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SDI-Software: Irrtum mit Todesfolge.

Das „Sternenkriegs“- Programm und die Möglichkeiten des unbeabsichtigten Beginns eines Kernwaffenkonflikts

von B. V. Rausenbach

Das von Präsident REAGAN als „Strategische Verteidigungsinitiative“ bezeichnete Programm rief sehr viele Einwände von Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen hervor.
Bedeutend mehr Aufmerksamkeit als bisher muß der Analyse der Folgen des schnellen Verlaufs der vorgesehenen „Sternenschlachten“ gewidmet werden. Dieser schnelle Verlauf erfordert praktisch die volle. Automatisierung der gesamten Steuerung der sich gegenüberstehenden Kräfte, die im Kosmos und auf der Erde eingesetzt werden. Es entsteht ein „Computerkrieg“, und die politische Führung wird im günstigsten Fall von den Computern über den Verlauf der Kampfhandlungen informiert.

Die volle Automatisierung der Steuerung von Kampfhandlungen stellt äußerst hohe Anforderungen an die Zuverlässigkeit des gesamten Steuerungssystems. Ist dieses unzureichend, könnte es irrtümlich Kampfhandlungen in Friedenszeiten auslösen, was nicht wieder gut zu machende Folgen haben würde. Die Hauptursachen, die von der anderen Seite nicht provozierte Kampfhandlungen hervorrufen können, lassen sich wie folgt gruppieren:

Bei Fehlern in Elementen des Steuerungssystems lassen sich die damit im Zusammenhang stehenden Probleme relativ einfach analysieren. Das System der Weltraumstationen die die materielle Basis des „Sternenkrieg“-Programms darstellen, wird aus vielen Millionen Elementen bestehen, von denen ein jedes funktionstüchtig werden kann. Bedingt durch die riesige Menge der zu solch einem komplizierten automatisierten Komplex von Weltraumkampfstationen gehörenden Elemente ist es möglich, daß eine ziemlich große Anzahl ausgefallener Elemente vorhanden ist.

Trotzdem kann die Möglichkeit ernster Ausfälle in den Steuerkreisen eines solch komplizierten Systems, wie es für „Sternenkriege“ notwendig ist, nicht ausgeschlossen werden.

Bedeutend gefährlicher sind Fehler in der Software. Die Möglichkeit zur Schaffung einer fehlerfreien Software für die Abwehr eines Angriffs interkontinentaler ballistischer Raketen auf kosmische Kampfstationen behandelte Herbert LIN. Die von ihm gezogene Schlußfolgerung, daß das völlig unmöglich ist, wird noch überzeugender hinsichtlich der Aufgabe der Lenkung der „Sternenkriege“.

Der Prozeß zur Schaffung der Software kann bedingt in 4 Etappen untergliedert werden: Planung, Entwicklung, Realisierung und Erprobung zwecks Überprüfung und Fehlerbeseitigung.

Die Planung besteht in der Zusammenstellung der detailliertesten Logik der Arbeit des Systems mit verbindlicher Berücksichtigung aller möglichen Varianten von Kampfhandlungen. Hier sind auch solche Handlungsvarianten der anderen Seite einzubeziehen, die keine Kampfhandlungen sind, auf die nicht geantwortet werden muß, die aber nach ihren formellen Anzeichen als Kampfhandlungen gewertet werden können. Die volle Beschreibung dieser Logik nimmt viele tausend Seiten ein, und in dieser Masse Material darf weder eine Lücke noch ein Fehler sein. Die Undurchführbarkeit dessen wird von LIN am Beispiel des 3000 Seiten umfassenden „Steuergesetzbuches der USA“ gezeigt.

In unserem Falle ist die Situation viel komplizierter als die von LIN untersuchte. Er betrachtete nur die Abwehr des Angriffs ballistischer Raketen, im gewissen Sinne einseitige Handlungen. Die gestarteten Raketen können zwar von Kosmoswaffen angegriffen werden, wirken aber selbst auf diese nicht ein. Alles, was mit der ballistischen Rakete nach ihrem Start geschieht, ist ausreichend bekannt.

Im Falle der Verwirklichung des „Sternenkrieg“-Programms wird die Situation im Prinzip komplizierter. Gegenüber den gleich artig fliegenden ballistischen Raketen sind hier die verschiedensten Varianten der Vernichtung von Raumflugkörpern der Raketenabwehr wie auch andere Handlungen gegen kosmische Objekte beider Seiten möglich, darunter Varianten, die beide Seiten sorgfältig voreinander geheimhalten werden. Unter diesen Bedingungen nimmt die Planung der Software Wahrscheinlichkeitscharakter an. Es müssen die möglichen Varianten der Gegenseite abhängig von den verschiedenen Varianten des Beginns der Kampfhandlungen und abhängig vom unterschiedlichen Charakter ihrer nachfolgenden Entwicklung angegeben werden.

Wenn beispielsweise das kosmische Kampfsystem aus 40 Satelliten besteht und es der gegnerischen Seite gelingt, bis zu 10 von ihnen zu vernichten, so müssen bei der Aufstellung der Software die verschiedenen Varianten der Kampfhandlungen in Abhängigkeit davon vorgesehen werden, wieviel und genau welche Satelliten des eigenen kosmischen Systems außer Gefecht gesetzt sind. Es ist leicht zu errechnen, daß in diesem Falle über 350 Mill. Varianten entstehen. Wenn nun bis zu 11 Satelliten außer Gefecht gesetzt werden können, überschreitet die Zahl der zu untersuchenden Varianten 1 Mrd.! Diese schwindelerregend wachsende Lawine von Varianten führt dazu, daß die Autoren der Software gezwungen werden, die Varianten zu bestimmten Gruppen zusammenzuführen, sie als zusammengefaßte Positionen weniger konkret als es dem Wesen nach notwendig wäre zu betrachten. Damit können nicht die entfernten Auswirkungen jeder Variante verfolgt werden. Die nicht bis zu Ende behandelte ausgewählte Variante der Kampfhandlungen kann solche entfernten Folgen beinhalten, die dem gefährlichsten Fehler gleichzusetzen sind.

Alles Dargelegte zeugt davon, daß im Unterschied zur Planung der Software der Raketenabwehr die analoge Planung der Kampfhandlungen der einander gegenüberstehenden kosmischen und Raketensysteme von Anfang an ungenau ist und eine Vielzahl prinzipieller Fehler enthalten wird.

Die nächste Etappe der Schaffung der Software besteht in ihrer Ausarbeitung nach detaillierter Logik, die während der Planung aufgestellt wurde. Hier kommen zu den prinzipiellen Fehlern der vorangegangenen Phase Fehler anderer Art hinzu. Die Software der notwendigen Klasse wird nach vorläufiger Einschätzung Dutzende Millionen von Kommandos enthalten, an denen tausende Programmierer viele Jahre arbeiten müssen. Unter diesen Bedingungen ist die völlige Fehlerlosigkeit einfach ausgeschlossen. Neben zufälligen Fehlern treten hier schwer auffindbare Fehler bei der Abstimmung der einzelnen Programmteile auf, die an verschiedenen Stellen zu unterschiedlichen Zeiten und von unterschiedlichen Ausführenden verursacht werden, sowie Fehler in Zusammenhang mit dem ungenauen Verstehen einzelner Feinheiten der geplanten Logik der Arbeit des Kampfsystems.

Als Beispiel eines zufälligen Fehlers des behandelten Typs läßt sich der im einfachen und kleinen Programm der Drehung des an Bord des mehrfach verwendbaren Raumschiffes installierten Spiegels ausführen, der bei einem Experiment im Rahmen des Forschungsprogramms zur strategischen Verteidigungsinitiative (SDI) sichtbar wurde. Der Spiegel sollte den Strahl eines sich auf 10.023 Fuß über dem Meeresspiegel befindlichen Lasers reflektieren. Das Programm lenkte ihn aber so, als wenn sich der Laser auf einem Berg mit einer Höhe von 10.023 Meilen befinden würde. Und das wurde während des Experiments beim kosmischen Flug in dem Moment festgestellt, als das Experiment mit einem Mißerfolg endete, d.h. bei realer Erprobung. Die erste reale Erprobung des kosmischen „Sternenkrieg“-Systems werden aber die ausgebrochenen Kampfhandlungen sein.

In der dritten Etappe der Realisierung werden die erarbeiteten Algorithmen in die entsprechenden automatischen Systeme und Computer eingegeben. Auch hier sind Fehler möglich, die jedoch relativ leicht festzustellen und zu beseitigen sind.

Außerordentlich wichtig ist die letzte, die vierte Etappe - die Erprobung und Beseitigung von Fehlern. Es ist ziemlich offensichtlich daß die in der ersten Entwicklungsphase begangenen prinzipiellen Fehler durch einfache Erprobung des Systems nicht festgestellt werden können. Diese Fehler stehen im wesentlichen mit den falschen Vorstellungen über die Handlungen der anderen Seite im Zusammenhang. Daß sie aber falsch sind wissen die Autoren der Software nicht!

Wie jahrelange Erfahrungen gezeigt haben, deckt die Überprüfung und Vervollkommnung der Software eine riesige Zahl von Fehlern auf, die in der Software enthalten sind.

Die Ermittlung von Fehlern kann mit Hilfe anderer Computer durchgeführt werden. Diese Methode ist jedoch mit großen Schwierigkeiten verbunden.

Erstens wird das Überprüfungsprogramm seinem Umfang nach nicht kleiner als die zu überprüfende Software sein, da es die gesamte geplante Logik der Arbeit des kosmischen Raketen-Kampfsystems enthalten muß. Das bedeutet aber, daß das Überprüfungsprogramm auch eine Masse von Fehlern enthalten wird.

Zweitens, und das ist wesentlicher, ist es bei einer Korrektur der Kampfprogramme mit Hilfe von Computern nicht möglich, eine Reihe von Fehlern im Zusammenhang mit der Arbeit der realen Apparatur unter realen (natürlichen) Bedingungen festzustellen. Die Ermittlung dieser Fehler ist nur bei Durchführung natürlicher Erprobungen möglich. Diese Art von Erprobungen erfordern nicht nur das Einschalten des eigenen Systems, sondern auch die Imitation der Arbeit des Systems der anderen Seite, wobei die Imitierung nicht mathematisch, sondern real sein muß.

Nun zu einigen Schwierigkeiten technischer Art. Da an der Arbeit eine große Zahl verschiedener Aggregate und Computer, verbunden in komplizierten Schaltungen, beteiligt ist, wird auch die logische Reihenfolge der Signale, die ihre Funktion beschreiben, sehr schwierig. Bekanntlich hat die Schaltgeschwindigkeit der verschiedenartigen Anlagen und Aggregate eine natürliche Streuung und kann sich außerdem durch äußere Einflüsse (Temperatur, Druck u.ä.m.) ändern. Im Ergebnis solcher schwer prognostizierbarer Änderungen der Schaltgeschwindigkeiten und der Schwierigkeit der Synchronisierung der Arbeit der verschiedenen Teile des komplizierten Kampfsystems können Störungen der geplanten Reihenfolge der Signale auftreten, die von den Steuercomputern aufgenommen werden. Im Endergebnis wird ein Fehler in der Arbeit des Systems fixiert.

Die Beseitigung dieses Fehlers kann sich als außerordentlich Schwierig erweisen. Beim erneuten Einschalten des Systems zur Ermittlung der Störung muß sich der Fehler nicht wiederholen. Denn jetzt kann die gesamte Kette der zeitlichen Schaltwege der Elemente des Systems wieder normal sein, da die Schaltzeiten der einzelnen Elemente eine gewisse natürliche Streuung haben und bei jedem Einschalten anders sind. Jeder, der sich mit der Vervollkommnung automatischer Systeme befaßt hat, weiß, daß der schwierigste Fall die sogenannten „sich selbst beseitigenden Defekte" sind, die einmal bei je 20, 30 oder mehr Einschaltungen auftreten. Eine andere Ursache für Fehler dieser Art ist der Austausch einzelner Aggregate des Kampfsystems. Ein solcher Austausch ist ein völlig natürlicher Prozeß für ein System, das viele Jahre, eventuell Jahrzehnte funktionieren soll. Da sich die neuen Aggregate etwas von den auszutauschenden unterscheiden können, werden sie auch etwas veränderte Charakteristika haben, die die Schaltgeschwindigkeiten ihrer Elemente bestimmen. Das kann zu ernsten Ausfällen in der Arbeit des Systems führen.

Während des Einsatzes des kosmischen Kampfsystems ist nicht nur der Austausch einzelner Aggregate, sondern ganzer Satelliten unvermeidlich. Das erfordert die ständige Erneuerung der Software.

Aus der Schlußfolgerung der praktischen Unvermeidbarkeit von Fehlern in der Software der kosmischen Raketen-Kampfsysteme ergeben sich zwei Folgerungen:

Erstens. Wenn es sich um ein Programm handelt, dessen einziges Ziel in der Abwehr des Angriffs ballistischer Raketen besteht, führt das zur geringen Effektivität eines solchen Kampfsystems.

Zweitens. Wenn es sich um „Sternenkriege handelt, d.h. um Kampfhandlungen zweier sich gegenüberstehender kosmischer Raketen-Kampfsysteme, so wird die Situation wesentlich gefährlicher.

Um die weitere Betrachtung zu erleichtern, wird von der praktisch unwahrscheinlichen Annahme ausgegangen, daß die Software keine Entwicklungsfehler enthält. Die einzigen Fehler, die nunmehr berücksichtigt werden, sind Fehler im Zusammenhang mit unzuverlässigen Informationen über die Gegenseite. Die in den Kosmos gebrachten multifunktionellen Systeme stellen einen bestimmten Kampfkomplex dar. Um die notwendige Effektivität zu erhalten, wird ein solcher multifunktioneller Komplex danach streben, nicht überrascht zu werden.

Hat das kosmische System A festgestellt, daß das System B mit vorbereitenden Handlungen begonnen hat, dann muß es diese auch beginnen, darf aber keinen Kernwaffenkrieg entfesseln, da die Handlungen des Systems B einfach falsch gedeutet sein könnten. Erst bei Feststellung einer ausreichenden Gesamtheit alarmierender Anzeichen kann das System A sich zum Beginn von Kampfhandlungen gezwungen sehen, wobei nicht unbedingt sofort Kernwaffen in Bewegung zu setzen sind. Somit wird eine gewisse Stufenfolge des Reagierens auf die Handlungen der anderen Seite mit dem Ziel geschaffen, die Möglichkeit des zufälligen Entstehens eines Kernwaffenkonflikts auszuschließen.

Wie auch die realen Programme sein mögen, sie werden immer von den Forderungen eines allmählichen Anwachsens der Antworthandlungen ausgehen, damit letztere der potentiellen Bedrohung adäquat werden.

Die beschriebene Aufeinanderfolge der Handlungen - ihre Stufenfolge und Umkehrbarkeit - macht das System A „stabil“. Auf schwache Störungen (geringe Anzahl von Alarmsignalen) reagiert es „proportional“, erhöht oder verringert die Antwort-Vorbereitungsoperationen. Dabei sind keine Ursachen für die lawinenartige Entwicklung des Prozesses sichtbar, die zum Kernwaffenkonflikt ohne ausreichende Begründungen führen würden. Diese einfache „Proportionalität“ scheint das zufällige Entstehen eines Kernwaffenkonflikts auszuschließen.

Es ist offensichtlich, daß das System B sich unter Berücksichtigung analoger Forderungen aufbaut und auch „stabil“ ist. Die „Stabilität“ der Systeme A und B jedes für sich genommen, bedeutet jedoch keinesfalls, daß das Groß-System A+B stabil sein wird. Da die Systeme A und B sich bekämpfende Systeme sind, erfolgt die Vervollkommnung eines jeden unabhängig voneinander, mehr noch, völlig geheim voreinander. Ihre erste „Vereinigung“ in das Groß-System erfolgt dann, wenn es zur Gefechtsbereitschaft kommt.

Die moderne Steuertheorie spricht davon, daß die Vereinigung von zwei einzelnen stabilen Systemen in ein gemeinsames Groß-System nicht selten zur Instabilität des letzteren führt.

Nehmen wir an, beide Systeme sind in dem vorher beschriebenen Sinne „stabil“ und beide arbeiten ideal. Es sei weiter angenommen, daß ein absolut nicht mit der Arbeit des Systems B zusammenhängendes, sondern ein durch irgendeine seltene Naturerscheinung oder durch irgendein zufälliges Ereignis im Kosmos oder irgendetwas anderes verursachendes Signal d im System A eintrifft, das von System A als Alarmsignal interpretiert werden kann. Vorausgesetzt, dieses Signal ist nicht zu ernst und das System A beginnt nur die ersten Schritte zum Übergang in den Zustand der Gefechtsbereitschaft. Sobald die Information y über diese ersten Schritte in das System B gelangt, beginnt dieses gleichfalls mit analogen Schritten, und am „Eingang“ in das System A erscheinen schon zwei gleichzeitige Signale d und x, wobei das letztere im Zusammenhang mit den Handlungen des Systems B stehen wird. Das Auftreten von zwei Alarmsignalen anstelle von einem zwingt das System A den nächsten Schritt in Richtung der Annäherung zur Gefechtsbereitschaft zu tun, und das ändert sofort die Information y am Eingang in das System B, sie wird auch alarmierender. Die damit verbundene Umstellung des Funktionierens des Systems B ändert den Inhalt der Information x, die einen noch alarmierenderen Charakter erhält. Das System A reagiert sofort darauf, und so entsteht ein lawinenartiger Prozeß der Annäherung an Kampfhandlungen der Systeme, die in einen Kernwaffenkonflikt hinüberwachsen können. Dies ist ein typisches Beispiel des Beginns eines Krieges mit automatisierten Systemen ohne jegliche „Konsultation“ mit Militärs oder politischen Führern.

Als Ausweg aus dieser Lage kann sich die Einführung eines solchen Steuerungssystems erweisen, das einfach auf schwache Signale reagiert. Es reagiert aber sehr scharf, eventuell unter Anwendung von Kernwaffen, nur beim Beginn direkter Kampfhandlungen der anderen Seite. Vom Standpunkt der Steuerungstheorie bedeutet das den Übergang von Steuerungssystemen, die auf der Grundlage des proportionalen Reagierens basieren, zu Systemen des Relaistyps.

Das Problem, das entsteht, kann als Problem zur Festlegung des Schwellenwertes der Gesamtheit der Anzeichen formuliert werden, die vom Beginn der Kampfhandlungen zeugen und die ausreichend sind für den Beginn eigener (Antwort-) Kampfhandlungen. Da die behandelten Systeme sich feindlich gegenüberstehen, ist das System B auf keinen Fall an der Einschaltung des Systems A interessiert und wird deshalb alle möglichen Maßnahmen treffen, um die Arbeit des Systems A zu stören.

Nehmen wir an, das System B bereitet sich auf Kampfhandlungen vor. In der Absicht, daß die rechtzeitige Gegenwirkung des Systems A seine Effektivität verringern kann, bemühen sich die Schöpfer des Systems B, einen Komplex von Maßnahmen vorzusehen, der die normale Arbeit des Systems A behindert. Dieser Komplex kann zu zwei Hauptkategorien zusammengeführt werden, die bedingt als Tarnung und Start von Scheinzielen bezeichnet werden können.

Die im Begriff „Tarnung“ zusammengefaßten Maßnahmen können wie folgt erklärt werden: Angenommen, die Seite B führte z.B. den Start von interkontinentalen ballistischen Raketen durch. Der Start kann an einer Reihe von Anzeichen beurteilt werden. Alle derartigen Anzeichen können in der Gesamtheit zur festen Überzeugung über den Beginn von Kampfhandlungen durch die Seite B und über die Notwendigkeit unverzüglicher Gegenkampfmaßnahmen der Seite A führen. Die Unverzüglichkeit, die hier dem Wesen nach nötig ist, erfordert die volle Automatisierung der Antwort. Die Seite B wird sich infolge der Ansicht, daß die Handlungen der anderen Seite sich auf die Gesamtheit der beobachteten Anzeichen stützen, bemühen, diese Anzeichen zu verfälschen. Das wird eine „Tarnung“ sein. Welches könnten Handlungen der Seite A werden?

Angenommen, die Schöpfer des Systems A wissen, daß eine bestimmte Variante des Beginns der Kampfhandlungen der anderen Seite fehlerlos beim Auftreten der 5 bekannten Alarmanzeichen festgestellt werden kann. Unter Berücksichtigung der potentiellen Möglichkeiten der Tarnung werden sie vor einer schwierigen Aufgabe stehen - was ist, wenn die Geräte nur 3 oder 4 Alarmsignale von 5 registrieren? Sollten die Kampfhandlungen begonnen werden? Sie sind zu beginnen, wenn das Fehlen einer Reihe von Anzeichen einfach eine Folge einer „Kriegslist“ der angreifenden Seite ist. Kampfhandlungen dürfen auf keinen Fall begonnen werden, wenn das Fehlen einer Reihe von Anzeichen davon zeugt, daß überhaupt kein Angriff erfolgt, sondern etwas anderes beobachtet wird, da die Antworthandlungen der Seite A in diesem Falle den irrtümlichen Beginn der Kampfhandlungen bedeuten würden. Alles Dargelegte wird dadurch verstärkt, daß diese verantwortungsvolle Entscheidung in die Software des Systems A eingegeben werden muß, lange (eventuell einige Jahre) bevor sie in den Computern des Systems A tatsächlich aufgenommen wird. Somit kann die entstehende Ungewißheit der Anzeichen des Beginns von Kampfhandlungen entweder zum irrtümlichen Verzicht auf die Abwehr des Angriffs oder zum irrtümlichen Beginn der Kampfhandlungen führen. Die Schaffung einer absolut zuverlässigen Software des Systems A ist unter diesen Bedingungen einfach unmöglich. Selbstverständlich bezieht sich all das auch auf das System B

In der Software der Systeme A und B werden viele unterschiedliche Varianten des Beginns von Kampfhandlungen eingegeben sein. Jede mit ihrem System von Anzeichen, und wenigstens in einem Teil von ihnen wird gegen den Willen ihres Schöpfers die Möglichkeit des selbstmörderischen Beginns der Kampfhandlungen enthalten sein. Sie wird in der Software sozusagen vorgesehen nach falschen Vorstellungen über mögliche Handlungen der anderen Seite. Ein fataler Umstand dabei ist, daß nur der beginnende Krieg die Fehlerhaftigkeit solcher Programme aufdecken kann, keine andere vorherige einseitige Analyse (ohne Hinzuziehung der Gegenseite) kann sie feststellen.

Somit werden die unabhängig geschaffenen Systeme A und B durch das Leben selbst in das einheitliche System A+B vereinigt, das dann nach seinen eigenen inneren Gesetzen funktioniert, die sowohl den Autoren des Systems A wie auch den Autoren des Systems B unbekannt bleiben. Denn sowohl die eine wie auch die andere Seite hat ihren Teil des Programms erarbeitet, ohne die Daten der anderen Seite zu verwenden und hat sich nur auf das Erraten des wahrscheinlichen Charakters ihrer Handlungen gestützt. Diese Vermutungen werden sehr viele Ungenauigkeiten und direkte Fehler enthalten, da sich die feindlich gegenüberstehenden Seiten bemühen werden, einander zu täuschen. Auch ohne dies wird die schwierige, vor den Autoren der Software beider Seiten stehenden Aufgabe noch komplizierter durch die Möglichkeit des Starts von Scheinzielen. Hier wird die Scheinziele startende Seite sich bemühen, diese nicht zu tarnen, sondern die entsprechenden Anzeichen hervorzuheben, damit die Gegenseite sinnlos ihre Reserven an Vernichtungsmitteln für echte Ziele vergeudet. Somit werden die Schöpfer der Software zusätzliche Anzeichen suchen, die die Unterscheidung echter von Scheinzielen ermöglichen, oder sie stehen vor der fast unlösbaren Aufgabe, eine in dieser Situation optimale Strategie zu finden. Auf jeden Fall wächst die Ungewißheit bei der Auslegung der Handlungen im höchsten Grad, was zu einer zusätzlichen „Destabilisierung“ der gesamten Software führt, und folglich erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit inadäquater, gefährlicher Handlungen bis hin zum Einsatz von Kernwaffen.

Hier wurden zwei Grenzfälle behandelt, die proportionale und die Relaisreaktion auf Handlungen der anderen Seite. Die realen Systeme der Software werden sicherlich sowohl Elemente des einen wie auch des anderen Systems enthalten, was jedoch nicht im geringsten Grade die endgültigen Schlußfolgerungen ändern kann. Die Unvermeidbarkeit von Fehlern in der Software, wovon schon weiter vorn die Rede war, kann die Situation noch gefährlicher machen. Diese Fehler können nämlich dazu führen, daß völlig harmlose Ereignisse im Weltall irrtümlich als äußerst gefährliche und aggressive Handlungen der anderen Seite interpretiert werden. Das Vorhandensein von Fehlern dieser Art kann den Schwellwert der Summe der Anzeichen, gemäß denen Kampfhandlungen zu beginnen sind, sehr stark verringern. Hier ist wiederholt daran zu erinnern, daß die gefährlichsten Fehler erst durch die begonnenen Kampfhandlungen bemerkt werden, wenn ihre Beseitigung schon sinnlos wird. Sie vorher zu beseitigen ist nicht möglich. Somit verringern Fehler bei der Realisierung der Software nicht nur die Effektivität der Raketenabwehr, sondern können in starkem Maße die ohnehin vorhandene Instabilität der Gesamtheit der einander gegenüberstehenden kosmischen Raketenkomplexe mit den in den Kosmos gebrachten Angriffswaffen erhöhen.

Einer der möglichen Einwände gegen das hier gezeichnete Bild der fast unvermeidlichen Entfesselung eines militärischen Konflikts selbst ohne Softwarefehler oder Elementenausfall der sich feindlich gegenüberstehenden Systeme ist die geringe Wahrscheinlichkeit eines solchen fatalen Zusammentreffens von Umständen. Man darf jedoch nicht vergessen, daß die Wahrscheinlichkeitstheorie nicht für ein Einzelereignis anwendbar ist. Wenn jemand versucht, die Wahrscheinlichkeit dessen zu errechnen, daß gerade er in der Welt geboren ist und nicht seine potentiellen Brüder oder Schwestern, die Wahrscheinlichkeit der Geburt und des Zusammentreffens seiner Eltern, danach deren Eltern usw. berücksichtigt, dann wird er sich sofort davon überzeugen können, daß die Wahrscheinlichkeit seines Erscheinens auf der Welt praktisch gleich Null ist. Und trotzdem liest er diese Zeilen.

Die Tragödie des Raumschiffes „Challenger“ zeugt auch von der unerwartet großen Wahrscheinlichkeit des Versagens des „absolut zuverlässigen" (wie es genannt wurde) kosmischen Systems. Dabei muß man bedenken, daß die Software und konstruktive Kompliziertheit dieses Raumschiffes für Mehrfachverwendung nicht zu vergleichen sind mit der kompliziertesten Software des kosmischen Systems der „Sternenkriege“ und den kompliziertesten Konstruktionen kosmischer Kampfstationen mit Laser- und anderen Waffen. Folglich sind Havarien, Versagen, Explosionen von Objekten in der materiellen Basis des „Sternenkrieg“-Systems völlig wahrscheinlich, und es ist bei weitem nicht klar, wie die sich gegenüberstehenden Seiten A und B diese Havarien und Explosionen interpretieren werden. Der selbstmörderische Ausgang der gegenseitigen Beobachtung von zwei sich feindlich gegenüberstehenden Systemen kann bald nach dem Einschalten eintreten, kann nach ein paar Jahren passieren. Aber wenn dies erfolgt, braucht kaum ein zweiter solcher Fall abgewartet zu werden. Das Leben auf der Erde wird einfach vernichtet. Wenn die Menschheit den Rüstungswettlauf nicht aufgibt, erwartet sie eine apokalyptische Zukunft. Damit dies nicht passiert, müssen sich die Menschen auf der Grundlage der Abrüstung vereinen, sonst vereinen sich die von ihnen geschaffenen Automaten und vernichten die unvernünftigen Menschen.

in Wissenschaft & Frieden 1987-1: 1987-1

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