in Wissenschaft & Frieden 1985-1: 1985-1

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Das Versagen der Philosophie

von Hans Jörg Sandkühler

Die Philosophie als vernünftige Erkenntnisform eröffnet dem Philosophen keineswegs die Alternative, die er allzu voreilig wählt, fühlt er sich vor das Scheinproblem der „schmutzigen Hände“ gestellt: die Alternative zwischen Begreifen der Wirklichkeit und Eingreifen in die Wirklichkeit; sie ist antiphilosophisch. Was für jeden Intellektuellen gilt und für jeden Wissenschaftler, gilt auch für den Philosophen: die Rede, die vor einer „Politisierung“ warnen zu müssen glaubt, hat sich auf die Trennung zwischen Literatur, Kunst, Wissenschaft, Philosophie einerseits und menschlichem Leben andererseits eingelassen. Wer sich dem Kampf gegen den Krieg verweigert, ist nicht weniger politisch als jener, der sich in diesen Kampf einreiht. Nicht anders steht es mit dem Selbstentlastungs-Argument der Ohnmacht der Philosophie angesichts der atomaren Gefährdung von Entwicklung, Leben und Geschichte.

Der Philosoph, der es zur Rechtfertigung seiner intellektuellen und praktischen Untätigkeit anführt, scheint – oberflächlich gesehen – nur darüber zu entscheiden, ob er für sich selbst das ihm angediente Ohnmachtsgefühl akzeptiert und damit aus der Tradition sowohl der Aufklärung wie der Philosophie der Praxis ausschert. Ihm ist entgegenzuhalten: Er ist nicht legitimiert, stellvertretend für das Ganze in selbstverschuldete Unmündigkeit zurückzukehren. Der Philosoph hat ein öffentliches Amt, und er ist rechenschaftspflichtig. Die Öffentlichkeit weiß heute: der Krieg ist die maßlose Gefährdung der menschlichen Existenz, und diese nimmt ihr Maß am Frieden. Der Philosoph, der diesem Wissen seine spezifischen Möglichkeiten, es in Kategerien des Zusammenhangs und des Ganzen zum Begreifen der Wirklichkeit voranzutreiben, entzieht, sollte sein Amt aufgeben. Möglichkeiten und vertane Chancen bilden einen für die heutige Philosophie so auffälligen Gegensatz, da zunächst von Philosophie in kritischer Absicht zu reden ist.

Zu Kritik und Skepsis besteht Anlaß. Die „Erklärung deutscher Philosophen zur Raketenstationierung“ haben nur 173 unterschrieben, und die meisten, denen Prominenz zugeschrieben wird, fehlen. Eine mögliche Erklärung findet sich bereits im ersten Satz dieses Dokuments dessen Bedeutung angesichts der geschichtlichen Schuld deutscher Philosophen – ich erinnere an ihre Urheberschaft für die „Ideen von 1914“, ich erinnere an Arnold Gehlens und Martin Heideggers Rolle im deutschen Faschismus, aber auch an die nach 1945 fortgesetzte Exilierung der jüdischen und marxistischen philosophischen Intelligenz – offensichtlich ist. Der Satz lautet: „Die Analyse der zugänglichen politischen und militärischen Tatsachen hat uns zu der Überzeugung gebracht, daß die bevorstehenden Rüstungsmaßnahmen in Europa und die strategischen Aufrüstungsvorhaben der USA und UdSSR eine bisher ungekannte, nicht länger zu verantwortende Steigerung – der atomaren Kriegsgefahr darstellen.“ Die Analyse der zugänglichen Tatsachen … So paradox es klingt, war es doch die Philosophie, die zuerst kritisch mit den Tatsachen, mit Empirie und Induktion, umzugehen wußte, liegt im unbewältigten Verhältnis von Philosophen zu den Tatsachen der Politik und der Wissenschaften die erste Ursache jener philosophischen Wirklichkeitsverweigerung, die sich zu allererst in Anpassung, im Frieden mit der Wirklichkeit ausdrückt.

Philosophen in der Bundesrepublik Deutschland haben oft eine gebrochene Beziehung zur Realität. Dieser meist bewußtlose Bruch stellt sich zunächst dar als ein Verlust der wesentlichen Kompetenz der Philosophie, die Mannigfaltigkeit der Wirklichkeit, die in alltäglicher Erfahrung und in einzelwissenschaftlicher Erkenntnis in Fragmenten wahrgenommen wird, als Gesamtzusammenhang begreiflich zu machen. Von der Philosophie können ohne Zumutung totalisierende Kategorien und Theorien über die Wirklichkeit erwartet werden. Nicht mehr verlangt sind spekulative Konstruktionen; verlangt sind rationale Weltbilder, an denen die Skepsis des Alltagsverstands als haltlos zerrinnt. Der systematische Zusammenhang philosophischer Begriffe läßt eine Topographie zu, in der man sich sicher bewegen kann. Fehlt diese kategoriale Topographie, dann ist Frieden nicht das Maß, sondern ein Maß oder auch keines.

Vier Gründe für den Kompetenzverlust will ich anführen: 1. Bereits das Stunde-Null-Denken der ersten Jahre nach 1945 bedeutete eine Verdrängung, zunächst der Realität der Philosophie selbst; das Alte, die Kontinuität der Philosophie, wurde in Vergessen abgeschoben, umsponnen mit dem Kokon des scheinbar radikal Neuen; was aber an Vorwärtsweisendem aufzugreifen gewesen wäre, ist oft bis heute unabgegolten; wer erinnert schon noch, daß mit dem Antifaschisten Otto Neurath wie mit anderen des Wiener Kreises der logische Empirismus in erster Linie anti-irrationalistische Ziele hatte? 2. In der Phase der Restauration hat die Mehrheit der Philosophen nicht nur zustimmend geschwiegen, sondern – als sei man in geistiger Exterritorialität – das Philosophische nachdrücklich als das zum Politischen Ganz-andere definiert. 3. Die Fähigkeit zur Wirklichkeitserkenntnis ist auch kognitiv verkümmert; die Wirklichkeit im Bewußtsein der Philosophie ist oft nur geliehene Wirklichkeit, Realität second hand, eine Wirklichkeit des Wissens anderer: die Philosophie schickte sich an, nicht mehr das Einzelne und Besondere als Tatsache und Realität im allgemeinen Begriff zu erfassen, sondern sich mit der Rolle des bloßen Verallgemeinerns einzelwissenschaftlichen Wissens zu begnügen oder die Geschichte des „Geistes“ zu schreiben. 4. Die immer deutlichere Tendenz zur Auflösung der Philosophie in Wissenschaftstheorie hat diese Entwicklung verschärft; die Philosophen nehmen in der Regel an der Erzeugung wissenschaftlichen Wissens nicht teil; es kann nicht verwundern, daß heute viele der interessantesten Denkanstöße und Erkenntnisse von philosophierenden Wissenschaftlern, vor allem Naturwissenschaftlern, ausgehen; die Logik wissenschaftlicher Erkenntnis aber, welche die Wissenschaftsphilosophen studieren, ist nur selten noch die Logik wissenschaftlicher Erkenntnis über Realität. Und 5., gewiß nicht abschließend: Zu einem der Hauptfelder philosophischer Tätigkeit ist die Philosophiegeschichte geworden; diese höchst begrüßenswerte Entwicklung, die oft zu hohem philologischem Niveau geführt hat, kehrt sich freilich meist gegen Geschichte; der Pluralisierung der Wirklichkeit zu Wirklichkeiten entspricht die Pluralisierung der Geschichte zu Geschichten: die historischen Entwicklungsstufen philosophischen Denkens erscheinen als Chaos beliebiger Lehrmeinungen; Angaben zum Ort der Philosophie in den geschichtlichen Verhältnissen, den sozialen, ökonomischen, politischen und kulturellen Strukturen, werden als wesensfremd gemieden; nicht zuletzt aber zeichnet sich das imaginäre Museum der Philosophien dadurch aus, daß kaum jemand seinem Besucher Hinweise gibt auf die großartige Weite, die vergangene Philosophien enthalten -0 die Weite ihrer Zukunftsentwürfe, in denen das Philosophieren die Fixierung auf das jeweils Bestehende antizipierend überwunden hat.

Die Philosophie ist akademische Disziplin. Dies müßte kein Nachteil sein. Die Philosophie hat sich disziplinieren lassen und viele Philosophen disziplinieren sich selbst. Dies ist ein Nachteil. Die Philosophen haben ihre Öffentlichkeit verloren; ihr vermeintliches Privileg, frei vom Politischen zu sein, erweist sich als das Gegenteil; kaum jemanden noch fällt die Sprachlosigkeit der Philosophie zu den Fragen von Krieg und Frieden auf. Die Philosophen versäumen es heute mehr denn je, der Selbst-Anforderung Diderots zu folgen: „Beeilen wir uns, die Philosophie unter den Menschen zu verbreiten.“

Was hätte die Philosophie heute unter den Menschen zu verbreiten? Die kritische Bilanz soll keineswegs zum Verzicht auf Philosophie auffordern, wo Wissen und Argumente gegen den Krieg gefordert werden. Daß Philosophen und wie Philosophen zu dem Problem unserer Zeit Stellung nehmen, beweist die Möglichkeiten der Philosophie. Und es berechtigt zu um so schärferer Kritik, wenn sie nichts sagen. Es gibt inzwischen eine Geschichte der Philosophie des Friedens, von Hans-Bert Reuvers unter dem Titel „Philosophie des Friedens gegen friedlose Wirklichkeit“ (PRV, Köln 1983) vorgelegt. Es gibt die Argumente von Ingetrud Pape, Dieter Henrich, Hans Heinz Holz, (vgl. DIALEKTIK, Nr. 4), daß der Frieden eine Frage der Wahrheit ist und nicht eine subjektive Wertsetzung. „Die moralischen Entscheidungsgrundlagen in der Raketenfrage sind klar.(…) Wahrheit und Vernunft sind es, die in der gegenwärtigen Lage zuerst verloren zu gehen drohen. Moralität erst in ihrem Gefolge.“

Es geht – ich wiederhole es – nicht um spekulative Konstruktionen, sondern um harte Fakten und um die Verknüpfung harter Fakten zu unwiderlegbarer Wahrheit. Fakt und wahr ist, daß nicht die Technik im Selbstlauf Kriege erzeugt, Fakt und wahr ist, daß nicht sozialökonomische Systeme an sich, daß nicht die staatliche Verfaßtheit des gesellschaftlichen Lebens an sich zum Krieg tendiert, sondern daß nur ein bestimmtes soziales System bzw. eine Minderheit von Menschen dieses Systems von Rüstung und Krieg profitiert. Doch diese Fakten allein summieren sich nicht unmittelbar zu dem, was Dieter Henrich unter dem Titel „Nuklearer Frieden“ als Philosoph begreiflich machen kann: Wir haben „allen Grund, die Einsicht für unumstößlich zu halten, daß von nun an zu den die Existenz der Menschheit definierenden Bedingungen ihre Kapazität zum selbstgewirkten und dann nicht umwendbaren Sog hinein in den Weg gehört, auf dem sie entweder sogleich zerstört oder aber auf Dauer in Schwundform ihrer Möglichkeiten niedergehalten wird. Und wir haben ebenso viel Grund, die Folgen von Lagebeurteilungen zu fürchten, die – aus welchen wohlformulierten Gründen immer – dieser grundlegenden Diagnose nicht stattgeben wollen. Die Möglichkeit der apokalyptischen Wendung gehört von nun an zu den Grundtatsachen des Menschseins. Die Frage ist, wie in der Anerkennung und im durchgängigen Bewußtsein dieser Tatsache ein anderes Leben zu führen ist als nur im Zeichen dessen, beängstigt und gerade noch davon gekommen zu sein.“ (a.a.O.)

Anzumahnen ist eine Philosophie, die sich jener Aufgabe wieder annimmt, die sie groß und nützlich gemacht hat, Philosophie als Kritik im umfassenden Sinne des Wortes, als Analyse also der Bedingungen der Möglichkeit und der Notwendigkeit von Erkenntnis – so mit Kant – und als entsprechende Analyse der Praxis – so mit Marx. Aktualisiert die Philosophie den ganzen Reichtum ihrer Erfahrung und ihres Wissens, dann ist sie in der Lage, eine der Prämissen von Dieter Henrichs Bestandsaufnahme der geschichtlichen Situation in Frage zu stellen. D. Henrich bezieht sich auf die Erfahrungs- und Erkenntnisgeschichte der Menschheit, und doch spricht er vom „selbstgewirkten“ Sog in die Katastrophe als Möglichkeit der Menschheit. Ich halte diese Annahme für nicht begründbar. Die gegenwärtig grassierenden Ideologeme vom möglichen „Selbst-Mord“, „Selbst-Vernichtung“ usw., sind eine gefährliche Täuschung. Sie lenken ab von der Tatsache, daß die Menschen nicht etwa einem geheimen biologischen Exterminismus gehorchen, sondern in Verhältnissen leben, die es nicht zulassen, die menschliche Gattung als einheitlich geschichtsmächtiges Subjekt zu unterstellen, Verhältnissen vielmehr des Kampfes widersprüchlicher Interessen. Der Skandal unserer geschichtlichen Lage besteht nicht in der Möglichkeit zum kollektiven Selbstmord, sondern in der Macht weniger, ganze Völker dem atomaren Mord auszuliefern. Von einer Philosophie unserer Geschichte und unserer Zukunft ist deshalb zu verlangen, daß sie auf dem Niveau der Natur- und Gesellschaftswissenschaften und auf dem Niveau der Erfahrungen gesellschaftlicher Bewegungen für Freiheit und menschliche Würde die Möglichkeiten erklärt, wie die Mehrheit der Menschen vor der Minderheit jener, die den Mord an der Gattung ins Kalkül ziehen, zu bewahren ist.

Dieser Beitrag wird fortgesetzt. Im zweiten Teil entwirft H. J. Sandkühler ein positives Programm einer Philosophie des Friedens.

Hans Jörg Sandkühler ist Professor für Philosophie an der Universität Bremen.

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