in Wissenschaft & Frieden 1987-5: Die Karte der nuklearen Welt

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Das Strategic Computing Program nach vier Jahren

von Chris H. Gray

Das US-amerikanische Strategie Computing Program (SCP) und die Computeraspekte von Star-Wars (SDI) sind ein Gegenstand großer Debatten unter den Computerwissenschaftlern geworden.1 Während der US-Operationen auf See gegen Libyen im Frühjahr ´86 feuerte das Anti-Flugzeug-System der USS Yorktown, einem Schiff der Aegis-Klasse (ausgestattet mit dem Phasenradar SPY, Standard 2 Raketen und Phalanx Maschinengewehren, verbunden durch Computerprogramme, so daß Aegis unter menschlicher Kontrolle oder automatisch agieren kann), Raketen von alleine los - aufgrund eines nicht identifizierbaren Radarkontaktes. Vielleicht war es eine niedrigfliegende Wolke, sagte die Navy.2 Dies beleuchtet daß die bedeutendste und vernachlässigte Realität des SCP: Es ist nur Teil einer weiterreichenden Entwicklung - der Automatisierung des modernen Krieges.

Unfälle wie die erwähnten Fehlschüsse werden weiter anwachsen, wenn die Entwicklung automatischer Waffen weitergeht. Früher datiert als SCP sind Fehlurteile der Menschen über solche Systeme,3 besonders über ihre Rolle in der Waffenentwicklung durch Modellierung und computersimulierte Tests.4

Das SCP muß in diesem gegenwärtigen Kontext verstanden werden. Es ist die Vorhut einer breiteren Umwälzung der Militärtechnologie und des Denkens, das vor hundert Jahren begann - wenn nicht früher. Die Reichweite und Klarheit des SCP enthüllt diese generelle Bewegung zum Hochtechnologiekrieg, besonders die Implikationen der Computerisierung, aber es ist nur Teil eines größeren Prozesses.

Die Verbindungen zwischen Technologie und Krieg blieben lange innig, aber ambivalent; nicht so sehr aus kulturellen Gründen sondern weil der voreilige Einsatz neuer Technologien ebenso verheerende Folgen haben kann wie deren Ignorierung (Janowitz 1960). Seit 1945 hat sich jedoch eine neue Situation entwickelt, die kontinuierliche technologische Innovation, permanente militärische Mobilisierung und große politische Macht verbindet. Es ist verschiedentlich Kalter Krieg genannt worden, permanenter Krieg (Melman 1974), technologischer Krieg (Possony und Pournelle 1970), Technokrieg (Gibson 1987), Krieg ohne Ende (Klare 1972), die Institutionalisierung des Militarismus (Donovan 1970) und der reine Krieg (Virilio und Lotringer 1983). Einige sagen, es ist überhaupt kein Krieg, und nennen es Exterminismus (Thompson 1980) oder Nuklearismus (Lifton 1970).5

1. Militär und KI

Hochtechnologie wird heute als integraler Bestandteil militärischer Stärke gesehen (Deitchman 1985, DARPA 1983). Es überrascht daher nicht, daß die gegenwärtige US-Militärdoktrin die Anwendung Künstlicher Intelligenz und anderer fortgeschrittener Computerentwicklungen zur Notwendigkeit erklärt hat. Es ist wesentlich für Star-Wars, es ist zentral für die Air-Land-Battle-Doktrin,6 es ist integriert in die C3I-Anforderungen (Command, Control, Communication and Intelligence) aller Kriegsarten, die vom Pentagon ausgedacht werden; von „begrenzten“ (verdeckte Kriegsführung, Guerilla-Aktionen, Anti-Terror-Aktionen) bis zu „generellen“ Kriegen (nukleare, nichtnukleare, subnukleare).

Die US-Army z.B. hat sich fünf High-Tech-Felder herausgegriffen, vier davon beziehen sich direkt auf Künstliche Intelligenz (KI): Hochintelligente Beobachtungs- und Zielverfolgungssysteme (VISTA), verteilte Befehls-, Kontroll-, Kommunikations- und Aufklärungssysteme (DC3I), selbststeuernde Munition, Schnittstelle Soldat- Maschine und Biotechnologie.7 Diese Auswahl zeigt, wie das US-Militär Technologie, gemessen an den „Facetten des modernen Schlachtfeldes, das tief, schmutzig, diffus und dynamisch sein wird“,8 nutzen will.

Es gibt eine Zahl bedeutender Fortschritte auf diesem Wege. Politisch ist es leichter, Maschinen in einer Schlacht zu verlieren als Menschen, es ist leichter, Maschinen zu bauen als Menschen der Wehrpflicht zu unterwerfen. Aus dem Blickwinkel der Militärwissenschaft gibt es eine starke Evidenz, daß die menschliche Zuverlässigkeit, die „unter Feuer“ schon immer suspekt war, noch weiter abfällt unter den „hyperlethalen“ Bedingungen des modernen Schlachtfeldes (Marshal 1947, Keegan 1976, Hunt & Blair 1985). Diese Faktoren und andere sind mächtige Triebkräfte im langen Prozeß der Mechanisierung des Managements und der einfachen Entscheidungen im US-Militär (Gray 1987a).

Auf anderer Ebene haben einige Wissenschaftler nach tieferliegenden psychologischen Strukturen oder Kräften gesucht, die hinter dem andauernden Kalten Kriegssystem stecken (Lifton 1970, Sofia 1984).

2. Militärische KI außerhalb des Strategischen Computerprogramms und von SDI

Künstliche-Intelligenz-Projekte außerhalb des SCP beinhalten einen großen Umfang an Forschungen über sogenannte „brillante“ oder „autonome“ Raketen (sie wählen ihre eigenen Ziele), einen Roboter als „Hindernisräumpanzer“ (ein Minenräumer), ein autonomes Vehikel, um Minen unter Wasser anzubringen, alle Sorten automatischer Konstruktionsanlagen, ein weites Feld der Rotoberforschung 9 und zahlreiche Programme zur Automatisierung der Wartung der High-Tech-Waffen. Neben diesen Projekten unternimmt das US-Militär weitreichende Anstrengungen, um seine eigenen KI-Forschungskapazitäten zu steigern durch den Aufbau und das Anwachsen militärischer KI-Laboratorien. Es gibt ein neues KI-Institut in den Wright Aeronautical Laboratorien der Luftwaffe, ein Zentrum für Expertensysteme und neue Mittel für das Rome Air Development Center der Luftwaffe und gleichlaufende Ausweitungen des Laboratoriums des Heeres in Aberdeen, Maryland und Marine KI und Robotik-Forschungszentren. Die nationalen Labors, wie in Livermore, das Jet Propulsion Lab, das National Bureau of Standards, Oak Ridge und Sandia, sind gleichfalls stark in die Erforschung dieser Gebiete involviert.10 Zugleich hat ein explosionsartiges Wachstum in Forschung und Anwendung der Kl stattgefunden in angrenzenden, nichtmilitärischen Bereichen: bei den Nachrichtendiensten (NSA, CIA) und bei polizeilichen .Einrichtungen.11

Um diese US-Bemühungen in der richtigen Perspektive zu sehen, ist es wichtig zu betonen, daß andere Militärmächte an militärischer KI arbeiten. Es gibt Schwerpunktprogramme in Großbritannien, Israel, Australien, China, der UdSSR u.a.12

3. Das Strategische Computerprogramm (SCP) und SDI

Mit dem Strategic Computing Program, das offiziell im Oktober 1983 gestartet wurde, versucht das Verteidigungsministerium sich auf Jahre in die Computerforschung einzukaufen. Die Demonstrationsprojekte sind nur ein kleiner Teil des gezielten Versuches, die nächste Generation der Computertechnologie im militärischen Kontext zu entwikkeln. Das Management des „Sternenkrieges“, wahrscheinlich das komplexeste und größte Software-Projekt, das es je gab, ist konzeptionell (obwohl nicht von der administrativen Seite) Teil des SCP. Die wissenschaftlichen Durchbrüche bei den Computern, die SDI braucht, zu bewirken, ist das Schlüsselziel des SCP.

Die Original-Demonstrationsprojekte (autonomes Geländefahrzeug, der automatische „Co-Pilot“, Seekriegsmanagement) wurden erweitert durch ein Air-Land-Battle-Management, Radarbildanalysen (radar imagery analysis) und „intelligente“ Waffen (smart weapons); alles konkrete militärische Anwendungen. Diese Projekte sind Schlaglichter. Was das SCP besonders relevant macht, ist der Versuch, Maschinenintelligenz zu „revolutionieren“. Ohne fundamentale Durchbrüche in der Computerarchitektur, der Symbolverarbeitung und ähnlichen Feldern werden die militärischen KI-Projekte unmöglich durchzuführen sein. Wie Stephen Squires, zu dieser Zeit Assistent-Director des Informating Processing Techniques Büro der DARPA, es ausdrückte: „Wir versuchen, wirklich einen neuen Typ der Computertechnologie zu entwickeln, nicht nur einfach neue Hardware.“13

Die Demonstrationsprojekte sind abhängig von Fortschritten in einer ganzen Zahl von Untergebieten. Das SCP konzentriert sich auf mechanischeVision, Spracherkennung, Arbeit mit natürlicher Sprache und Expertensysteme. Die Arbeit auf diesen Gebieten wiederum ist abhängig von Innovationen und Entdeckungen in den Bereichen Hardware- und Softwareentwicklung, von denen angenommen wird, daß sie die Verarbeitungsfähigkeiten der Computer um ein Vielfaches steigern und daß sie weitreichende Verbesserungen in der Automatisierung der Produktion und des Technologietransfers bewirken werden.

Trotz der anhaltenden Kritik durch Wissenschaftler und andere werden sowohl das SCP als auch Star Wars mit außerordentlich hohen Beträgen weiterhin gefördert. Das SCP sieht für den zweiten Fünf-Jahres-Plan eine Verdoppelung der 339 Millionen Dollar, die in der ersten Phase verausgabt wurden, vor (D´ARPA 1987, p.26).

DARPA verkündet große Fortschritte beim SCP, und die Industriepresse pflichtet dem gewöhnlich bei. Auf einigen Gebieten hat tatsächlich Fortschritt stattgefunden, besonders in der Hardwareproduktion, in der Erhöhung der Rechengeschwindigkeiten und im erfolgreichen Testen von Prototypen einiger der neuen symbolischen Prozessoren. Auf anderen Gebieten jedoch, speziell in der Softwareentwicklung, gibt es noch immer signifikante Verzögerungen.

Zum Beispiel rechnete der Original Strategic Computing Report mit unsicheren Wahrscheinlichkeiten in puncto Gefechtsfeldmanagement bis Ende 1985 (DARPA 1983, chart W6196CJ3285). Auf dem Workshop zum Gefechtsmanagement der AAAI-87 wurden verschiedene Ansätze des Umgangs mit Ungewißheiten heiß debattiert, mit dem einzigen Konsens, daß eine funktionierende Lösung erst noch demonstriert werden müsse. Gleiche Defizite können für andere schwere Softwareaufgaben festgestellt werden.

Viele Kritiker haben diese Differenz zwischen Hardware und Softwarerichtmarken erwartet. Einige fahren fort vorherzusagen, daß - wenn schon die Ziele in den Hauptfeldern der Softwareentwicklung nicht erreicht würden - die Arbeit dennoch vorankomme aufgrund der zahlreichen Zwänge, etwas vorzulegen, und sie führen irgendetwas ein, um die Anstrengungen zu rechftertigen. Wie die Dreyfus-Brüder anmerkten:

„Nachdem ungeheure Summen Geld ausgegeben wurden, wird die Versuchung groß sein, die Ausgaben zu legitimieren durch das Installieren fragwürdiger KI-gestützter Technologien in eine Vielzahl kritischer Zusammenhänge - von der Datenreduktion bis zum Gefechtsfeld-Management“ (Dreyfus und Dreyfus 1986, p. 8).

4. Implikationen militärischer KI

Die klarste Verbindung des SCP besteht mit dem etablierten militärisch-industriellen Komplex (so benannt durch Präsident Eisenhower). Zahlreiche militärische Kommandostellen (16 bei der DARPA 1987, S.35 aufgelistet) und die Teilstreitkräfte (die Marines sind die Ausnahme) sind stark im SCP und anderen KI-Projekten involviert. Außerhalb des Pentagon ist das industrielle und akademische Engagement ebenfalls stark. In der Tat, wenn man die Reichweite der militärischen KI-Arbeit erkundet hat, ist klar, daß in der AK-Industrie und dem akademischen Bereich der Begriff „Abhängigkeit“ zutrifft. Das Problem ist, sorgfältig zu entwirren, was es heißt, daß akademische und kommerzielle KI-Forschung so vom US-Militär beherrscht werden.

Der gegenwärtige Boom der KI-Firmen und der neuen KI-Abteilungen kann in weiten Teilen auf die Aufrüstung zurückgeführt werden. Traditionelle Rüstungs-Vertragspartner haben entweder ihre eigenen KI-Abteilungen aufgebaut (TRW, Martin-Marietta, Lockheed, Boeing, Rockwell International, General Electric, Goodyear, McDonnell Aircraft, Texas Instruments, Mitre Hughes, GTE, General Dynamics und FMC) oder sich in kleinere Gesellschaften eingekauft.14 Eine Liste der SCP-Vertragsunternehmen 15 zeigt die Ausdehnung dieser Entwicklung sowie die Einbeziehung der meisten mittelgroßen KI-Firmen in die militärische Computerentwicklung und die Existenz vieler kleiner KI-Unternehmen, die von militärischen Aufträgen total abhängig sind.

Diese gleiche Entwicklung kann bei vielen akademischen KI-Programmen gefunden werden 16 ist eine bewußte Politik des Militärs, das hofft, die KI-Forschung für seine Bedürfnisse gestalten zu können.17 Einige Computer-Wissenschaftler haben hervorgehoben, daß die Militarisierung für die KI als Wissenschaft nicht günstig sei (Weizenbaum 1976, Winograd 1987). Als ein Punkt diesbezüglich sei erwähnt: Georgia Tech ist so stark zu einem militärischen Laboratorium geworden, daß nur Studenten mit Sicherheitsüberprüfungen voll an den Forschungen teilhaben können.18

Nicht nur die Entwicklung der industriellen und akademischen KI, die an militärischen Prioritäten ausgerichtet ist, auch die Politik und die Militärpolitik haben sich verstrickt, ja umgarnt mit Illusionen über Computerisierung. Es ist klar, daß im Fall fortgeschrittener Computertechnologie ein wirklicher Einfluß auf die Militärpolitik gegeben ist. Dies spiegelt sich in einigen gescheiterten Missionen wider (die Geisel-Rettungsaktion im Iran, die versuchte Ghaddafi-Ermordung,19 und in fortdauernden Illusionen nicht nur über begrenzte Kriege (Libanon Libyen, Zentralamerika, Persischer Golf), sondern auch über den Nuklearkrieg (Pringle & Arkin 1983, Ford 1985).

Einige dieser Verbindungen zu skizzieren, zeigt, daß weder technologischer Determinismus noch Technologie als Politikersatz die komplexe, selbstlaufende Dynamik des militärischen High-Tech-Systems heutzutage erklären können. Beides scheint zu stimmen, und doch können sie beide nicht vollständig die unerbittliche Ausweitung der Computer in alle militärischen Gefilde erklären, die ja selbst dann stattfindet, wenn sich diese Expansion als eindeutig ineffektiv oder kontraproduktiv erweist. Das legt nahe, daß es andere, tiefer liegende Rückkopplungen und Interaktionen geben muß, die noch nicht erklärt sind.

5. Andeutungen der militärischen KI

Das Projekt der KI - die Imitation und Simulation des Verstandes, der Wahrnehmung, der aktiven Intelligenz und von Teilen daraus - scheint die wesentlichen Eigenschaften zu haben, um es in das Zentrum vieler philosophischer Themen zu rücken. In dem Ausmaß, in dem die KI militarisiert ist, werden diese philosophischen Fragen zugleich politisch und militärisch, wie es einige Wissenschaftler gezeigt haben, hinsichtlich der Grenzen der Korrektheit (von Programmen) (Smith 1985) und der Unterschiede zwischen natürlichen und künstlichen Sprachen (Pullum 1987, Winograd 1987). In der Debatte über militärische KI werden die fundamentalen epistemologischen Sätze angefochten. In vielerlei Hinsicht kann die militärisch-akademisch-industrielle KI-Gemeinschaft als ein Macht/Wissen-Diskurssystem analysiert werden (wie durch Foucault 1980 definiert), geformt durch emotionale und politische Prozesse sowie durch wissenschaftliche und philosophische Argumente (Gray 1987 b).

Technologischer Wandel hat auch bedeutende Wirkung auf dieses diskursive System, wie es der Punkt der Definition des Menschlichen illustriert. Die Basis des menschlichen Selbstverständnisses scheint sich rapide zu ändern unter dem Einfluß der Computer (Turkle 1984), besonders in Richtung auf Bilder von Cyborg (des Computer-Menschen, des Homuter, d. Red.) (Haraway 1985). Paul Edwards hat gezeigt, wie eindeutig die Militarisierung der Informatik in dieser Hinsicht sein kann:

„(...) vielleicht am wichtigsten ist das Verständnis, in das sich das Wissen von uns selbst geändert hat durch die militärischen Zwecke, die hinter der KI-Forschung stehen. Das Wesen, das uns konzeptionell am nächsten angesiedelt ist, wird nicht länger, sagen wir Gott oder ein Affe sein, sondern ein wandelndes, redendes, elektromechanisches Waffensystem. Dieser neue Spiegel wird, wie diejenigen, die ihm vorausgingen, uns mit Metaphern versorgen, um unseren Platz in der Welt, uns selbst und uns gegenseitig zu verstehen.“ (Edwards 1985, p. 17)

Die Grenze zwischen Mensch und Maschine war niemals vage: sie beginnt sich zu verwischen wie die Grenze zwischen Wissenschaft und science fiction. Zum Beispiel haben sie bei Wrigth-Patterson AFB Menschen, die, als Teil der Arbeit zur Unterstützung der Piloten, so tun, als ob sie Computer seien - von denen wiederum angenommen wird, simulierten menschliche Experten.20 Während Anstrengungen zunehmen, Computer freundlicher oder humaner zu machen, gibt es zugleich die Anforderung, Menschen maschinengleicher zu machen - besonders im Krieg. Dies wiederum führt zum wachsenden Gebrauch von Maschinen und zu deren Engerverbindung mit den Soldaten (Hunt & Blair 1985), zur Anwendung von emotionsloser Sprache, von Hypnose und von Drogen, um Individuen im Krieg berechenbarer und kontrollierbarer zu machen (Weick 1985).

Diese Trends - zusammen mit der unglaublichen Steigerung in der Vernichtungsfähigkeit und der Vervollkommnung der Waffen (Geschwindigkeit, Reichweite, Stärke) des modernen Krieges - legen nahe, daß die grundlegende Wirkung von High Tech die Wandlung des Charakters des Krieges ist - wenn es überhaupt noch Sinn macht, dies Krieg zu nennen. Ist der Charakter des Menschen dabei, sich gleichermaßen zu verändern?

Dieser kurze Blick genügt, um zu zeigen, daß viele wichtige Konsequenzen nicht im geringsten bedacht sind. Im Sinne des Wortes wird diese Technologie unbewußt entwickelt, wie jedes andere Waffensystem, wie jede andere Quelle von Geschäften, Vergünstigengen und eventuell von militärischer Macht. Als Menschen, die denken, es kontrollieren zu müssen, müssen wir die verschiedenen Triebkräfte verstehen.

Der Komplex von Faktoren, die solchen Projekten wie dem SCP zugrunde liegen, deutet an, daß Einmischung auf verschiedenen Ebenen möglich ist: politisch, wissenschaftlich, philosophisch. Politisch, weil diese Programme politisch sind und sich ihre eigene Gefolgschaft in Industrie und in der akademischen Szene geschaffen (man kann auch sagen: gekauft) haben. Wissenschaftlich, weil viele der Anforderungen an militärische KI empirisch geprüft werden müssen. Waffensysteme müssen durch Wissenschaftler und militärische Nutzer streng, d.h. praxisnah beurteilt werden: Wenn sie nur anhand von Theorien (Modelle, Simulationen) oder von Teilsystemen bewertet werden, müssen sie als falsch beurteilt werden. Militärische KI muß zugleich philosophisch geprüft werden wegen ihrer direkten Wirkung auf die grundlegenden moralischen und ontologischen Kategorien der Menschheit.

Was entschieden werden muß, sind nicht die Grenzen des KI-Paradigmas, es sind unsere Zukunft, das Wesen des Menschen, die Wahrscheinlichkeit und die Natur des Krieges und der Konflikte jenseits des Krieges. Es ist nicht die Zukunft der KI, die auf dem Spiel steht, aber die der natürlichen Intelligenz.

Literaturhinweise

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Anmerkungen

1 Auf der Konterenz der AAAI (American Association for Artificial Intelligence) 1987 war das SCP Gegenstand der meisten offiziellen und inoffiziellen Diskussionen. Über 7000 Wissenschaftler haben erklärt, nicht an SDI mitarbeiten zu wollen, Computerwissenschaftler eingeschlossen. Eine explizite Kritik von SCP und SDI bei Parnas 1985, Ornstein et al. 1984.Zurück

2 Diese Irrtümer umfassen:

3 - entfällt  Zurück

4 Zahlreiche Beispiele bei Wayne Biddle, „How Much Bang For the Buck?“ Discover (September, 1986), pp. 50-66. Biddle kommt zu dem Schluß: „Unsere Waffen testen gegenwärtig so viele Computermodelle und -simulationen, daß niemand weiß, ob neue Waffen wirklich funktionieren.“ Zurück

5 Ein Thema, das in zahlreichen offiziellen Dokumenten bemüht wird; wie im SCP Report von DARPA und denjenigen der SDIO.Zurück

6 Im Jahr bevor Air Land Battle in die offizielle Doktrin inkorporiert wurde, berichtete der Army Science Board, daß es nötig sein würde, um ALB möglich zu machen, Hochtechnologien zu nutzen, bei denen die USA eine deutliche Führung hätten. Ein Forscherteam der Army drückte es so aus: „Zukünftige Gefechtskonzeptionen, wie Air Land Battle 2000 (...) basieren weitgehend auf Technologie.“ Siehe: DARCOM Lang Rangs Planning Team report. Trends and Their Implications for DARCOM During the next 2 Decades, ARMY RD & A Magazine. May-June 1984, p. 20 Zurück

7 James D. Lindberg (1984), The Army´s New Thrust Initiative Zurück

8 Dr. Richard Gomez and Capt. Michael Van Atta (1984), Air Land Battlefield Environment Thrust. Army RD & A Magazine. May-June, p.17 Zurück

9 Neben den bereits erwähnten Robotik-Programmen hat die DARPA Projekte für drei- und vierfüßige „Hüpfer“ und „Läufer“, die an der Carnegie-Mellon Universität gebaut werden, ein sechsfüßiges Wesen, das durch den Staat Ohio hergestellt werden soll, und Roboter-Greifhände, die an der Stanford-Universität und an der Universität von Utah entwickelt werden. Die Armee ist darüber hinaus interessiert an der Prüfung eines zivilen Sicherheitsroboters, der entworfen wird von Robot Defense Systems, Inc. „The Prowler“, die Luftwaffe halt Ausschau nach „Marvin“, dem Roboter, der für geringfügige Wartungsarbeiten, für die Reparatur von Laufstegen gebaut werden soll, aber auch für Gefechtsfeuer und das Nachladen, während eine Basis unter Beschuß steht. Von Experimenten der Marine mit ferngesteuerten optischen Systemen werden ebenfalls wichtige Anwendungen für das kommende Roboterdesign erwartet. Mehr Details über diese Programme und die Robotik-Aspekte von SCP in: „Robots Go To War“ von Robert B. Aronson, Machine Design. December 6. 1984, pp. 73-78, and Defense Electronics, September 1986, p. 54. Zurück

10 In Livermore gibt es relevante Computerforschung über optische, parallele und Super-Computer Sandia betreibt KI-Arbeit zur Zielauslese (target discrimination). S.: Aviation Week & Space Technology. March 11, 1985. Über die SCP-Arbeiten in den Jet Propulsions Labors und durch das National Bureau of Standards s.: SCP Third Annual Report. In Oak Ridge gibt es Arbeiten mit dem U.S. Army Human Engineering Laboratory, dem Air Force´s Wrigth Aeronautical Labor und für die SDIO. Siehe: Weibin, C. (1987), Intelligent-Machine Research at CESAR, The Al Magazine, Vol. 8. No. 1 S. 62-74. Zurück

11 Schließt ein IRS, DEA und den Secret Service u.a. Mehr über diese Programme, speziell beim FBI, in: Warren Richey, Smart Computers to Aid FBI´s Fight Against Crime. Christian Science Monitor March 5, 1986, p. 3 und Michael Schrage, Big Floyd. Software Special Agent. San Francisco Sunday Chronicie Examiner World Magazine. August 24, 1986, p. 15. Zurück

12 Zur sowjetischen Politik s. die US-Air-Force-Übersetzung des sowjetischen Textes: Concept, Algorithm, Decision, von V. V. Druzhinin und D. S. Kontorov, U.S. Printing Office, Sovjet Military Thought Series, No. 6, 1977 Informationen über die britische Forschung z.B. in den Vorträgen der Konferenz „Advances in Command Control and Communcation Systems: Theory and Applications“, 16-18. April 1985, publiziert von der Institution of Electrical Engineers, Exeter, Great Britain.Zurück

13 Zitiert in: Aviation Week & Space Technology, Feb. 17 1986, p. 49 Zurück

14 Auf diesem Feld haben sich eingekauft Ford (Inference Co. and Carnegie Group), Raytheon (LISP Machines), Proctor-Gamble (10 % of Teknowledge) und General Motors (Hughes und 10 % von Teknowledge). Zurück

15 Firmen mit laufenden Vertragen im Rahmen des SCP sind: Martin Marietta, FMC General Dynamics, Advanced Decision Systems, Vitalink, Computer Systems Management, Texas Instruments, Computer Corporation of America, Lockheed, McDonnell Aircraft, MITRE, Intellicorp, Bolt Beranek and Newman, Cognitive Systems, LOGICON, Titan Systems, The BDM Corporation, Science Applications International, Symbolics, Mark Ressources, MRJ Inc., The Analytic Science Corporation, Northrop, Hughes, AVCO Research Laboratories, SRI International, General Electric, Fairchild, Dragon Systems, System Development Corporation, USC-Information Science Institute, Teknowledge, Thinking Machines, Incremental Systems Kestrel Institute, Trusted Systems, Honeywell, Rockwelt International, Westinghause Electric, Optivision, Sperry Computer Systems, Sparta Incorporated und Cyberoptics Corporation. Zurück

16 Eine Liste der Universitäten mit Forschern, die SCP-Verträge akzeptieren, zeigt, wie breit die Unterstützung ist: Carnegie-Mellon University, University of Maryland, University of Massachusetts, University of Southern California, Massachusetts Institute of Technology, University of Rochester, University of Pennsylvania, Columbia University, New York University, Ohio State University, Stanford University, Yale University, University of Minnesota, Georgia Institute of Technology, University of California at San Diego, Brown University, University of California at Los Angeles, University of Cincinnati, University of Houston, Northwestern University, City University of New York, Columbia University, Universityof California at Berkeley, Princeton University, California Institute of Technology.Zurück

17 In einer Aussage vor dem Kongreß bestätigte Dr. Robert Cooper, Leiter der DARPA zu dieser Zeit, daß sein Büro die Vervierfachung der Zahl der unterstützten KI-Studenten plane. 1986 betrug die Zahl 500. Er sagte: „Wir wollen eine neue Generation von Computerwissenschaftlern entwickeln, die mit militärischer Technologie umgehen und die kompetente KI-Experten sind.“ Hearings on H. R. 1872, Part 4, March-April 1985, U.S. Gouvernment Printing Office, p. 648. Zurück

18 Über die Politik von Georgia Tech berichtet David Sanger in seinem Artikel „Campuses Role in Arms Debated“, in: New York Times, 22.7.1985, p. 1: Das Georgia Tech Forschungsinstitut auf dem Gelände des Georgia Institute of Technology führt in diesem Jahr gesponsorte Forschung im Wert von 60 Millionen Dollar durch; 80 % werden von der Regierung finanziert. Seit 1976 hat sich der Zufluß der Mittel aus dem Defense Department verneunfacht, angespornt in großem Maße durch die Bereitschaft des Instituts, klassifizierte (der Geheimhaltung unterliegende) Arbeiten durchzuführen. Im Unterschied zu anderen Universitäten läßt das Institut die Überprüfung der „Zuverlässigkeit“ (security clearances) der Studenten zu, damit sie an der Arbeit teilnehmen können. „It´s just another union card“, sagt James C. Wiltse, associate director des Instituts. Zurück

19 Vier der neun lasergesteuerten Systeme versagten bei dem genau geplanten Angriff der F-III´s, die Ghaddafi und seine Familie töten sollten: ihre smart bombs gingen in die Irre. Siehe: Seymour Hersh, „How the U.S. plotted to kill Gadhafi.“ San Jose Mercury News (Feb. 22, 1987), p. 1 Zurück

20 Kenneth J. Stein, Humans Simulate Computer Logic in Expert System Project. In: Aviation Week & Space Technology, 22. April 1985, p. 73 Zurück

Chris Hables Gray, Computerwissenschaftler an der University of California at Santa Cruz.

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