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Traditionspflege in der Bundeswehr. 30 Jahre Bundeswehr – 50 Jahre Luftwaffe

von Jörg Schulz-Trieglaff

Im November 1985 feierte die Bundeswehr ihr 30jähriges Bestehen. Sie hat inzwischen ihre Geschichte, die unter anderen politischen Umständen, wenn die Armee in der Gesellschaft allseitig akzeptiert wäre, genügend Stoff für eine eigene Tradition abgeben könnte. Doch das Jubiläum wurde nicht genutzt, um über die Rolle der Armee in einer Demokratie nachzudenken, sondern es diente der Öffentlichkeitsarbeit, mit der möglichst viel Zustimmung zu einer umstrittenen Militärpolitik eingeholt werden soll. Dabei waren wieder einmal die stereotypen Phrasen zu hören, 30 Jahre „Frieden in Freiheit“ wären vor allem der militärischen Absicherung zu verdanken und der drohende Krieg sei ebenso wie die politische Erpressung in erster Linie durch die Bundeswehr und ihre verbündeten Armeen verhindert worden.

Neben diesen Selbstbelobigungen in propagandistischer Absicht gibt es immer wieder Bestrebungen, an eine weiter zurückliegende Vergangenheit anzuknüpfen. So wurde ebenfalls im vergangenen Jahr das 50jährige Bestehen des Fliegerhorstes Wunstorf (bei Hannover) mit einem Tag der offenen Tür und Großem Zapfenstreich begangen. In Gegenwart des Inspekteurs der Luftwaffe übergab der niedersächsische Minister Masselmann der Truppe ein Fahnenband.1

Die Veranstaltung rief heftigen Widerspruch hervor, denn 1935 hatte sich das NS-Regime mit der Aufstellung von Luftwaffenverbänden und mit dem Bau von Militärflugplätzen offen über die Rüstungsbeschränkungen des Versailler Vertrages hinweggesetzt. Er war allerdings auch schon in der Zeit der Weimarer Republik mehrfach gebrochen worden, was der politischen Rechten als patriotische Pflicht galt, aber von den Demokraten entschieden kritisiert wurde. Denn bei aller Benachteiligung Deutschlands war der Versailler Vertrag doch ein Friedensvertrag. Er bot die Chance, in Europa zu einer Abrüstung zu kommen und in Deutschland selbst den traditionell übermäßigen Einfluß des Militärs zurückzudrängen. Mit seiner Aufkündigung begannen die Nationalsozialisten, aktiv unterstützt durch die Wehrmacht wie durch alle anderen einflußreichen Gruppen, eine Großmachtspolitik, die schließlich zum Zweiten Weltkrieg führte. Die moderne Kriegführung wurde von der nationalsozialistischen Luftwaffe, an deren Geschichte die Bundeswehr mit der erwähnten Feier in Wunstorf anknüpft, im Spanischen Bürgerkrieg einschließlich der Terrorangriffe auf die Zivilbevölkerung vorgeübt.

Die Glorie der Vergangenheit

Wie kann es dazu kommen, daß hier Traditionen gepflegt werden, die sich von den in der Gesellschaft vorhandenen Leitbildern und Wertvorstellungen so sehr unterscheiden, ja ihnen sogar deutlich widersprechen?

Offenbar haben viele Soldaten, vor allem die Längerdienenden unter ihnen, also die Offiziere und Unteroffiziere, den ausgeprägten Wunsch, sich in größere Zusammenhänge eingefügt zu sehen. Sie möchten sich als Glied einer Generationenfolge von Soldaten verstehen, die – wie sie meinen – dasselbe gedacht haben und nach denselben Maßstäben handelten wie sie heute. Aus diesem Selbstverständnis entsteht für die Soldaten erst die Berufsmotivation. General Hans von Seeckt, in der Weimarer Republik langjähriger Chef der Heeresleitung, stellte dazu fest: „Das Bewußtsein, Mitträger eines großen historischen Ruhmes zu sein und sich hierdurch von anderen auszuzeichnen, hat einen ganz unleugbaren Einfluß auf den Wert der Truppe. Diese Erkenntnis hat in den Heeren zu einer Pflege der Tradition geführt (…).2 Der vorgegebene sachliche Auftrag scheint nicht auszureichen, um den Soldaten den Sinn ihres Dienstes zu vermitteln.

Die moderne Militärsoziologie erklärt den Traditionalismus aus den Unsicherheiten die aus der mangelnden Vorhersehbarkelt des Krieges, aus der ständigen Kriegsbereitschaft und der Unmöglichkeit einer Erfolgskontrolle in Friedenszeiten entstehen. Die Folgen sind „Zeremonialismus, Weitergabe der Verantwortung, Beharren auf traditionellen Regeln und Widerstand gegen Neuerungen.“3 Diese Erscheinungen prägen nicht nur das Innenleben der Armee, sondern auch das strategische Denken und nicht zuletzt das Verhältnis der Soldaten zur Gesellschaft und zur Politik. Auf die geistig-ideologischen Probleme des Traditionalismus und auf seine politischen Auswirkungen soll hier hingewiesen werden. Auf die militärsoziologischen Fragen kann ich nicht weiter eingehen, und auch Das militärische Brauchtum, Symbole und Zeremoniell als die von außen sichtbare Seite der militärischen Tradition, bleiben außerhalb der Betrachtung.

Die Tradition des unpolitischen Soldatentums

Einer demokratischen Gesellschaft kann es nicht gleichgültig sein, an welchen Vorbildern sich die Soldaten orientieren und welche Taten sie als nachahmenswert ansehen. Um den Primat der Politik durchzusetzen, muß gelegentlich steuernd eingegriffen und ein Wildwuchs undemokratischer Traditionselemente verhindert werden. Als so verstandene Führungsmittel können Traditionserlasse des Verteidigungsministeriums durchaus ihre Berechtigung haben.

Der erste wurde 1965 vom damaligen Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel herausgegeben.4 Er versuchte allerdings, dem Wunsch nach Einbindung der Soldaten in die Demokratie Rechnung zu tragen und zugleich den Umstand zu berücksichtigen, daß die Offiziere und Unteroffiziere, die anfangs die Bundeswehr aufbauten, von der Wehrmacht geprägt waren.

Maßstab für die Überlieferungswürdigkeit sollte die Eidesverpflichtung sein, „der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.“ (Nr. 2) Es durften nur solche Personen als Vorbilder dienen, „die auch,als Menschen ihrer Verantwortung genügt haben.“ (Nr. 5)

Der Versuch, die belastete Wehrmacht nicht zum Gegenstand der Traditionspflege zu machen, bleibt halbherzig. An anderen Stellen wird festgestellt: „Rechte Traditionspflege ist nur möglich in Dankbarkeit und Ehrfurcht vor den Leistungen und Leiden der Vergangenheit (…) Die deutsche Wehrgeschichte umfaßt in Frieden und Krieg zahllose soldatische Leistungen und menschliche Bewährungen (…) Zur besten Tradition deutschen Soldatentums gehört gewissenhafte Pflichterfüllung um des sachlichen Auftrages willen.“ (Nr. 8, 9, 12)

Die soldatische Leistung wird von den politischen Zielen, für die sie erbracht wurde, bei dieser Betrachtung abgetrennt und als etwas Vorbildliches für sich angesehen. Die Wertschätzung soldatischer Tapferkeit gehöre zum gemeinsamen Kulturerbe der Menschheit, kann heute noch ein Bundeswehrgeneral behaupten.5 Hier fehlt ganz und gar der Blick dafür, daß die Leistung der Soldaten, vor allem aber die der höheren Truppenführer, mit Tod und Verstümmelung zahlreicher Menschen und mit der Zerstörung vieler materieller Güter verbunden ist. Ob sich militärische Einsätze heute angesichts der Wirkung der modernen Waffen überhaupt noch rechtfertigen lassen, ist sehr umstritten. Dann werden auch die Tugenden der Soldaten wie Treue, Kameradschaft, Tapferkeit und Gehorsam fragwürdig. „Kein Job wird dadurch, daß man ihn gewissenhaft ausfüllt, ein moralischer Job, bei dem man ein gutes Gewissen haben dürfte.(…) Solidarität mit Gruppenmitgliedern, gleich welche Ziele diese Gruppe verfolgt, ist eine Mafiatugend.(…) An sich ist Treue keine Tugend.(…) Unter Umständen kann Untreue viel verdienstvoller sein, denn sie erfordert persönlichen Mut und moralische Selbständigkeit, die freilich nicht jedermanns Sache ist.“6

Die historischen Tatsachen erlauben es nicht, im Hinblick auf die Wehrmacht von „tragischen Soldatenschicksalen“ oder „Mißbrauch durch das Unrechtsregime“7 zu sprechen. Eine derartige Einschätzung wird vielleicht noch den aufgrund der Wehrpflicht eingezogenen Mannschaften gerecht. Aber die Offiziere haben – sicher abgestuft nach Rang und Einfluß – eine sehr entscheidende Mitverantwortung getragen. Es gab unter ihnen sehr viel Bereitschaft, dem Regime freiwillig zu dienen. Auch unter Adolf Hitler wurde niemand gezwungen, Generalstabsoffizier, Marinerichter oder Militärpfarrer zu werden.

Die Wehrmacht ist also wegen des historischen Versagens ihrer Offiziere nicht als Gegenstand für die Traditionspflege geeignet.8 Nimmt man diesen kritischen Standpunkt ein, muß man sich deshalb noch nicht dem Vorwurf der Überheblichkeit oder der Besserwisserei aussetzen. Dazu besteht kein Anlaß, denn niemand von uns weiß, wie er sich in vergleichbaren Situationen verhalten würde. Aber ebensowenig gibt es einen Grund für eine Heldenverehrung. Uns bleibt nur die Erfahrung menschlicher Unzulänglichkeit. Wir müssen aus jenen Fehlentscheidungen lernen, daß sie sich nicht wiederholen dürfen. Sollten wir ebenso versagen wie die Soldatengeneration vor uns und uns leichtfertig in einen Krieg hineinziehen lassen für welche angeblich bedeutenden und lebenswichtigen Ziele auch immer -, dann wird danach niemand mehr da sein, der sich über Fragen militärischer Traditionspflege noch Gedanken machen könnte.

(Dieser Beitrag wird im Informationsdienst Wissenschaft & Frieden. 2/87 fortgesetzt.)

Anmerkungen

1 Vgl. die Berichte der Hannoverschen Zeitungen: Neue Presse vom 10.9.85 und Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 16.9.85. Zurück

2 Die Reichswehr. Leipzig 1933, S. 47.Zurück

3 Klaus Roghmann, Rolf Ziegler: Militärsoziologie. In: Handbuch der empirischen Sozialforschung. Hrsg. v. Rene König. Band 9, Stuttgart 1977, S. 157.Zurück

4 Bundeswehr und Tradition. BMVg Fu B 14 Az 35-08-07 vom 1.7.1965.Zurück

5 Vgl. Adalbert von der Recke: Last und Chance unserer Geschichte. Gedanken zur Traditionspflege der Bundeswehr. In: De officio. Zu den ethischen Herausforderungen des Offizierberufs. Hrsg. v. Evangelischen Kirchenamt für die Bundeswehr. Hannover 1985, S. 253.Zurück

6 Gunther Anders: Das fürchterliche Nur. Ein imaginares Interview. In: die tageszeitung vom 31.7.86. - Anders setzt sich hier mit der nationalsozialistischen Vergangenheit des österreichischen Bundesprasidenten Waldheim auseinander.Zurück

7 von der Recke, S. 250 f.Zurück

8 Vgl. Manfred Messerschmidt: Das Verhältnis von Wehrmacht und NS-Staat und die Frage der Traditionsbildung. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zu Das Parlament B 17/81 vom 25.4.81, S. 11 ff. Zurück

Jörg Schulz-Trieglaff, geb. 1939, aktiver Offizier der Bundeswehr (Hauptmann), Studium der Philosophie, Geschichte und Theologie in Bielefeld und München, M.A., 1981-85 Wehrgeschichtslehrer an der Offizierschule in Hannover, Mitbegründer und einer der Sprecher des Darmstädter Signals

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