in Wissenschaft & Frieden 1986-2: Europa wird verdeidigt

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Psychologie in der Kriegsforschung

von Paul Brieler

Die Psychologie – ist sie überhaupt für Kriegsforschung verwend- und verwertbar? Betrachtet man die Titel einiger im militärischen Kontext entstandener Forschungsberichte, liegt der Gedanke an Kriegsforschung erstmal fern: „Zur Persönlichkeitsstruktur das Haschischkonsumenten“ (SCHENK 1974) oder „Die Entwicklung persönlicher und sozialer Kompetenzen bei 15 – 20jährigen Jugendlichen“ (SEIFFGE-KRENKE/OLBRICH 1983). Was an diesen Themen verweist auf militärische Nutzung oder Interessen? Und könnten die Inhalte nicht auch für zivile Bereiche von Interesse sein?

Das Dilemma, auf der inhaltlichen Ebene nicht problemlos zwischen ziviler und militärischer Forschung unterscheiden zu können, versuchte das schwedische Friedensforschungsinstitut SIPRI mit einer Bestimmung von Rüstungsforschung zu lösen, „die sich auf die Intention des Geldgebers und die damit verbundene Funktion der Forschungsergebnisse bezieht„ (ASTA 1985, 186). Danach kann unter Rüstungsforschung subsumiert werden

„1. Jede Forschung und Entwicklung, die durch die Haushaltsausgaben eines Verteidigungsministeriums (oder einer vergleichbaren Verwaltungseinheit) finanziert werden; und

2. jede andere Forschung und Entwicklung, die durch Ministerien und Behörden finanziert wird und offiziell als Forschung und Entwicklung bezeichnet wird, die für die Zwecke des Militärs der Verteidigung oder der Zivilverteidigung durchgeführt werden oder sich hauptsächlich mit Waffen befassen!“ (SPIRI 1972, zit. n. ASTA 1985, 186 f.)

Bei Rückgriff auf diese Definition ist also davon auszugehen, daß die genannten übrigens im Auftrag des Bundesverteidigungsministeriums gefertigten Forschungsberichte ebenso wie die im weiteren erwähnten Arbeiten Rüstungsforschung, oder pointierter, Kriegsforschung darstellen. Im folgenden soll ein notwendig auf Ausschnitte beschränkter Einblick in Umfang, Inhalte, Folgen, etc. psychologischer Forschung für militärische Auftraggeber gegeben werden.1

Psychologische Forschung innerhalb der Bundeswehr

Wehrpsychologische Forschung wird in geringerem Umfang durchgeführt als von Bundeswehrpsychologen selbst gewünscht wird. Die Personalauslese- und Beratungstätigkeiten, der Arbeitsbereich von ca. 80 Prozent der noch 130 Bundeswehrpsychologen 2, scheint eine intensivere Forschungstätigkeit wohl nicht zuzulassen. Die anderen 20 Prozent sind überwiegend in der wehrpsychologischen Forschung und Entwicklung tätig. Forschungsstätten befinden sich derzeit im Bundeswehramt in Bonn, wo sozialpsychologische Fragestellungen behandelt werden, im Flugmedizinischen Institut der Luftwaffe (Fürstenfeldbruck)mit dem Forschungsbereich Flieger-/Flugpsychologie und im Schiffahrtsmedizinischen Institut (Kiel), im Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung (Koblenz) sowie den Erprobungsstellen der Bundeswehr, in denen psychologisch ergonomisch geforscht und entwickelt wird. Der noch 1971 artikulierte Wunsch, ein wehrpsychologisches Institut als „geistige, wissenschaftliche Heimat“ der Wehrpsychologie einzurichten, blieb anscheinend unerfüllt. Eine weitere Forschungseinrichtung, von der noch die Rede sein wird, ist das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr (SoWi in München), das sich mit Problemen der Organisation, Information und Kommunikation in der Bundeswehr, dem Verhältnis Militär und Gesellschaft, Fragen der Theorie und Praxis der Ausbildung und empirischer Sozialforschung befaßt. Der Vollständigkeit halber seien noch die Psychologie-Abteilungen der beiden Bundeswehr-Universitäten genannt. Im traditionell wissenschaftsfeindlichen Militär ist die Psychologie neben den Anwendungsbereichen (vgl. MOHR 1985) auch mit einem breiten Aufgabenspektrum im Bereich der militärischen Forschung und Entwicklung engagiert.

Universitäre psychologische Kriegsforschung

Der zweite große Bereich psychologischer Kriegsforschung findet an bundesdeutschen Universitäten und privaten Forschungsinstituten statt. Weil in der Bundeswehr prinzipiell keine psychologische Grundlagenforschung betrieben wird, muß die Bearbeitung grundlegender Fachprobleme durch die externe Vergabe von Forschungsaufträgen und Gutachten erfolgen. Dadurch war und bleibt die Bundeswehr ein gewichtiger Forschungs-Nachfrager, wobei genaue Angaben über die Höhe der zur Verfügung stehenden wehrpsychologischen Forschungsmittel fehlen.

Konstatierten noch 1973 führende Bundeswehrpsychologen die „mangelnde Bereitschaft der Universitätsinstitute, Forschungsaufträge aus dem Bereich der Bundeswehr anzunehmen“, scheinen solche Schwierigkeiten heute überwunden, wie die lange Liste der bisher beteiligten Psychologischen Institute folgender Universitäten zeigt: Würzburg (als erstes Institut unter ARNOLD und PONGRATZ, die Trendsetter), Bonn, Aachen, TH München, Bielefeld, Mainz, Braunschweig, Düsseldorf, Mannheim, Frankfurt, Saarbrücken, Trier, Gießen und Bochum – psychologische Forschung für militärische Zwecke scheint nicht länger ein Tabu-Thema zu sein.

Beispielhaft herausgegriffen sei hier der seit 1976 laufende Forschungsvertrag „Wissenschaftliche Sachstandanalyse zum Problem der Aufmerksamkeit und anderer kognitiver Funktionen bei Kontroll-, Überwachungs- und Steuerungstätigkeiten in komplexen wehrtechnischen Systemen der Streitkräfte unter besonderer Berücksichtigung gruppendynamischer und situationsspezifischer Parameter“, bearbeitet von Prof. FRÖHLICH an der Universität Mainz. Dieser Forschungsauftrag ist Teil der verstärkten Bemühungen, im Rahmen auch des Einsames der Psychologie dem Ziel einer Optimierung militärischer Mensch-Maschine-Systeme näherzukommen (u. a. der optimalen Anpassung des Menschen an Waffen und Gerät). Das Forschungs- und Entwicklungsgebiet „Psychologische Ergonomie“ wird von den Streitkräften besonders gefördert, weil es eine (relativ) hohe Kampfwertsteigerung bei niedrigem Kosteneinsatz verspricht. In diesem Forschungsprojekt nun war von Interesse, „Informationen über latent leistungsbeeinträchtigende Faktoren speziell bei Kontroll-, Überwachungs- Steuerungstätigkeiten in militärischen Systemen zu gewinnen, wobei vor allem persönlichkeits-psychologische Parameter (…), Belastungsfaktoren am Arbeitsplatz (…) und außerorganisatorische Belastungsfaktoren (…) untersucht wurden“ (ASTA 1985, 189). Die Quintessenz der Forschungsanstrengungen lautet: „daß Personen, die ein hohes Ausmaß an Life-Stress, definiert als negative, lebensverändernde Ereignisse, erfahren haben, weniger fähig sind, Probleme, die bei der Ausübung ihrer Tätigkeit anfallen, zu bewältigen, was sich u.a. in verstärkten Beanspnuchungsgefühlen und reduzierter Leistungsfähigkeit manifestiert, wobei Leistungsverschlechterungen vor allem in bedrohlichen und/oder unerwarteten Situationen zu erwarten wären“ (a.a.O., 191); d. h. besonders im sogenannten Ernstfall wäre auf diese für die Kriegsführung wichtigen Technik-Soldaten kein hundertprozentiger Verlaß. Um die Streßbewältigungsfähigkeit bzw. die Streßtoleranz zu steigern, entwickelte FRÖHLICH anschließend ein spezielles Trainingsprogramm für Soldaten, die hohem Life-Streß ausgesetzt sind. Er kooperiert dabei mit dem amerikanischen Psychologen SARASON, der an ähnlichen Life-Streß-Bewältigungsprogrammen für die amerikanische Marine arbeitet. Die AG „Psychologie und Frieden“ an der Universität Mainz stellte fest, daß die Ergebnisse dieses Forschungsprojektes kaum auf zivile Tätigkeitsbereiche übertragbar seien, da dieses in Planung und Durchführung eng an die spezifischen Ansprüche der militärischen Auftrag- und Geldgeber angelehnt war. So wurden Tätigkeitsbereiche „untersucht, die tatsächlich nur im militärischen Gebiet zu finden sind; es wurden Versuchs Personen ausgewählt, die bestimmte Bedingungen erfüllen mußten, wie z. B. daß viele unterschiedliche Bereiche innerhalb der Bundeswehr abgedeckt sein sollten; zu guter Letzt wurden die Aufgaben in den Experimenten und Tests, an denen Soldaten teilnehmen mußten, auf Bundeswehrsoldaten ausgerichtet.“ (a.a.O., 190)

Die Rechtfertigung FRÖHLICHS, mit dieser Forschung der Auslösung von Fehlalarmen vorzubeugen und somit zu mehr militärischer Sicherheit beizutragen, dürfte nicht mehr als ein frommer Wunsch sein.

Psychologie im Dienst der NATO

FRÖHLICH „(ist) gleichzeitig Mitglied des „NATO-Scientific-Systems“, einem Gremium, in dem Entscheidungen darüber gefällt werden, welche Forschungsprojekte von der NATO gefördert werden und welche nicht“ (ASTA 1985, 195); er hat also auch die militärische Relevanz von Forschung zu bedenken. Diese NATO-Gremientätigkeit verweist auf einen dritten Weg der Dienstbarmachung der Wissenschaften für militärische Ziele: die Wissenschaftsorganisation der NATO.

Die Psychologie erlangte erst seit dem „First International Symposium an Military Psychology“ 1957 in Brüssel und dem Symposium in „Defence Psychology„ 1960 in Paris die größere Beachtung und Einfluß im NATO-Wissenschaftsbetrieb. Die Charta des NATO-Wissenschaftsausschusses „requires to establish „positive policies towards basic and applied research and the application of science for defence purposes among the member nations (…) that the field of defence psychology in such a scientific and technological field, that it has much to contribute to the strength of the NATO-community, especially by way of improving military effectiveness, is hardly debatable“ (GELDARD 1962, 15). Dieser Einschätzung der besonderen Bedeutung der Psychologie schlossen sich die NATO-Gremien an; 1967 dann wurde zur Forcierung der noch ungenutzten Möglichkeiten ein erweitertes Programm „Menschliche Verhaltensforschung„ aufgestellt. Dieses (seit 1973 Sonderprogrammgruppe) „befaßte sich mit dem Problem des besseren Verständnisses der menschlichen Verhaltensweisen als Einzelwesen und in der Gruppe und nahm Programme in Angriff, durch die die Verbreitung und Anwendung vorhandener Kenntnisse verbessert, die Forschungsarbeiten auf den vordringlichsten Gebieten gefördert und die internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit auf dem Gebiet der menschlichen Verhaltensforschung intensiviert werden sollte; dieses Gebiet umfaßt die Sozial-, Erziehungs-, Umwelt-, experimentelle, physiologische und industrielle Psychologie und die Ergonomie.“ (NATO 1982, 244 f)

Daß die Psychologie wie Wissenschaft überhaupt zu einem zentralen Faktor in den militärischen Planungen der NATO geworden ist, wird in den umfangreichen Publikationsreihen „ASI-SERIES (Berichte von Konferenzen und Symposien) deutlich. Im Rahmen der für die Psychologie relevanten Serie „Human Factors“ der letztgenannten Reihe z. B. sind von 1976-1982 allein 25 Konferenzen bzw. Symposien mit pychologischer Fragestellung abgehalten worden. Der Berliner Psychologe und TU-Professor JUNGERMANN z. B. hat sich 1983 an einer Sommerschule des NATO advanced study Institute (ASI) beteiligt. In seinem Beitrag, in dem er sich mit der Problematik auseinandersetzt, wie möglichst genaue Vorhersagen über die zukünftigen Folgen von Großtechnologien (z. B. Atomkraftwerken) und ihren gesellschaftspolitischen Implikationen (z. B. Akzeptanz der Bevölkerung) gemacht werden können, zeigt er auf, daß die heute gebräuchlichen „Szenarien“ nur eine ungenaue Vorhersage zukünftiger Entwicklungen zulassen. Ein Faktor, dessen Beachtung wesentliches zur Verbesserung der Szenarien-Konstruktion beitragen könne, sei die kognitive Psychologie, denn die existierenden Techniken zur Szenarien-Konstruktionen basieren überwiegend auf der fachlichen Intuition der beteiligten Experten. Diese sei aber u. a. von der Wissensorganisation, der Verfügbarkeit von Informationen und den individuellen Vorstellungen von Zukunft abhängig und führe daher nicht unbedingt zu optimalen Szenarien. Auch eine Gruppe könne solche Fehlerquellen nur zum Teil ausgleichen, so daß weitere experimentelle Studien und Fallstudien über den kognitiven Faktor in der Szenarien-Konstruktion sowie die Entwicklung und Testung von Techniken, die kognitive Fähigkeiten optimal nuten, nötig seien.

Es ist äußerst schwierig, den konkreten militärischen Nutzen bzw. den Weg der Nutzbarmachung der Inhalte/ Ideen eines solchen Vortrages aufzuzeigen. Einleuchtend dürfte sein, daß die behandelte Thematik „Szenarien-Konstruktion“ von großem Interesse für militärische Planungen ist. Und aus dem Programm des NATO-Wissenschaftsausschusses läßt sich das Ziel der Wissenschaftsförderung – Steigerung der militärischen Potenz – unzweifelhaft ablesen. Doch wie das im einzelnen funktioniert, ob durch eine weitere militärische oder zivile Förderung derjenigen Wissenschaftler, deren Forschungsideen fruchtbar erscheinen, oder ob durch psychologische Forschung in militärinternen Forschungslaboratorien (von denen in den LISA einige arbeiten – vgl. WATSON 1982), muß hier noch dahingestellt bleiben – alle Beteiligten und Quellen geben sich zugeknöpft. In der US-amerikanischen psychologischen Forschung wäre ein Zusammenhang zwischen NATO-Aktivitäten und daraus resultierender Forschungsförderung wohl leichter nachweisbar. Dort stammt nämlich jede 3. Veröffentlichung aus dem Bereich der Militärpsychologie: ein Gutteil der psychologischen Forschung und Entwicklung wird vom Militär finanziert und dieser Geldgeber wird offen genannt.

Weitere Beobachtungen und Konsequenzen für das Wissenschaftssystem

Wie gelangt die Wissenschaft ins Militär bzw. das Militär an die Wissenschaft? Nun, PUZICHA und MEISSNER sind Angestellte des Verteidigungsministeriums, in dessen Auftrag sie forschen. Für FRÖHLICH, der nach eigenen Angaben auf einem Kongreß angesprochen wurde, interessierte sich die Bundeswehr, was auf eine genaue Beobachtung der je aktuellen Entwicklungen in der Forschung auf eine wehrpsychologische Verwertbarkeit hin schließen läßt. In der Regel würden sich die Wissenschaftler ans Militär wenden, um Gelder für ihre Forschungsvorhaben zu erhalten (nach ASTA 1985, 193). Und die NATO läßt durch 'unabhängige' Wissenschaftler Sommerschulen und Kongresse ausrichten, stellt Finanzen und Publikationsmöglichkeiten bereit und hat die Möglichkeit, durch Beobachter Kontakte anzubahnen. Bisher war es nur eine Minderheit unter den Psychologen in der BRD, die entweder aus eigenem Antrieb oder nach Anwerbung ihre wissenschaftlichen Kompetenzen direkt in den Dienst der militärischen Aufrüstung der Psyche stellten. Für die Zukunft zeichnet sich allerdings eine Wende ab, was ich weiter unten ausführen möchte. Aus der „sozialwissenschaftlichen Gemeinschaft“ waren bisher nur selten anerkennende Worte für die Wehrforscher zu vernehmen – Forschung über oder für das Militär genießt nur geringes Ansehen. „Das Verhältnis zwischen Militär und Sozialwissenschaften ist zunächst durch ein latentes gegenseitiges Mißtrauen gekennzeichnet. Der Wissenschaftler fürchtet einerseits eine unkontrollierte Verwertung seiner Ergebnisse durch das Militär (…). Auf der anderen Seite scheut das Militär häufig die verunsichernde Wirkung der Wissenschaft“ (LIPPERT/PUZICHA 1977, 298).

Das Mißtrauen seitens der Wissenschaft scheint berechtigt. Zwischen den Militär Psychologen Staaten bestehen nämlich rege Kontakte. So saßen z. B. auf dem 14. Kongreß für Angewandte Militärpsychologie 1976 in Florenz neben Militärpsychologen aus NATO-Ländern auch Vertreter aus Israel, dessen Armee in Angriffskriegen und für die „Befriedung“ okkupierter Gebiete eingesetzt wird. Ganz zu schweigen von der US-Armee als dem verlängerten Arm imperialistischer US-Außenpolitik, wie Vietnam oder Mittelamerika illustrieren. Außerdem dürfte es besonders in diesen Zeiten einer expansiven Waffenexportpolitik schwierig sein, Forschungsergebnisse nur in „demokratische“ Panzer- oder Schiffskonstruktionen einfließen zu lassen – eine Kontrolle der Verwendung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse ist somit illusorisch.

Eine Aufgabe der Wissenschaft muß m.E. darin bestehen, sich über die möglichen Konsequenzen ihrer Forschung und Veröffentlichungen klar zu werden und die Verantwortung für die weitere Verwertung zu übernehmen. Dies ist ein hehrer Anspruch, dem man sich aber nicht wie FRÖHLICH dadurch entziehen kann, es als 'nicht in seiner Hand liegend' anzusehen, wofür seine Forschungsergebnisse eingesetzt werden und so zumindest verbal eine Verbindung zwischen Wissenschaft und Politik zu leugnen.

Dabei ignoriert das Militär schlicht einige Voraussetzungen für Wissenschaft. Wenn bundeswehrinterne Studien zu Ergebnissen führen, die nicht ins militärische Denkschema passen, wird deren Veröffentlichung einfach verhindert, denn „die Ermittlung und Veröffentlichung von Schwachstellen, das Aufzeigen von Problemen gilt auf der einen Seite als Schwächung der Verteidigungsbereitschaft, auf der anderen Seite provozieren sie Fragen nach der sinnvollen Verwendung von Steuergeldern, politischen Druck und Rechtfertigungsverhalten.“ So charakterisiert der ehemalige wissenschaftliche Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr (SoWi) ZOLL (1979, 20), die Ängste des Militärs, die zu Eingriffen in die Wissenschaftsautonomie führen. Dem formal unabhängigen SoWi passierte es schon zweimal, daß politisch mißliebige Studien auf Eis gelegt bzw. zur inhaltlichen Kontrolle einer anderen militärischen Stelle vorgelegt wurden. Wissenschaftler machen sich so zum Büttel des Militärs.

Diese Verfahrensweise zeigt sehr deutlich, daß Wissenschaft im militärischen Kontext von den Erwartungen der Auftraggeber abhänigig ist. Innerhalb der Bundeswehr, so konstatierten (LIPPERT/PUZICHA 1977, 298), hätten die sozialpsychologischen Forderungen eine „Alibi- oder Feuerwehrfunktion„ und nur in geringem Maße eine „Planungsfunktion“. Kommt einmal ein Forschungsauftrag mit „Planungsfunktion“, spiegelt dessen Ergebnis – wie gezeigt die spezifischen Erwartungen der Auftraggeber wider und hat doch nur „Alibifunktion“ für politisch-militärisch motivierte Entscheidungen. Ein Grund liegt in der militärischen Sozialisation der Wehrpsychologen: sie sollten Reserveoffiziere sein, sich also als Militärs bewährt haben – die militärische Logik fließt so implizit in die „unvoreingenommene“ Forschung ein.

Die zivile militärpsychologische Forschung anregte m. W. bisher nicht das militärische Mißtrauen. Die Wissenschaftler sind ausgelesen und die Themen sind politisch nicht brisant, eher technokratisch, so daß mit Reinfällen nicht zu rechnen ist. Und sollte es Reinfälle gegeben haben, erfahren wir nur selten davon, wie z. B. aus den USA (vgl. WATSON 1982). Die öffentliche Diskussion nämlich, auf die Wissenschaft angewiesen ist, ist im Bereich der BRD-kriegspsychologischen Forschung, Entwicklung und Anwendung verpönt. Die Wissenschaftler beteiligen sich an dieser Praxis: so waren z. B. die Ergebnisse einiger universitärer Forschungsaufträge aus Gründen der militärischen Sicherheit von vornherein nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Die Notwendigkeit der Geheimhaltung läßt sich allerdings, weil nicht zu überprüfen, immer mit militärischen Sicherheitserfordernissen begründen, mit dem Nebeneffekt der Ausschaltung einer kritischen Öffentlichkeit. Seit 1981 ist z.B. die Zeitschrift „Wehrpsychologische Mitteilungen“ wieder als VSnfD (Verschlußsache – nur für den Dienstgebrauch) klassifiziert, ohne dies näher zu begründen. Damit ist die einzige Möglichkeit entfallen, sich eingehender über Arbeitsvorhaben, Forschungsprojekte und sonstige Interna des Psychologischen Dienstes der Bundeswehr zu informieren.

Aber auch die zivilen Kriegswissenschaftler scheuen die Öffentlichkeit. FRÖHLICH gibt als Auftraggeber nur Bund an, er hat das Verteidigungsministerium einfach vergessen. Für die Öffentlichkeit forscht er über „sozialtechnische Systeme“, für die Bundeswehr jedoch über „wehrtechnische Systeme in den Streitkräften“. Und JUNGERMANN hielt seinen Vortrag vor dem „Advanced study Institute“ – der Geldgeber NATO scheint nicht erwähnenswert. Diese Beispiele ließen sich fortsetzen, und sie belegen eine Art „Desinformations-Verhalten“ der beteiligten Forscher, das für den dürftigen Wissensstand in der Fachöffentlichkeit mit ursächlich sein dürfte und ein unbehelligtes Weiterforschen erlaubt.

Auf der bereits erwähnten Konferenz der „Military Testing Association“ wurde hervorgehoben, „daß die Praktikabilität von Vorschlägen, überzeugende empirische Belege und der Nachweis eines ökonomischen Nutzens über das Gewicht entscheiden, welches fachpsychologischer Arbeit in den Streitkräften beigemessen wird. Die derzeitigen Rahmenbedingungen wurden als günstig angesehen. Knapper werdende Ressourcen, zunehmend komplexere Entscheidungsgrundlagen sowie der technologische und gesellschaftliche Wandel haben bei den militärischen Führungsstäben zu einer verstärkten Bereitschaft geführt, psychologisches Fachwissen anzufordern und umzusetzen. Dieses wird auch in der Bundesrepublik zunehmend durch Forschungsverträge mit Universitätsinstituten bereitgestellt“ (EBBENRETT/STEEGE 1985, 176). Das Forschungs-Budget der Bundeswehrpsychologen scheint zu wachsen.

Literatur

ASTA-Rüstungsforschungs-AG und AG „Psychologie und Frieden“ Mainz, „Militärische Forschung am Psychologischen Institut der Universität Mainz?“ Psychologie & Gesellschaftskritik (9) 1985, H. 33/34, S. 186-199.
BUND DEMOKRATISCHER WISSENSCHAFTLER (BdWi), „Der Bundeshaushalt 1985 – ein Sprung bei der Militarisierung von Wissenschaft und Forschung“ in: Stellungnahme zum Rüstungshaushalt 1985. Schriftenreihe „Wissenschaft und Frieden“, Nr. 3, 1984, S. 24-30.
BRIELER, P., Wehrpsychologie – historische Entwicklung und Funktion „vergessener Profession“ der Psychologie. Unveröffentlichtes und unkorrigiertes Manuskript einer Dipl. Arbeit am Psychologischen Institut der FU Berlin 1985.
EBBENRETT, H. J./STEEGE, F. W., „Perspektiven der Angewandten Psychologie in den Streitkräften. Bericht über die 26. Internationale Jahreskonferenz der „Military Testing Association“ vom 5.-9. November 1984 in München“. Psychologische Rundschau (36) 1985, S. 175-177.
GELDARD, F. A., Defence Psychology. Proceedings of a Symposium held in Paris, 1960. Oxford, London, New York, Paris 1962.
JUNGERMANN, H., Psychological Aspects of Scenaries. Lecture Diven at the Advanced Studies Institute (ASI) „Technology Assessment, Enviromental Impact Assessment, and Risk Analysis: Contributions from the Psychological and Decission Sciences“, Les Arcs (France), 1983 (Ms.).
LIPPERT, E./ PUZICHA, K., „Sozialpsychologie des Militärs“, in: ZOLL et al. (Hg.), Bundeswehr und Gesellschaft. Ein Wörterbuch. Opladen 1977, S.296-300.
MEISSNER, A./ PUZICHA, K., „Sozialpsychologische Überlegungen zur Entwicklung der KDV-Zahlen“. Bundeswehrverwaltung (27) 1984, H. 6, S. 121-129.
MOHR, W., „Unser Seelenleben im Kriege. Zur militärischen Anwendung der Psychologie“. Informationsdienst Wissenschaft und Frieden (3) 1985, H. 2, S. 6- 9. NATO. Das atlantische Bündnis. Tatsachen und Dokumente. Brüssel 1982, (6. Aufl.).
PUZICHA, K./ MEISSNER, A. „Sozialpsychologische Forschung in der Bundeswehr: Die Motivation junger Männer gegenüber dem Wehrdienst und Kriegsdienstverweigerung“, in: Handbuch der Angewandten Psychologie, Bd. 3, München 1985, S. 645-658.
RILLING, R., „Die Wende in der Wissenschaft“. Informationsdienst Wissenschaft und Frieden (3) 1985, H. 3, S. 5- 6.
SCHENK, J., „Zur Persönlichkeitsstruktur des Haschischkonsumenten“. Wehrpsychologische Untersuchungen (9) 1974, H. 1.
SEIFFGE-KRENKE, I./ OLBRICH, E., „Die Entwicklung persönlicher und sozialer Kompetenzen bei 15-20jährigen Jugendlichen“ Wehrpsychologische Untersuchungen (180) 1983, H.4.
WATSON, P., „Psycho-Krieg. Möglichkeiten, Macht und Mißbrauch der Militärpsychologie“, Düsseldorf 1982 (orig.1978).
ZOLL, R. (Hg.), „Wie integriert ist die Bundeswehr?“ München, Zürich 1979.

Anmerkungen

1 Soweit keine Quellenangaben, vgl., Brieler 1985.Zurück

2 In dieser Zahlenangabe fehlen sowohl die an Bundeswehr-Universitäten und -schulen lehrenden als auch die in der sog. „Psychologischen Verteidigung“ eingesetzten Psychologen. Zurück

Paul Brieler ist Diplompsychologe, West-Berlin.

in Wissenschaft & Frieden 1986-2: Europa wird verdeidigt

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