in Wissenschaft & Frieden 1985-4: 1985-4

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Friedliche Psychologie

von Paul Brieler

Die mit der Stationierung der neuen Mittelstreckenraketen einhergehenden Friedensdiskussionen in der Psychologie vermittelten den Eindruck, als sei diese eine „friedliebende Wissenschaft“ - bei einer genaueren Betrachtung allerdings zeigten sich Risse in diesem Bild (vgl. ausführliche Darstellungen bei Brieler 1985; Mohr 1984; Riedesser, Verderber 1985).

So ist die Anerkennung der Psychologie als ein eigenständiges wissenschaftliches Fach in Deutschland wie auch in den USA wesentlich durch ihre militärische Verwertbarkeit (z. B. Effektivierung der Personalauslese) voran getrieben worden; und die Konzeption des Berufes „Diplom-Psychologe“, die während des Nationalsozialismus entwickelt wurde, orientierte sich primär an den Anforderungen der wehrmachtspsychologischen Tätigkeit. Nach dem Kriege sorgten die ehemaligen Wehrmachtspsychologen für eine personelle wie auch inhaltliche Kontinuität in universitärer Forschung und psychologischer Praxis, ohne je den spezifischen Beitrag ihrer Wissenschaft z. B. zur Ermöglichung des faschistischen Angriffskrieges zu reflektieren. Von Schuldgefühlen unbelastet hatten sich die alten Kameraden dann bis 1956 auch die Wiedereinführung einer Wehrpsychologie, des „Psychologischen Dienstes der Bundeswehr“ erkämpft. Dieser fristete lange Zeit ein Schattendasein, bis die Militärführung in den 60er Jahren ein verstärktes Interesse an den angebotenen psychologischen Problemlösungsfertigkeiten bekundete.

Seit jener Zeit ist wieder eine zunehmende Militarisierung der Psychologie festzustellen, d. h. erstens wird psychologische Forschung immer häufiger direkt oder indirekt in Hinblick auf eine militärische Nutzung konzipiert (und finanziert), und zweitens werden die aktuellsten psychologischen Erkenntnisse systematischer auf eine militärische Verwertbarkeit hin geprüft.

In die erste Kategorie sind die Forschungsaufträge, etc. einzuordnen, die vom Psychologischen Dienst der Bundeswehr extern vergeben werden. Bei Durchsicht dieser wird deutlich, daß das Interesse der Militärs nicht so sehr der Erforschung gesellschaftspolitisch brisanter Themen wie Abwesenheitsdelikten, Drogen- und Alkoholmißbrauch, Suiziden und Kriegsdienstverweigerung gilt (diese Fragestellungen werden überwiegend bundeswehrintern bearbeitet), sondern eher auf eine Verfeinerung der Personalauslese sowie der Optimierung der psychologisch- ergonomischen Gestaltung von Waffen und Gerät gerichtet ist. Die gleiche Tendenz ist auch in der Wissenschaftspolitik der NATO festzustellen, die 1967 ein erweitertes Programm „Menschliche Verhaltensforschung“ aufgestellt hat, um eine intensivere multinationale Erforschung des menschlichen Faktors in der militärischen Organisation zu unterstützen. Im Rahmen dieses Wissenschaftsprogramms wird besonders die zweite Kategorie des indirekten Wissenstransfers durch die Abhaltung von Symposien und Sommerschulen sowie durch die Gewährung von Forschungsaufenthalten und -stipendien gefördert. Diese subtile Form der Dienstbarmachung der Wissenschaft wäre einer genaueren Betrachtung wert, weil unter dem Deckmantel der selbstlosen Förderung von Grundlagenforschung im Grunde knallharte militärische Interessen verfolgt werden.

Die skizzierte Intensivierung der zivil- militärischen Zusammenarbeit in der Psychologie führt zwangsläufig zu einer steigenden internationalen Verflechtung mit der Konsequenz einer militärpsychologischen Wissensakkumulation, die zunehmend einer kritischen Kontrolle entzogen ist (dies gilt auf jeden Fall für die BRD). Denn angesichts der Öffentlichkeitsscheu und Geheimhaltungssucht der Militärs und der Militärforscher ist es kaum möglich, den wissenschaftlichen Gehalt und die Konsequenzen solcher Forschung in einem freien Diskurs zu hinterfragen. Erschwerend kommt hinzu, daß in der BRD die personelle Fluktuation zwischen Bundeswehrforschungsinstituten und den der Offiziersausbildung verpflichteten Hochschulen der Bundeswehr einerseits und den zivilen Psychologischen Instituten andererseits zunimmt. In dieser wachsenden personellen Verquickung liegt m. E. eine große Gefahr, weil die Forschung immer unschärfer wird; die „richtige Einstellung“ und die Nutzung informeller Kanäle werden zukünftig für eine effektivere und ungestörte Zusammenarbeit auf breiterer Basis sorgen.

In diesem Sinne ist es nicht Zweck des Hinweises auf die allgemein zugänglichen Wehrpsychologischen Mitteilungen (WPsM - 1971/1980) und die Wehrpsychologischen Untersuchungen (WPsU - 1972/75), die militärpsychologische Forschung betreibenden Wissenschaftler zu denunzieren, auf das an den Instituten zur Hatz geblasen wird. Die Lektüre soll vielmehr zu einer weitergehenden Beschäftigung mit Formen und Inhalten militärpsychologischer Forschung anregen, um die in der Regel in aller Heimlichkeit ablaufende Kooperation zwischen zivilen Hochschulen und Militär transparenter werden zu lassen.

Aufmerksamkeit müßte in der inhaltlichen Auseinandersetzung der Frage nach dem Einfluß militärischer Denkweisen auf die psychologische Theoriebildung, und, allgemeiner, nach der Beeinflußbarkeit einer Wissenschaft durch militärische Vorgaben gelten.

Literatur

Brieler, Paul, Wehrpsychologie - historische Entwicklung und Funktion einer „vergessenen Profession“ der Psychologie. Unveröffentlichtes und unkorrigierten Manuskript einer Diplomarbeit am Psychologischen Institut der FU Berlin, 1985.
Mohr, Winfried, Die Aufrüstung des Faktors Mensch. Militärische Forschung und Anwendung der Psychologie. TH Darmstadt 1984.
Riedesser, Peter, Axel Verderber, Aufrüstung der Seelen. Militärpsychologie und Militärpsychiatrie in Deutschland und Amerika. Freiburg (Dreisam-Verlag) 1985.

Paul Brieler arbeitet an der FU Berlin

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