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Für nützliche Zwecke forschen: Global Challenges Network

von Redaktion

Er wolle nicht immer nur gegen etwas kämpfen, hat Hans-Peter Dürr, Professor für Physik am Max-Planck-Institut in München, einmal gesagt. Daher rief er statt SDI die WPI ins Leben. WPI steht für World Peace Initiative. Zur Präzisierung und Umsetzung dieser Idee gründete Dürr mit Freunden am 27.1.87 in Starnberg den Verein Global Challenges Network. Ziel des Vereins ist die weltweite Vernetzung von Initiativen zu den Problemen Krieg und Frieden, Nord-Süd-Konflikt, Erschöpfung nicht regenerierbarer Ressourcen und Zerstörung unserer natürlichen Umwelt.

Nach dem „Vorbild“ der Fletscher-Kommission, die für das SDI-Programm 800 Einzelprojekte definierte, sollen viele Projekte entwickelt und gefördert werden. Es soll dabei vor allem Wert gelegt werden auf praktische Problemlösungsansätze. In diesem Jahr sollen noch zwei internationale Konferenzen organisiert werden. Den Beginn macht im Juli eine Konferenz in Sternberg, auf der das Konzept konkretisiert werden soll. Teilnehmen werden Repräsentanten von Greenpeace International, GLOBAL 2000, der Pugwash-Konferenz, des Club of Rome, der Union of Concerned Scientists und der Akademie der Wissenschaften der Sowjetunion.

Auf dem Moskauer Friedensforum trug Dürr seine Ideen vor und regte die Bildung einer Internationalen Studiengruppe (International Science and Technology Study Group) an. Ihre erste Aufgabe würde es sein - die drängenden globalen Probleme zu strukturieren und sie in handhabbare Projekte aufzulösen,

Dürr verwies auf zahlreiche Ansätze in vielen Ländern, die Volkswirtschaft mit nichtmilitärischen Initiativen zu stimulieren. Auch sei die Bereitschaft zur Ost-West-Kooperation bei wissenschaftlich-technischen Unternehmungen wieder im Wachsen. Die meisten Initiativen jedoch zielten auf partikulare neue Technologien. In Anbetracht der enormen Kosten für Forschung und Entwicklung in diesen Feldern (z.B. der Weltraumforschung) scheine es jedoch bedeutend, diesen traditionellen Ansatz zu revidieren. Anstatt mit der Entwicklung spezifischer Technologien zu beginnen und der nachfolgenden Erwägung ihrer Anwendungsmöglichkeiten und -gefahren, sollte am Anfang die Entscheidung stehen, welche Probleme gelöst werden sollten. Eine Reihenfolge entsprechend der sozialen Dringlichkeit müßte festgelegt und dann könnten Forschung und Entwicklung auf den Weg gebracht werden.

Dürr führte weiter aus: „Die treibende kraft hinter vielen enormen technologischen Entwicklungen und Innovationen gegenwärtig ist nicht hauptsächlich der Wunsch, den Menschen bessere Lebenschancen oder mehr Lebensqualität anzubieten, sondern eher - wie ich fürchte - der Eifer, die Gewinne einer ökonomischen Elite zu steigern und die Macht weniger über viele zu festigen (…)

Vielleicht verlangt die Lösung der drängenden globalen Probleme nicht solch extreme Technologien und HighTech wie bei der Weltraumforschung und SDI. Deshalb könnten einige Angst haben, daß die Bearbeitung dieser Probleme intellektuell nicht ehrgeizig genug sei, um die Phantasie und den Enthusiasmus unserer Wissenschaftler und Techniker anzuregen und daß dies Geschäft nicht „glänzend“ genug sei, ihre Eitelkeit zu nähren. Einige von ihnen werden es sicher vorziehen, ihren Namen in Verbindung mit einem Stern zu sehen als mit einem Plan zur Nutzbarmachung der Wüste. Wir sollten jedoch erkennen, daß … angesichts der Geschwindigkeit, mit der wir der Katastrophe entgegengehen, viele Menschen - gerade junge Menschen - während der letzten Jahre eine Motivation entwickelt haben, ihre Arbeit und ihre intellektuellen und moralischen Energien den wahren menschlichen Bedürfnissen zu widmen (…)

Die verschiedenen Projekte von Global Challenges Network werden eine hervorragende Chance für eine enge Zusammenarbeit zwischen Ost und West bieten" insbesondere wenn wir uns zuerst konzentrieren auf die Probleme der Ökologie und der Energie, in denen beide Seiten „im gleichen Boot“ sitzen (…)

Ich lade Sie alle ein, meine Ideen für eine Kooperation bei der Bewältigung der globalen Herausforderungen zu erwägen, Ihre Kritik zu äußern und über Wege nachzudenken, in welcher Form Sie sich beteiligen können (…)“

Die Einladung von Dürr sollte aufgegriffen werden. Nicht zuletzt das Projekt amerikanischer und sowjetischer Wissenschaftler zur Erprobung von Verifikationsverfahren bei Atomtests hat gezeigt, welch große Wirkung von solchen Unternehmungen ausgehen kann. Warum sollten nicht Teile der Scientific community beginnen - neben dem nach wie vor nötigen Engagement gegen Katastrophenpolitik und Techno-Manie -, auf neue und konstruktive Art, an den Problemen unserer Zukunftssicherung zu arbeiten?

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