in Wissenschaft & Frieden 1987-2: 30 Jahre »Göttinger Erklärung«

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Neues aus den USA

von Redaktion

Seit dem Juni 1985 haben fast 7000 Wissenschaftler und Ingenieure an US-amerikanischenUniversitäten erklärt, Star-Wars-Forschungsgelder nicht in Anspruch nehmen zu wollen.Damit wollen sie ihre Opposition gegen das SDI-Programm zum Ausdruck bringen. IhrenWiderstand begründeten die Unterzeichner in vier Punkten:

  1. eine Raketenabwehr mit ausreichender Zuverlässigkeit, die die Bevölkerung der USA vor einem sowjetischen Angriff schützen soll, ist technisch nicht machbar;
  2. ein System mit begrenzteren Möglichkeiten wird nur dazu dienen, das nukleare Wettrüsten zu eskalieren, indem es die Entwicklung der beidseitigen offensiven overkill-Kapazitäten begünstigt und einen umfassenden Wettlauf bei den Anti-Raketen-Waffen hervorruft;
  3. das Programm wird bestehende Rüstungskontroll-Abkommen aufs Spiel setzen und Verhandlungen noch schwieriger machen. Besonders der ABM-Vertrag würde bereits vor der Stationierungsentscheidung verletzt;
  4. das Programm ist ein Schritt zu solchen Waffenarten und Strategien, die einen nuklearen Holocaust auslösen können. Hierbei wird besonders die destabilisierende Rolle von Anti-Satelliten-Waffen erwähnt.

In der „Erklärung der Nichtteilnahme“ weisen die Wissenschaftler auch aufdie Gefahren für die akademische Freiheit durch militärische Geheimhaltungsvorschriftenhin.

Demgemäß heißt es in der Erklärung, „werden wir als Wissenschaftler undIngenieure weder um SDI-Mittel nachsuchen noch sie akzeptieren, und wir werden andereermutigen, sich unserer Weigerung anzuschließen.“

Bedingungen des Widerstandes

Die Unterschriftensammlung begann, nachdem die SDI-Behörde eine eigenständigeInstitution für die Einbeziehung der Universitäten - das sog. Office of InnovativeScience and Technology (IST) - im Frühjahr 1985 etabliert und erste Meldungen überVerträge mit MIT und Caltech lanciert hatte. Diese Nachrichten stellten sich als falschheraus; die Präsidenten beider Einrichtungen dementierten verärgert. Daraufhin bildetensich an den Physik-Fakultäten der Cornell-Universität und der Universität von Illinoiserste Initiativen gegen die drohende SDI-„Unterwanderung“. Die Boykottbewegunghatte mit einem Berg von Schwierigkeiten zu kämpfen: Erstens scheint die Zurückweisungder SDI-Mittel unter den Bedingungen der Reduzierung ziviler Wissenschaftsetats einerEinschränkung der Forschungsmöglichkeiten gleichzukommen. 1986 sollten dieUniversitäten 140 Millionen Dollar erhalten - ein Zehntel des gesamten Budgets derNational Science Foundation. Zweitens verbreiteten sich überall Gerüchte, daß andereFinanz agenturen des Department of Defense angewiesen seien, Forschern Mittel zuverweigern, die sich offen gegen SDI aussprechen würden. Donald Hicks, Undersecretary forResearch and Development, hatte diese Gerüchte indirekt bestätigt und in Sciencemagazine erklärt: „Sie haben die Freiheit, ihren Mund zu halten (...) Ich bingenauso frei, Geld zu geben (...)“ Drittens sind es Wissenschaftler und Ingenieurenicht gewohnt, in großer Zahl in die Öffentlichkeit zu gehen.

Andere Faktoren wiederum begünstigten die Ausbreitung der Boykottbewegung. Generellverbreitete sich Widerspruch gegen das Star-Wars-Programm. Viele Wissenschaftler warenempört über die unverhüllte Einlassung des IST-Managers Jonson, die Wissenschaftlerwürden gebraucht bei dem Versuch, das Programm dem Kongreß zu verkaufen. Für solchepolitischen Zwecke wollten sie sich nicht manipulieren lassen. Verärgert waren sie auchüber die falschen Ankündigungen über die Unterstützung des Programms durch dieWissenschaftlergemeinschaft. Jonson hatte ausgerufen: „Virtually everyone, on everyCampus, wants to get involved.“ Die Wissenschaftler fanden die Idee bizarr, es könneeinen absoluten Schutzschild für die amerikanische Bevölkerung geben. Nicht zuletztargwöhnten sie, auch unter dem Eindruck der Studie des Senators Proxmire, daß es bei denVerlautbarungen über wissenschaftlich-technische Durchbrüche eher um spektakuläreErfolge für die Öffentlichkeit als um wissenschaftliche Errungenschaften gehe.

Erfolgsbilanz

Das Ergebnis der Kampagne gegen SDI kann sich sehen lassen:

  1. In jedem der 109 Fachbereiche für physikalische und Ingenieurwissenschaften an 72 Universitäten haben mehr als 50% der Fakultätsmitglieder erklärt, nicht an Star-Wars-Forschung teilnehmen zu wollen. Das schließt ein 63 Physik-Fachbereiche und 46 Einrichtungen für Engineering und verwandte Gebiete.
  2. Die Erklärung wurde unterzeichnet von 57 % der Fakultätsmitglieder an den 20 Top-Einrichtungen des Landes. Die Liste wird angeführt von Harvard, Cornell, Caltech, Princeton, MIT, University of California-Berkeley und Stanford.
  3. Die Unterschriftensammlung hat landesweite Unterstützung gefunden: Professoren an über 110 Institutionen in 41 der 50 Bundesländer haben sich angeschlossen.
  4. Unterzeichnet haben über 3700 Professoren und „senior researchers“, fast 3000 Graduierte und „junior researchers“.
  5. Unter den Professoren sind viele der bestangesehensten Forscher des Landes. So haben 15 Nobelpreisträger unterschrieben.
  6. Eine erhebliche Zahl der Professoren, die ihre Mitarbeit an SDI verweigern wollen, akzeptieren andere Forschungsmittel der Militärs. An der Cornell-Universität zeigte die Befragung der 111 Fakultätsmitglieder, die unterzeichnet haben, daß 52 % entweder DoD-Mittel erhalten hatte, gegenwärtig erhält oder ständig damit arbeitet.

Ziele der Verweigerungskampagne

Die Initiatoren verweisen bei der Boykottkampagne auf das Beispiel der „Göttinger18“. Deren Erklärung half, die atomare Bewaffnung der Bundeswehr zu verhindern. Undangesichts der gängigen Zurückhaltung der scientific community bei öffentlichenErklärungen ist die bisherige Unterschriftenbilanz ein Faktor, den die US-Regierung nichteinfach ignorieren kann. Zu Recht weisen die SDI-Gegner auf die heftigen Bemühungen derSDI-Administration hin, mit der Einbindung der Wissenschaftler die Öffentlichkeit inihrem Sinne zu beeinflussen. Im Umkehrschluß heißt dies: Je größer die Ablehnung inden Universitäten, desto schlechtere politische Durchsetzungsbedingungen. Ein Resultatwird auch darin gesehen, daß durch den Entzug von wissenschaftlicher Kompetenz dieEntwicklung des Star-Wars-Projekts tatsächlich verlangsamt werden kann.

Fest steht schon heute: Reagan hat in seiner Rede vom März 1983 die Wissenschaftleraufgerufen, sich seiner SDI-Vision anzuschließen. Er hat eine Antwort bekommen.

in Wissenschaft & Frieden 1987-2: 30 Jahre »Göttinger Erklärung«

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