in Wissenschaft & Frieden 1986-3: 1986-3/4

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Fernwaffen – Wunschträume. SDI und Science Fiction: einst und jetzt

von Karl Clausberg

Daß Defensive einen durchaus aggressiven Charakter haben kann, ist eine Binsenweisheit. Angriff als Verteidigung auszugeben, hat Tradition; in der Fiktion wie in der Realität. Es gibt Präzedenzfälle genug, um aus der Geschichte oder aus den Wunschträumen, aus den Geschichten der Science Fiction, die regelmäßig der Geschichte vorausgegangen sind, zu lernen.

Zum Einstieg in die Welt der Fernwaffen-Wunschträume eine Kurzgeschichte aus dem einschlägigen Genre der jüngeren Science Fiction: Ort des Vorspiels ist ein Atombomben-Testgelände im amerikanischen Westen, genauer gesagt the blockhouse, wie der Leit- und Beobachtungsbunker solcher Experimente seit 1945 auf gut amerikanisch heißt. Eine ungewöhnlich gemischte Gruppe von Zivilisten, Technikern und Militärs ist hier versammelt. Ein Physiker erläutert die Versuchsanordnung: draußen in der Wüste befindet sich eine Plutonium-Kugel, die zur Zündung mit technischen Methoden zu klein ist. Die auserwählte Zivilistenschar – alles PSI-begabte Sondertalente – soll versuchen, den Neutronen-Fluß mit vereinten Kräften zu stimulieren. Die Wissenschaftler sind äußerst skeptisch, aber das Experiment gelingt schneller und gründlicher als erwartet: Großmutter Wilkins läßt ihr Strickzeug sinken; ihre Augen richten sich in unsichtbare Ferne – und ein gleißender Lichtblitz durchdringt die massiven Schutzfilter des Bunkers.

So vorbereitet folgt das Hauptdrama – eine militärische Staatskrise: Die Russen haben dutzende von amerikanischen Großstädten mit Atombomben vermint und verlangen die Übergabe der Regierungsgewalt; andernfalls (…) Der Präsident greift zum letzten Mittel: Die erprobte kleine Schar der PSI-Talente wird angesetzt, nach Ablauf des Ultimatums die Kettenreaktionen der ausgelösten Bomben zu unterdrücken. Es beginnt ein verzweifelter Wettlauf der Bombensuch- und Entschärfkommandos mit den schwindenden PSI-Kräften. Nur Oma Wilkins zeigt keine Schwäche; sie übernimmt eine bedrohte Stadt nach der anderen von ihren erschöpften Kollegen. Die endgültige Rettung kommt mit Großmutter Smith; sie hat zwar keine besonderen Kräfte, aber extrasensorische Wahrnehmungsfähigkeiten: sie kann genau erkennen, wo die Bomben verborgen sind.

Am Ende der Geschichte bedankt sich der Präsident per Telekonferenzschaltung bei den Großmüttern im Namen der geretteten Nation

und natürlich wird nun der nukleare Spieß umgedreht: Oma Wilkins und Oma Smith begeben sich mit einer großen Kanne Kaffee in Klausur, um die Atombomben im fernen Rußland aufs Korn zu nehmen.

Diese short Story mit dem vieldeutigen Project Nightmare schrieb Robert Heinlein, einer der bekanntesten und umstrittensten amerikanischen Science Fiction Autoren; er ist mit Recht als Klassiker kalter Kriegsphantasien charakterisiert worden. Zum Beleg zwei seiner Romanthemen: Bewußtseinsparasiten, The Puppet Masters (1951), und Starship Troopers (1959), das Heldenepos einer Astronauten-Fallschirmtruppe, die gegen aggressive außerirdische Staatsinsekten einen erbarmungslosen und verlustreichen Ungeziefer-Vernichtungskrieg führen muß.

Die Werke Heinleins bieten – wie man sich denken kann – reichlich Stoff für die verschiedensten analytischen Schnittmuster zur literarisch-biographischen, soziologischen und ideologischen Enthüllung. Ich möchte die offensichtlicheren hier gar nicht erst ausbreiten, sondern nur auf einige formale Motive hinweisen, die in der eingangs referierten Kurzerzählung und den erwähnten Romanen besonders ins Auge springen.

In Stichworten: Die Geschichten nehmen häufig von Pearl Harbour-Situationen ihren erzählerischen Ausgang: nach anfänglichen Überraschungserfolgen muß der Feind entweder mit gleichen Waffen und überlegener Moral niedergerungen oder aber durch den Einsatz besonderer Kräfte besiegt werden. – In jedem Fall hängt die Entscheidung von ungewöhnlichen Anstrengungen ab, die jeweils weit über das vorhersehbar-notwendige Maß an Verteidigungsvorbereitungen hinausgehen müssen. In der zur Einführung zitierten short Story können nur noch die außerordentlichen Fähigkeiten der beiden US-amerikanischen Großmütter eine drohende militärische Niederlage abwenden.

Die Gegner sind meist ebenso unmenschlich wie anonym; eine Verständigung ist nicht möglich. Im Gegenteil: schon der Gedanke an Verhandlungen oder friedliche Koexistenz erscheint bei Heinlein regelmäßig als Illusion, als Schwäche, als Leichtsinn, die der Feind rücksichtslos ausnutzt. Noch schlimmer: in Gestalt von Bewußtseinsparasiten kann er sogar stärkste Persönlichkeiten unter seine Kontrolle bringen; und von den martialischen Staatsinsekten heißt es, daß sie die Ureinwohner eroberter Planeten restlos ausrotten.

Um so wichtiger erscheint die Strategie der präventiven Verteidigung, die in Heinleins Starship Trooper Roman unter anderem als blutige Abschreckungs- und Überzeugungsarbeit unter den Grenzland-Rassen praktiziert wird. Die mehr oder minder sanfte Überredung zum Defensivbündnis ist ein häufig wiederkehrendes Motiv nicht nur in Heinleins Erzählungen. In einem anderen typischen Roman dieser Art, in A. E. van Vogts War against the Rull (1959), liefert die aufopferungsvolle Überzeugungsarbeit an potentiell wertvollen Bündnispartnern sogar das zentrale Leitmotiv der aneinandergereihten Episoden.

Während Heinleins interstellare Kampftermiten ihre abstoßende Fremdartigkeit nicht verbergen, sind van Vogst Rull-Wesen Meister der Tarnung: diese intelligenten Würmer können mit ihren Körpern das gesamte elektromagnetische Spektrum manipulieren; sie sind in ihren angenommenen Erscheinungsformen weder mit normalen, noch in Infrarot- oder Röntgenaugen zu durchschauen; und auch ihre Gehirntätigkeit ist so fremd artig, daß sie von Telepathen nicht verstanden werden kann.

Gegen solche Eroberer, die in fast jeder Hinsicht überlegen sind, hat nur eine Allianz aller bedrohten Rassen der heimatlichen Galaxis Aussicht auf Erfolg. Und so liest sich van Vogts Krieg gegen die Ruft als eine Mischung von blutigen Freundschafts Schlüssen, Agentenjagden und interstellaren ciosk & dagger-Episoden vor dem Hintergrund einer generationenlangen SDI-Anstrengung: sie gipfelt in der Konstruktion eines buchstäblich berggroßen Raum-Schlachtschiffes, mit dem der Heimatplanet der Ruff angegriffen werden soll, um den feindlichen Expansionsdrang an der Wurm-Quelle zu stoppen.

Ein prominentes Merkmal dieser und ähnlicher Fiktionen ist die Verschränkung von Bündnispolitik und forciertem Technologiedurchbruch. Sogar in literarisch anspruchsvollen Werken des Genres – so etwa in den Romanen Doris Lessings – ist die charakteristische Mixtur von technischer „Entwicklungshilfe“ und vorbeugender Einmischung in die inneren Angelegenheiten alliierter Rassen anzutreffen. Und bezeichnend ist auch, daß solche Hegemonie-Attitüden häufig zwischen Allmacht- und Ohnmachtgefühlen oszillieren. – Es ist sicher nicht abwegig, in diesen fiktiven Symptomen Reflexe speziell US-amerikanischer Kriegserfahrungen und – Dispositionen sozusagen unterwegs von Pearl Harbour nach Vietnam – auszumachen.

Die technologische Basis der hier erwähnten Science Fiktionen ist in den meisten Fällen reichlich nebulös und an den naturwissenschaftlichen Haaren herbeigezogen; zumal, wenn sie mit parapsychologischen Phänomenen verschnitten wird. Dieser quantitative Befund sollte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, daß Science Fiction sozusagen konstitutionell bedingt naturwissenschaftlich-technischen Entdeckungen und Entwicklungen vorauseilt: in vielen Fällen scheint sie regelrechte Schrittmacherdienste für Großprojekte geleistet zu haben. Und daß sie im Prinzip geradezu prädestiniert ist, auch einer strengen Naturwissenschaft spekulative Freiheiten einzuräumen, belegt eine illustrierte Reihe von Autoren im Fahrwasser von J. Veme und H. G. Wells: unter ihnen Arthur C. Clarke und Fred Hoyle oder Charles Sheffield und Robert L. Forward, um zwei jüngere Wissenschaftler-Stars dieses Genres zu nennen.

Der perennierende Rationalismus des 19. Jahrhunderts verstellt wohl immer noch die allgemeine Einsicht, daß in unserem Zeitalter kreatives Denken jeglicher Art

unter anderem auch das machtpolitische – buchstäblich von Kindesbeinen an von Elementen der Science Fiction durchsetzt ist. Besonders im Kulturbereich der beiden Supermächte ist dieser Sachverhalt an der Beliebtheit dieser Literaturgattung direkt abzulesen: korrespondierende Höhepunkte im Panorama der industrialisierten Massenphantasie markieren Stanley Kubriks Odysee in Space und Tarkowskis Solaris.

Es ist keineswegs überraschend, daß Science Fiction auch alle Denkmöglichkeiten kriegerischer Auseinandersetzungen vorstellbar gemacht hat: nicht nur die Alpträume und Ängste, etwa in Gestalt von Kubriks Dr. Seltsam, oder wie ich lemte, die Bombe zulieben, sondern auch die technologischen Wunschträume, die heutzutage ja sogar schon Gegenstand dubioser Regierungsabkommen sein können.

Gleichgültig, ob man SDI nun als grandiosen „bluff“ oder als durchaus erfolgversprechenden Anlauf zur Erringung waffentechnischer Überlegenheit einschätzt, man muß die Ideengeschichte der Motivationen sorgfältig von den technischen Realisierungsmöglichkeiten unterscheiden, obwohl sie mehr oder minder intensiv miteinander verflochten sind.

Sowohl hinsichtlich der technischen und politischen Konzeption wie auch von Seiten der psychologischen Analyse ist SDI mittlerweile heftiger Kritik ausgesetzt – auch von Seiten, die über den Verdacht erhaben sind, voreingenommen zu sein: Allen nicht total hartgesottenen Befürwortern müßte schon allein die regelmäßige Lektüre der renommierten Wissenschaftszeitschrift Scientific American genügen, um sehr nachdenklich zu werden.

Bevor ich zur SDI-Ideengeschichte zurückkehre, möchte ich hier nur zwei Hauptpunkte der Kritik kurz herausstellen; der erste ist elektronischer Natur: Jeder kleine Computer-Benutzer kann heute aus nächster Nähe miterleben, wie häufig auch noch millionenfach erprobte und benutzte Software unvorhergesehen abstürzt. Wie soll da ein gigantisches, vollkommen neu entwickeltes Programm-Paket, das im übrigen nur unter realistischen Einsatzbedingungen erprobt werden könnte, auf Anhieb wunschgemäß arbeiten. Systemanalytiker und Computer-Experten äußern begründete Zweifel, daß ein solches extrem komplexes Waffensteuerungssystem jemals fehlerfrei programmiert werden kann.

Angesichts so gravierender Unsicherheitsfaktoren springt um so mehr ins Auge, mit welch geradezu religiöser Inbrunst das SDI-Konzept propagiert und durchgesetzt wird; das ist der zweite Punkt, den ich hier hervorheben möchte: Wenn die in jüngster Zeit veröffentlichten Analysen richtig liegen, haben wir es buchstäblich mit staatlich organisierten Wahnvorstellungen, mit einer politischen Regression in paranoide Weltbilder zu tun, wie sie Popper und Gombrich am Beispiel des deutschen Nationalsozialismus und seinen geistesgeschichtlichen Wegbereitern aufgezeigt haben. – Zur Vermeidung von Mißverständnissen sei gleich hinzugefügt, daß der Vergleich sich hier auf die analytischen Verfahren bezieht.

Anstelle von mehr oder minder bestreitbaren psychopathologischen und politischen Werturteilen über Notstandssehnsüchte und Kreuzugsmentalität möchte ich hier neben dem Motiv-Reservoir der Science Fiction einen historischen Präzedenzfall zur Erläuterung heranziehen: Nicht die fatale Geschichte der deutschen V-Waffen, die am Ende des Zweiten Weltkrieges die drohende Niederlage durch Vergeltungsschläge verhindern sollten, sondern die massenpsychologischen und politischen Auswirkungen eines technologischen Durchbruchs zu Beginn unseres Jahrhunderts, der den Griff des Deutschen Kaiserreichs nach der Weltmacht seinerzeit eben so realistisch wie bedrohlich hat erscheinen lassen.

Ich meine jenen technischen Aufbruch in die Lüfte, der von Baden-Württemberg – genauer gesagt, von Friedrichshafen am Bodensee – seinen Ausgang nahm und zeitweise regelrechte Massenhysterien auslöste. Count von Zeppelin, King of the Earth, so lautete die suggestiv präsentierte Schlagzeile in einem amerikanischen Sonntagsmagazin nach den ersten Aufstiegen des deutschen Riesenluftschiffes. Die dramatischen Konsequenzen lasen sich in flankierenden Kolumnen so: „How the Man With the Only Airship That Really Flies Could Easiliy Control de Destinies of All the Nations“ und „He Could Make Rulers, Dictate Their Policies, Put an End to All Wars or Strikes and Terrorize the World“. Zur bildlichen Illustration dieser Möglichkeiten ließ das Luftschiff explodierende Dynamit-Ladungen auf das Weiße Haus herabfallen.

Wenige Jahre später, als die Zeppelin-Luftschiffe ihre damals ungewöhnliche Reichweite und Nutzlast tatsächlich unter Beweis gestellt hatten, kam es in England zu regelrechten UFO-Hysterien: es häuften sich Augenzeugenberichte, in denen von nächtlichen Landungen seltsam leuchtender Flugkörper die Rede war. – Die deutschen Patrioten auf der anderen Seite konnten sich gar nicht genug am Wunschbild des angstschlotternden Albion erbauen. Denn nachdem der Erbfeind Frankreich im Kriege von 1870/71 gedemütigt und in seine Schranken verwiesen worden war, schien nur noch die Seemacht Großbritannien der Vorherrschaft des Deutschen Kaiserreiches im Wege zu stehen.

Jahre vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges konnten kämpferisch gestimmte Bürger auf papierenen Seestücken den ersehnten Triumph vorwegnehmen: von einem Zeppelin aus ließ sich – mit Zigarre oder glühendem Streichholz, so die Anleitung – ein pyrotechnisch präparierter Feuerstoß auf ein feindliches Schlachtschiff abbrennen. Und nach derartiger Bezwingung des englischen Rivalen von der Luft aus sah man eine glänzende Zukunft heraufziehen – nicht nur an Stammtischen, sondern auch auf höherer Ebene.

Berlin-Bagdad. Das deutsche Weltreich im Zeitalter der Luftschiffahrt 1910–1931; so lautete der Titel eines Romans, den der Berliner Regierungsrat Rudolf Martin im Jahre 1907 veröffentlichte. Für diesen verbeamteten Propheten des Zeppelingedankens war Luftherrschaft sogar gleichbedeutend mit Kulturverbreitung: Das neue universelle Sendungsbewußtsein war der emotionale Ableger des nun errungenen Dauerflugvermögens: Einer wachsamen „Allgegenwart“ deutscher Schiffe im Luftmeer schien der alte Militarismus zu Lande und zu Wasser hoffnungslos unterlegen zu sein – und damit konnte die ungenierte Neuordnung der politischen und ökonomischen Einflußsphären unter dem globalen Schutzschild Germaniens beginnen.

Die hochfliegenden Hoffnungen, die das deutsche Volk an die mächtigen Erscheinungen der Zeppeline knüpfte, haben bekanntlich der rauhen Wirklichkeit des Kriegseinsatzes nicht standgehalten. Mit ihren explosiven Wasserstoffüllungen erwiesen sich die ohnehin sehr zerbrechlichen Luftschiffe als extrem beschußempfindlich; und dementsprechend hoch waren die Verluste. – Aber nicht diese mit Bedacht verdrängte technische Anfälligkeit soll hier als Vergleichsbasis für SDI an den Haaren herbeigezogen werden; das wäre auch wieder nur Wunschdenken, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Ich glaube vielmehr, daß in den Fernwaffenwunschträumen selbst und in ihren charakteristischen Motiven die historische Moral von der Zeppelingeschichte zu suchen ist.

Das rauschhafte Machtbewußtsein, das sich in der Zeppelinbegeisterung des wilhelminischen Kaiserreiches einen weitgehend illusorischen Eruptionskanal suchte, entlud sich buchstäblich auf einen imaginären Olympiergipfel. In derart erhabener Höhe glaubte man sich berechtigt und befähigt zu welthistorischen Entscheidungen von größter Tragweite. Denn der angemaßte souveräne Scharfblick und vermeintlich verfügbare Waffenblitz von Oben machten das alte militärische Gleichgewichtsdenken mehr oder minder überflüssig. Dieser massenhaft eingeübte Wandel im strategischen Denken hat jedoch keineswegs zur weiteren Befestigung der deutschen Position in Zentraleuropa geführt, sondern schon Jahre vor dem ersten Weltkrieg jene verheerenden Überlegenheitsgefühle heraufbeschworen, die den Weg in die Katastrophe vorbereiteten.

Es ist zu befürchten, daß auch von den SDI-Phantasien eine ähnlich destabilisierende Wirkung ausgehen wird – gleichgültig, ob sich die neue Waffentechnologie nun als politischer „bluff“ oder knallharter Durchbruch erweist. Es ist ein schwacher Trost, daß sich SDI so offensichtlich in bestimmte Traditionsstränge der Science Fiction und Massenbegeisterung einreihen läßt. Aber immerhin tritt an den Vorgeschichten der verhängnisvollen Illusionscharakter der Wunschvorstellungen deutlicher zutage und auch das kann schon für gegenwartsbezogene Einsichten nützlich sein.

Wenn Blicke töten könnten – die alten Mythen und neuen Märchen der Science Fiction sind angefüllt mit Bildern und Motiven dieser visuellen Spielart – vom versteinernden Gorgonenblick bis zu lähmenden, hypnotisierenden, tötenden Sehstrahlen aus übermenschlichen, teuflischen oder außerirdischen Augen. Nimmt man noch das zweite Gesicht und das dritte Auge, das Gedankenlesen und -übertragen hinzu, so scheint das okkult-phantastische Arsenal unerreichbarer Fernwaffen-Wunschträume komplett.

Aber es genügt ein kursorischer Blick in die einschlägige Literatur und allgemeinverständlich aufgemachte Fachzeitschriften zum Beispiel Scientific American -, um zu erkennen, daß Phantasie und Realität sich immer mehr vermischen und durchdringen. Heute, im anbrechenden Hochtechnologiezeitalter, beginnen sich neue mächtige Metaphern durchzusetzen: an die Stelle des homme maschine ist bereits der Computer getreten; und auch im Bereich des aktiven „Fernsehen“ – das war vor einem Jahrhundert noch ein Inbegriff okkulter Fähigkeiten – zeichnet sich ein neuer technologischer Sprung zu schier haarsträubenden Bildmöglichkeiten ab (gemeint sind die vieldiskutierten Möglichkeiten der „optischen Phasenkonjugation“).

Nicht nur computergesteuerte „Seh“- und Kampfstrahlen, sondern eine quasi Zeitumkehr, nämlich gleichzeitige Verstärkung und Reflexion von schwachen Bild-„Eindrücken“, das heißt die Möglichkeit, Photodetektoren zu trägheitslos reagierenden „Zielfernrohren“ und Lichtkanonen zu machen – das ist eine der neuen beängstigenden Entwicklungen der optischen Hochtechnologie. Kein Wunder, daß auch die SDI-Manager zuversichtlich strahlen. Da scheint es nur noch eine akademische Frage, ob die alten Mythen die Ideen zu neuen Waffensystemen hervorbringen oder ob die neuen Waffen nur alte Wunschträume von Allmacht und Unbesiegbarkeit hervorlocken. Doch gerade die Kulturgeschichte der Fernwaffen-Wunschträume ist geeignet, die hintergründigen menschlichen Motive aus den angeblichen Sachzwängen vergangener und gegenwärtiger Konfrontationen und „Verteidigungs“-Anstrengungen herauszulösen. Vielleicht läßt sich so ein zusätzliches Stück historisch gewachsener Vernunft bewahren, bevor einem endgültig himmelangst werden muß!

Karl Clausberg, geboren 1938, hat das Ende des Zweiten Weltkrieges miterlebt und überlebt; er besuchte das „Johanneum“ in Hamburg, studierte Ingenieurwissenschaften, fuhr zur See, studierte anschließend Kunstgeschichte in Hamburg und London, promovierte in Wien und begann dann seine verschiedenen Interessengebiete quer zu den üblichen Fachgrenzen zu verbinden und zu „beschreiben“, auch dieser Kongreßbeitrag ist als ein fast zwangsläufiges Zwischenergebnis seiner Beschäftigung mit faszinierenden oder wahnsinnigen Bildern und Mythen entstanden.

Der hier abgedruckte Text wurde auf dem „öffentlichen Kongreß zur Förderung der Friedenskultur“ in Tübingen im April 1986 als Vortrag gehalten.

in Wissenschaft & Frieden 1986-3: 1986-3/4

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