in Wissenschaft & Frieden 1986-3: 1986-3/4

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Versöhnung für das Bonner Protokoll – Anmerkungen zum Projekt einer nationalen Mahn- und Gedenkstätte

von Frank Schimmelfennig

Mit halbjähriger Verspätung begann Ende April die parlamentarische Beratung des Projekts einer zentralen Gedenkstätte für die Toten des Zweiten Weltkrieges in Bonn. Sie war allerdings zunächst darauf beschränkt, daß die Entschließungsanträge der Parteien angebracht, begründet und in die Ausschüsse verwiesen wurden. Ich möchte hier die Idee der nationalen Gedenkstätte in ihren historischen und funktionalen Kontext stellen, die Motive und Pläne der an diesem Projekt beteiligten Kräfte verdeutlichen und die aufgeworfenen Fragen und Probleme diskutieren.

Totenmale, meint der Stadtsoziologe Lewis Mumford, sind so alt wie die Zivilisation. Daran dachten wohl auch die Koalitionsfraktionen, als sie in ihrem Entschließungsantrag formulierten: „Der Respekt vor den Toten gehört zum sittlichen Erbe der Menschheit.“

Problematisch, weil unhistorisch, ist hingegen ein anderer Satz des Antrags: „Jedes Volk bedarf einer zentralen Gedenkstätte.“

Das Nationaldenkmal, das hier angesprochen ist, ist nämlich ein typisches Produkt der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und seiner Ideologie, des reaktionären und militaristischen Nationalismus. In dem dieser Ideologie gemäßen Geschichtsbild erschien das wilhelminische Kaiserreich als End- und Höhepunkt der nationalen Geschichte Deutschlands. Der Weg zu diesem Nationalstaat galt als ein notwendigerweise kriegerischer, und damit erhielten auch Militär und Kriegstod ihren Sinn und ihre Legitimation.

Das Hermannsdenkmal, das Völkerschlachtsdenkmal und das Niederwalddenkmal, aber auch die zahllosen Bismarck- und Kaiser-Wilhelm-Türme zeigen augenfällig, wie sich diese Ideologie in Denkmalen manifestierte.

Ein zentraler Denkmalstandort war in Deutschland natürlich erst mit der neuen Reichshauptstadt Berlin vorhanden. Hier verherrlichte die am Sedanstag 1893 eingeweihte Siegessäule Nationalismus, Militarismus und Monarchie.

Der Erste Weltkrieg brachte eine neue Gattung von zentralen Denkmalen hervor – das Grabmal des unbekannten Soldaten.

Die gängige Meinung erklärte die Entstehung dieses Typus aus der Verstümmelung vieler Gefallener bis zur Unkenntlichkeit, aus der Anonymität der Soldatenmassen. Dieses neue Faktum des Ersten Weltkriegs hätte allerdings nur die Existenz zahlreicher Gräber für nichtidentifizierbare Soldaten zur Folge gehabt. Das Grabmal des unbekannten Soldaten in der Hauptstadt ist jedoch der zentrale Ort der herrschaftlichen Verfügung über den Kriegstod. Unbekannt heißt hier: Einer für alle.

In der Weimarer Republik wurde der Staatsführung der Mangel einer zentralen Gedenkstätte am zehnten Jahrestag des Kriegsausbruchs 1924 bewußt. Für diese erste staatliche Gedenkfeier nach dem Krieg wurde provisorisch ein Sarkophag auf den Stufen aufgebaut. Reichspräsident Ebert legte einen Kranz nieder, zwei Schweigeminuten und das Lied „Ich hatt’ einen Kameraden“ folgten. Ebert beschloß daraufhin, die Errichtung eines Reichsehrenmals zur Aufgabe von Regierung und Nation zu machen. Vorschläge gab es bereits zur Genüge, jede Reichsprovinz beanspruchte das Monument für sich.

Als zentrale Gedenkstätte wurde Schinkels Neue Wache an Berlins Prachtstraße Unter den Linden eingerichtet. Diese war den Deutschnationalen jedoch zu schlicht, zu defätistisch. Für sie war der deutsche Soldat „im Felde unbesiegt“ geblieben, und so erwählten sie Tannenberg, den Ort des bedeutendsten Sieges des deutschen Militärs, zum Standort einer monumentalen Gedenkstätte. Später wurde Hindenburg der Feldherr dieser Schlacht, dort beigesetzt; Hitler ernannte Tannenberg daraufhin 1935 zum Reichsehrenmal. Die neue Wache wurde jedoch auch in der Nazizeit weiterhin als zentrale Gedenkstätte genutzt.

Und nicht nur in der Nazizeit. Es ist eine der fatalen Kontinuitäten, daß dieser Bau von der DDR als Grabmal des Unbekannten Soldaten übernommen wurde, ergänzt allerdings durch das Grabmal des Unbekannten Widerstandskämpfers. Im Grunde spielt nämlich der Widerstand die wichtigste Rolle in der historischen Legitimation der DDR-Führung – hier aber feiert sich mit preußischer Staatsbaukunst und preußischem Stechschritt, mit Wachablösungen und Militärparaden der DDR-Militarismus.

Soweit die grob gezeichnete historische Entwicklung, in deren Kontinuität die bundesdeutschen Bestrebungen nationalen Gedenkens stehen. Die wichtigsten Merkmale des Typus „Nationaldenkmal“ lassen sich so zusammenfassen:

  1. Die zentrale Kriegstotengedenkstätte ist die offizielle Gedenkstätte des Staates. Sie wird entweder direkt von ihm oder doch unter seinem maßgeblichen Einfluß errichtet und befindet sich in der Regel an einer prominenten Stelle der Hauptstadt. Sie wird von der Staatsführung rituell genutzt: für das Staatsprotokoll bei Besuchen ausländischer Staatsgäste und für die einschlägigen staatlichen Feierlichkeiten. Sie dient also Repräsentationszwecken des Staates. In einem ganz und gar nicht staatsfernen, kürzlich erschienenen Werk über deutsche Staatssymbole heißt es dazu:

„Staaten bauen für die Ewigkeit. Denkmäler sollen den Mächtigen und Menschen den Kampf gegen die Vergänglichkeit und das Vergessenwerden gewinnen helfen. (…) Im Staatsbauwerk vereinigen sich alle Hoffnungen auf dauernden Bestand: der Ausdruck angeblich unüberwindlicher Macht, die Widerstandsfähigkeit des Materials und der Ewigkeitsanspruch des Kunstwerks.“1

  1. Die zentrale Kriegstotengedenkstätte propagiert ein herrschaftliches Geschichtsbild. In ihr stellt die politische Führung die Auslegung der Vergangenheit dar, die in ihrem Interesse liegt, ihre Herrschaft also legitimiert und stabilisiert. Ziel ist es, dieser Interpretation einen amtlichen Charakter zu verleihen und sie im ganzen Volk durchzusetzen. Eine gemeinsame historische Identität bekräftigt die nationale Einheit und damit die nationalstaatliche Herrschaft.
  2. Die zentrale Kriegstotengedenkstätte ehrt das Militär als Arm der Staatsgewalt. Hier erklärt der Staat den Sinn des Kriegstodes, hier gilt denen, die er in den Krieg geschickt hat, der Dank des Vaterlands. Diese Votiv- und Sinngebungsfunktion der Gedenkstätte macht sie zugleich zum Vorkriegsdenkmal. Hier wird ebenso vermittelt, wofür sich zukünftig zu sterben lohnt und daß die Nation sich dafür erkenntlich zeigen wird. National- und Religionssymbolik verbinden sich in der Überhöhung und Verschleierung des Kriegstodes.2

Das Bundesehrenmal

Damit komme ich zur Bundesrepublik. Die erste Forderung eines „Bundesehrenmals“, die mir bekannt ist, stammt ausgerechnet vom August 1955.3 Auch wenn ich nicht mit Sicherheit sagen kann, daß dies tatsächlich die früheste Initiative ist, stellt sich doch die Frage, ob zwischen dieser Forderung und der Remilitarisierung der Bundesrepublik ein Zusammenhang besteht und sich damit der doppelte Charakter der zentralen Gedenkstätte als Nach- und Vorkriegsdenkmal bestätigen würde.

Ganz sicher besteht ein Zusammenhang mit der frisch wiedergewonnenen Souveränität. Jetzt spätestens mußte den Protokoll- und Repräsentationsbedürfnissen des Staates Rechnung getragen werden.

Die Forderung, ein Bundesehrenmal zu errichten, tauchte übrigens zusammen mit derjenigen auf, das Eiserne Kreuz des Zweiten Weltkriegs wieder tragen zu dürfen, wenn man das Hakenkreuz durch den Bundesadler ersehe. Das halte ich für symptomatisch: Man glaubt, es genüge, lediglich die Herrschaftssymbole zu wechseln, die in der Tat beliebig austauschbar sind. Der militärische Orden oder das Nationaldenkmal selbst, die ja an sich schon Ausdruck einer von der aktuellen Herrschaftsform unabhängigen Kriegskultur sind, erscheinen so fälschlicherweise als neutrale Formen.

1961 rief Bundespräsident Lübke ein Gremium aus dem Landeskonservator, Vertretern des Bundes, der Stadt Bonn und der Universität ins Leben, um ein Ehrenmal zu konzipieren. Das Gremium wählte das von Schinkel erbaute akademische Kunstmuseum im Bonner Hofgarten als Standort der Gedenkstätte – die Vorliebe für Bauten des preußischen Staatsarchitekten war also in beiden deutschen Staaten ungebrochen.

1964 wurde dort eine einfache Bronzetafel mit der Inschrift „Den Opfern der Kriege und der Gewaltherrschaft“ aufgestellt. Wer nun denkt, die Tafel sei an einem 8. Mai, an einem 30. Januar oder auch am Volkstrauertag eingeweiht worden, kennt nicht die subtilen Verdrängungsmechanismen des bundesdeutschen Umgangs mit der NS-Geschichte: In Anwesenheit der gesamten Bonner Prominenz legte Lübke am 16. Juni 1964 einen Kranz im „Gedenken an die Opfer des Volksaufstandes am 17. Juni“ nieder. Der übergroße Zeigefinger ersetzt die Selbstanklage, und die Totalitarismustheorie mit ihrer Gleichsetzung von Rot und Braun tut ein übriges, um eigene Schuld zu relativieren. Die absichtsvoll ungenaue Inschrift macht es schließlich möglich.

Allerdings monierten die Protokollbeamten des Auswärtigen Amts und die Vertreter der Soldatenverbände sehr bald, daß diese zentrale Gedenkstätte nicht repräsentativ genug sei. In der Tat war die Tafel wie die gesamte Bundeshauptstadt nur als Provisorium gedacht und konnte in dieser Hinsicht einem Vergleich mit Nationalgedenkstätten anderer Staaten nicht standhalten.

Andererseits finde ich sie sehr ehrlich. In ihrer Oberflächlichkeit und Sinnleere reduziert sie das Protokoll auf das pflichtgemäße und starre Ritual des Kranzablegens und Schleifenzupfens, das es tatsächlich ist.

Jedenfalls ließ Bundespräsident Carstens den Bonner Oberstadtdirektor im Juni 1980 wissen, daß das Ehrenmal verlegt werden müsse, „um eine grundsätzliche Verbesserung der Zeremonie bei der Kranzniederlegung herbeizuführen.“ 4 Die Bronzetafel wurde daher vom Hofgarten auf den Bonner Nordfriedhof gebracht und vor das dortige Kriegerdenkmal, ein im August 1933 errichtetes Holzkreuz, gesetzt.

Auf dem Gräberfeld des Friedhofs ruhen über 2000 Tote beider Weltkriege, darunter auch zivile Bombenopfer und sowjetische Zwangsarbeiter. Damit war das Umfeld der Gedenkstätte sicherlich aussagekräftiger geworden als es der Rasen des Hofgartens sein konnte. Und sicher verleiht die Großflächigkeit der Anlage und die Monumentalität des Kreuzes nun auch etwas mehr von dem, was die Verantwortlichen als Würde bezeichnen.

Ohnehin war der Nordfriedhof bereits seit den frühen fünfziger Jahren Schauplan der regierungsoffiziellen Kranzniederlegungen am Volkstrauertag gewesen, und schließlich war das Zeremoniell nun leichter polizeilich zu schützen als in der Bonner Innenstadt.

Dennoch wollte bei den Zuständigen keine rechte Zufriedenheit aufkommen. Nun wurde moniert, die Stätte des Protokolls sei zu weit vom Regierungsviertel entfernt und nicht gerade im unsehnlichsten Teil der Hauptstadt gelegen. Nach den Ereignissen um Bitburg im Mai 1985 wurden dann auch die 17 Gräber von Soldaten der Waffen-SS dort mit anderen Augen gesehen – ein Grund mehr, sich um einen neuen Ort zu bemühen. Für die Zwischenzeit wird von offizieller Seite vorsorglich darauf hingewiesen. daß die niedergelegten Kränze nur dem Mahnmal, nicht aber dem ganzen Friedhof gälten.

Beide für mangelhaft befundene Provisorien legen eine Lösung nahe: Bonn braucht eine repräsentative, im Regierungsviertel gelegene Gedenkstätte, um die protokollarischen Bedürfnisse der Staatsführung zu befriedigen.

Zu diesem Schluß kamen bereits in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre, als auch Bonn nicht mehr als Provisorium betrachtet wurde, die städtebaulichen Berater von Bundeskanzler Schmidt. Das Vorhaben wurde aber trotz dessen offenkundiger Sympathie nicht weiterverfolgt.

„Geschichte von oben“

Erst nach dem Regierungswechsel in Bonn wurde der langgehegte Wunsch wieder ernsthaft aufgegriffen. Das Motiv blieb unverändert: Schon der erste Satz des jüngsten offiziellen Papiers des Bauministeriums läßt an Offenheit nichts zu wünschen übrig:

„Das Staatsprotokoll erfordert eine würdige Mahn- und Gedenkstätte in der Bundeshauptstadt Bonn.“ Das ist jedoch nicht der einzige Motivstrang. Trotz ihrer eigenen Vorgeschichte ist die Nationale Mahn- und Gedenkstätte im Kontext jenes staatlichen Geschichtsprojektes zu sehen, das die konservativ-liberale Bundesregierung auch mit dem Haus der Deutschen Geschichte in Berlin und dem Haus der Geschichte der Bundesrepublik in Bonn verfolgt. Während in der ganzen Bundesrepublik eine wachsende dezentrale Bewegung der „Geschichte von unten“ seit einigen Jahren neue Perspektiven auch in dem Umgang mit dem Nationalsozialismus einzubringen, NS-Geschichte konkret vor Ort erfahrbar zu machen sucht, steckt die Bundesregierung mit ihrem Dreiecksprojekt das Feld für eine „Geschichte von oben“ in ihrer Lesart ab. Kohl und Carstens haben immer wieder auf die Notwendigkeit hingewiesen, das in verschiedene Orte und Gruppen „zersplitterte“ Gedenken in der Bundesrepublik zusammenzufassen und zu vereinheitlichen.

Unterstützung erhält die Regierung dabei durch einige organisierte Kräfte, die mit der Wende in Bonn wohl die Gelegenheit für gekommen hielten, ihr Geschichtsbild nun auch offiziell zu befördern. Die Indizien mehren sich seit 1982.

Im Juni dieses Jahres wurde die Kunstkommission der Stadt Bonn mit einem „Mahnmal der Vertreibung“ für die Rheinaue unweit des Regierungsviertels befaßt. Das vom Bund der Vertriebenen initiierte Projekt sollte „an die Opfer der Vertreibung weltweit“ erinnern, verlief aber im Sande. In seiner Rede zum Volkstrauertag 1982 forderte Bundestagspräsident Stücklen (CSU) ein „Mahnmal als Gedenkstätte für die Millionen deutscher Soldaten …, die im Osten oder in irgendeiner anderen Himmelsrichtung an unbekannten Orten begraben liegen“, also eine Neuauflage des Grabmals des Unbekannten Soldaten.

Im Mai 1983 schließlich wurde mit dem „Ai-de-memoire über die Errichtung einer nationalen Gedenkstätte für die Kriegstoten des deutschen Volkes“ das erste ausgereifte Projekt präsentiert. Dahinter steht eine Gruppe von neun mehrheitlich soldatisch orientierten Verbänden, darunter aber wiederum auch der Bund der Vertriebenen. Die Federführung übernahm der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge VDK, der seit mehr als 60 Jahren deutsche Soldatenfriedhfe im In- und Ausland anlegt und betreut.

Entsprechend soldatisch orientiert ist dieses Ai-de-memoire: Die Verbände sehen ihre Aufgabe darin, „den Kriegstoten des deutschen Volkes ein ehrenvolles Gedenken zu bewahren“ und dies zu einem „Anliegen unseres ganzen Volkes“ zu machen. Von Tätern und Schuld ist nicht die Rede, nicht von dem, was deutsche Soldaten in Europa angerichtet haben, nicht von den Toten der überfallenen Staaten. Nur beiläufig erscheinen die ermordeten Völker und verfolgten Gruppen.

Breit hingegen werden die „unserem Volke abverlangten Opfer“ thematisiert, die 7 Millionen „deutschen Menschen“, die in beiden Kriegen ihr Leben verloren, sind genau nach Gruppen und Zahl aufgeschlüsselt, ihnen sei mit „Elementen der Weihe, der Dokumentation und der Information“ zu gedenken.

„Die künstlerische Gestaltung von höchster Qualität in einer unserer Situation und unseren Möglichkeiten angepaßten Ausprägung soll ihren Sinn (den der „unserem Volke abverlangten Opfer“, d. Verf.) für alle verdeutlichen, der Toten in Demut und Trauer gedenken.“ Deutlich erscheinen hier die Sinngebungs- und die Votivfunktion des Nationaldenkmals.

Dem folgen die Gestaltungsvorschläge des VDK-Architekten. Zentrales Element, „verbindliches Zeichen“, soll eine „maßstäblich überzogene Dornenkrone, schwebend oder bodennahe“ sein. Die Deutschen also ein Volk von Märtyrern – peinlich auch, wenn man die antisemitische Tradition dieses Symbols bedenkt.

Die Bundesregierung machte sich das Konzept zu eigen, und die Verbände gründeten einen Verein, um sie materiell und ideell bei der Realisierung zu unterstützen. Am Ai-de-memoire entzündete sich aber auch die Diskussion um die Nationale Gedenkstätte in der interessierten Öffentlichkeit. SPD und Grüne gingen ebenso auf Distanz wie die Organisationen der Verfolgten, Künstler und Architekten. Der Bund der Architekten und die SPD veranstalteten eigene Anhörungen.

Angesichts dieser massiven Kritik rückte die Bundesregierung zu Beginn des Jahres 1985 vorsichtig vom Ai-de-memoire ab, nahm Gespräche auch mit den Zentralräten der Juden und Sinti und Roma, mit den Oppositionsparteien und den Kirchen auf und sagte eine zunächst verweigerte Beratung des Projekts im Parlament zu.

Das Aide-memoire kann damit zwar als überholt gelten, die „schwebende Dornenkrone“ bleibt aber in der Debatte um die zentrale Gedenkstätte Metapher für ein Geschichtsbewußtsein, das in der Bundesrepublik bisher vorherrschend gewesen ist:

Schuld wird verdrängt oder auf andere projiziert. Die Verantwortung für das eigene Handeln wird auf wenige Sündenböcke abgewälzt, Mittäterschaft überhaupt geleugnet. So entsteht die Volksgemeinschaft der Opfer und Verführten. Das Denken dieser eingebildeten deutschen Opfer ist von Selbstmitleid geprägt, weil sie ihr unbestrittenes Leiden nicht als Folge des Unrechts begreifen, das sie selbst über ganz Europa verbreiteten. Sie sind jedoch unfähig, um die Betroffenen dieses Unrechts trauern.

Vor allem soll die Ehre des deutschen Soldaten gerettet werden, der Ruf des Militärs unbefleckt bleiben. Jegliche Greueltaten werden den „Nazis“ angelastet, der Soldat erscheint als pflichtbewußtes Opfer seiner Zeitumstände. Wie sagte doch Bauminister Schneider in der Bundestagsdebatte:

„Die Tatsache, daß unsere Soldaten von einem Unrechtsregime in einem sinnlosen Krieg mißbraucht worden sind, mindert nicht unsere Dankbarkeit für ihr Pflichtgefühl und ihre Tapferkeit.“5

Abgesehen von der ungebrochenen Wertschätzung der Sekundärtugenden macht dieser Satz deutlich, daß der Kriegstod immanent nicht mehr zu rechtfertigen ist. Daher wird er religiös überhöht und verschleiert: Nur wenige Kriegerdenkmale in der Bundesrepublik verzichten auf christliche Symbolik, Anspielungen auf den unschuldigen Tod Christi sind Legion. Auch Herr Dregger, der ansonsten sehr akribisch zu belegen sucht, daß Deutschland in den Grenzen von 1937 rechtmäßig fortbestehe überläßt die historische Rechtsfindung lieber einem anderen, wenn es um die Toten des Krieges geht:

„Man kann die Toten unseres Volkes nicht nach Spruchkammerkategorien in Gerechte und Ungerechte einteilen. (…) Im Tode sind wir alle gleich, und unsere Seelen sind in der Gerechtigkeit Gottes, die unsere bei weitem übersteigt.“

Mit eben diesem Geschichtsbild hat sich die Stahlhelmfraktion um Dregger bisher auch innerhalb der Regierungskoalition durchzusetzen gewußt, wie ihr Entschließungsantrag zeigt.

Eine gemeinsame Entschließung mit der SPD, die Bundestagspräsident Jenninger noch zu Beginn dieses Jahres auszuhandeln versuchte, scheiterte bezeichnenderweise an der Rede von Bundespräsident v. Weizsäcker zum 8. Mai 1985. Weizsäcker hatte in seinem Widmungskatalog zunächst der nichtdeutschen Opfer des Kriegs und der Verfolgung gedacht, außerdem Opfergruppen genannt, die gemeinhin verschwiegen werden.

Diese Akzentulenung mißfiel der Stahlhelmfraktion als Grundlage eines Denkmals. Sie beharrte daraufhin auf ihrem Antrag, „insbesondere den Toten des deutschen Volkes“ zu Bedenken.

Gegenpositionen

Wie sehen nun die politischen Gegenpositionen aus? Die Grünen bestreiten die Notwendigkeit eines neuen Denkmals für die Zwecke des Staatsprotokolls. Sie schlagen stattdessen die Förderung der zahlreichen lokalen Gedenkstätten und Initiativen vor.

Die SPD lehnt eine Nationale Mahn- und Gedenkstätte nicht kategorisch ab, knüpft aber ihre Zustimmung an einige Bedingungen: Die Fragen „nach Verantwortung und Schuld“ dürften nicht „verschleiert“, die „Opfer im Kampf gegen das Unrechtsregime“ nicht verschwiegen werden; das Mahnmal dürfe sich nicht „auf die deutschen Opfer der Gewaltherrschaft und die deutschen Toten des Krieges“ beschränken, die historischen Ursachen seien herauszustellen.6 Außerdem macht die SPD ihre Zustimmung von der der überlebenden Opfer abhängig. Die jedoch lehnen vor allem eine gemeinsame Ehrung von Tätern und Opfern, von Mördern und Ermordeten in einem Denkmal ab.

Eine Gruppe von Überlebenden und Hinterbliebenen des deutschen Widerstands hat jüngst sogar ein eigenes „Haus des deutschen Widerstands“ gefordert.

Von einem politischen Konsens, einer verallgemeinerungsfähigen historischen Identität, die in einem Denkmal zum Ausdruck kommen könnte, sind wir in der Bundesrepublik also weit entfernt.

Damit komme ich zu den grundsätzlichen Problemen, die sich jenseits politischer Konstellationen stellen und der Reflexion und Diskussion bedürfen. Dabei genügt es nicht zu überlegen, wie ein „nationales Mahnmal“ beschaffen sein soll. Wichtiger ist zu fragen, ob es überhaupt errichtet werden soll.

Die Beantwortung dieser Frage muß anhand des Zielkriteriums erfolgen, das übrigens bei allen Beteiligten verbal unumstritten ist: Die Nationalgedenkstätte soll dazu dienen, aus der Geschichte zu lernen, Frieden und Versöhnung zu fördern und eine Neuauflage des Faschismus zu verhindern. Anders gewendet: Nur als ein Lernort einer demokratischen und Friedenskultur wäre sie akzeptabel. Dazu aber brauchen wir kein zentrales Mahnmal.

  1. Die Bundesrepublik ist voll von Orten, an denen sich die Geschichte des Nationalsozialismus authentischer erfahrbar machen läßt als gerade im Bonner Regierungsviertel. Die Gronau, der unmittelbar an das Regierungsviertel angrenzende Teil des Rheinauenparks, der als zukünftiger Standort bereits feststeht, ist zwar kein Ort, der mit der Geschichte des Nationalsozialismus in irgendeiner spürbaren Verbindung stünde, aber immerhin ein denkmalserprobter Ort. Nähert man sich dem Regierungsviertel von Süden, trifft man zuerst auf einen Bismarckturm, dann auf ein Denkmal für die „toten Kameraden“ des Ersten Weltkriegs. Zwischen diesem Denkmal und dem Abgeordnetenhaus befindet sich schließlich ein wie dafür geschaffenes Areal, um die Denkmalsreihe deutscher Nationalgeschichte zu vervollständigen und zu krönen.
  2. Die private Trauer hat ihren Platz an den Gräbern der Angehörigen, und wo diese nicht erreichbar sind, hat sie inzwischen andere Formen gefunden, die ein zentrales Mahnmal mehr als 40 Jahre danach nicht ersetzt. Der Staat kann in diesem Sinne überhaupt nicht trauern. Staatstrauer ist symbolische Politik zur Beschwichtigung und Sammlung der Bevölkerung. In jedem Fall bleibt diese Trauer so abstrakt und allgemein, daß sie verdrängt, wo sie erinnern und Erinnertes verarbeiten sollte. Freimut Duve forderte in der Bundestagsdebatte hingegen, daß sie konkret sein müsse, „so schmerzhaft konkret, so verletzend präzise, daß dem der Atem stockt, der plötzlich wahrnimmt, was da alles im Fenster seiner Erinnerung auftaucht.“
  3. Das Staatsprotokoll bedarf, wenn es denn unausweichlich ist, keiner Stätte historischer Reflexion. Sinnvoller wäre da schon, über eine neue Form des Staatsprotokolls nachzudenken. Peter Conradi hat im Bundestag zumindest die richtige Frage gestellt: Warum hat eigentlich nach dem verlorenen Krieg kein Bundespräsident, kein Bundeskanzler dieses Staatsritual durch neue Formen ersetzt, die zeigen, daß wir eine friedliche Republik sein wollen, die ohne militärisches Gepränge trauern kann?“
  4. Konventionelle Denkmale erlauben keine aktive und differenzierte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, und damit kein Lernen aus der Geschichte, keine Erinnerungsarbeit. Sie können das Geschehen nicht adäquat und multiperspektivisch darstellen und zumeist nur rein passiv rezipiert werden. Konventionelle Denkmale sind statisch, errichtet für die Ewigkeit. Sie sind daher weder offen für Veränderungen und Ergänzungen noch für individuelle Formen der Aneignung von Vergangenheit. Stattdessen setzen sie ein verbindliches Geschichtsbild.

Wichtiger als ein wie auch immer geartetes Denkmal ist der kontinuierliche Prozeß der gesellschaftlichen Aufarbeitung der Geschichte. Denkmale sind nur Resultat und Ausdruck dieses Prozesses, sie können ihn nicht ersetzen. Im Gegenteil, sie behindern ihn eher noch.

Jetzt eilig eine Nationale Gedenkstätte zu errichten hieße nämlich, den langwierigen und mühsamen Prozeß der gesellschaftlichen Aufarbeitung regierungsamtlich für abgeschlossen zu erklären und mit einem herrschaftlichen Geschichtsbild zu ersticken. Ein solches Denkmal hat Helmut Dahmer präzise als „Bollwerk gegen Trauerarbeit“ bezeichnete. 7

Ein Denkmal, wie es in Bonn anvisiert wird, widerspricht also dem Prinzip des Lernens aus Geschichte. Alternative Konzepte, die in die richtige Richtung weisen, sind das „Aktive Museum“ und das „Denkhaus“, das auch die SPD fordert. Allerdings müßten sie noch konkretisiert werden, um beurteilen zu können, ob und wie sie die Prinzipien von Herrschaftsfreiheit, Prozeßorientierung und aktivem Lernen verwirklichen.

Doch den Fürsprechern der Nationalgedenksttte geht es auch gar nicht um Lernen durch konkrete Aufarbeitung. Alfred Dregger findet, „es müsse auch einen Platz geben, an dem wir ohne volkspädagogische Absichten nur eines tun: den Millionen, die zu Opfern der Kriege und unrechtmäßiger Gewalt wurden, unseren Respekt und unsere Ehrfurcht zu bekunden.“

Bauminister Schneider wünscht sich, der Stein möge „zur tieferen Besinnung auf die moralischen und religiösen Quellen unserer Kultur“ führen.

Ergriffenheit, Entpolitisierung, Flucht in Allgemeinheit und wabernde Gefühle verhindern eine in kritischer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit gewonnene Zukunftsorientierung, perpetuieren ein Geschichtsbewußtsein, das als historisches Fundament einer Friedenskultur untauglich ist.

Gerade in komplexen Gesellschaften wie der unseren, in der Verantwortung immer diffuser wird, müssen wir für die alltägliche Mittäterschaft sensibel sein. Wo es nur Opfer zu geben scheint, beginnt der gefährliche Rückzug aus der persönlichen Verantwortung, Resignation wird legitimiert. So sehr also jeder Soldat gelitten haben mag, er war objektiv ein Mittäter. Wenn wir dies herausstellen, können wir ihn zwar nicht ehren, aber doch angesichts unserer jetzigen Situation seiner gedenken. Wir sollten die Täter nicht entschulden, sie aber auch nicht aus unserem Gedenken verbannen. Das wäre nur eine andere Weise der Verdrängung.

Ähnliches gilt für das verbreitete Selbstmitleid. Verantwortung heißt, diejenigen im Blick zu haben, die von unseren Handlungen betroffen sind. Es gilt also, einerseits in erster Linie derer zu gedenken, die Opfer der nationalsozialistischen Aggression und Verfolgung waren, gerade wenn sie noch heute diskriminiert werden oder unsere Waffen immer noch auf sie gerichtet sind. Andererseits sind die zu ehren, die in diesem Sinne verantwortlich gehandelt und Widerstand geleistet haben.

Überhaupt sollte man sich von der Idee einer „Nationalen Gedenkstätte“ völlig lösen. Auch wenn heute niemand ein zweites Tannenberg will, die aufgezeigten historischen und funktionalen Eigenschaften des Nationaldenkmals sind keineswegs überwunden. Und es geht auch darum, einem neuen Nationalismus, der in einem solchen Denkmal wieder Symbol und Kultstätte finden könnte, entgegenzuwirken.

Kulturwissenschaftler, die ja die Macht von Symbolen kennen, müssen überhaupt jeden Versuch der symbolischen Überhöhung von Krieg und Kriegstod konsequent denunzieren.

Stellungnahme der Kulturwissenschaftler

Die Teilnehmer/innen des von der Initiative „Kulturwissenschaftler für Frieden und Abrüstung in Ost und West“ veranstalteten Kongresses „Krieg Kultur Wissenschaft verabschieden die folgende Stellungnahme zum Projekt einer Zentralen Gedenkstätte in der Bundeshauptstadt Bonn:

Die Bundesregierung beabsichtigt, im Regierungsviertel eine repräsentative zentrale Gedenkstätte für die Toten des Zweiten Weltkrieges zu errichten, die vorrangig den Zwecken des Staatsprotokolls dienen soll. Diese Bemühungen sehen wir im Kontext jenes staatlichen Geschichtsprojekts, das die konservativ-liberale Bundesregierung auch mit dem Haus der Deutschen Geschichte in Berlin und dem Haus der Geschichte der Bundesrepublik in Bonn verfolgt.

Wir brauchen kein zentrales Mahnmal. Die Bundesrepublik ist voll von Orten, an denen sich die Geschichte des Nationalsozialismus authentischer erfahrbar machen läßt als in der Bonner Rheinaue.

Wir fordern die Bundesregierung auf:

auf ihre Pläne einer zentralen Gedenkstätte für die Toten des Zweiten Weltkrieges in Bonn zu verzichten, die die Frage nach Schuld und Verantwortung nicht stellt, keine Unterscheidung zwischen Tätern und Opfern trifft, die deutschen Kriegstoten gegenüber den Toten der überfallenen verfolgten und vernichteten Völker und Gruppen hervorhebt und die Realität des Kriegstodes verschleiert oder überhöht

Es gilt, einerseits derer zu gedenken, die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung und Aggression waren, gerade wenn sie noch heute diskriminiert werden. Andererseits sind die zu ehren, die verantwortlich gehandelt und Widerstand geleistet haben.

Eine Friedenskultur erfordert Orte des Anstoßes, wo die BesucherInnen zur aktiven Beschäftigung mit Geschichte und Geschichtsbewußtsein herausgefordert werden.

Wir fordern daher die Unterstützung der zahlreichen lokalen Initiativen zur Schaffung von Gedenkstätten in Bonn und bundesweit, die sich mit dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg sowie ihrer Bearbeitung in der Bundesrepublik auseinandersetzen.

Anmerkungen

1 Hattenhauer, Hans: Deutsche Nationalsymbole. Zeichen und Bedeutung. München 1984. S. 137, dort auch Hinweise zur Geschichte des Nationaldenkmals. Zurück

2 Weitere Beispiele und allgemeine Aussagen zu Nationaldenkmalen in: Marcuse, Harold, Schimmelfennig, Frank; Spielmann, Jochen: Steine des Anstoßes. Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg in Denkmalen 1945-1985. Zurück

3 FDP verlangt Bundesehrenmal in Bonn., Münchner Merkur, 30.8.1955. Zurück

4 FR, 3.7.1980. Zurück

5 Dieser und die folgenden Auszüge aus der Bundestagsdebatte vom 25.4.1986, zit. nach dem Plenarprotokoll 10/214 des Dt. Bundestages. Zurück

6 Vgl. Antrag der Fraktion der SPD: Geplantes Mahnmal in Bonn. 21.11.1985, Bundestagsdrucksache 10/4293. Zurück

7 Dahmer, Helmut: Die Sinngebung des Sinnlosen. Pietät und Weihe fördern falsche Trauer. In: Der Architekt. H. 12 1984. S. 562-565. Zurück

Frank Schimmelfennig studiert in Tübingen Politikwissenschaft und Neuere Geschichte und ist einer der Autoren der Ausstellung „Steine des Anstoßes. Nationalsozialismus und Weltkrieg in Denkmalen 1945-1985“. Der vorliegende Text entstand aus einem Referat, das auf dem Kongreß „ Krieg Kultur Wissenschaft“ der Initiative Kulturwissenschaftler für Frieden und Abrüstung in Ost und West am 11.4.86 in Tübingen gehalten wurde.

in Wissenschaft & Frieden 1986-3: 1986-3/4

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