in Wissenschaft & Frieden 1985-4: 1985-4

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SDI-Budget 1986

von Christopher Cohen, Karlheinz Müller

2 1/2 Jahre nach Initiierung der „Strategischen Verteidigungs Initiative“ durch US-Präsident Reagan in einer Fernsehansprache vor dem US-amerikanischen Volk 1 finden in den USA die Auseinandersetzungen um den Haushaltsansatz für SDI im Fiskaljahr 1986 statt. Das Ergebnis ist für die Weiterentwicklung des Konzeptes der strategischen Verteidigung auch über das kommende Haushaltsjahr hinaus von großer Bedeutung.

Der von Verteidigungsminister Weinberger vorgelegte Budgetplan für SDI sieht eine Steigerung des Volumens von 1,4 Mrd. $ 1985 auf 3,7 Mrd. $ 1986 vor.2 Das bedeutet einen Zuwachs von etwa 165 %!

Im Vergleich mit vorangegangenen Ausgabensteigerungen für die strategische Verteidigung (1984 auf 1985 um 40 %) wird deutlich, daß mit dem immensen Zuwachs im Haushalt 1986 die Aufwendungen für SDI ein qualitativ neues Niveau erreichen sollen, das in den kommenden Haushaltsjahren mit weit geringeren Steigerungsraten (z. B. 1986 auf 1987 um 16 % fortgeschrieben werden soll.3

In den Haushaltsjahren 84/ 85 hat die Konsolidierung der Struktur von SDI stattgefunden. Der Schwerpunkt lag dabei weniger in der Initiierung spektakulärer neuer Projekte als vielmehr in der Weiterführung von Programmen, die zum großen Teil schon vor 1983 eingeleitet wurden und jetzt im Rahmen der SDI in einem umfassenden Konzept zusammengefaßt worden sind.4

SDI ist in fünf Programmbereichen organisiert:5

  1. Ortung, Identifizierung, Verfolgung und Bedrohungseinschätzung (Surveillance, Aquisition, Tracking and Kill Assessment – SATKA)
  2. Laser- und Teilchenstrahlenwaffen (Directed Energy Weapons – DEW)
  3. „Konventionelle“ Waffensysteme (Kinetic Energy Weapons – KEW)
  4. Systemanalyse und Gefechtsführung (Systemanalysis and Battle Management)
  5. Unterstützungsprogramme (Support Programs)

Anknüpfend an die bisherigen Bemühungen im Bereich der strategischen Verteidigung sind die Technologien für die ballistische Flugphasen- und die Endphasenabwehr in der Entwicklung am weitesten fortgeschritten.6

Dieser hohe Entwicklungsstand begründet den Drang der involvierten Konzerne, baldmöglichst mit der Produktion zum Aufbau eines ersten Gürtels zur Siloverteidigung und zum Schutz militärischer Befehlszentralen zu beginnen.7

Mit den verfügbaren Technologien eines solchen ersten Gürtels ist aber weder das verkündbare Ziel eines umfassenden Bevölkerungsschutzes, noch eine effektive Raketenabwehr im Dienst der strategischen Erstschlagkonzeptionen der USA erreichbar. Die Effektivität eines Raketenabwehrsystems ist entscheidend von der Fähigkeit abhängig, ballistische Raketen der Sowjetunion in der Startphase oder direkt nach Beendigung der Startphase auszuschalten.8

Dazu sollen Waffen beruhend auf der Laser- und Teilchenstrahlentechnologie eingesetzt werden, die in ihrer Entwicklung noch weit hinter den Endphasensystemen zurückliegen.9

Die nun angestrebte überproportionale Ausweitung des SDI-Budgets soll sowohl den Übergang von bereits entwickelten Programmen in die konkrete Erprobungs- bzw. Demonstrationsphase als auch die Intensivierung sowohl der Entwicklungs- als auch Erprobungsphase noch zurückliegender Technologien gewährleisten.

Das wird bei einer eingehenderen Betrachtung der Budgetansätze für die einzelnen Programmbereiche deutliche.10

I. Ortung, Identifizierung, Verfolgung und Bedrohungseinschätzung:

Hier werden Programme durchgeführt, die der Entwicklung von Sensor-, optischen und Radarsystemen zur Erkennung, Lokalisierung und Verfolgung von ballistischen Raketen und deren Sprengköpfen dienen. In allen Abfangphasen bilden diese Technologien die Grundlage für den Einsatz der verschieden Waffensysteme, indem sie diese mit allen notwendigen Daten versorgen.

In diesem Bereich entfallen nur noch 19,7 % auf die Grundlagenforschung, während 41,4 % für Entwicklungsarbeiten zur Verfügung stehen und bereits 38,9 % in die konkrete Erprobung und Demonstration fielen. Die Projekte innerhalb dieses Bereiches gehören somit zu den am weitesten entwickelten, was nicht zuletzt daran deutlich wird, daß fünf der elf Projekte in die Test- und Demonstrationsphase eintreten sollen.

II. Laser- und Teilchenstrahlenwaffen

Im Bereich der Laser- und Teilchenstrahlenwaffen sind für Grundlagenforschung 8,8 %, für Entwicklung 45,5 % und 45,8 % für die Erprobung und Demonstration vorgesehen.

Während die prozentuale Verteilung ähnlich der im Bereich der Ortung, Identifizierung, Verfolgung und Bedrohungseinschätzung ist, läßt sich ein wichtiger Unterschied feststellen:

In jedem Projekt soll sowohl geforscht, als auch entwickelt und bereits getestet werden. Dies verdeutlicht, daß einerseits die Entwicklung in diesem Bereich noch zurückliegt, andererseits der Anschluß an die anderen Programme durch massive Aufwendungen erreicht werden soll. Offen bleibt, ob die Anpassung durch eine Konzentration von fast 50 % des Budgets auf Tests erzwungen werden kann, solange alle Projekte noch der Grundlagenforschung bedürfen.

III. „Konventionelle“ Waffensysteme

In diesem Bereich werden nichtnukleare Waffensysteme entwickelt, die vor allem die Vernichtung der nicht zerstörten Interkontinentalraketen in ihrer ballistischen Flugphase und Endanflugsphase zur Aufgabe haben.

Daß der Bereich der „Konventionellen“ Waffensysteme am weitesten entwickelt ist, ergibt sich schon aus der vorgegebenen Konzentration von 62,8 % der Mittel auf die Erprobung und Demonstration. Bereits bei fünf der elf Projekte sollen erste Tests stattfinden. Nur 9,4 % der Gelder entfallen auf die zwei Projekte in der Entwicklungsphase, während noch 27,9 % in die Grundlagenforschung investiert werden sollen.

IV. Systemanalyse und Gefechtsführung:

In diesem Programm werden zwei wesentliche Ziele verfolgt: erstens die Entwicklung von Technologien, die für ein zuverlässiges, überlebensfähiges und kosteneffektives Gefechtsführungssystem erforderlich sind, und zweitens die Einschätzung der technologischen Problemstellungen und Kosten eines solch komplexen Raketenabwehrsystems und daraus resultierend die Erstellung einer Gesamtkonzeption („Systemarchitektur“).

Auf das erste Projekt (Gefechtsführung) entfallen 59,6 % der vorgesehen Ausgaben in diesem Bereich. Dieses Projekt befindet sich in der Entwicklungsphase. Mit einem Anteil von 40,4 % wird die Grundlagenforschung im zweiten Projekt („Systemarchitektur) finanziert.

V. Unterstützungsprogramm

Unter dieses Programm fallen im wesentlichen vier wichtige Projekte: die Einschätzung der Verwundbarkeit US-amerikanischer Waffensysteme im Verhältnis zur Effektivität des Raketenabwehrsystems, die Entwicklung von Verteidigungsmechanismen für das Raketenabwehrsystem selbst, die Entwicklung von Transportsystemen und die Bereitstellung größerer Energieerzeuger für die verschiedenen Waffensysteme im All.

In diesem Bereich entfallen 55,3 % auf die Erprobung und Demonstration, 44,3 % auf Grundlagenforschung. Die Energie- und Transportprojekte sollen in die Erprobungsphase gehen, während die Verteidigung des Raketenabwehrsystems selbst sich noch ausschließlich in der Grundlagenforschung befindet.

Die ausgewerteten Budgetansätze für die einzelnen Programme werden in dieser Höhe nicht realisiert werden. In den Auseinandersetzungen um den Veiteidigungshaushalt 1986 im Kongreß zeichnet sich eine Korrektur des SDI-Budgets nach unten ab. Das Repräsentantenhaus hat einen Budgetansatz von 2,5 Mrd. $ vorgeschlagen, der Streitkräfteausschuß des Senats plädiert für einen Budgetansatz von 3 Mrd. $. 11 Der endgültige SDI-Haushalt 1986 dürfte sich zwischen diesen beiden Marken bewegen.

Einerseits bedeutet dies eine ca. 50 %ige Kürzung der von Verteidigungsminister Weinberger beantragten Steigerung des SDI-Budgets, andererseits beträgt der Zuwachs dieses Budgets trotzdem zwischen 75 und 100 %.

Damit wird die quantitative und qualitative Ausweitung des SDI-Programms lediglich behindert, nicht aber aufgehalten werden können. Allerdings werden die vorgesehenen Zeitpläne für SDI zusehends in Verzug geraten, was die SDI-Betreiber mit wachsender Besorgnis zur Kenntnis nehmen. So formulierte Verteidigungsminister Weinberger schon zu Beginn der Auseinandersetzungen um den Haushalt 86 scharfe Kritik an den Kürzungen seines Budgetansatzes für 1985, die im Vergleich zu den zu erwartenden Kürzungen als nicht so einschneidend zu bewerten sind.

In seinem 1985 vorgelegten SDI-Bericht an den Kongreß stellt er fest: „Die Kürzungen im Haushaltsjahr 1985 waren eindeutig schädlich.“ Weiter oben formuliert er: „Während das Verteidigungsministerium in der Verfolgung seiner allgemeinen Strategie insgesamt erfolgreich war, ist es noch wichtiger geworden, die angestrebten Ausgaben im Haushaltsjahr 1986 zu verwirklichen, wenn die Ziele, Zeitpläne und Anforderungen von SDI weiter verfolgt werden sollen.“ 12

Ortung, Identifizierung, Verfolgung und Bedrohungseinschätzung (in Mio $)
Projekt Grundlagenforschung Entwicklung Demonstration Summe
Radar-Unterscheidungs- („Discrimination“) -Technologie 74 74
Optische Unterscheidungs- („Discrimination“) -Technologie 198,70 198,70
Radar-Qualifizierungs- (Imaging) - Technologie 45,80 45,80
Laser-Qualifizierungs- („Imaging“) -Technologie 127,00 127,00
Infrarot-Sensoren- Technologie 151,40 151,40
Ortungs- und Verfolgungssystem für Antriebsphase (BSTS) 131,10 131,10
Ortungs- und Verfolgungssystem für ballistische Flugphase 136,00 136,00
Flugzeuggestütztes optisches Ortungs- und Verfolgungssystem für Endanflugphase (AOS) 191,60 191,60
Bodengestütztes Radar (TIR) 74,60 74,60
Weltraumgestützte Qualifizierungs- („Imaging“)-Technologie 5,80 5,80
Allgemeine Technologie und Architektur 250,20 250,20
Summe 272,70 574,40 539,10 1386,20
Energie-Strahlen-Waffen
Projekt Grundlagen- forschung Entwicklung Demonstration Summe
Weltraumgestützte Laser-Systeme 27,60 84,50 259,80 371,90
Bodengestützte Laser-Systeme 30,70 251,60 149,20 431,50
Weltraumgestützte Teilchenstrahlen- waffen 16,80 103,00 13,60 133,40
Nuklear-Energie- Waffen 9,50 19,10 28,60
84,60 439,10 441,70 965,40
„Konventionelle“ Waffensysteme
Projekt Grundlagenforschung Entwicklung Demonstration Summe
Erforschung nichtnuklearer Abfangtechnologien zum Einsatz innerhalb der Atmosphäre 100,60 100,60
Erforschung nichtnuklearer Abfangtechnologien zum Einsatz außerhalb der Atmosphäre 109,70 109,70
Systemkonstruktion und Analyse 11,80 11,80
Elektromagnetische Hochgeschwindigkeits- kanone
– Entwicklung-
68,7 68,7
Neuartige Konzepte 29,50 29,50
Testprojekte für Abfangsystem zum Einsatz in oberer Atmosphäre (HEDI) 101,90 101,90
Testprojekte für Sprengkopfabwehr außerhalb der Erdatmosphäre (ERIS) 120,70 120,70
System zur Abwehr U-Boot-gestützter Interkontinentalraketen in Startphase -
Elektromagnetische Kanone 39,30 39,30
Weltraumgestützte Abwehrsysteme 147,70 147,70
Gesamtkonzeption der Endphasenabwehr 130,10 130,10
Summe 239,80 80,50 539,70 860,00
Systemanalyse und Gefechtsführung
Projekt Grundlagenforschung Entwicklung Demonstration Summe
Gefechtsführungs-, Kommando-, Kontroll- und Kommunikationsprojekt 145,10 145,10
SDI-„Systemarchitektur“ 98,20 98,20
Summe 98,20 145,10 243,30
Unterstützungsprogramme
Projekt Grundlagen- forschung Entwicklung Demonstration Summe
Verteidigung des ABM-Systems 11,80 60,40 72,20
Härtungstechnologien zur Senkung der Verwundbarkeit von US-Waffensystemen 103,50 103,50
Weltraumgestützte Energieerzeugung und -übertragung 63,80 63,80
Weltraumlogistik 18,70 18,70
Summe 115,30 142,90 258,20

Anmerkungen

1 Fernsehansprache vom 23. 3. 1983, zit.: Blätter f. dt. u. int. Politik, 4/83 S. 636 f. Zurück

2 Siehe: Weinberge, Caspar: Report to the Congress an the STRATEGIC DEFENSE INITIATIVE Washington D.C., 1985; Pike, John The Strategic Defense Initiative. Areas Of Concern, Washington D. C., Juni 1985, S. 10; Hartung, William, DeGrasse, J. Robert, Nimrody, Rosy, Daggett, Stephan, Brugman, Jeff: The Strategie Defense Initiative: Costs Contractors & Consequences, New York, 1985, S. 59. Zurück

3 Pike, John: a.a.O.; Hartung, William u.a.: a.a.O. Zurück

4 Pike, John: a.a.O., S. 9; Hartung, William u.a.: a.a.O. Zurück

5 Die Beschreibung der SDI-Programmelemente basiert auf: U. General Abrahamson, James: Statement on the President´s Strategic Defense Initiative“, das vor dem Unterausschuß für Verteidigung des Bewilligungsausschusses des US- Repräsentantenhauses am 9. Mai 1984 gehalten wurde, zit. nach: Hartung, William u.a.: a.a.O., S.156 Zurück

6 Hartung, William u. a.: a.a.O., S. 159 ff. S. 173; Pike John: a.a.O. S. 9. Zurück

7 Hartung, William u.a.: a.a.O. S. 175. Zurück

8 ebd., S. 173. Zurück

9 ebd., S. 159 ff. Zurück

10 Alle folgenden Angaben sind entnommen aus: Weinberger, Caspar a.a.O.; Pike, John: a.a.O. S. 11. Zurück

11 Kaplan, Fred „Senate rejects „star wars“ cuts“, im Boston Globe, im Juni 1985. Zurück

12 Weinberger Caspar a.a.O., S. 5.Zurück

Christopher Cohen u. Karlheinz Müller arbeiten an einem Projekt „SDI und Rüstungsökonomie“ an der Universität Marburg.

in Wissenschaft & Frieden 1985-4: 1985-4

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