in Wissenschaft & Frieden 1987-2: 30 Jahre »Göttinger Erklärung«

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Traditionspflege in der Bundeswehr (II)

von Jörg Schulz-Trieglaff

Wem gehört Scharnhorst?

Weit unverfänglicher als eine Beschäftigung mit der Wehrmacht ist offenbar eine Anknüpfung an weiter zurückliegende Ereignisse der Militärgeschichte. Die Heeresform in Preußen scheint sich für die Traditionspflege geradezu anzubieten. Im Traditionserlaß von 1965 wird festgestellt: „Politisches Mitdenken und Mitverantwortung gehören seit den preußischen Reformen zur guten Tradition deutschen Soldatentums.“ (Nr. 17) Man erinnert sich gern an Scharnhorst, Gneisenau und Clausewitz. Mehrere Bundeswehrkasernen sind nach den Reformen benannt.

Ihr besonderer Verdienst liegt darin, daß sie die barbarischen Prügelstrafen und die selektive und mitunter gewaltsame Rekrutierung, von der überwiegend Nichtpreußen betroffen waren, abschafften. Durch eine menschenwürdige Behandlung der Soldaten, aber auch durch die allgemeine Wehrpflicht der Preußen und die Aufhebung der Adelsprivilegien bei der Besetzung der Offiziersstellen sollte die Armee im Volk verankert werden. Dem Bürgertum eröffneten sich neue Möglichkeiten, im Staat an Einfluß zu gewinnen und den Krieg als Mittel absolutistischer Machtpolitik zu überwinden.

Die Heeresreform ist als ein Bestandteil der Staats- und Verwaltungsreform in Preußen zu verstehen. Wie diese erhielt sie ihren Anstoß durch die katastrophale Niederlage, die dem preußischen Heer 1806 durch die Franzosen bei Jena und Auerstädt zugefügt wurde. Die Reform diente dazu, den Staat effektiver zu machen, um die Folgen des Desasters schneller zu überwinden und die französische Vorherrschaft abzuschütteln. Aber die Reformer waren auch vom Geist der Aufklärung geprägt und verfolgten bei ihrer „Revolution von oben“ humane und fortschrittliche Ziele.

Nach Reformmaßnahmen und Befreiungskriegen setzte alsbald die Reaktion ein, wodurch die Wirkungen verwässert und zum großen Teil wieder rückgängig gemacht wurden. Die preußisch-deutsche Armee blieb bis in den 2. Weltkrieg vom Adel geprägt, der die höheren Führungspositionen innehatte, wenn auch der absolute Anteil adliger Offiziere zurückging. Auch eine menschenwürdige Behandlung der Soldaten setzte sich nur sehr zögernd durch, weil sie rechtlich zu wenig geschützt waren. Es blieb die allgemeine Wehrpflicht, die sich als Rekrutierungsform für das Heer des Nationalstaates bewährte. Ein Mißbrauch des Militärs ließ sich dadurch nicht verhindern. Schließlich wurde der 1. Weltkrieg - und nicht nur auf deutscher Seite - von Wehrpflichtigenarmeen geführt. Nach kurzer vom Versailler Vertrag auferlegter Zwangspause führten die Nationalsozialisten die Wehrpflicht wieder ein. Sie konnten dadurch Soldaten in großer Zahl für ihre Ziele mobilisieren. Die Wehrpflicht ist also keineswegs ein Merkmal der „wehrhaften Demokratie“, wie es gern behauptet wird. Sie kann ebenso von autoritären Staaten und von Diktaturen zur Rekrutierung und zur Sozialisation genutzt werden.

Wenn sich die Bundeswehrführung heute so gern auf die Heeresreform beruft, muß sie sich fragen lassen, wie sie mit ihren eigenen Reformen umgeht. Und da zeigt sie sich sehr inkonsequent. Jede Kritik an der „gültigen“ Militärdoktrin und alle Konzepte alternativer Verteidigungsstrategien werden abgewehrt. Kritiker werden diffamiert und als leichtfertig dargestellt, weil sie die Wirkung der Abschreckung schwächen und angeblich den gesicherten Frieden aufs Spiel setzen. „Die Raumverteidigung ist eher eine Kriegsführungsstrategie als eine Kriegsverhinderungsstrategie (...). In Wahrheit nehmen solche realitätsfremden Vorstellungen (die soziale Verteidigung, S.-T.) den Verlust der Freiheit ohne Risiko für den Aggressor in Kauf - möglicherweise für Generationen (...). Die unausweichliche Konsequenz wäre eine erhöhte Kriegsgefahr für unser Land.“9

Die öffentliche Kritik der letzten Jahre richtete sich vorwiegend gegen die Rüstung und gegen die Strategie der atomaren Abschreckung. Erst vereinzelt setzt sich die Erkenntnis durch, daß eine Abschaffung der Massenvernichtungsmittel, eine Truppenreduzierung und eine alternative Verteidigungsstrategie, alles Voraussetzungen für eine Friedensregelung in Europa, mit der Bundeswehr in ihrer derzeitigen Form nicht zu haben sind. Neuerdings wird daher auch die Forderung nach einer Armeereform erhoben.10 Die Bundeswehrführung ist aber in ihrer Haltung zur Zeit so verfestigt und erstarrt, daß sie eine an Militärfragen interessierte Öffentlichkeit, aber auch militärpolitisch engagierte Soldaten nicht als Chance, sondern als Bedrohung sicherer Positionen wahrnimmt. Daher erscheint die Bundeswehr als ein typisches Beispiel für eine Armee der Reaktion. Einer solchen Armee ist die Rückbesinnung auf die Reformer nur bei der Preisgabe der historischen Wahrheit möglich. Diese Art von Traditionspflege ist vergleichbar mit derjenigen der kaiserlichen Armee oder der Wehrmacht. Damals waren die größten Kriegsschiffe nach Scharnhorst und Gneisenau benannt, obgleich gerade der Flottenbau in jenen Zeiten ein Merkmal des friedensgefährdenden Wettrüstens war und sich kaum mit den Absichten der Heeresreformer in einen Zusammenhang bringen ließ.

Widerstand gegen den Totalitarismus

Als die Bundeswehr aufgestellt wurde, sollte sie sich als Armee in der Demokratie deutlich von der Wehrmacht des nationalsozialistischen Staates unterscheiden. Was lag näher, als sich in der Traditionspflege auf Offiziere zu besinnen, die aktiven Widerstand gegen die Diktatur geleistet hatten? Doch diese Anknüpfung war in den ersten Jahren der Bundeswehr nicht unumstritten. Die Offiziere des Widerstands galten vielen ehemaligen Wehrmachtsoldaten als Meuterer, die sich in der Zeit höchster Gefahr gegen ihren Obersten Befehlshaber aufgelehnt hatten. Und selbst bei denen, die dem Widerstand als letzter Maßnahme gegen die Diktatur seine Berechtigung nicht absprechen konnten, blieb die Skepsis, ob er als Basis für eine Tradition geeignet sei. In seiner Polemik gegen von ihm ausgemachte liberale Verfallserscheinungen der Bundeswehr wandte sich damals Hans-Georg Studnitz gegen jene Traditionspflege. Nach seiner Auffassung stellte der 20. Juli „den Soldaten (...) vor Abgründe der Geschichte, vor die politische Anarchie und die militärische Katastrophe (...) Aus solchen Reminiszenzen kann die Armee keine Kraft gewinnen. Der 20. Juli führt nicht zum Staat, sondern von ihm weg. Er ist kein Quell, aus dem der mit der geschichtlichen Entwicklung genügend vertraute einfache Mann Mut und Vertrauen in seine Führung schöpfen könnte.“11

Das Vorbild der Offiziere des Widerstands schien im Lauf der Zeit zu verblassen. Denn den kritischen Soldaten wurde deutlich, daß Beck, Stauffenberg, Tresckow und andere keineswegs Demokraten waren. Sie waren anfangs durchaus bereit, mit den Nationalsozialisten zusammenzuarbeiten. Sie begrüßten die Wehrhaftmachung des Volkes und die Aufrüstung; eine territoriale Revision des Versailler Vertrags und eine Hegemonialpolitik gegenüber Osteuropa fand ihre Zustimmung. Zu einer Militäropposition kam es erst ab 1938, als ein Kriegsausbruch bevorstand und wegen des als unzureichend beurteilten Ausbildungs- und Ausrüstungsstands der Wehrmacht eine Niederlage zu befürchten war. Die Erfolge der Blitzkriegsstrategie zu Beginn des Krieges zerstreuten den Pessismismus und entzogen den Staatsstreichplänen die Voraussetzung.

Zu konkreten Widerstandsaktionen kam es erst wieder, als sich 1944 nach den Erfolgen der sowjetischen Armee und nach der Landung der Westalliierten in der Normandie die endgültige Niederlage abzeichnete. Erst diese Aussicht trieb die Offiziere zu entschlossenem Handeln. Der Widerstand ist also dadurch belastet, daß er zu spät kam und schließlich scheiterte.

Doch seine sittliche Bedeutung kann nicht am politischen Erfolg gemessen werden. Über die Motive der Offiziere des Widerstands gibt es keinen Zweifel, auch wenn sie noch vordemokratischen Ordnungsvorstellungen verhaftet waren. Es ist ferner zu berücksichtigen, daß die von ihnen nach dem Staatsstreich vorgesehene Militärregierung nur als Übergangslösung dienen sollte. Sie waren bereit, mit den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zusammenzugehen.

In den letzten Jahren wurde die Tradition des Widerstands in der Bundeswehr stärker hervorgewoben. Das Militärgeschichtliche Forschungsamt veranstaltete 1983 eine Fachtagung zu diesem Thema und organisierte eine Wanderausstellung, die in großen Garnisonsstädten gezeigt wurde. Im Geleitwort zum Ausstellungskatalog äußerte sich Verteidigungsminister Wörner: „Widerstand war im Dritten Reich, insbesondere während der Zeit des Zweiten Weltkriegs, ein gefährliches und höchst risikoreiches Unterfangen. Solcher Widerstand unterscheidet sich von der öffentlich zur Schau getragenen und durch kein Risiko belasteten Attitüde, die uns heute gelegentlich als „Widerstand“ begegnet.“12 Hier wird deutlich, welchem Zweck die heutige Widerstandstradition dienen soll. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus wird also gegen ein modernes Widerstandsverständnis - Widerstand gegen Atomkraftwerke, gegen die Nachrüstung usw. - ausgespielt. Das Kriterium für den richtigen Widerstand ist die Lebensgefahr, in die man sich dabei begibt. „Damals kostete es den Kopf. Heute komme man dadurch ins Fernsehen“ - sagt der ehemalige Bundeswehrgeneral von Kielmannsegg 13, als junger Wehrmachtsoffizier selbst am Widerstand beteiligt.

Wer heute die Tradition des 20. Juli fortsetzen will, soll Widerstand gegen den Totalitarismus leisten. Diesen Widerstand sieht nach Karl Dietrich Bracher das Grundgesetz in Art. 20(4) vor, „nämlich den Widerstand gegen die diktatorischen Mächte unserer Zeit - diesmal an der Seite jener Demokratien Europas und der Atlantischen Gemeinschaft, die für Menschenrechte und für Frieden in Freiheit stehen.“14 Der verstorbene Minister Alois Mertes versteht sogar „die Abschreckungsstrategie als eine Form rechtzeitigen Widerstands gegen totalitäre Herrschaft. Abschreckungsstrategie ist prophylaktischer Widerstand, damit er nicht hinterher so erfolgen muß, wie er nach 1933 notwendig war.“15

Tradition auf Frieden bezogen

Wir können den Oberblick über die Traditionspflege hier abbrechen. Es hat sich gezeigt, daß sie in der Bundeswehr nur auf Kosten der Vielfalt militärgeschichtlicher Fakten und Zusammenhänge möglich ist. Als überlieferungswürdig gilt nicht das Andenken an solche Personen, die sich engagiert für den Frieden einsetzten, sondern vorbildlich sind Truppenführer, die die Staatsmacht stärkten und im Krieg militärische Erfolge erzielten. Heeresreform und militärischer Widerstand werden verfälscht Revolutionen kommen in der Traditionspflege nicht vor.

Daraus ergeben sich für die Einschätzung der Bundeswehr zwei Folgerungen:

a) Der Idealstaat für die Bundeswehrführung ist der autoritäre Obrigkeitsstaat. Wer nicht die Erinnerung an Ereignisse und Personen wachhält, die auf Demokratie und Befreiung hinwirkten - man denke an die Soldaten, die an den Revolutionen 1848/49 und 1918/19 teilnahmen -, stellt sich in die Tradition der Armeen, die die Freiheitsbewegungen unterdrückten.

b) Die Bundeswehrführung versteht den Krieg immer noch als legitimes Mittel der Politik. Wer erfolgreiche Truppenführer verehrt, aber diejenigen Menschen, die sich gegen Staatsmacht und Armee gewandt hatten, um den Frieden zu retten - als Beispiel sei Hans Paasche genannt, kaiserlicher Marineoffizier, dann Pazifist und 1920 Opfer rechtsradikaler Mörder-, wer diese Menschen vergißt und sich an ihren Taten desinteressiert zeigt, ist in seinem Dienst für den Frieden wenig glaubwürdig.

„Tradition in der Bundeswehr muß auf Frieden bezogen sein.“16 Dieser Anspruch ist noch nicht eingelöst. Doch dazu bedarf es nicht einer anderen Traditionspflege, sondern einer anderen Politik - einer Friedenspolitik, die Frieden nicht als Ergebnis militärischen Drucks, sondern als Folge eines politischen Interessenausgleichs versteht und die zugleich stark genug ist, sich gegenüber dem Militär durchzusetzen.

Anmerkungen

9 Weißbuch 1983, Nr. 308, S. 163; Nr. 316, 317, S. 166. Zurück

10 Vgl. das Spiegel-Gespräch „Wir wollen eine andere Armee.“ Vier Soldaten und Ausbilder zu Sinn und Zukunft der Bundeswehr. In: Der Spiegel 46/1985 vom 11.11.1985. Zurück

11 Rettet die Bundeswehr! Stuttgart 1967, S. 59. Zurück

12 Aufstand des Gewissens. Militärischer Widerstand gegen Hitler und das NS-Regime 1933-45. Katalog zur Wanderausstellung des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, Herford o. J., S. 7. Zurück

13 Johann Adolf Graf von Kielmannsegg: Gedanken eines Soldaten zum Widerstand. In: Der militärische Widerstand gegen Hitler und das NS-Regime (Vorträge zur Militärgeschichte Band 5). Hrsg. v. Mititärgeschichtlichen Forschungsamt, Herford 1984, S. 18. Zurück

14 Die Lektion von Weimar und die Aktualität des Widerstands-Problems. In: Basilius Streithofen (Hrsg.): Frieden im Lande. Vom Recht auf Widerstand. Bergisch Gladbach 1983, S. 95. Zurück

15 Abschreckung ist prophylaktischer Widerstand. Das ethische Dilemma des Politikers, in: Streithofen, S. 202. Zurück

16 Weißbuch 1979, S. 196 (Zehn Grundsätze zur Tradition, Satz 3). Zurück

Jörg Schulz-Trieglaff, geb. 1939, aktiver Offizier der Bundeswehr (Hauptmann), Studium der Philosophie, Geschichte und Theologie in Bielefeld und München, M.A., 1981-85 Wehrgeschichtslehrer an der Offizierschule in Hannover, Mitbegründer und einer der Sprecher des Darmstädter Signals.

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