das Bild, einen Feind zu haben, ist eine Projektion, eine irrationale Wahnvorstellung. Feindbilder sind Ausfluß unserer Ängste und Aggressionen. „Es ist nicht die Außenwelt, die uns lähmt und schwächt, sondern unsere Angst, die wir auf die Außenwelt projizieren“, postuliert es in gleichem Sinne Howard Stein (1983). Je bedrohlicher das Feindbild ist, umso schwieriger ist seine Beseitigung, denn: „Die übertriebene Beschäftigung mit externen – externalisierten Drohungen und Gefahren verzögert nur die schmerzhafte, heilsame Einsicht, daß die Wurzel unserer Bedrohung in uns selbst liegt, daß wir Angst vor unseren eigenen Phantasien über uns selbst haben“ (Stein 1983, 151).

Wo liegt nun die Wurzel dieser Ängste und Aggressionen, die so bedrohlich scheinen, daß wir sie nicht bewältigen können, sie vielmehr nach außen projizieren, um sie von Zeit zu Zeit in Form eines eingebildeten Feindes zu bekämpfen und dabei den eigenen Tod und den vieler anderer Menschen in Kauf zu nehmen?

Aggressionen sind archaischer Natur und die Oberreste der Vergangenheit unserer Gattung. Ängste sind Relikt unserer Kindheit und sozialer Herkunft, insofern sie von den sozialen Gegebenheiten der kindlichen Entwicklungen bestimmt sind. Eine besondere Rolle spielen dabei die Familie und die Eltern. Vor allem eine rigide Erziehung hat entscheidenden Einfluß auf den Angsthaushalt des Menschen, wie an anderer Stelle des genannten Sonderbandes von „Psychologie heute“ die Militärhistorikerin Sue Mansfield behauptet: „Wenn wir den fremden Willen der Eltern verinnerlichen und damit unseren eigenen Willen aufgeben, dann bleibt eine Menge Ärger in uns zurück, den wir nicht ausdrücken dürfen. Das Kind gesteht die Niederlage nicht ein, die es erlitten hat, als die Eltern es durch Strafen zwangen, sich mit ihnen zu identifizieren. Es hält sich stattdessen selbst für schuldig, weil es etwas anderes wollte als die Eltern. Doch gleichzeitig erlebt es auch, daß dem elterlichen Ärger und Strafen die Versöhnung folgt“ (Mansfield 1983, 138).

Der Zusammenhang mit dem Krieg ergibt sich, „wenn wir dieses innenpsychische Drama auf die Außenwelt übertragen“, und das ist dann „die Formel dafür, daß Massen die Autorität der Herrscher und die Geißel des Krieges so bereitwillig akzeptieren“ (ebd.). Und weiter: „Die Autorität steht für die verinnerlichte Elternfigur. Der Ausgang des Krieges ist das Urteil über unsere Schuld oder Unschuld, und der Krieg als solcher wird zur Strafe und zugleich zum Mittel der Versöhnung, das unsere Zugehörigkeit zur Gemeinschaft bekräftigt. Letzten Endes stützt sich die Zivilisation also auf eine in das eigene Ich übernommene (introjizierte) Persönlichkeitsstruktur, die sich aus Gehorsam und Schuldgefühlen zusammensetzt“ (Mansfield 1983, 138).

„Schuldgefühle und Habsucht kommen immer dann auf, wenn sich in einer Gesellschaft hierachische Sozialstrukturen herauszubilden beginnen und sich ein tiefgreifender Wandel in den Methoden der Kindererziehung anbahnt“ (Mansfield 1983, 138). Die Entwicklung der Zivilisation verschärft diesen Prozeß: „Die industrielle Zivilisation zwingt uns, rigide Zeitpläne einzuhalten, unsere Gefühle zu unterdrücken und unser Leben in verschiedene Einzelbereiche aufzuteilen (…). Das Leben in den Städten führt zu einer Herabsetzung der Frustrationstoleranz, einem starken Gefühl der Leere und vielfach auch zu einem Gefühl der Ohnmacht und Unsicherheit. Und dieses Gefühl der Bedrohung projizieren wir – Russen wie Amerikaner – auf den Feind. Sie sind darauf aus, uns die Freiheit zu rauben! Deshalb droht jede Seite mit dem vernichtenden atomaren Donnerschlag“ (Mansfield 1983, 143).

Demnach sind Ursachen des Krieges letztlich die gesellschaftlichen Bedingungen und die dadurch deformierten psychischen Strukturen. Daraus resultieren neurotische Formen der Angstbewältigung, die zur Konstruktion eines Feindes führen, der stellvertretend für unsere eigenen Ängste und Schuldgefühle angegriffen wird in einem Massenkrieg, den „wir als eine institutionalisierte Form von Sadomasochismus betrachten“ können (Mansfield 1983,136) und als „äußeres Ritual (…), mit dem verinnerlichte Schuld und internalisierter Ärger verarbeitet werden“ (Mansfield 1983,138).

Zwar entsteht Krieg aus neurotischen Formen der Angstbewältigung, die dem Individuum durch die gesellschaftlichen Bedingungen aufgezwungen werden, also aus individuellen psychischen Prozessen. Doch gleichzeitig ist Krieg eine „soziale Institution", die durch „individuelle Motive“ wie Geldverdienen, Abenteuerlust, Flucht vor Langeweile nicht hinreichend erklärt werden könne. Die kriegsverursachende Paranoia ist keine individuelle, sondern eine kollektive, selbst wenn sie aus den individuellen Lebensbedingungen erwächst und daraus ihre Energie bezieht. Paranoia ist auch nicht unbedingt der einzige Grund für Krieg. „Selbstverständlich gibt es politische,

konomische und territoriale Gründe für den Ausbruch eines Krieges (…) auch wer paranoid ist, hat manchmal wirklich Feinde“ (Keen 1984, 38). Das psychologische Problem im Zusammenhang mit Krieg und Frieden wird darin gesehen, die paranoischen von den begründeten Bedrohungen zu unterscheiden und durchschaubar zu machen:

Zunächst wollen wir verstehen, warum und wie wir uns gepanzert haben, und dann rüsten wir schrittweise unsere Abwehr ab, indem wir reale von eingebildeten Drohungen unterscheiden lernen“, mit dem Ziel, daß „unsere erworbene Paranoia (…) durch kritisches Urteil und Vertrauen ersetzt“ wird (Keen 1983, 155).

Offensichtlich sind für die Psychologie nur irrationale Motivationen von Bedeutung, reale Gründe für Krieg, existierende Bedrohungen sind psychologisch uninteressant. Auch H.E. Richter (1982) ist anscheinend dieser Auffassung: „Wäre diese Verhaltensweise (der eskalierenden wechselseitigen Bedrohung; W.M.) nur Ausfluß eines Denkfehlers, so hätte man diesen und damit die Strategie zweifellos längst korrigiert.(…) die Wurzel des Fehlverhaltens liegt jenseits der Ebene des logischen Argumentierens“ (Richter 1982a 25). Er schließt die Frage an: „Warum scheuen wir uns so sehr, Politik zu psychologisieren?“ Richter verwendet „psychologisieren“ nicht in der Wörterbuchbedeutung, vielmehr im Sinne von Anwendung der Psychologie auf politische Fragen. Bemerkenswert an dieser Aufforderung zur Anwendung der Psychologie in der Politik ist aber, daß sie sich lediglich auf die irrationalen Aspekte psychischen Geschehens beschränkt, so, als ob die vielfältigen realen Motive und die Prozesse menschlichen Denkens und Handelns, die jenseits aller Irrationalität keineswegs „logisch“ sein müssen, nicht dazu gehören würden.

Inwieweit sind diese Anwendungen von Psychologie auf die Frage von Krieg und Frieden „Psychologisierungen“ im Sinne der Wörterbuchbedeutung?

Vorwegschicken möchte ich die Bemerkung, daß sich der Vorwurf der „Psychologisierung“ nicht auf die psychoanalytische Orientierung der zitierten Autoren bezieht, selbst wenn ich kein Anhänger der Psychoanalyse bin und die Ansicht vertrete, daß die psychoanalytische Begrifflichkeit aufgrund ihrer häufig unscharfen Verwendung Psychologisierungen eher begünstigt als andere Richtungen. Eine m.E. nichtpsychologisierende Analyse menschlichen Verhaltens in psychoanalytischer Terminologie hat Nicklas in den letzten Vorträgen über die individuelle Aneignung von Feindbildern und Sicherheitskonzepten gegeben. Vielfach findet man z.B. auch Biologismen der Frage von Krieg und Frieden, in denen gesellschaftliche Systeme analog zu biologischen Systemen gesehen werden. Ein Beispiel ist etwa Nicolais „Biologie des Krieges“ aus den Zwanzigerjahren. Auch etliche Beiträge von Ethologen sind m.E. als solche zu bewerten (z.B. Lorenz 1963; Eibl-Eibesfeld 1975; vergl. die Diskussion bei Komm 1984).

1. Es ist ein Psychologismus im Sinne einer Überstrapazierung psychologischer Konzepte, wenn Krieg auf psychodynamische Größen zurückgeführt wird, ohne zu klären, zu welchem Anteil Krieg durch solche Faktoren verursacht wird. Zwar postulieren die zitierten Autoren außerpsychologische Ursachen von Krieg, doch wird letztlich als entscheidende Triebkraft die individuelle Angstabspaltung und gesellschaftliche (und individuelle?) Projektion auf den Feind angesehen. Wie wichtig ist dieser Prozeß im Vergleich etwa zu „politischen, ökonomischen und territorialen Gründen“, wie Keen (1984,38) sie annimmt? Nur wenn ihm maßgebliche Bedeutung zugeschrieben wird, macht es Sinn, Therapie mit dem Ziel der Aufdeckung und Verarbeitung der irrationalen Strebungen als Abhilfe für beständige Aufrüstung anzubieten, ein Vorschlag, der bei allen Autoren ankommt. Auch bei H. E. Richter (1982a, 1982b, 1985) ist die Vorstellung der „Therapie der Friedlosigkeit“ in Anlehnung an C. F. von Weizsäckers Schlagwort von der „Friedlosigkeit als psychische Krankheit“ ein immer wiederkehrendes Moment. Aber wer ist der Therapeut und wer das zu therapierende Subjekt, der Klient?

Der Staat, die Gesellschaft ist das paranoide Subjekt, aber wer soll ihn therapieren? Die Paranoia entsteht aus der Abspaltung „unserer“ individuellen Ängste und Aggressionen, an deren Verarbeitung wir gehindert werden. Dafür sind u.a. strukturelle Bedingungen unserer Gesellschaft (Familienstruktur, Arbeitsorganisation usw.) verantwortlich, aber auch wir selbst: „Es gibt keinen anderen Weg zum Frieden, der uns nicht abverlangt, den Teufel als den unseren zu reklamieren und Machtbeschränkungen zu akzeptieren“ (Keen 1984, 51). „Wir“ sind das Subjekt der Therapie, „Wir“ sollen bei „uns“ anfangen, wobei es „keine Garantie dafür (gibt), daß dieser Schritt zu „psychischen Abrüstung“, zur Verletzbarkeit und Offenheit uns ein sichereres und einfacheres Leben geben wird“ (Keen 1983,155).

Es spricht nichts dagegen, die eigene Lebenssituation – sei es therapeutisch – zu beleuchten, unbewußte individuelle Strebungen, Ängste und Aggressionen offenzulegen, um sie zu bewältigen – im Gegenteil.

Angesichts des ungeklärten Anteils von irrationalen psychischen Faktoren am Zustandekommen von Krieg und Aufrüstung stellt sich allerdings die Frage, ob dies ein bedeutender Beitrag zur Verhinderung von Krieg sein kann. Die Handlungsperspektive für den Einzelnen bleibt vage, selbstbezogen, überwiegend unpolitisch und fördert den Rückzug ins Private. Die Beschäftigung mit den „individuellen Motiven“ des Geldverdienens usw., mit anderen „Gründen für den Ausbruch eines Krieges“ (Keen 1984, 38) hat mit der Verhinderung von Krieg anscheinend nichts zu tun.

2. Es ist ein Psychologismus, wenn individualpsychologische Konzepte auf überindividuelle Strukturen wie Gesellschaften, Staaten übertragen werden, ohne daß geklärt wird, wie die individuelle psychische Dynamik sich in eine soziale Dynamik umsetzt. Die Vermittlung zwischen individueller, sozialer und zwischenstaatlicher Ebene, das Verhältnis der Individuen zur Politik von Staaten, bleibt offen, bestenfalls vage. Die Verbindung zwischen den verschiedenen Betrachtungsebenen wird überwiegend durch die Verwendung des Begriffs "Wir" hergestellt, wobei dieser abwechselnd und ohne genaue Bestimmung im Sinne von „jeder einzelne von uns“, „wir alle zusammen“, „unsere Gesellschaft“, „unserer Staat“, „wir Menschengeschlecht“ gebraucht wird. Dahinter steht die hier nicht bestrittene Annahme, daß in allen diesen Betrachtungsebenen „ein Stück von jedem von uns“ steckt, insofern sie die Gesamtheit der individuellen Verhaltensweisen und der sie bestimmenden psychischen Bedingungen beinhalten. Aber wie diese Gesamtheit sich aus den individuellen Verhaltensweisen ergibt, welche Bedingungen der sozialen Wirklichkeit hierbei wirksam sind, wie der „subjektive Faktor“ mit der Politik zusammenhängt, bleibt unbestimmt.

Nicht einmal bei einer Fußballmannschaft, bei der im allgemeinen innerhalb einer Mannschaft Einigkeit besteht über Ziele, Regeln und Strategie, vielleicht auch in der Beurteilung des Gegners, kann das Gesamtverhalten hinlänglich aus den individuellen Bedingungen prognostiziert werden.

Das Zusammenwirken individueller Bedingungen in einer Gesellschaft mit widersprüchlichen Zielsetzungen und Motiven, unterschiedlichen Voraussetzungen zur Durchsetzung von Interessen usw. ist ungleich komplexer. Daß hierbei gegensätzliche Interessen zu paradoxen Resultaten führen können, zu Kompromissen, die niemanden zufriedenstellen, zu Zuständen, die „unvernünftig“, irrational erscheinen, kann nicht verwundern. Unter diesen Voraussetzungen erscheint es voreilig, „unvernünftige, irrationale gesellschaftliche Strebungen auf zugrundeliegende irrationale Motive zurückzuführen. Paranoid erscheinende gesellschaftliche Entwicklungen müssen daher keineswegs von einer gesellschaftlichen Paranoia verursacht sein. Dies genau wird aber in den zitierten Positionen angenommen, die die gesellschaftliche Paranoia in diesen Paranoia fördernden gesellschaftlichen Bedingungen und sich daraus ergebenden individuellen psychischen Deformationen begründet sehen.

Es wird ausgeschlossen, daß reale Bedingungen und psychische Prozesse wie etwa Denkprozesse, die keineswegs „rational“ sein müssen, und nicht nur irrationale Motive verantwortliche Ursachen sein könnten, die psychologisch untersuchenswert wären. Die zweifellos richtige Feststellung (etwa von H. E. Richter 1982a), daß Politik keineswegs nur rational ist, sondern vielmehr auch von irrationalen Momenten bestimmt sein kann, wird letztlich daraufhin zugespitzt, daß nur die irrationalen Strebungen die wichtigen Aspekte von Politik seien.

Nur diese werden einer psychologischen Analyse unterzogen. Dabei ist keineswegs geklärt, ob sie die entscheidenden psychologischen Probleme bzw. ob sie überhaupt dem Irrationalen entstammende Probleme sind.

3. Es ist ein Psychologismus, wenn bestehende Unterschiede und Widersprüche in Anschauungen und Interessen zwischen Staaten, innerhalb von Gesellschaften, zwischen Menschen auf psychologische Konzepte reduziert werden. „Wir haben keine Feinde, wir erfinden sie“, behauptet Keen (1984, 38), obwohl er gleichzeitig feststellt: „(…) auch wer paranoid ist, hat manchmal wirkliche Feinde“ (ebd.). In der Tat kommt es darauf an, die Bedrohungslage nüchtern zu bewerten und paranoide Tendenzen aufzudecken, d.h. eingebildete von wirklichen Feinden zu unterscheiden. Die Schwierigkeit besteht aber schon darin, daß es innerhalb einer Gesellschaft widersprüchliche Interessenlagen gibt, so daß eine Verständigung über reale und irreale Bedrohungen manchmal schier unmöglich erscheint. Die Angst vor dem Sozialismus ist bei einer Reihe von Menschen sicherlich berechtigt, sie hätten unter solchen Bedingungen einiges zu verlieren. Der Sozialismus ist in diesem Sinne ein realer Feind, selbst wenn die Bedrohung durch den realen Sozialismus nicht bestehen mag. Der Interessengegensatz die damit verbundenen Auseinandersetzungen bleiben und werden selbstverständlich als beständige Bedrohung wahrgenommen. Diese erlebte Bedrohung ist kaum durch Aufdeckung paranoider Tendenzen zu beseitigen, sondern höchstens durch politische Maßnahmen der Vertrauensbildung und kontrollierten Abrüstung zu mindern.

Es darf auch nicht vergessen werden, daß der von außen wahrgenommenen Bedrohung durch den Sozialismus etwa auch eine innergesellschaftlich wahrgenommene Bedrohung durch sozialistische Bestrebungen entspricht. Reale Interessengegensätze innerhalb der Gesellschaft sind vorhanden und in der Tat für manche Gruppen und Schichten bedrohlich, selbst wenn etwa die Frage Kapitalismus oder Sozialismus oder irgendeine andere grundlegende Umwälzung in der Bundesrepublik heute nicht akut ist. Es gibt in unserer Gesellschaft Menschen, die an der Rüstung Geld verdienen und die ein Interesse am Feindbild „Kommunismus“ haben. Und es gibt viele Menschen, die kein Geld an der Rüstung verdienen und die vom „Kommunismus“ vermutlich wenig zu befürchten hätten – viel dagegen vom Krieg.

Diese widersprüchlichen Interessenlagen sind mit den psychodynamischen Konzepten kaum zu erklären, wenn sie überhaupt als existent zur Kenntnis genommen werden. Nach Keen (1983, 153) beherrscht Gruppen und Nationen gleichermaßen folgendes Gesetz von Loyalität und Gruppenmitgliedschaft: „Jede Gruppe erzeugt ein bestimmtes Maß an Paranoia, um das soziale Band zu festigen. richtig-falsch, wir-sie, Freunde-Feinde, ingroup-outgroup, diese Trennungsmechanismen kommen automatisch ins Spiel. (…) In aufgeklärten Zeiten nennen wir sie (die Außenseiter; W. M.) atheistische Kommunisten oder kapitalistische Schweine. (…) Gruppenparanoia basiert immer auf einer etablierten Theologie, die beweist, daß „die“ versuchen, „uns“ zu zerstören“.

Widersprüche sind demnach Einbildung, Paranoia, ihre Betonung bezweckt die Festigung des sozialen Zusammenhalts. Mögliche Einwände gegen diese Auffassung werden im Sinne der Konzeption als Ausdruck einer „elaborierten Theologie“ angesehen, die der Offenlegung „unserer“ gemeinsamen Paranoia entgegenwirken soll.

Bemerkenswert ist bei allen zitierten Autoren, daß reale Interessenunterschiede kaum thematisiert werden, selbst wenn ein Gegensatz zwischen Politikern und Bevölkerung gesehen wird. Keen (1983, 154) prangert die „Verteidigungsministerien“ und den „militärisch-industriellen Komplex“ an. H. E. Richter (1982a) sieht in „den Politikern“ eine besondere Gruppe von Menschen mit einer spezifischen, besonders entemotionalisierten psychischen Struktur, die sich aufgrund ihrer Isoliertheit von der Bevölkerung entwickelt und dazu geführt hat, daß elementare, im emotionalen Bereich begründete Beurteilungsmaßstäbe abhanden gekommen sind. Sie zeichnen sich durch andere Angstbewältigungsmechanismen aus.

Es ist in hohem Maße fraglich, ob die Gesellschaftsmodelle, die diesen Konzeptionen zugrundeliegen, die Wirklichkeit auch nur annähernd wiedergeben. Auch die behaupteten unterschiedlichen psychischen Strukturen bei „Bevölkerung“ und „Politikern“ sind bloße Postulate und noch nachzuweisen. Besonders auffällig ist an den Positionen, daß die konkreten Lebensbedingungen der Menschen nirgendwo auftauchen, daß die psychischen Prozesse losgelöst von den „objektiven und subjektiven Handlungsnotwendigkeiten und -behinderungen“ (Holzkamp-Osterkamp 1985, 13) gesehen werden. Wenn ein Politiker in finanziell gut dotierter Position und ein Facharbeiter in einem Rüstungsbetrieb übereinstimmende Auffassungen in der Rüstungsfrage haben, dann soll dies im wesentlichen Ergebnis einer psychischen Dynamik sein, die bei beiden vergleichbar sein soll? Wenn man die zitierten Positionen konsequent zu Ende denkt, muß man zu dieser wenig einleuchtenden Schlußfolgerung kommen.

Die Ursache von Psychologismen

Zum Schluß möchte ich noch einige Bemerkungen zur Frage machen, wie es vermutlich zu Psychologisierungen kommt. Ich habe bereits betont, daß ich ihren Urhebern keine bösen Absichten unterstelle – im Gegenteil. Es sind meines Erachtens Versuche, aus der Sicht von Psychologen einen Beitrag zur Ursachenklärung von Krieg und Frieden zu leisten und darüberhinaus zur Verhinderung von Krieg und Herstellung von Frieden aktiv beizutragen. Insofern sind sie vergleichbar den Bemühungen eines Mathematikers, die Rüstungsdynamik mathematisch zu formalisieren und Vorschläge für die Veränderung von Parametern zu entwickeln, die den Vorstellungen gemäß zu friedlichen Bedingungen führen sollen.

Eine Erklärung für Psychologismen wie für andere Ismen aus der Sicht eines kognitiven Psychologen könnte so aussehen: Menschen neigen dazu, Analogien und Metaphern aus ihnen bekannten Bereichen zu verwenden, um Unerklärtes zu strukturieren und einer Erklärung näherzubringen. Beispiele sind etwa die „Dampfkessel“-Metapher für aggressive Energien oder Regelkreis-Metaphern für zielgerichtetes Handeln. Voraussetzung dafür ist eine gewisse strukturelle Ähnlichkeit zwischen der Metapher und dem zu erklärenden Phänomen. In der Tat erscheint das Wettrüsten irrational, unvernünftig, obwohl seine Apologeten rationale Begründungen dafür liefern. Diese Situation ist einer Paranoia, einem menschlichen Wahn ähnlich. Es liegt nahe, insbesondere für einen therapeutisch tätigen Psychologen, beide Situationen zueinander in Beziehung zu setzen. Als eine erste Annäherung an eine theoretisch haltbare Erklärung ist die Verwendung von Metaphern und Analogien plausibel und vertretbar. Problematisch ist es, wenn dieser erste Schritt zu einer Theorie für eine solche erklärt wird und dadurch die theoretische Weiterentwicklung blockiert wird.

Der Anspruch, möglichst unmittelbar mit bereits bekannten Methoden friedenspolitisch wirksam zu werden, begünstigt die Psychologismen. Geradezu zwingend folgt daher aus der Analogie der Aufrüstung als psychischer Krankheit die Analogie des Abrüstungsprozesses als Therapie.

Psychologismen finden wir auch in anderen Bereichen der Psychologie, doch sind diese nicht so bekannt. So wird der Aufrüstungsprozeß spieltheoretisch bzw. entscheidungstheoretisch analysiert oder der Ost-West-Konflikt wird unter dem Gesichtspunkt gestörter Kommunikation der Supermächte gesehen. Auch hier werden Analogien verwendet, die in der Regel einige Aspekte des Problems plausibel zu strukturieren helfen. Insgesamt beschreiben sie die Situation unzureichend, wie alle Analogien und Metaphern. Hier ist die Psychologie gefordert, ihren möglichen Beitrag zu entwickeln. Vor allzu einfachen und schnellen Antworten sei aber gewarnt (vgl. auch Hoffman 1986 für die US-amerikanische psychologische Friedensforschung).

Literatur

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Drover, J., Fröhlich, W. (1970), Wörterbuch zur Psychologie, 3. Auflage, München: dtv.
Eibl-Eibesfeldt, I. (1975), Krieg und Frieden aus der Sicht der Verhaltensforschung, München/Zürich.
Einstein, A., Freud, S. (1972 [1932]), Warum Krieg? Zürich: Diogenes.
Frank, J. D. (1968), Muß Krieg sein? Darmstadt: Verlag Darmstädter Blätter.
Fromm, E. (1977), Anatomie der menschlichen Destruktivität. Reinbek: Rowohlt.
Hoffman, S. (1986), On the political psychology of peace and war: A critique and an agenda. Political Psychology 7(1), 1-21.
Holzkamp-Osterkamp, U. (1985), Psychologisierung der Friedensfrage und „Supermacht-Theorie“, Argument-Sonderband 126, Berlin, Argument-.Verlag.
Jäger, S. (1982), Kann es einen Beitrag der Psychologie zur Friedensforschung geben? In: K. Benne, C. Krämer & Y. Seyrer (Hg.), Beiträge der Psychologie zum Friedenskampf. Ist der Mensch zum Frieden fähig? FU Berlin.
Keen, S. (1983), Apocalypse soon! Psychologie heute Sonderband: Die Seele und die Politik, 152-155.
Keen, S. (1984), Feind-Bilder. Psychologie heute, Sonderheft: Warum nicht Frieden? 36-51.
Komm, M. (1984). Ist der Mensch zum Frieden fähig? Ethologen zur Problematik von Krieg und Frieden. In W. Eichhorn I, H. Schulze (Hg.), Philosophie im Friedenskampf. Frankfurt a.M.: Verlag Marxistische Blätter, 92-107
Lorenz, K. (1963), Das sogenannte Böse. Zur Naturgeschichte der Aggression, Wien.
Lorenz, K. (1973), Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit, München.
Mansfield, S. (1983), Warum Krieg? Ein Gespräch mit Sue Mansfield. Psychologie heute, Sonderband: Die Seele und die Politik, 132-143.
Markard, M. (1982), Welchen Beitrag kann die Psychologie zur Friedenssicherung leisten? In: K. Benne, C. Krämer, Y Seyrer (Hg.). Beiträge der Psychologie zum Friedenskampf. Ist der Mensch zum Frieden fähig? FU Berlin.
Nicolai, G. E (1982) (erstmals 1919), Die Biologie des Krieges. Betrachtungen eines Naturforschers. Den Deutschen zur Besinnung. (3. Auflage), Darmstadt: Verlag Darmstädter Blätter.
Richter, H. E. (1982a), Zur Psychologie des Friedens, Reinbek: Rowohlt.
Richter, H. E. (1982b), Psychoanalytische Aspekte der Friedensfähigkeit. In: Psychosozial 15: Einmischung in Politik. Psychologisches zu Krieg und Frieden. Reinbek: Rowohlt, 19-8.
Richter, H.E. (1985), Psychotherapie und Militarismus. Mediatus Nr. 3/1985, 5.7 (Auch veröffentlicht unter dem Titel: Friedensarbeit als Resultat eines psychosozialen Lernprozesses – Subjektive Reflexionen eines Psychoanalytikers. In: 2. Kölner Ringvorlesung zu Fragen von Frieden und Krieg, Köln: Verlag Wissenschaft und Politik 1985.)
Stein, H. E (1983), USA: Krieg aus Selbstmitleid? Psychologie heute, Sonderband: Die Seele und die Politik, 144-151.

Dr. Winfried Mohr, Psychologe, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Hochschule Darmstadt

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