in Wissenschaft & Frieden 1986-5: Wege aus dem Wettrüsten

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Wege aus dem Wettrüsten

Internationales Naturwissenschaftler-Forum ruft zum Stop aller Atomwaffen auf

von Uwe Reichert

Knapp 200 Wissenschaftler aus 32 Nationen trafen sich Mitte Juli auf Einladung der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften in Moskau, um über ein dreißig Jahre altes, aber immer noch aktuelles Thema zu diskutieren: die vollständige Einstellung aller Kernwaffenversuche.

Eingeleitet wurde das dreitägige Forum durch Einführungsvorträge von Frank von Hippel, Princeton University, USA und dem Vizepräsidenten der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften, Yewgenij Velikhow. Diese Vorträge hoben schon die wichtigsten Punkte hervor, die anschließend in den Diskussionsrunden ausführlich erörtert wurden: eine Abkehr von der „alten Art des Denkens“ (sprich: Abschreckung), zuverlässige Verifizierbarkeit eines Teststops und alternative Wege, einen Teststop zu erreichen. Neben diesen drei Punkten wurde ausgiebig über die Einflüsse eines Kernwaffenteststops auf die Entwicklung und auf die Nichtweiterverbreitung von Kernwaffen diskutiert.

Von allen Teilnehmern begrüßt und als erster, wichtiger Schritt in Richtung eines vollständigen Kernwaffenteststopps angesehen wurde das einseitige Moratorium, mit dem die Sowjetunion seit dem 6. August 1985 alle ihre Testexplosionen eingestellt hat (F. von Hippel: „Triumph des neuen Denkens“).

Dieses Moratorium sei in den USA anfangs überhaupt nicht beachtet worden, so S. Coleman von der „Better World Society“, USA. Nachdem das Moratorium jedoch mehrmals verlängert wurde, habe sich immer mehr die Überzeugung durchgesetzt, daß das Moratorium mehr als nur reine Propaganda sei. Ähnlich äußerten sich auch J. Legget und J. Rotblat (GB). Bei Meinungsumfragen in Großbritannien hätten sich 84 % der befragten Personen dafür ausgesprochen, daß sich Großbritannien dem sowjetischen Moratorium anschließen solle.

Von den westlichen Teilnehmern des Forums wurde die Sowjetunion wiederholt aufgefordert, das einseitige Moratorium weiterhin zu verlängern, und zwar solange, bis der wachsende Druck der Öffentlichkeit und des amerikanischen Kongresses die Regierungsverantwortlichen zwingt, ihrerseits auf Kernwaffenversuche zu verzichten. A. G. Arbatow (UdSSR) warnte allerdings, das einseitige Moratorium könne nicht ewig andauern, wenn die USA ihre Kernwaffentests fortsetzen würden. Nach Meinung von Ted Taylor (USA), der früher in Los Alamos selbst Kernwaffen entwickelte (die berühmte „Tornisterbombe“ geht auf sein Konto), ziehe sich aber die Auswertung von Tests und die Entwicklung neuer Kernwaffen über mehrere Jahre hin, so daß das Risiko, die USA könnten in absehbarer Zeit durch ihre Tests militärische Vorteile erzielen, relativ gering sei.

Mehrere Seismologen legten auf eindrucksvolle Weise dar, daß die Verifikation eines Kernwaffenteststopps vom wissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen überhaupt kein Problem darstelle. Allgemein akzeptiert ist heute eine Nachweisschwelle von max. 1 Kilotonne. Die Verwendung moderner Seismographenarrays, Messungen in verschiedenen Frequenzbereichen und verfeinerten Auswertungsverfahren lassen die Nachweisschwelle weiter sinken. So präsentierte F. von Hippel ein Seismogramm, das in Norwegen aufgenommen wurde und eine sowjetische 0,5 Kilotonnen-Versuchsexplosion eindeutig registrierte. Durch weitere Verbesserungen der Nachweistechnik hofft man, auch 0,1 Kilotonnen-Tests zuverlässig registrieren zu können.

Um eine möglichst niedrige Nachweisschwelle zu erreichen, sind natürlich auch Seismographen nötig, die in unmittelbarer Nähe der Atomtestgelände aufgestellt sind. Gegenwärtig werden auf Initiative der amerikanischen Umweltorganisation NRDC (Natural Resources Defense Council) und der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften jeweils drei Seismographenstationen um die Testgebiete in Nevada und in der Nähe von Semipalatinsk aufgebaut bzw. schon betrieben. Auf dem Moskauer Forum berichtete Thomas Cochran, ein Physiker, der für das NRDC arbeitet, über die Aktivitäten der amerikanischen Wissenschaftlergruppe, die wenige Tage zuvor in der Sowjetunion eingetroffen war und sofort damit begonnen hatte, die mitgebrachte Ausrüstung in der Nähe des sowjetischen Testgebietes aufzubauen. Cochran nannte dieses Unternehmen ein Demonstrationsprojekt, das zeigen soll, daß in der Sowjetunion Seismographen zur zuverlässigen Überwachung eines Teststopps stationiert werden könnten.

Sofortiger Teststopp oder Stufenplan

Wurde dieses Projekt von den Teilnehmern des Forums einstimmig als weiterer wichtiger Schritt in Richtung eines Teststops gewertet, so war man sich in einer anderen Sache weniger einig: in der Frage, ob man einen vollständigen Teststop auf direktem Wege oder über den Umweg der Begrenzung von Kernwaffentests erreichen solle. Eine solche Begrenzung könnte entweder über eine schrittweise Reduzierung der maximal zulässigen Sprengkraft (gegenwärtig 150 Kilotonnen) oder über eine Quotierung der Tests erreicht werden (z.B. zwei zulässige Tests pro Jahr). Dies würde den wichtigsten Bedenken der Teststoppgegner entgegenkommen, die meinen, daß ein vollständiger Teststop nicht ausreichend genug zu überwachen sei bzw. daß Tests zur Überprüfung der Zuverlässigkeit der vorhandenen Kernwaffen nötig seien. Möglicherweise wäre ein solcher Kompromiß politisch leichter durchsetzbar als ein vollständiger Teststop. Aber abgesehen davon, daß damit die Gefahr besteht, daß ein Provisorium zum Dauerzustand erhoben werden könnte, gibt es auch andere Argumente, die gegen eine unvollständige Begrenzung der Kernwaffentests sprechen. Die Einhaltung einer Testschwelle von z.B. 5 Kilotonnen wäre schwieriger zu kontrollieren als die Frage, ob überhaupt ein Test stattgefunden hat (wie will man entscheiden, ob ein Test eine Sprengkraft von 4,7 oder 5,3 Kilotonnen hatte?) Bisherige Erfahrungen lassen leider befürchten, daß in einem solchen Falle die Supermächte sich gegenseitig der Vertragsverletzung beschuldigen würden, was dem rüstungskontrollpolitischen Klima sicherlich nicht förderlich wäre. Auch ließe sich im Falle einer Quotierung schlecht entscheiden, ob ein „Zuverlässigkeitstest“ nicht auch dazu benutzt wird, waffentechnisch relevante Untersuchungen durchzuführen.

Die Frage, ob alternative Konzepte ja oder nein, konnte natürlich in der Diskussionsrunde nicht eindeutig beantwortet werden. Einen Sinn hätten solche Kompromisse auf jeden Fall nur, wenn sie letztendlich doch ein vollständiges Testverbot zur Folge hätten.

Am Ende des Forums wurde eine Deklaration verabschiedet, in der die Hoffnung auf eine Verlängerung des sowjetischen Moratoriums ausgedrückt wird und in der alle Nuklearstaaten aufgefordert werden, sich einem Kernwaffenteststopp anzuschließen. Die Organisatoren des Forums überreichten diese Erklärung tags darauf dem sowjetischen Generalsekretär Gorbatschow. Dieser Empfang machte denn auch den politischen Aspekt der Forums deutlich. Nicht umsonst fand das Forum entsprechende Beachtung in der östlichen Presse. Westliche Zeitungen hielten sich sehr zurück.

US-Wissenschaftler überwachen sowjetisches Atomversuchsgelände

Das Problem einer Vor-Ort-Kontrolle zur Überwachung von unterirdischen Nukleartests war in der Vergangenheit ein zentrales Hindernis bei den Rüstungskontrollverhandlungen gewesen. Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion hatten sich wegen unterschiedlicher Standpunkte nicht auf konkrete Maßnahmen einigen können. Was auf Regierungsebene nicht gelang, brachte jetzt eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern zustande: den Aufbau von Seismographen um das sowjetische Testgelände in der zentralasiatischen Republik Kasachstan. Dies ist das erste Mal in der Geschichte, daß die Sowjetunion Ausländern erlaubt, auf ihrem Territorium seismische Messungen zur Überwachung von Kernwaffentests vorzunehmen.

Initiiert wurde das Projekt von der angesehenen, auf privater Ebene arbeitenden amerikanischen Umweltorganisation NRDC (Natural Resources Defense Council). Nach kurzen Vorgesprächen mit Vertretern der Sowjetischen Akademie der Wissens,chaften wurde am 28. Mai eine Vereinbarung unterzeichnet, die den Aufbau von jeweils drei Seismographenstationen um das amerikanische Testgelände in Nevada und um das sowjetische Testgebiet in der Nähe der Stadt Semipalatinsk vorsieht. Alle Stationen sollen gemeinschaftlich von amerikanischen und sowjetischen Wissenschaftlern betrieben werden. Die Meßdaten werden veröffentlicht und somit allen interessierten Stellen zugänglich gemacht.

Nachdem vom NRDC die erste Ausrüstung besorgt worden war, trafen die amerikanischen Wissenschaftler bereits Anfang Juli in der Sowjetunion ein. Dem Team gehören Geophysiker verschiedener Universitäten an; auf sowjetischer Seite werden sie von Kollegen des Instituts für die Physik der Erde unterstützt. Alle Seismographen wurden zunächst oberirdisch im Umkreis von 200 km um das Testgebiet stationiert. Bis zum Herbst sollen die Geräte in 100 m tiefen Bohrlöchern versenkt werden, um das Hintergrundrauschen zu reduzieren und so die Empfindlichkeit zu erhöhen. Voraussichtlich bis zum November stehen identische Geräte zur Verfügung, die um das amerikanische Testgelände in Nevada installiert werden. Die Laufzeit des gemeinsamen Projekts ist zunächst auf ein Jahr vorgesehen.

Wissenschaftlich betrachtet ist das Projekt eigentlich nur für den Westen interessant. Die Meßdaten von Seismographen innerhalb der USA werden alle veröffentlicht, so daß die Sowjetunion schon heute über eine genaue Kenntnis des amerikanischen Testgebiets verfügt. Vergleichbare Daten über die sowjetischen Testgebiete lagen bisher nicht vor, weil die Sowjetunion keine Seismogramme ihrer Nukleartests veröffentlichte. Selbst bei einem Testlauf eines weltweiten seismischen Überwachungsnetzes Ende 1984 speiste die Sowjetunion nur die Registrierungen von Erdbeben in die Datenbank ein; die Aufzeichnungen ihrer eigenen Nukleartests hielt sie zurück.

Entsprechend groß ist jetzt das Interesse westlicher Wissenschaftler an den seismischen Daten aus der Sowjetunion. Selbst wenn die Sowjets ihr Testmoratorium weiterhin verlängern und keine Nukleartests durchführen, so werden von den im Testgebiet stationierten Seismographen alle schwachen Erdbeben in dieser Region registriert. Die Auswertung dieser Daten liefert wertvolle Informationen über den geologischen Aufbau des sowjetischen Testgebietes. Wegen des härteren Untergrundes werden die durch Kernexplosionen hervorgerufenen Erderschütterungen dort weit weniger gedämpft als vergleichsweise im amerikanischen Testgebiet von Nevada. Dies hat in der Vergangenheit zu einer Überschätzung der Sprengkraft sowjetischer Kernwaffentests um bis zu einem Faktor 3 geführt. Mit den jetzt erwarteten seismischen Daten kann die Sprengkraft früherer - und eventuell auch heftigerer Tests in diesem Gebiet besser bestimmt werden.

Die Haltung der US-Regierung

Dies mag der Grund dafür sein, daß amerikanische Regierungsstellen das gemeinsame Projekt des NRDC und der sowjetischer, Akademie der Wissenschaften stillschweigend billigen. Offiziell betrachtet die US-Administration dies als eine private Angelegenheit. Die Ausfuhrgenehmigungen für die in der Sowjetunion aufgestellten Geräte wurden jedoch vom US-Handelsministerium schon 6 Tage nach der Antragstellung erteilt - eine Rekordzeit. Auch bekundeten mehrere Offizielle des Verteidigungsministeriums und der Waffenlabors ihr Interesse an den seismischen Daten aus der Sowjetunion. Die Einladung des NRDC an die amerikanische Regierung, sich aktiv an dem Projekt zu beteiligen, wurde jedoch nicht angenommen. Wissenschaftlern in Regierungsdiensten bleibt eine Mitarbeit versagt.

Die vom NRDC in der Sowjetunion aufgestellten Seismographen überwachen nur das Testgebiet bei Semipalatinsk zuverlässig. Für eine flächendeckende Überwachung im Falle eines umfassenden Kernwaffenteststopps müßten zusätzliche Seismographen auf sowjetischem Territorium installiert werden - nach Meinung führender Seismologen etwa 25. Diese würden zusammen mit einigen Seismographen außerhalb der UdSSR ein Überwachungsnetz bilden, das selbst schwache Kernexplosionen mit genügender Wahrscheinlickeit (ca. 90 %) nachweisen könnte.

Überwachungsnetz möglich

Die Initiative des NRDC hat gezeigt, daß es keine prinzipiellen Schwierigkeiten gibt, ein solches Überwachungsnetz zu installieren. Weitere Schritte müßten jetzt von offizieller Seite übernommen werden. Der amerikanische Kongreß hat bereits Anfang August auf die neue Entwicklung reagiert: Der Senat legte der Reagan-Administration mit einer Mehrheit von 64:35 Stimmen die Wiederaufnahme der Teststoppverhandlungen nahe; das von den Demokraten dominierte Repräsentantenhaus stimmte mit einer überraschend deutlichen Mehrheit von 234:155 Stimmen für einen Gesetzentwurf, der für das Jahr 1987 ein Verbot aller amerikanischen Nukleartests mit einer Sprengkraft von mehr als 1 Kilotonne vorsieht. Dieses Moratorium würde nach dem Entwurf nur dann beginnen, wenn die Sowjetunion dem weiteren Aufbau von Seismographen auf ihrem Territorium zustimmte; außerdem wird jedem Land nur ein Testgebiet zugestanden. Für den Fall, daß die Sowjets Tests außerhalb ihres zu bestimmenden Testgebietes oder solche mit einer Sprengkraft von mehr als 1 Kilotonne durchführen sollten, wäre das amerikanische Moratorium beendet. Falls auch der Senat, in dem die Republikaner die Mehrheit haben, diesem Entwurf zustimmt, würde er für die Reagan-Administration bindend werden.

Dr. Uwe Reichert, Diplomphysiker in Heidelberg, z. Zt. Stipendium der Stiftung Volkswagenwerk, Arbeitsgebiet: Rüstungskontrollforschung.

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