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Budgetentwicklung des SDI-Programms

von Christopher Cohen

In der Analyse der SDI-Budgetentwicklung von Fiskaljahr (FJ) 1984 bis FJ 1987 lassen sich vier Haupttendenzen feststellen

1. Steigende Ausgaben für SDI

Die Ausgaben für SDI sind seit Beginn des Programms im FJ 1984 kontinuierlich, aber mit unterschiedlichen Steigerungsraten gestiegen. In den vier Haushaltsjahren sind insgesamt $ 9,3 Mrd. aus staatlichen Mitteln für SDI aufgebracht worden, $ 8,4 Mrd. im SDI-Budget des Verteidigungsministeriums (DoD) und $ 0,9 Mrd. aus Mitteln des Energieministeriums (DoE).

Die Steigerungsraten von 45 % im FJ 1985, 89 % im FJ 1986 und 16 % im FJ 1987 haben eine Verdreifachung des Budgets gegenüber FJ 1984 bewirkt.

Mit der Erhöhung des SDI-Budgets um 89 % im FJ 1986 – fast eine Verdoppelung gegenüber FJ 1985 – hat das SDI-Projekt im Vergleich zu früheren ABM- und Laserforschungsprogrammen einen qualitativen Sprung gemacht.

SDI ist mit jährlich weit über die Inflationsrate steigenden Budgets, Gesamtausgaben innerhalb von vier Jahren von mehr als $ 9 Mrd. und einem wachsenden Anteil an staatlich finanzierter Forschung nicht nur zum wichtigsten Forschungs- und Entwicklungsprojekt, sondern auch zum größten Rüstungsprogramm der USA avanciert.

Tabelle 1: SDI-Budget Fiskaljahr 1984-1987 in Mio. $
Bereich 1984 1985 1986 1987 Total
SATKA 367 546 847 911 2.671
DEW 323 376 803 844 2.346
KEW 196 256 596 730 1.778
SA/BM 83 99 212 387 781
SLKT 24 112 217 338 691
SDIO 1 8 13 20 42
Mil. Constr. 3 10 13
DoE an DoD* 62 62
Shuttle** 14 14
DoD-Total 993 1.397 2.753 3.253 8.396
DoE 117 210 282 317 926
Total 1.110 1.607 3.035 3.570 9.322
(Rundungsabweichungen möglich); * 1986 überließ das DoD dem DoE 62 Mio. $ seiner SDI-Mittel zur zusätzlichen Finanzierung der Entwicklung des Röntgenlasers.** 1987 werden 14 Mio. $ im SDI-Budget für die technische Überholung des Space Shuttle aufgebraucht. Zusammengestellt nach: Department of Defense (Hrsg.), Report to the Congress on the Strategic Defense Initiative. 1885, Washington D.C., 1985, S. 29 ff.; Department of Defense (Hrsg.), Report to the Congress on the Strategic Defense Initiative 1987, Washington D.C., 1987, S. F-1 ff.; „SDI Budget Reques“ in: Aviation Week & Space Technology, 9.März 1987, S. 38 f.

2. Steigende Kürzungen der Budgetansätze

Parallel zu den insgesamt steigenden SDI-Budgets läßt sich eine gegenläufige Tendenz wachsender Kürzungen an den Budgetanstzen des Pentagon erkennen.

Im FJ 1985 strich der Kongreß 19 % ($ 380 Mio.), im FJ 1986 24 % ($ 969 Mio.) und im FJ 1987 34 % ($ 1.837 Mio.) der beantragten Mittel für SDI. Insgesamt wurden von FJ 1985 bis FJ 1987 $ 3,186 Mrd. (28 %) aus den Budgetansätzen für SDI nicht bewilligt. Durch die Kürzung der Budgetansätze um mehr als ein Viertel hat der Kongreß erreicht, daß das ursprüngliche Ziel, bis FJ 1990 $ 33 Mrd. für SDI aufzubringen, nicht mehr erreichbar ist und das SDI-Projekt verändert werden muß.

Tabelle 2: SDI-Budgetforderungen und -kürzungen, Fiskaljahr 1985-1987 in Mio. $
Jahr Budget- forderung DoD Budget- forderung DoE Congress- kürzung DoD Congress- kürzungDoE Congress- kürzung Total bewilligt Total
1985 1.777 210 380 380 1.607
1986 3.722 282 969 969 3.035
1987 4.802 605 1.549 288 1.837 3.507
Total 10.301 1.097 2.898 288 3.186 8.212
Eigene Berechnungen

3. Veränderung der Anteile der fünf Hauptprogrammbereiche

Die SDI-Organisation hat aufgrund der Kürzungen der Budgetansätze und der teilweise unbefriedigenden technologischen Ergebnisse im Verlauf des SDI-Programms zwei gravierende Verlagerungen der Schwerpunkte zwischen den Programmbereichen vorgenommen.

Die erste Umstellung erfolgte nach den Kürzungen am Budgetansatz für FJ 1986. Der Programmbereich SATKA erfuhr eine starke Streichung seiner Ansätze. Die sich hier in der Entwicklung befindenden Technologien zur Überwachung, Zielortung und -verfolgung, die notwendige Grundvoraussetzung eines funktionierenden Gesamt-Raketenabwehrsystems sind, erhielten eine niedrigere Priorität.

Demgegenüber wurden die Programmbereiche DEW und KEW zur Entwicklung der Waffentechnologien in ihrer Bedeutung heraufgestuft. Insbesondere der Anteil der Laser- und Teilchenstrahlentechnologien, die große Fortschritte erwarten ließen, wurde ausgebaut.

Die Höhergewichtung der konkreten Waffentechnologien und die Zurückstufung der Sensortechnologien markieren den ersten Wandel des SDI-Projekts, der eine stärkere Konzentration auf einzelne, kurzfristig verfügbare Technologien und das Ziel einer frühzeitigen Stationierung erster SDI-Einzelkomponenten andeutete.

Die zweite Umstellung der SDI-Programme ist nach den Kürzungen am SDI-Budgetansatz FJ 1987 erfolgt und soll in den kommenden beiden Haushaltsjahren ihre Fortsetzung finden.

Der für ein umfassendes Raketenabwehrsystem wichtige Programmbereich SATKA verliert weiterhin an relativem Gewicht. Darber hinaus wird der Anteil des Laser- und Teilchenstrahlenbereichs DEW gekürzt, während der Anteil der „konventionellen“ Waffentechnologien (KEW) nahezu konstant bleibt.

Die Anteile der Programmbereiche SA/BM und SLKT, in denen im Verlaufe des SDI-Programms bislang unterschätzte Probleme aufgetreten sind, erfahren hohe Steigerungen ihrer relativen Anteile an den SDI-Gesamtausgaben.

Im Bereich SA/BM bereitet die Entwicklung der Befehls-, Kontroll- und Kommunikationssysteme, insbesondere deren Computersoftware, mehr Schwierigkeiten als erwartet. Im Bereich SLKT gewinnen die Programme zur Entwicklung geeigneter Energie- und Transportsysteme eine immer höhere Bedeutung.

Die zweite Umstellung des SDI-Projekts läßt längerfristige Optionen in den Bereichen SATKA und DEW gegenüber möglicherweise kurzfristig zu stationierenden SDI-Komponenten und Unterstützungstechnologien aus den Bereichen KEW, SA/BM und SLKT in den Hintergrund treten.

4. Steigende Anteile der Demonstrations- und Testprogramme

Deutlicher als bei der Verteilung der SDI-Mittel auf die Programmbereiche wird der Drang zu frühzeitigen Stationierungsoptionen in der Analyse der Verteilung der SDI-Mittel auf die verschiedenen Forschungsstadien sichtbar.

Die Tendenz ist eindeutig: während im FJ 1984 noch 29 % der SDI-Mittel in Grundlagenprogramme und 42 % in Programme der fortgeschrittenen Entwicklung flossen, waren es im FJ 1986 nur 18 % bzw.33 %.

Demgegenüber stieg der Anteil der Demonstrations- und Testprogramme von 29 % im FJ 1984 auf 49 % im FJ 1986. Diese Tendenz hat sich im FJ 1987 noch verstärkt und soll sich in den kommenden Fiskaljahren fortsetzen. Es manifestiert sich die Entscheidung des Pentagon, an dem ursprünglich angestrebten Zeitplan trotz Kürzungen der Budgetansätze festzuhalten. Die Grundlagen- und fortgeschrittenen Entwicklungsprogramme werden stärker von den Streichungen im Budgetansatz betroffen als die Demonstrations- und Testprogramme. Diese sollen fahrplanmäßig in den frühen neunziger Jahren zu Ende gebracht werden, um die Grundlage für die Produktions- und Stationierungsentscheidung zu bilden.

Im Ergebnis läßt sich festhalten, daß die Reife einzelner Komponenten eines SDI-Raketenabwehrsystems und nicht die Realisierbarkeit des Gesamtsystems dieser Entscheidung zugrunde liegen wird.

Abkürzungen

SATKA – Surveillance, Acquisition, Tracking and Kill Assessment (Überwachung, Datenerfassung und -verarbeitung, Bahnverfolgung und Bewertung der Abfangergebnisse)

DEW – Directed Energy Weapons (Laser- und Teilchenstrahlenwaffen)

KEW – Kinetic Energy Weapons (Kinetische Energie „konventionelle“ Waffen)

SA/BM – Systems Analysis/Battle Management (Systemanalyse und Gefechtsfühnung)

SLKT – Survivability, Lethality and Key Technologies (Überlebensfahigkeit, Zerstörungsfähigkeit und Schlüsseltechnologien)

DoE – SDI-Budget des Energieministeriums

Christopher Cohen ist Politikwissenschaftler in Hamburg.

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