in Wissenschaft & Frieden 1987-3: Der mühsame Weg zur Abrüstung ...

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Fallbeispiel: Marschflugkörper

von Mario Birkholz

Wenn von Rüstungsforschung die Rede ist, kommt das Gespräch schnell auf die USA und dortige Projekte zu sprechen. Die Rüstungsforschung der Bundesrepublik ist zumeist weithin unbekannt und mangels Informationen selten Gegenstand von Diskussionen. Der verbreitete Mangel an Fakten dürfte zum einen mit einer Tabuisierung des Themas zusammenhängen und zum anderen aber auch damit, daß sich Kritik viel eher an atomaren Erstschlagwaffen entzünden kann als an konventionellen Systemen. Dennoch findet auch in unserem Land die Entwicklung von Waffen statt, die vor allem für offensive Angriffskonzepte taugen. Die grobe Struktur der bundesdeutschen Rüstungsforschung und eines mit dieser kritikwürdigen Projekte werden im folgenden geschildert.

Der größte Teil der bundesdeutschen Rüstungsforschung findet in Firmen wie Siemens 1, MBB, Dornier, MTU, Kraus Maffai, Krupp MaK, Krupp Atlas Elektronik, AEG 2 usw. statt. In diesem Bereich, in dem es weniger um Forschung als um direkte Waffenentwicklung geht, dürften einige Tausend, wenn nicht gar Zehntausende Naturwissenschaftler, Techniker und Ingenieure beschäftigt sein. Daneben gibt es eine Reihe von Institutionen, die unter staatlicher Kontrolle stehen und die Aufgabe haben, in einem Mischbereich zwischen Forschung und Entwicklung die Waffenentwicklung in der Industrie zu unterstützen. Wahrscheinlich dienen sie der Regierung auch dazu, einen gewissen Einblick in die privaten Rüstungsbetriebe zu erlangen und damit ein Minimum an Kontrolle über diese Firmen zu haben, die erhebliche Steuermittel für ihre Arbeit beanspruchen.

Laut offizieller Auskunft 3 sind diese halbstaatlichen Institutionen

  1. die Forschungsgesellschaft für Angewandte Naturwissenschaft (FGAN) und
  2. Deutsche Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DFVLR),
  3. das Deutsch-Französische Forschungsinstitut Saint-Louis (ISL),
  4. die Fraunhofer-Gesellschaft zur Förderung der Angewandten Wissenschaften (FhG) und
  5. die Forschungsanstalt für Wasserschall und Geophysik (FWG).

Die unter 1., 3. und 5. genannten Institutionen arbeiten ausschließlich für Zwecke der Rüstungsforschung, die DFVLR wird lediglich zu rund 13 % vom Bundesminister der Verteidigung 4 finanziert und bei der FhG sind es nur sechs von insgesamt 26 Instituten, die laut Bundeshaushaltsplan „überwiegend anwendungsnahe Aufgaben von wehrtechnischem Interesse bearbeiten.“5 Bei einer vollständigen Aufzählung der staatlichen Rüstungsforschung wären außerdem noch die Forschungsabteilungen der Bundeswehrhochschulen in Hamburg und München und das Naturwissenschaftliche Institut der Bundeswehr in Münster zu nennen. Doch sind beide nach den vorliegenden Informationen nicht an Waffenentwicklungen beteiligt. Dem letzteren obliegt begrüßenswerterweise sogar die Verbrennung alter Giftgasbestände aus dem 1. und 2. Weltkrieg, also eine echte Abrüstungsaufgabe.

Im folgenden soll ein einzelnes Rüstungsforschungsprojekt der DFVLR vorgestellt werden. Es handelt sich dabei um…6 7

Marschflugkörper großer Transportleistung

Schon seit vielen Jahren erwähnen die Jahresberichte der DFVLRs regelmäßig ein Projekt mit diesem Namen. Den detaillierten DFVLR-Ergebnisberichten ist zu entnehmen, daß dieses Rüstungsforschungsprojekt als Vorhaben 632 im Schwerpunkt 2 (Luftfahrzeuge) abgewickelt wurdet. 1982 fand eine Umstrukturierung einzelner DFVLR-Programme statt, und die Marschflugkörperforschung wurde in den letzten Jahren dem Vorhaben 742, Steigerung der Leistung und Manövriereigenschaften von Flugkörperantrieben, Schwerpunkt 3 (Turboantriebe und Strömungsmaschinen) zugeordnet. Über all die Jahre wird eine Zusammenarbeit mit Rheinmetall, MBB und dem Institut für Raumfahrtantriebe der Universität Stuttgart ausgewiesen. 1978 wurde auch ein „wissenschaftlicher Kontakt“ zur Firma Dornier und der TU Darmstadt angezeigt.

Abgewickelt wurde das Projekt zum einen in der Hauptabteilung Windkanäle der DFVLR in Göttingen und zum anderen im Institut für Chemische Antriebe und Verfahrenstechnik in Lampoldshausen. Daran zeigt sich die Hauptstoßrichtung der Arbeiten, die vor allem auf die Entwicklung eines Triebwerks und eine aerodynamische Formgebung des Flugkörpers abzielen. Ohne direkten Bezug auf das Marschflugkörperprojekt arbeitet die DFVLR an weiteren Technologien, die dafür außerordentlich relevant sind: Verringerung des Flugkörpergewichts durch Verwendung neuer Materialien wie Kohlefaserverstärkte Kunststoffe und Erforschung leistungsfähigerer Treibstoffe, sowie Entwicklung moderner Navigationsverfahren (Laserkreisel, NAVSTAR-Signal-Empfänger, Kalman-Filter) und Sensoren zur Verbesserung der Treffgenauigkeit.

Marschflugkörper sind aus militärischer Sicht interessant, weil sie die gesamte Flugphase über in der Atmosphäre verbleiben und so den Luftsauerstoff zur Verbrennung nutzen können, während ballistische Raketen neben dem Treibstoff noch den sogenannten Oxidator mitführen müssen. Sie machen damit erhebliche Gewichtseinsparungen möglich. Für die Konstruktion des Triebwerks bedeutet das, daß über einen Ansaugstutzen Luft in die Verbrennungskammer des Flugkörpers eingeführt werden muß. Erfolgt die Luftzufuhr entgegen der Flugrichtung, baut sich automatisch ein ausreichend hoher Druck in der Brennkammer auf, um genügend Schubkraft zu erzeugen. Aufwendige und gewichtsverbrauchende Pumpen, die den Treibstoff in die Brennkammer einzuspritzen hätten, entfallen somit. Das ist das Prinzip des Staustrahltriebwerks. Die erste jemals gebaute Staustrahlrakete der Welt war eine der „Geheimwaffen des Führers“, die Vergeltungswaffe 1, oder auch kurz V1.

Die Entwicklungsarbeiten der DFVLR für die Marschflugkörper-Technologie betrafen im einzelnen die folgenden Bereiche:

  1. Untersuchung

    • nahezu aller wesentlichen Antriebsprobleme
    • Steigerung des spezifischen Impulses, speziell durch Bor-, Bor-Lithium- und Metallzusätze des Treibstoffs
    • Konfigurierung von Hybrid- und Kombinationstriebwerken
    • Untersuchung des Abbrennverhaltens
    • Zündungs- und Stabilitätsfragen des Abbrands
  2. Schubvektorregelung

    • Regelung der Größe durch Drosselung der Brennstoffzufuhr
    • Regelung der Richtung durch Injektion eines Sekundärstrahls in den Triebstrahl
  3. Theoretische und experimentelle Strömungsmechanik

    • Berechnung des Strömungswiderstands verschiedener Formen des Ausgangsstupfens und der Heckform, Untersuchung der Aufheizung des Hecks durch den Treibstrahl und Messung entsprechender Parameter im Windkanal.

Die Forschung von heute als die Rüstung von morgen?

Die Arbeiten eines bundesdeutschen, halbstaatlichen Forschungsinstituts an Marschflugkörpern müssen allen Menschen Sorge bereiten, die an Abrüstung und Entspannung in Europa interessiert sind. Für die Zukunft könnten diese Projekte in eine Richtung weichenstellend sein, die kaum zum Abbau der Ost-West-Konfrontation beitragen wird. Am besorgniserregendsten erscheint in diesem Zusammenhang die Tatsache, daß 1995 der Atomwaffensperrvertrag ausläuft (wenn die Unterzeichnerländer nicht beschließen, ihn zu verlängern) und daß derartige Waffenentwicklungen von heute in die Trägersysteme einer deutschen Atombombe von morgen münden könnten. Erinnert sei an eine Äußerung des FDP-Politikers Ralf Dahrendorf, der 1982 sagte: „Und diese europäische Beteiligung verlangt – das müssen wir unweigerlich anpacken – die Frage des deutschen Fingers am nuklearen Drücker. Da hilft alles nichts, und da ich kein Amt habe, kann ich das unbefangen sagen.“8

Derartige Äußerungen sind wenig angetan, den Glauben in die Kraft des Atomwaffensperrvertrages zu stärken, ebensowenig wie die Tatsache, daß 1974 ein Großteil der damaligen CDU/CSU-Fraktion die Zustimmung zum Vertrag verweigerte und darunter auch Politiker waren, die heute hohe Regierungsämter innehaben. Doch nicht nur sich selbst als christlich bezeichnende Politiker zeigten deutliches Interesse an einer Atomwaffe unter deutscher Kontrolle, auch die Mitglieder der sozialliberalen Regierung konnten sich bei der Inkraftsetzung des Atomwaffensperrvertrages 1975 nicht eindeutig vom Wunsch nach einer Verfügungsgewalt über solche Waffen lossagen. In der Erklärung der Bundesregierung anläßlich der Hinterlegung der Ratifikationsurkunde zum Nicht-Verbreitungsvertrag heißt es: „Die Regierung der Bundesrepublik Deutschland (…) 3. erklärt, daß keine Bestimmung des Vertrages so ausgelegt werden kann, als behindere sie die weitere Entwicklung der europäischen Einigung, insbesondere die Schaffung einer Europäischen Union mit entsprechenden Kompetenzen (…).“9 Diese Zusatzerklärung heißt in der Sprache der Völkerrechtler Vorbehalt und hat leider rechtliche Gültigkeit. Der Bundesrepublik wäre somit die Beteiligung an einer europäischen Atomstreitmacht erlaubt. Alle Regierungen unserer jungen Republik haben sich also eine Atombewaffnung der Bundeswehr oder wenigstens ein deutsches Mitspracherecht an einer multilateralen Atomstreitmacht offen gehalten. Solange das der Fall ist, muß die Entwicklung von potentiellen Atomwaffen-Trägersystemen – wie die von DFVLR mitentwickelten Marschflugkörper – auf den Widerspruch der Friedensbewegung stoßen.

Durch solche Flugkörper wird aber auch der Erfolg der sich augenblicklich abzeichnenden Null-Null-Lösung bei atomaren Mittelstreckenraketen in Frage gestellt. Denn Marschflugkörpern ist äußerlich weder die Art ihrer Bewaffnung (atomar, konventionell oder chemisch) noch ihre Reichweite anzusehen 10. Wie sollte ein abzuschließender Vertrag überprüft werden, wenn in Europa neue Marschflugkörper stationiert werden, von denen nicht festzustellen wäre, ob es sich um Atomwaffen handelt?

Neben der atomaren ist es aber auch die konventionelle Dimension, die Besorgnis erregen muß. Langreichweitige Flugkörper gehören notwendigerweise in die neue NATO-„Verteidigungs“doktrin, die mit den Namen Air-Land-Battle und Rogers-Plan umschrieben wird und die im Falle eines Krieges in Europa „tiefe Schläge in das Hinterland des Gegners“ vorsieht, „zur Bekämpfung der 2. und 3. Staffel des Angreifers“. Im November 1984 wurde dieses Konzept unter der Bezeichnung „Follow-On-Forces-Attack“ (FOFA) durch die Verabschiedung eines entsprechenden Dokuments auf NATO-Botschafter-Ebene offizielle Doktrin der NATO 11. Bis heute werden der genaue Beschluß und Details der neuen Doktrin geheimgehalten, um die 1983 um Air-Land-Battle entbrannte Diskussion nicht weiter zu entfachen.

Nach den vorliegenden Dokumenten 12 sollen unterschiedlichste Marschflugkörper für das FOFA-Konzept eingesetzt werden, um mit konventioneller Munition bewaffnet strategische Punktziele (Brücken, Straßenkreuzungen und Eisenbahnknotenpunkte) und Flächenziele (Panzerverbände, Start- und Landebahnen) im Hinterland des Gegners zu bekämpfen. Als problematisch an dieser Strategie wird gesehen, daß wieder einmal vorgegeben wird, durch Aufrüstung mehr Sicherheit zu schaffen, tatsächlich dadurch aber das Gefühl der Bedrohung auf der Gegenseite vergrößert wird und die neue Strategie in Krisen nicht konfliktmindernd, sondern -verstärkend wirken würde. Augenblicklich zeichnen sich schon einzelne konventionelle Rüstungsprojekte ab, bei denen die von der DFVLR entwickelte Technologie Verwendung finden soll bzw. könnte. Das sind

  1. der sogenannte Abstandslenkflugkörper größerer Reichweite (Long Range- Stand Off Missile, LRSOM),
  2. Das Container Weapon System Apache/CWS und
  3. die Anti-Schiffsrakete ANS (Anti-Navire Supersonique).

    • Für das letztere System geht aus der Übereinstimmung zwischen den DFLVR-Quellen und den entsprechenden Journalen der Rüstungswirtschaft 13 eindeutig hervor, daß dort die DFVLR-Technologie Verwendung findet (zu erkennen an der Verwendung borhaltiger Treibstoffe, den Lufteinzugsformen und der Angabe der Geschwindigkeit von 2,3 Mach). Im Fall von 1. und 2. ist das nicht so klar, doch sehr wahrscheinlich. An allen drei Systemen war oder ist die Firma MBB wenigstens in der Planungsphase beteiligt. Sie sollen später von französisch-deutschen oder amerikanisch-britisch-deutschen Firmenkonsortien hergestellt – werden. Während die ANS die Rolle einer Exocet Nachfolgerin spielen und somit vor allem – der Schiffsbekämpfung dienen soll, sind der LRSOM und das CWS Systeme, die von Flugzeugen abgeschossen werden, um Ziele am Boden anzugreifen. Die Reichweite des CWS wird zwischen 10 und 40 Kilometer schwanken, je nach der Beladung, die bis zu 1200 Kilogramm Munition betragen kann 14. CWS und LRSOM werden einen Teil der Hardware zum FOFA-Konzept abgeben, egal wie wortreich sich die Bundesregierung von der Software, dem Air-Land-Battle-Konzept, distanziert.

Bewertung

Möglicherweise ist das gewählte Beispiel der Marschflugkörpertechnik nicht typisch für die Beschreibung der halbstaatlichen Rüstungsforschung in der Bundesrepublik Deutschland. In einem Großteil der Rüstungs-FuE könnte es um weniger offensive Waffensysteme gehen. Doch der um diesen Forschungsbereich gebreitete Mantel der Geheimhaltung läßt die Frage leider unbeantwortet. Auf jeden Fall bleibt m.E. zu bilanzieren, daß auch in unserem Land Waffen entwickelt werden, die den selbstgestellten Anspruch der Regierung „Frieden schaffen mit immer weniger Waffen“ nicht einlösen können.

Anmerkungen

1 Eine Beschreibung der Siemens-Rüstungsaktivitäten findet sich z.B. in: „Friedensanalysen für Theorie und Praxis“ Band 5, Hrsg.: Hessische Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), S. 195 ff., Frankfurt a. M. 1977. Außerdem finden sich weitere „Firmenportraits“ in der gleichlautenden Rubrik der monatlich erscheinenden Zeitschrift WEHRTECHNIK Zurück

2 „Friedensanalysen für Theorie und Praxis“, Band 2, Hrsg.: HSFK, S. 148 ff., Frankfurt a. M., 1976Zurück

3 Bundesminister für Forschung und Technologie: „Bundesbericht Forschung 1984“, Bundestagsdrucksache 10/1543, S. 162, Bonn, 4. Juni 1984Zurück

4 DFVLR-Jahresbericht 1984, S. 103, Köln-Porz, 1985Zurück

5 Bundeshaushaltsentwurf 1984, Einzelplan 14 (Bundesminister der Verteidigung), Kapitel 20 (Wehrforschung, wehrtechnische und sonstige militärische Entwicklung und Erprobung), S. 202, und: Fraunhofer Gesellschaft: Jahresbericht 1981, S. 54/55, München, 1982Zurück

6 Deutsche Forschungs- und Versuchsanstalt: Jahresberichte ab 1976, Köln-PorzZurück

7 Deutsche Forschungs- und Versuchsanstalt: Ergebnisberichte ab 1976, Köln-Porz (z.B. über das Fachinformationszentrum in Karlsruhe erhältlich)Zurück

8 Weser-Kurier, 14. Juli 1982 (zitiert nach WIRTSCHAFTSWOCHE, Düsseldorf)Zurück

9 „Abrüstung und Rüstungskontrolle“, Hrsg.: Auswärtiges Amt, 6. Auflage, S. 66, Bonn, Dezember 1983Zurück

10 Kosta Tsipis: „Marschflugkörper“, Scientific American,2/1977Zurück

11 friedenspolitischer kurier,15. November 1984Zurück

12 European Security Study: „Strengthening Conventional Deterrence in Europe“, London 1983 und S. L. Canby: „The New Technologies“, in: SIPRI - Workshop on Measures to Reduce the Fear of Surprise Attack in Europe, SIPRI, Dez. 1983Zurück

13 MBB international, Mai 1984, S. 4Zurück

14 Frankfurter Rundschau, 10. Juni 1986; Der Spiegel, 9.6.88; Süddeutsche Zeitung, 18.12.84; Wehrtechnik, 5/84Zurück

Mario Birkholz ist Physiker und arbeitet an einem freien Forschungsinstitut in Berlin

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