in Wissenschaft & Frieden 1988-2: Einblicke: Ist SDI tot? Plant die NATO neue Aufrüstung?

zurück vor

Militär und Entlaubungsmittel

von Burkhard Luber

Im Rahmen der Stiftung „die schwelle“ ist jetzt eine Studie entstanden, die die militärischen Interessen und Anwendungen von Entlaubungsmitteln (speziell 2,4,5-T und 2,4-D) außerhalb das Vietnamkrieges untersucht. Sie analysiert die Relevanz militärischer Strategien und ziviler Produktion von Entlaubungsmitteln für deren militärische Verwendung und entwirft entsprechende Abrüstungsvorschläge. Die Studie wurde hauptsächlich zwischen Herbst 1986 und Sommer 1987 erarbeitet. Eine Langfassung in Englisch (102 Seiten), die u.a. Listen von ca.175 Firmen, die Entlaubungsmittel herstellen, und Listen mit ca. 800 kommerziellen Entlaubungsmitteln enthält, ist auf Anfrage erhältlich. Die der Studie zugrundeliegenden Materialien können über eine neu aufgebaute Literaturdatenbank zugänglich gemacht werden.

A) Empirische Ergebnisse

  1. Trotz des großen internationalen Interesses am Vietnamkrieg gibt es kaum Material zum Problem sonstiger militärischer Anwendungen von Entlaubungsmitteln.
  2. Unabhängig von der Zuverlässigkeit der Quellen erfaßt die Studie 15 Staaten (außer Vietnam), in denen Entlaubungsmittel nach 1945 militärisch angewandt worden sind zum Teil im Rahmen internationaler militärischer Zusammenarbeit: Algerien/Frankreich, Brasilien, Burma, Kambodscha, El Salvador, Äthiopien, Guatemala, Honduras, Israel, Korea, Laos, Malaya, Nord-Irland, Portugal Frühere afrikanische Kolonien), Thailand.
  3. Militärische Operationen mit Entlaubungsmitteln haben besondere Relevanz für Gebiete in der Dritten Welt, wobei mitunter zivile und militärische Motivationen verbunden werden, wie z.B. bei der gleichzeitigen Verwendung von Entlaubungsmitteln zur Bekämpfung von Rauschgiftanbau und inländischen Aufständischen in Burma und Guatemala.
  4. Drei Faktoren beeinflussen den Entscheidungsprozeß für die militärische Anwendung von Entlaubungsmitteln: Die Vegetation des für die Anwendung vorgesehenen geographischen Gebietes, Umfang und militärtechnisches Niveau der entsprechenden zur Verfügung stehenden Luftwaffen und das internationale Konfliktpotential. Aufgrund dieser drei Faktoren gibt es ca.10 bis 25 Länder, die als relevante Einsatzgebiete für die militärische Anwendung von Entlaubungsmitteln gelten können.
  5. Da bei der Anwendung von Entlaubungsmitteln oft Dioxin (TCDD) freigesetzt wird, ist von einigen Forschern die Frage aufgeworfen worden, ob dies ein zusätzliches militärisches Interesse am Einsatz von Entlaubungsmitteln vermuten läßt. Die WEU und die Firma Boehringer (BRD) haben nach dem Seveso-Unfall die mögliche Verwendung von TCDD als chemische Waffe untersucht und verneint.1986 hat die NATO eine umfangreiche „Studie zum internationalen Informationsaustausch über Dioxine“ begonnen. In der BRD werden Entlaubungsmittel zur Unkrautbekämpfung an speziellen Stellen von Truppenübungsplätzen eingesetzt.
  6. Zwei US-Untersuchungen zur Strategie und zum Kosten-Nutzen-Verhältnis der militärischen Anwendung von Entlaubungsmitteln im Vietnamkrieg, die kurz nach dessen Beendigung erstellt worden sind, bewerten diese Anwendung positiv und empfehlen sie für zukünftige militärische Operationen besonders in der Dritten Welt, aber auch in Mitteleuropa.
  7. Innerhalb des zivilen Anwendungsbereiches von Entlaubungsmitteln gibt es eine Vielzahl von Ländern, in denen solche Mittel hergestellt und verwendet werden, z.T. mit erheblichen Gefährdungen für Gesundheit und Umwelt. Die Zahl der chemischen Firmen, die 2,4,5-T oder 2,4-D als Chemikalie bzw. entsprechende Verbrauchsprodukte produzieren oder produziert haben, ist beträchtlich; die Zahl der kommerziell erhältlichen Entlaubungsmittel sehr groß.
  8. Kontakte zwischen zivilen Forschungseinrichtungen, chemischer Industrie und dem Militär als Anwender von Entlaubungsmitteln lassen sich für die Zeit des Vietnamkrieges gut nachweisen.
  9. Der spezielle Fall Brasilien, wo Entlaubungsmittel im Rahmen der Errichtung eines neues Staudammes eingesetzt worden sind, zeigt, wie sich zivile und militärische Interessen bereits in einer Situation außerhalb realer militärischer Konflikte überlagern können. Im Rahmen der weiteren geplanten Erschließung der Amazonasregion können sich solche Probleme in Brasilien oder anderswo durchaus wiederholen.
  10. Im Rahmen der Studie haben sich besonders Recherchen in internationalen Datenbanken als hilfreich erwiesen, deren Ergebnisse im Rahmen traditioneller Literaturanalysen kaum hätten beschafft können.

B) Allgemeine Überlegungen zur Abrüstung bei Entlaubungsmitteln

  1. Der erste Schritt zur chemischen Abrüstung ist das „Genfer Protokoll“ von 1925, das jedoch nur die tatsächliche Anwendung von chemischen Waffen verbietet. Das wachsende Bewußtsein für die Umweltgefahren der modernen Kriegsführung hat 1977 zur „Environmental Modification Convention“ geführt, die u.a. militärische Entlaubungsoperationen in großem Umfang verbietet. Die ENMOD verbietet jedoch nicht die Lagerung von umweltverändernden Chemikalien und hat keine verläßliche Überprüfungsregelungen. Außerdem benachteiligt seine Definition dessen, was konkret verboten sein soll, speziell kleine Länder und Staaten in der Dritten Welt.
  2. Im Rahmen der gegenwärtigen chemischen Abrüstungsverhandlungen in Genf zielt das dortige Interesse auf eine „Chemical Weapons Convention“, die ein Verbot bereits des Besitzes chemischer Waffen, inklusive Kontrollmaßnahmen umfassen soll. Es ist jedoch zweifelhaft, ob ein solches Abkommen auch ein Verbot der militärischen Anwendung von Entlaubungsmitteln enthalten wird, obwohl dies Experten und einige Diplomaten empfehlen.
  3. Die hauptsächlichen Hindernisse für eine Rüstungskontrolle bei Entlaubungsmitteln ist die vielfältige internationale Dimension ihrer Herstellung, ihre umfangreichen internationalen Import- und Exportströme und der leichte Zugriff des Militärs auf den Markt zivil produzierter Entlaubungsmittel.
  4. Eine Abrüstung bei Entlaubungsmitteln kann begünstigt werden durch das zunehmende Bewußtsein für die Umweltgefährdungen durch zivil eingesetzte Pestizide, was bereits zu einer Reihe von Beschränkungen für deren Gebrauch und Vertrieb geführt hat. Im Rahmen dieser Sensibilisierung haben die kritischen, nichtstaatlichen Verbraucher- und Umweltorganisationen eine wichtige Funktion. Außerdem werden die Techniken ferngesteuerter Überwachung für die (chemische) Abrüstungskontrolle ständig weiterentwickelt und verfeinert. Zusätzlich existieren auch billige und anwenderfreundliche Überprüfungsmethoden, wie z.B. sogenannte „Schadstofftester“.
  5. Gerade weil Entlaubungsmittel normalerweise nicht als „Waffen“ aufgefaßt werden, sollten sie dennoch aus folgenden Gründen bei den gegenwärtigen chemischen Abrüstungsverhandlungen mit berücksichtigt werden:

    • Die (Langzeit-)Risiken auch kleiner Dosen von solchen zivilen Entlaubungsmitteln, die für militärische Einsätze verwendet werden können, sind grenzüberschreitend, unkalkulierbar und können unter Kriegsbedingungen noch zunehmen.

Die Versuchung für das Militär, Entlaubungsmittel (heimlich) zu verwenden, bleibt latent vorhanden, da das Militär seine eigenen Interessen mit anderen zivilen Anwendungsinteressen verbinden kann und leichten Zugang zum zivilen Markt für Entlaubungsmittel hat, der seinerseits insbesondere aufgrund seiner internationalen Dimensionen schwierig zu überwachen ist.

C) Die Option eines internationalen Überwachungssystems gegen die militärische Anwendung von Entlaubungsmitteln

Da die Chancen für ein Verbot der militärischen Anwendung von Entlaubungsmitteln im Rahmen eines allgemeinen internationalen chemischen Abrüstungsabkommens nicht sehr hoch erscheinen, kann eine Alternative in der mehr pragmatischen Option für ein internationales Überwachungs- und Frühwarnsystem bestehen, das auf eine größtmögliche Reduzierung des militärischen Gebrauchs von Entlaubungsmitteln zielt und bereits latente Interessen und vorbereitende Schritte für eine solche Anwendung kontrolliert.

in Wissenschaft & Frieden 1988-2: Einblicke: Ist SDI tot? Plant die NATO neue Aufrüstung?

zurück vor