in Wissenschaft & Frieden 1988-1: Warten auf die „Modernisierung“

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Friedenserziehung und ihre immanenten Widersprüche

von Hans-Jochen Gamm

Friedenserziehung ist im Begriff der Pädagogik enthalten; einer untergeordneten Disziplin bedarf es daher nicht, um etwa den Frieden gesondert zu thematisieren, keiner Spezialdidaktik, um Kinder und Jugendliche zu friedliebenden Bürgern entwickeln zu helfen. Theorie und Praxis der Pädagogik begründeten sich aus der großen bürgerlichen Befreiungsbewegung, die wir unter dem Sammelbegriff Aufklärung fassen, sowie aus den Kräften und Einsichten des Neuhumanismus. Von diesen Fundamenten leitet sich eine Theorie von der befriedbaren Gattung und dem Aufbau menschenwürdiger Verhältnisse her, sofern die Kräfte der Vernunft im einzelnen entbunden und das konstruktive Zusammenwirken aller zu veranlassen ist. Nun weist die Herrschaftsgeschichte der Gesellschaft allerdings unzweifelhaft aus, daß diese Ideen bisher nirgends zum Gestaltungsprinzip der Wirklichkeit gediehen, sondern daß Unterdrückung, Betrug und Verrat die Merkmale empirischer Menschheit darbieten. Erziehung zur Mündigkeit, wie deren entsprechende Friedensgesinnung, scheinen kaum voranzukommen, Resignation hat weithin Plan gegriffen.

Doch sind seit der Studentenbewegung und den Bürgerprotesten gegen Tendenzwende und konservative Politik gesellschaftliche Kräfte erstmalig wirksam. Die Bedrohtheit des Friedens wie des ökologischen Gleichgewichts Ist erkannt, Militär und Rüstung gelten zunehmend als Vermehrung der Kriegsgefahr. Friedenserziehung wird auch international diskutiert. Seit Beginn der siebziger Jahre sind bemerkenswerte Studien zur Friedensforschung wie zur Friedenserziehung zustandegekommen, deren Bedeutung hoch einzuschätzen ist, weil sie die Felder umgrenzen, denen vermehrte Aufmerksamkeit gebührt, um spezifischen Gefahren der hochtechnisierten Industrienationen und ihrer archaisch verbliebenen Bewußtseinsinhalte zu begegnen. Doch hat sich durch diese dankenswerten Anstrengungen der Wissenschaft die generelle Bedrohtheit keineswegs vermindert. So besteht Grund, zum Begriff der Pädagogik zurückzukehren, sie selbst für die Analyse der allgemeinen Situation zu bemühen.

Der aufgesplitterte Mensch

Pädagogik richtet, wie bereits bemerkt, ihr Forschungs- und Erkenntnisinteresse auf die konstruktive Utopie befriedeter allgemeiner Verhältnisse; dazu gewinnt sie Maßstäbe aus der Kritik vorfindlicher Umstände, soweit diese der Mündigkeit hinderlich sind. Folglich ist die Frage nach qualifizierter Bildung aller Menschen das zentrale Problem für den Fortbestand der Gattung angesichts ständig wachsender Gefahren sowohl aus den gleichsam verselbständigten Mitteln, die sich gegen ihre Erzeuger richten, als auch aufgrund psychischer Umstände, die den globalen Kommunikationsanforderungen nicht mehr nachzukommen vermögen.

Die erste Perspektive zur Friedenserziehung richtet sich auf die geistige Konstituierung des Subjekts. Denken und Empfinden stehen im pädagogischen Prozeß weithin beziehungslos zueinander. Die Vermittlung von Kenntnissen, die Pflege des Gefühlsbereichs und die ästhetische Rezeption der Welt, als dreifache Aufgabe der Erziehung, gelangt nicht zur Integration. Sofern das körperliche Bewegungspotential – unter dem Begriff Motorik gefaßt – aus dem Bereich des Ästhetischen zusätzlich ausgegliedert wird, entstehen gar vier miteinander unverbundene Bereiche, die den aufgesplitterten Menschen zum gesellschaftspolitischen Chaos weiterleiten, die gegebenen Verhältnisse fortsetzen. Ein unverkennbarer Verlust an Geschichtsbewußtsein tritt hinzu, so daß die Zerrissenheit der Person sich in historischer Zusammenhanglosigkeit erhält, verstärkt und befestigt.

In welchem Zusammenhang stehen solche Überlegungen zur Anthropologie des Lernens und zur Bildungsproblematik mit Friedenserziehung und gesellschaftlichem Unfrieden? Man kann auf den Bereich der alltäglichen Erfahrung zurückgreifen. Die Widersprüche der kapitalistischen Verhältnisse werden ständig wahrgenommen; sie sind der Tenor des Lebens schlechthin, man richtet sich mit ihnen ein. Gleichwohl bieten sich dazwischen aber auch solche Ereignisse, bei denen sich die Absurdität des gesamten Systems grell anzeigt und jeder seinem Verstande folgende Mensch erkennen muß, daß es unverantwortlich wäre, den Kurs fortzusetzen. Über die nicht wieder gutzumachende Zerstörung der Natur und der allgemeinen Lebensgrundlagen hat der „Club of Rome“ bereits vor vielen Jahren eindrucksvolle Forschungsresultate dargeboten; viele andere naturwissenschaftliche, statistische und prognostische Daten liegen vor; im Zuge der Technikfolgenforschung werden die düsteren Konturen der nächsten Jahrzehnte kenntlich. Jeder kann zudem wissen, daß die weitere Rüstung insofern absurd ist, als sie nicht größere Sicherheit Scham, sondern durch das Ringen um Vorsprung und Überlegenheit dem Gegner um jeden Preis entsprechende Reaktionen aufnötigt; die Militarisierung des Weltraums ist die bisher letzte Stufe auf dem Schachbrett globaler Strategie.

Die Völker könnten ihre Regierung zwingen, sogleich auf sämtliche weiteren Atomwaffentests zu verzichten, da die Tötungskapazität ohnehin auf ein Mehrfaches des erforderlichen schlichten Umbringens menschlicher Population angewachsen ist, sie könnten den Abbau von Raketen durchsetzen und die wissenschaftliche Beteiligung an den geplanten Weltraumwaffen unterbinden, um nur wenige Möglichkeiten zu benennen. Die moralische Achtung aller atomaren, biologischen und chemischen Waffen ließen sich nachziehen, die Reaktorkatastrophe in der UdSSR zu einer vollständigen Revision der Nutzung der Nuklearenergie auch hinsichtlich deren friedlicher Möglichkeiten verwenden.

Blockade menschlicher Kapazitäten

Der Eindruck verstärkt sich jedoch, daß die Bevölkerungen der europäischen Länder nicht bereit sind, aus ihren Erfahrungen mit den Widersprüchen des Systems und des Zeitalters politische Konsequenzen zu ziehen, um die Realität zu verändern. Vielmehr breitet sich Lethargie aus, man hofft, von schwerwiegenden Unglücksfällen verschont zu bleiben und daher nicht an den Schlaf der Welt rühren zu sollen. Werden gelegentlich bedrohliche Nachrichten durch die Medien verbreitet, entstehen allenfalls spontane emotionale Aufwallungen, die rasch wieder in sich zusammensinken, wenn die Stimmungen abflauen, Vergessenheit eintritt, dem Verdrängen zu Hilfe kommt, ein rationaler und damit konsistenter Protest ergibt sich kaum. Die Medienhörigkeit der Massen verstärkt zudem die Bereitschaft, sich beschwichtigen zu lassen. Die politischen Machtträger wissen es und operieren damit für ihre Zwecke, indem sie beständig abwiegeln, die Realität verharmlosen, die Wahrheit nicht nur unterdrücken, sondern offenkundig Lügen verbreiten.

Damit läßt sich ein Faden der zuvor erörterten pädagogischen Problematik erneut aufgreifen. Jene Zerrissenheit des bürgerlichen Menschen, die Unverbundenheit seiner psychischen Potentiale bietet die Voraussetzung für den unwürdigen politischen Umgang, den die Politiker ihrem Souverän, dem Volk, beständig zumuten. Weil Denken, Fühlen und Handeln kein verbindliches Fundament finden, läßt sich der Wähler mißbrauchen; immer ist er nur auf einem Segment der Person angesprochen. Er kann z.B. eine offensichtlich gezielte Falschmeldung rein kognitiv als solche erkennen und sie vielleicht sogar ironisch kommentieren – das schafft subjektive Entlastung und vermittelt Abstand zur Torheit der politischen Szene – aber als Beleidigung des Empfindens muß ein entsprechender politischer Manipulationsversuch gar nicht wahrgenommen werden; insofern bleibt das andere wichtige Segment der Person unbeansprucht. Gerade dies aber wäre vorzüglich geeignet, die Mißachtung seiner Würde mit längerem Groll zu quittieren, als es im allgemeinen nach einer kurzen intellektuellen Bestandsaufnahme möglich ist. Die Angelegenheit gilt damit oft bereits als erledigt. Nimmt man schließlich noch die Handlungsdimension als entscheidende dritte menschliche Kraft hinzu, die aus Denken und Empfinden gleichermaßen angeleitet sein muß, um Gültigkeit zu erhalten, so wird die Blockade dieser Kapazität erst recht zum gesellschaftlichen Unfrieden beitragen. Überwinden ließe er sich nur, sofern er bekämpft wird. Erziehung also, die Handeln in Hinsicht auf Protest und Widerstand ausschließt, ermöglicht jene Perversion der politischen Szene, in der die Praxis der Bürger zur Beglaubigung politisch vorbereiteter Muster dient, Kräfte von der Basis jedoch nicht mehr ausgehen sollen.

Chiffre der Sachzwänge

Die Schwächung des Potentials an Gesamtkritik wirkt sich auf das oppositionelle Moment gegenüber den Widersprüchen des Systems aus. Was nicht mehr angegriffen wird, gewinnt an Legitimation einzig durch sein Dasein sowie durch stille Teilhaber- und Nutznießerschaft der Umwelt. Wenn die Existenz nachfolgender Generationen durch gegenwärtige Unbedachtheiten zumindest erheblich beeinträchtigt sein dürfte, so würde unbeirrter Protest gegen dergleichen Verhalten die humane Dreiheit von Denken, Empfinden und Handeln nachhaltig zusammenführen, denn diese drei auf Integration hin angelegten Kräfte sind auf jede besondere Art mit dem Schicksal künftiger Menschheit verknüpft; jede von ihnen bietet einen Aspekt von Zukunft.

Mangelnde Integrität der subjektiven Potentiale bürgerlich erzogener Subjekte fördert die Determinanten des gesellschaftlichen Unfriedens. Entwickelte Intellektualität verbindet sich möglicherweise mit archaischen Emotionen, deren Charakter sich am Umgang mit Gegnern beweist. Wo dem Kontrahenten ein Mißgeschick widerfährt, ein Unfall zustößt, Fehler unterlaufen, Katastrophen unabsehbar schädigen, dort wächst Schadenfreude, primitiver Triumph, hämische Genugtuung. Das kapitalistische Konkurrenzprinzip legt dergleichen Verhalten im engeren Bereich nahe. Auf die internationale Ebene übersetzt es sich folgerichtig und gerät zum schlechten Systemvergleich, weil es die erforderlichen historischen Erwägungen ausschließt, dem anderen Gerechtigkeit verweigert.

Die moralische Konstituierung des Subjekts, von der die Überlegungen ausgegangen waren, fordert Bildung für den einzelnen als Gestalter des persönlichen Lebens und für die Gattung als Subjekt ihrer Geschichte. Auch formal demokratische Gesellschaften enthalten ihren Individuen solche qualifizierte Bildung vor. Wie die Anteile in der Person zerspalten sind, so auch das politische, gesellschaftliche und kulturelle Leben in Hinsicht auf persönliche Verantwortung aller. Die gesellschaftlichen Kräfte bleiben unbegriffen, das Kapital ist eine unverstandene Größe. Wo aber Rationalität als klärende Kraft aussetzt, gelangen an ihre Stelle Formen schicksalhafter Abhängigkeit, oder Rationalität rangiert unter der unbefragbaren Chiffre der Sachzwänge.

Alternatives Denken wird bereits als unnütz oder gar gefährlich verworfen, von alternativem Handeln nicht erst zu reden. Bekanntlich besteht in der westlichen Welt offiziell kein Informationsmonopol, Zensur findet nicht statt, Meinungen dürfen frei geäußert werden. Bemerkenswert ist jedoch, daß grundsätzliche Opposition sich außerordentlich selten kundtut. Die Publizistik stellt sich freiwillig darauf ein, daß im eigenen System prinzipiell kaum etwas falsch sei, radikales Denken nur Radikalen eigne und folglich rechtens unter den Radikalenerlaß falle. Das Ausmaß an Heuchelei, wie es im politischen Leben der Republik an der Tagesordnung ist, setzt sich in den Organen fort, die zur Kritik der politischen Kultur berufen sind. Wer freilich die Chefsessel in den Redaktionsstuben bei den Medien nicht verfehlen will, wird zuvor seine journalistische Geschmeidigkeit unter Beweis stellen, ein Witterungsvermögen für politische Trends entfalten müssen. Wirklich unbequeme - nicht nur scheinbar aufmüpfige – Kommentare sind durchaus selten. Wo sie erscheinen (können), steht zugleich die Einflußlosigkeit des Blattes fest oder es schließt sich durch seine Linkslastigkeit von der öffentlichen Beachtung aus, wird nicht zitiert, gelangt kaum in den Pressespiegel.

Die Akklamation der Dummheit – Generaldispens der Macht

Grundlegende Bildung in Hinsicht auf Krieg und Frieden wird durch die Perfektion der Medien ständig schwieriger. Der Präsident der USA erteilt den Befehl, libysche Städte zu bombardieren, weil er es für erwiesen hält, daß von dort trainierte Terroristen den Anschlag auf die Diskothek in West-Berlin ausgeführt hätten. Westberliner Spezialisten, die alle Spuren überprüften, erklären, es sei keineswegs eindeutig, daß die Sache mit Libyen zu tun habe. Diese bemerkenswerte Differenz der Auffassungen wird jedoch kaum bekannt und noch weniger diskutiert.

Bestürzend ist, daß der amerikanische Präsident nach dem von ihm veranlaßten Luftangriff auf libysche Städte sich per Television über alle Kanäle in den amerikanischen Wohnzimmern zu Wort meldet und erklärt, die große eigene Nation habe es nicht länger hinnehmen dürfen, vom libyschen Staatschef gedemütigt zu werden; eine derbe Lektion hätte ihm erteil werden müssen. Die anschließende Blitzumfrage ergibt, daß weit über die Hälfte aller amerikanischen Bürger das Vorgehen ihres Präsidenten gutheißen. Wenig später bekundet dieser, man müsse evtl. auch Damaskus und Teheran züchtigen, falls die Spuren der Terroristen dorthin führten. Käme es dazu, dürfte wieder die Mehrzahl der Amerikaner, auf ihre Ehre angesprochen, ähnlich antworten. Die Akklamation der Dummheit ist gewiß. Emotionen lassen sich für militärische Unternehmen entfachen und die Meinungsforscher erteilen alsbaldige Absolution, verbürgen die Zustimmung der amerikanischen Seele. Die Konsequenz gegenüber solcher nationalen Einmütigkeit ist, daß auch Senat und Repräsentantenhaus nicht umhin können, die vom Präsidenten angeforderten Mittel etwa zum Kampf gegen Nicaragua zu bewilligen, da sie sich sonst gegen ihr Volk und seinen erklärten Willen stellten. Die Primitivität von oben und von unten ist kurzgeschlossen. Schwer vorstellbar bleibt, wie im Medienzeitalter dieser Sperrkreis aus Borniertheit, Macht und Inhumanität aufzubrechen wäre. Selbst wenn man den renommierten amerikanischen Soziologen Norman Birnbaum hört, der die Kretins an der Regierungsspitze bloßstellt 1, so ist dies letztlich ein zwar respektables, aber einsames Votum amerikanischer Intellektueller, deren Kritik ohnmächtig bleibt, da sie von den Mächtigen ignoriert werden darf.

Ein apokalyptischer Zirkel

Als im Frühjahr 1986 die Sprengung an der Gefängnismauer in Celle als eine Aktion des Verfassungsschutzes aufgedeckt wurde, der einen sogenannten V-Mann in die Terrorszene hatte einschleusen wollen, geriet eine bemerkenswerte Notiz in die Nachrichten: Generalbundesanwalt Rebmann sei befremdet, daß die Staatsgewalt sich selbst höchst illegaler Mittel bediene; doch blieb dies ein augenblickliches Statement. Man hat nicht gehört, daß der oberste Strafverfolger der Republik daraufhin einen Verantwortlichen angeklagt hätte. In gefährlichen Situationen, so hieß es später, dürfe der Staat auch zu ungewöhnlichen Mitteln greifen. Nach solchen Erklärungen und dem selbstausgefertigten Generaldispens wird man bei allen künftigen Sprengstoffanschlägen und ähnlichen Aktionen größtes Mißtrauen gegenüber den öffentlichen Verlautbarungen zu kultivieren haben, denn es ist hinfort nicht auszumachen, ob bestimmte terroristische Gruppen oder der Staat selbst als Urheber eines Verbrechens zu benennen sind. Die Herrschaftsträger folgen damit freilich nur einer Praxis, die vom US-amerikanischen CIA, jedoch auch von den Geheimdiensten anderer Staaten unwiderleglich bezeugt sind. Bestimmte erwünschte Situationen werden hergestellt, wenn sie real nicht vorhanden sind. Es kann sich um die Vernichtung landwirtschaftlicher Vorräte handeln, damit massenweise Hunger entsteht, um ausgelöste Naturkatastrophen, um nachhaltige Schädigung der Infrastruktur, Zerrüttung des Währungssystems, Betriebsunfälle, Anzettelung von Revolten durch Unterstützung illegaler oppositioneller Kräfte, Anwendung von Folter usw. Auch die Beseitigung unliebsamer Personen – zumindest indirekt – gehört in den schaurigen Katalog möglicher Eingriffe und beläßt die Bürger demokratischer Staaten ratlos angesichts der Zwielichtigkeit, die sie umgibt. Kein Unbefugter erhält Einsicht in die geheimen Praktiken. Denken, Fühlen und Handeln sind gleichermaßen irritiert. Mit solchen Bescheiden wird sich die Pädagogik jedoch nicht abfinden; sie kann die Verstümmelung des Menschen nicht hinnehmen.

Nicht fern scheint übrigens der Zeitpunkt, an dem der Zirkel von Gewalt und Gegengewalt sich apokalyptisch auftut. Nach Meinung von Experten ließen sich Atomsprengsätze bald in bescheidenen Laboratorien herstellen, als Erpressungsmittel nutzen oder unmittelbar im Terrorakt zünden. Träfe es zu, wäre die Szene unausdenkbar: Verzweifelter Protest gegen die vorhandene Gesellschaftsordnung erhielte die letzte unwiderrufliche Wucht, der Bürgerkrieg erfolgte offen. Über die wahren Ursachen solcher gesellschaftlicher Zerrissenheit und der durch sie ausgelösten katastrophalen Folgen aber wäre dringend nachzudenken. Die Tendenzen zur kollektiven Vernichtung hängt mit der durch Herrschaft einhergehenden Zerstörung des menschlichen Wesens zusammen. Wer sich mit seiner Gesellschaft nicht mehr zu einigen vermag, verfehlt den Sinn des Lebens schlechthin sowie die Fähigkeit zur barmherzigen oder zornigen Anteilnahme. Unbeanspruchte und nicht sublimierte Liebesbedürfnisse schlagen in Haß um. Alle anderen in die Selbstzerstörung hineinzuziehen bietet dann perverse Befriedigung. Der Gedanke einer Rettung durch Bildung aber steht kontrovers zum Interesse der Herrschaftsträger, doch verheißt Bildung für alle den einzig möglichen Weg der Rettung, da nur Menschen selbst ihre Verhältnisse, d.h. die Ursachen ihres Elendes auszusetzen vermögen.

Selbstbestimmung als Aufgabe

Friedenserziehung unter gesellschaftlichen Widersprüchen muß auf das Zentrum dessen zurücklenken, was Pädagogik einzig heißen darf: Kritik an den Verhältnissen im Namen und Horizont der Bildung. Damit ist sie Friedenserziehung schlechthin, denn sie zeigt die Gründe des innergesellschaftlichen Unfriedens auf, die in der Herrschaft von Menschen über Menschen liegen, Regression und Aggression beständig auslösen, schließlich die mentale und moralische Verkrüppelung der Person veranlassen. In den etablierten Rängen der Publizistik entspricht dem die fugenlose Willfährigkeit; „Der Mann ohne Eigenschaften“ ist alltäglich. Peter Glotz, Bundesgeschäftsführer der SPD, hat kürzlich bemerkt, die meisten „Hoffnungsträger“ der Partei hätten keine Biographie, sondern nur eine Karriere. Das dürfte allenthalben zutreffen, nur wird es nicht überall gleichermaßen ausgesprochen. Pädagogik wirkt dieser gesellschaftlichen Korrumpiertheit nicht mit speziellen Maßnahmen entgegen, sondern versucht, Kinder und Jugendliche zur selbständigen Prüfung aller ihnen dargebotenen Materialien zu veranlassen, ihren Mut zu gegenläufigen Auffassungen nicht nur zu tolerieren, sondern zu stärken und damit letztlich ihre Selbständigkeit voranzubringen. Dieses mühsame Geschäft heißt Friedenserziehung, indem es Konflikte offenlegt, Betrug entlarvt, Beschwichtigungen nicht durchgehen läßt, Analyse und Kritik des innergesellschaftlichen Unfriedens betreibt. Es geschieht unter der moralischen Rechtfertigung, daß die künftige Generation kühner als die vorhergegangene auf ihre Selbstbestimmung zu verweisen lernt und qualifizierte Demokratie über die formale hinaus erringt.

Das Problem aber ist nicht ohne Blick auf den Pädagogen zu diskutieren, der diese Veränderung veranlassen soll und doch selbst unter den Herrschaftsbedingungen deformiert ist. Immerhin hat seine Arbeit zum Ziel, den gesellschaftlichen Emanzipationsprozeß zu fördern; zugleich nimmt er wahr, daß er auf manchen Feldern seines Wirkens auf Unbelehrbarkeit stößt und daß seine Lektionen verworfen werden. Der politisch Denkende muß sich zudem erst mit einem großen Zeitmaß vertraut machen.

Zu fragen ist, wie der Pädagoge inmitten von Lüge, Falschinformation und dem Zynismus der Macht Identität aufbaue und wahre, da jemandes Lebenszeit nicht ausreicht, Stadien des Fortschritts eindeutig zu erkennen. Aber ohne dauerndes angestrengtes pädagogisches Handeln – als ob von ihm alles abhinge – wird kein Fortschritt eintreten. Diese Konsequenz bleibt indessen auch für den Pädagogen eine harte Zumutung.

Anmerkungen

1 N. Birnbaum: Feuer frei auf Gaddafi. In: Der Spiegel Nr. 17/1986, S. 134 f. Der Soziologe Norman Birnbaum ist Professor an der Washingtoner Georgetown-Universität und Mitherausgeber des US-Magazins „The Nation“.Zurück

Dr. Hans Jochen Gamm, Professor der Pädagogik an der Technischen Hochschule Darmstadt.

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