in Wissenschaft & Frieden 1987-4: 1987-4

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Betr.:Beteiligung der Bundesrepublik Deutschland an der US-amerikanischen Weltraumstation und am Bau der westeuropäischen Raumfähre HERMES

Offener Brief an die Bundesregierung und an den ESA Rat

von Friedens- und KonfliktforscherInnen

Sehr geehrte Damen und Herren,

im Herbst dieses Jahres haben die Bundesrepublik und die ESA mehrere schwerwiegende Entscheidungen über die Inangriffnahme bzw. die Beteiligung an Großprojekten bemannter Raumfahrt zu treffen. Im Winter 1984 hatte der US-amerikanische Präsident Reagan die westeuropäischen Staaten eingeladen, sich an Bau und Betrieb einer bemannten Weltraumstation zu beteiligen. Grundlage sollte der Gedanke gleichberechtigter internationaler Partnerschaft sein. Zudem drängt seit längerem Frankreich dazu, einen eigenen westeuropäischen Raumgleiter HERMES zu bauen, um in der Weltraumfahrt langfristig eine westeuropäische Eigenständigkeit realisieren zu können.

Beide Projekte beinhalten Weichenstellungen von außerordentlichem wirtschafts-, technologie-, friedens- und außenpolitischen Gewicht. Sie binden über Jahre hinweg staatliche und industrielle Ausgaben, hinter denen andere forschungspolitische und ökonomische Aufgaben zurückstehen müssen. Ihre Größenordnung (mit jeweils zweistelligen Milliardensummen) verlangt eine besonders sorgfältige Abwägung.

Die Unterzeichner aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gewerkschaften sind über Sinn oder Unsinn bemannter Raumfahrt durchaus unterschiedlicher Auffassung. Sie eint allerdings die Erkenntnis, daß gegenwärtig weder die US-amerikanische Raumstation mit ihrem westeuropäischen Modul COLUMBUS noch die westeuropäische Raumfähre HERMES befürwortet werden kann. Nach der Challenger-Katastrophe im Januar 1986 sind für uns die Argumente gewichtiger geworden, großtechnologische Projekte nicht nur nach dem Aspekt der Machbarkeit zu beurteilen, sondern auch nach ihrer Verantwortbarkelt, ihrem erkennbaren sozialen und gesellschaftlichen Nutzen und ihren vielleicht ungewollten Nebenfolgen für andere politische Aufgaben.

Gegen die US-amerikanische Weltraumstation bzw. die westeuropäische Beteiligung mit COLUMBUS sprechen folgende Gesichtspunkte:

  1. In allen bisherigen Verhandlungen haben die USA klar zu erkennen gegeben, daß sie die Raumstation (auch) für militärische Zwecke nutzen wollen. Wie die Fletcher-Kommission ausgeführt hat, spielen die Erfahrungen mit dem Aufbau der Raumstation eine wichtige Rolle für das SDI-Programm, da für den Bau und die Wartung raumgestützter Waffen ähnliche Werkstätten wie in der Raumstation benötigt werden. Nach der Challenger-Katastrophe besteht zudem verstärktes Interesse, SDI-Experimente, die ursprünglich mit den Space Shuttles gemacht werden sollten, nun auf der Raumstation auszuführen. Die Vereinbarung der ESA mit der NASA zur Nutzung der Raumstation („Nutzung für friedliche Zwecke in Übereinstimmung mit internationalem Recht") ist vollkommen unzureichend. Im Anhang wird sogar ausdrücklich festgelegt: „Such utilization may include national security use.“ Das heißt im Klartext: Auch militärische Experimente sind erlaubt, wie zum Beispiel der Test von Zielortungs- und Zielverfolgungssystemen. Wir möchten daran erinnern, daß mit einer ähnlichen Formulierung das Pentagon westeuropäische Raumtechnologie (IPS, Spacelab, SPAS) für SDI-Experimente eingesetzt hat oder dies beabsichtigt. Eine westeuropäische Beteiligung an der Raumstation ohne striktes Verbot jeglicher militärischer Experimente stellt eine Unterstützung des SDI-Programms dar und ist unserer Meinung nach unvereinbar mit der Satzung der ESA, die der friedlichen Weltraumfahrt verpflichtet ist.
  2. Die bisherigen Diskussionen und die Details der Weltraumstation werfen erhebliche Zweifel daran auf, ob diese tatsächlich ein Projekt gleichberechtigter internationaler Partnerschaft werden kann. Diese Zweifel werden nicht nur durch die Erfahrungen mit dem Spacelab und der D-1-Mission gestützt, sondern auch durch die unterschiedlichen, ja zum Teil gegensätzlichen Interessen zwischen den USA einerseits und den anderen beteiligten Staaten hinsichtlich der Aufteilung der Betriebskosten, der Energieversorqung, der Rechtsgrundlagen, der Auswertung der Patente und der unterschiedlichen Nutzungsinteressen in den verschiedenen Elementen der Weltraumstation.
  3. Das Großprojekt Raumstation droht finanziell zu einem Faß ohne Boden zu werden. Waren 1984 acht Milliarden Dollar angegeben worden, wird heute offiziell mit Kosten in der Höhe von ca. 16 Milliarden gerechnet. Andere Berechnungen liegen weit darüber. Der National Research Council der USA hat 32,5 Mrd. Dollar veranschlagt.

Auch beim Bau einer westeuropäischen Weltraumfähre HERMES ist gegenwärtig nur eines klar, nämlich daß diese zum Zeitpunkt ihrer Indienststellung Ende der neunziger Jahre technologisch veraltet sein wird. Die für HERMES vorgebrachten Motive beruhen entweder auf ungesicherten Spekulationen wie der Hoffnung auf ökonomische Vorteile bemannter Weltraumfahrt oder aber zielen ab auf die westeuropäische Weltraummacht, die erst durch eine entsprechende Autonomie das Ansehen in der Welt genieße, das bislang den anderen Weltraumgroßmächten vorbehalten sei. Bei näherem Hinsehen finden sich hinter diesen „außen- und sicherheitspolitischen“ Begründungen unverhohlen militärische Hintergedanken, die von Überwachungs- und Kommunikationssatelliten bis zur Erprobung von neuen Technologien für ein europäisches SDI reichen. Sie laufen damit über kurz oder lang auf eine Beteiligung an der Bewaffnung des Weltraums hinaus.

Einer derart gestalteten westeuropäischen Autonomie in der bemannten Weltraumfahrt können wir jedoch nichts abgewinnen.

Finanzieller und ökonomischer Aufwand, gegenwärtig absehbarer forschungs- und technologiepolitischer Ertrag sowie der drohende militärische Mißbrauch von Projekten einer solchen Größenordnung weisen vielmehr auf die Notwendigkeit hin, in der gesamten Weltraumforschung zu einer die existierenden Militär- und Wirtschaftsblöcke übergreifenden Kooperation zu kommen.

Schließlich sehen wir bei den Großprojekten COLUMBUS und HERMES eine Kostenlawine auf die bundesdeutschen und westeuropäischen SteuerzahlerInnen zukommen, die unweigerlich eine Prioritätensetzung für fragwürdige Großprogramme und gegen andere wichtige gesellschaftspolitische Aufgaben auf der Erde bei der Gestaltung humaner Lebens- und Umweltbedingungen, aber auch bei den wissenschaftlichen Weltraumprogrammen (Ulysses, Galileo) zur Folge haben wird. Allein die Kostensteigerungen in den Vorbereitungsprogrammen für ARIANE V, COLUMBUS, HERMES von 247 Millionen DM (1986) auf 502 Mio. DM (1987) sprechen eine deutliche Sprache.

Alternativ zum Bau der Weltraumfähre HERMES sollte sich Westeuropa auf Projekte der unbemannten Raumfahrt konzentrieren und sich in der bemannten Raumfahrt auf eine Kooperation mit den USA und der Sowjetunion beschränken. Insbesondere die Möglichkeiten einer Beteiligung an dem sowjetischen bemannten Raumfahrtprogramm sind bisher in keiner Weise ausgelotet worden. Westeuropa sollte nicht die Konkurrenz im Weltraum verstärken, sondern eine Vorreiterrolle bei internationalen Projekten spielen, deren Prinzip die Kooperation ist.

Wir fordern Sie daher eindringlich auf, den Weltraumprojekten COLUMBUS und HERMES jetzt ihre Zustimmung zu versagen.

Erstunterzeichner:

Dr. Georg Ahrweiler, Wissenschaftssoziologie, Univ. Münster
Dr. Jürgen Altmann, Physik/Friedensforschung, Düsseldorf
Josef Asdonk, Univ. Bielefeld
Dipl. Ök. Wolfgang Bruchmann, Fraktionsmitarbeiter der GRÜNEN im Bundestag
Dr. Christoph Butterwegge, Soziologie, Univ. Bremen/Duisburg
Prof. Dr. Hans-Peter Dürr, Physik, München
Dr. Joachim Eisbach, Wirtschaftswissenschaften, Univ. Bielefeld
Dr. Dieter Engels, Astronomie, Sternwarte Hamburg
Prof. Dr. Reinhold Franck Informatik, Univ. Bremen
Dipl.-Biol. W. Friedrich, Biologie, Univ. Bielefeld
Gerd Greune (DFG/VK)
Prof. Dr. Hans-Jürgen Kreowski, Informatik, Univ. Bremen
M. Munstermann, Univ. Bielefeld
Dieter Rinke, Biologie, Univ. Bielefeld
Dipl.-Phys. Jürgen Scheffran, Univ. Marburg
Dr. Henning Schierholz, Jugendbildung an der Ev. Akademie Loccum
Dr. Friedemann Schmithals, Univ. Bielefeld
Prof. Dr. R. Sossinka, Biologie, Univ. Bielefeld
Ernst-Christoph Stoiper (Deutsche Jungdemokraten)
Dr. Guido Tolksdorf, Soziologie, Univ. Bielefeld
Dietrich Wetzel, MdB Die Grünen, Bonn
Dr. Johannes Weyer, Soziologie, Univ. Bielefeld
Gregor Witt (DFG/VK)
Andreas Zumach (Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste)

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