in Wissenschaft & Frieden 1984-5: 1984-5

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Rüstungsforschung und Dritte Welt

von Ulrich Albrecht

Die 2. Sondergeneralversammlung für Abrüstung, welche die Vereinten Nationen einberiefen, hat bekanntlich wenig erbracht - im Gegensatz zur Vorveranstaltung, die ein bis heute eindrucksvolles Schlußdokument über die Notwendigkeit der Abrüstung zu Wege brachte. Auf der folgenden regulären Vollversammlung beschlossen die Vereinten Nationen immerhin, einen Weltbericht über Rüstungsforschung beim Generalsekretär zu bestellen. Eine Koalition von Vertretern nordischer Länder, voran Schweden, und aus Entwicklungsländern brachte die Resolution gegen den Widerstand führender Militärmächte durch. 26 Entwicklungsländer hatten bislang auf die Fragebögen des UN-Sekretariats zur vereinheitlichten Erfassung von Militärausgaben reagiert und ihrer Sorge Ausdruck gegeben, daß mit ihrem Einbezug in das Wettrüsten nun auch ein Wettlauf in der Rüstungsforschung in der Dritten Welt ausbreche.

Das Mandat für die Untersuchung lautet: „Die Vollversammlung fordert den Generalsekretär auf, mit Blick auf die möglichen Einsparungen, die in vorhandenen Budgets vorgenommen werden könnten, mit Hilfe qualifizierter Regierungsexperten eine umfassende Untersuchung über die Reichweite, die Funktion und die Richtung der militärischen Nutzung von Forschung und Entwicklung, die darin wirksamen Mechanismen, die Rolle im Rüstungswettlauf insgesamt und im nuklearen Wettrüsten im besonderen, die Wirkung auf Rüstungsbeschränkung und Abrüstung besonders in Bezug auf Großwaffen wie Kernwaffen und andere Massenvernichtungsmittel vorzulegen, um ein qualitatives Wettrüsten zu verhindern und sicher zu stellen, daß Fortschritte in Wissenschaft und Technik schließlich nur für friedliche Zwecke verwendet werden. „Als bemerkenswert wurde empfunden, daß sich alle fünf Atommächte sowie die „halbe“ Atommacht Indien („halb“, weil das Land eine sogenannte „friedliche“ Explosion eines Kernsprengsatzes ausgeführt hatte) mit der Benennung von Regierungsexperten an der Studie beteiligten. Widerstände gegen das gesamte Unternehmen gab es besonders auf amerikanischer Seite bis zum Abschluß der Studie - der US-Experte wollte kurz vor Abgabe des Textes überraschend wissen, was zum Beispiel „friedliche Zwecke“ im Resolutionstext seien, dies müsse erstmal wissenschaftlich geklärt werden. Den Arbeitsalltag solch einer Kommission von Regierungsexperten darf man sich nicht zu wissenschaftlich vorstellen. Politische Gegensätze, besonders zwischen den Vereinigten Staaten und der UdSSR, werden fortwährend bei Streitereien über Details ausgetragen. Die Bezeichnung „Experte“ verdienen einige der Kommissionsmitglieder schwerlich auch bei freundlichster Würdigung lassen sich einige der von ihren Regierungen berufenen Ex-Diplomaten oder Soldaten kaum so klassifizieren. In der Gruppe wurde auch vermutet, daß einzelnen Regierungen, die an dem Unternehmen mitwirkten, eher an einer Sabotage des Vorhabens als an einem möglichst informativen Bericht gelegen sei. Vor diesem Hintergrund bleibt umso bemerkenswerter, wie eine Anzahl von wirklichen Fachleuten aus der Dritten Welt und anderen Staaten engagiert gemäß Aufgabenstellung diesen Weltbericht über Rüstungsforschung voranbrachten. Das Gesamtergebnis: das qualitative Wettrüsten hält mit Macht Einzug in die Dritte Welt und absorbiert die knappen Wissenschaftsressourcen dort mit womöglich noch größeren Nachteilen für die Entwicklung dieser Regionen, als dies in der industrialisierten Weit der Fall ist. Die Ausbreitung von Rüstungsproduktion in der Dritten Weit, durch die Auslagerung von Waffenfertigung in Niedriglohnländer durch multinationale Konzerne sowie nationale Bestrebungen, politische Unabhängigkeit durch Autarkie in der Rüstung zu erlangen, führen zu einem breiten Strom der Rüstungsproliferation, und darin anspruchsvoller Technologie in der Waffenkonstruktion sowie der Waffenfertigung.

Die UN-Studie geht von der Prämisse aus, daß in allen Ländern, die sich an der Fertigung von Waffen beteiligen, auch Ausgaben für Rüstungsforschung anfallen. Überraschenderweise stellte sich heraus, daß einzelne Länder, die keinerlei Rüstungsindustrie haben, auch Staatsausgaben für Rüstungsforschung melden wie zum Beispiel Senegal. Am Beispiel Saudi Arabiens, einem weiteren Fall aus dieser Klasse, wird dieser widersprüchlich erscheinende Tatbestand verständlich. Es scheint ein Ablaufmuster zu geben, demzufolge die Einrichtung Höherer technischer Lehranstalten in Ländern der Dritten Welt binnen weniger Jahre zur Vergabe von Forschungsaufträgen des Verteidigungsministeriums führt. So erhielt die erste TH in Saudi-Arabien, die „Universität des Öls und der Mineralien“ (wie sie amtlich heißt) drei Jahre nach ihrer Gründung den ersten Forschungsauftrag der Königlichen Saudischen Luftstreitkräfte. Im Jahre 1983 waren an dieser Hochschule 190 Wissenschaftler im Rahmen militärischer Projekte beschäftigt.

Aufgrund der Datenlage bleibt es schwierig, ein Gesamtbild der Rüstungsforschung in der Dritten Welt zu zeichnen. Die nachstehende Tabelle hat in der Sicht des Vorsitzenden der UN-Expertenkommission des chairman des Boards des schwedischen Friedensforschungsinstitutes SIPRI, den Charakter eines Zwischenergebnisses. Der Vorsitzende gab in der Schlußsitzung der Expertenkommission der Hoffnung Ausdruck, daß mit dieser Studie eine zehnjährige Arbeits- und Forschungsperspektive eröffnet werde. Eine solche längerfristige Arbeitsperspektive hat die Abrüstungsabteilung Department for Disarmament) der UN mit dem Problembereich Rüstung und Unterentwicklung schon einmal mit Erfolg entwickelt.

In der Sicht eines Statistikers vermögen die dargebotenen Daten wenig zu befriedigen. Die Quellen der Zahlen sind inhomogen und mit aller Wahrscheinlichkeit nicht vergleichbar. Die Definitionen dessen, was Rüstungsforschungsausgaben sind, wie der nationale Militäretat bemessen wird, und was öffentliche Ausgaben für Forschung insgesamt sind, differieren von Land zu Land. Folglich sind die aus diesen Datenangaben gebildeten Bezugszahlen in der Tabelle eher als Größenmarkierungen in einer Grauzone denn als exakte Daten zu betrachten. Einzelne Regierungsvertreter haben aus amtlichen Quellen stammende, öffentlich verfügbare Daten etwa der OECD in der Kommission korrigiert. Für einzelne wichtigere Länder waren Eigenangaben nicht zu erhalten, und die Schätzungen Dritter (Friedensforschungsinstitute oder andere Regierungen) über die Situation in diesen Ländern werden von den jeweiligen nationalen Experten nicht akzeptiert.

Dennoch lassen die Daten gewisse Aussagen zu. Besonders in der Dritten Welt fallen Rüstungsforschungsausgaben im Vergleich zu sonstigen Forschungsausgaben gelegentlich groß aus, und dies aus verschiedenen Gründen. Zum einen kann dies ein massives Programm anzeigen, wie zum Beispiel im Falle Israel (wo die Hälfte aller Wissenschaftsausgaben der Rüstung gelten; eine gleich hohe Quote ist nur bei führenden Militärmächten wie den USA und Großbritannien bekannt). Zum anderen kann dies illustrieren, daß ein nicht sehr umfangreiches militärisches Forschungsprogramm neben einem bescheideneren Gesamtprogramm für andere Forschungszwecke steht, wofür Thailand ein deutliches Beispiel bietet. Die absoluten Beträge der Ausgaben sind also mit in Betracht zu ziehen.

Im Vergleich besonders niedrige Haushaltsbeträge verweisen gelegentlich auf besondere Finanzierungen. In Brasilien zum Beispiel werden die Ausgaben für Rüstungsforschung über Kredite finanziert - im Haushalt erscheinen lediglich die Zinsen.

Stellt man solch Besonderheiten in Rechnung, so lassen die Daten doch verallgemeinernde Aussagen zu. Die Rüstungsintensität der Forschung in Entwicklungsländern variiert - gemessen am gesamten öffentlichen Aufwand für Forschung insgesamt - ähnlich wie bei Industriestaaten; einzelne rüstungsintensive Länder in der Dritten Welt wie vor allem Israel erreichen ähnliche Spitzenwerte wie die rüstungstechnologisch führenden Mächte. In Bezug auf die Militärausgaben bleibt der Anteil der Rüstungsforschung freilich hinter den Quoten der Industrieländer regelmäßig zurück.

Nicht bekannt sind die privat finanzierten Beträge für Rüstungsforschung in der Dritten Welt. Zahlen gibt es lediglich für die USA: zu den regierungsamtlichen Aufwendungen treten Schätzungen zufolge jährlich 1 Milliarde Dollar (nach Abzug privater Vorfinanzierungen, die später vom Pentagon erstattet werden). Von einigen multinationalen Konzernen ist bekannt, daß sie F+E-Projekte teilweise in der Dritten Welt ausführen, sozusagen auch akademische Niedriglohnarbeit nutzen.

In der Binnenstruktur scheint die Rüstungsforschung in der Dritten Welt weitgehend den Verhältnissen in Industriestaaten zu gleichen. Bezogen auf den Lebenszyklus, welches ein typisches Waffenprojekt von der Grundlagenforschung bis zur militärischen Verwendung durchläuft, deuten indische Ergebnisse mit dem Schwerpunkt des Kostenanfalls auf der Phase der Durchkonstruktion und der Serienfertigung auf ähnlich wenig innovationshaltige Dimensionen der Masse der militärischen F+E-Ausgaben, wie dies aus Industriestaaten bekannt ist:

Wichtiger noch, die Projekte von Rüstungsforschung in der Dritten Welt konzentrieren sich augenscheinlich zum allergrößten Teil auf eine nachholende Entwicklung von Technologie, die in den Industriestaaten schon vorhanden ist. Vom einzelstaatlichen Aspekt der Verwendung knapper Ressourcen her, aber auch von einer globalen Sichtweise her ist eine solche Doppel- und Mehrfachentwicklung von Technologie angesichts der vielfachen Technologienöte zur Überwindung von Mängelerscheinungen und Unterentwicklung sachlich nicht vertretbar.

Besonders in Ländern der Dritten Welt wird das Argument bemüht, Rüstungsforschung habe neben der Konstruktion von Waffen vorrangig gesamtwirtschaftliche Bedeutung für die Hebung des Technologieniveaus der Entwicklungsgesellschaften. Die Spitzenreiterfunktion moderner Rüstungstechnik übe gleichermaßen einen Sog auf andere Branchen aus und qualifiziere Arbeitskräfte und Ingenieure für eine Verwendung im zivilen Bereich.

Der empirische Befund spricht auch in der Dritten Welt (und dort augenscheinlich besonders) gegen die These von der gesamtwirtschaftlichen Nützlichkeit der Rüstungsforschung und -Technologie. Selbst Vertreter dieser Technik berichten durchwegs Kritisches. Ferdinand Brandtner zum Beispiel, der in Ägypten die Leitung der Triebwerkentwicklung für das unter Nasser konzipierte Kampfflugzeug innehatte (danach war er als Triebwerkspezialist in der Volksrepublik China tätig), berichtet, daß die fähigeren der von ihm ausgebildeten Entwicklungsingenieure nach dem Erwerb ihrer Qualifikation regelmäßig ins Ausland abwanderten. Nicht genutzte Kapazitäten wurden in Ägypten zeitweise für die lokale Textilindustrie eingesetzt, etwa zur Erzeugung von Spindeln für die Baumwollspinnerei d. h. weit unter dem Technologiewert der Anlagen. Verallgemeinert läßt sich als These festhalten, daß die weniger differenzierte Industriestruktur in Entwicklungsländern noch weniger als diejenige in Industriestaaten in der Lage ist, möglicherweise aus der Rüstungsforschung kommende Technologieimpulse aufzunehmen und erfolgreich umzusetzen. Die schmalere Palette von erzeugten Industriegütern, die zumeist auf der Grundlage importierter Technologien gefertigt werden, bietet hier augenscheinlich besonders wenig Handhabe. So ist zu befürchten, daß die wenigen Innovationen, die aus der Rüstungsforschung in der Dritten Welt kommen und die allgemeinere Bedeutung im Industrialisierungsprozeß gewinnen könnten, unter den alltäglichen Bedingungen in fast allen Entwicklungsländern ins Leere fallen, und die gesamtgesellschaftlichen Kosten dieser Rüstungsforschung noch höher ausfallen als die input-Daten angeben.

F+E Kostenverteilung über den Laufzyklus eines Projektes:
5 - 10 % Grundlagenforschung, Prinzipinnovation, experimentelle Entwicklung
10 - 20 % Entwurf und Konstruktion des Systems
40 - 60 % Durchkonstruktion für die Fertigung, Vorrichtungsbau
5 - 15 % Anlaufkosten, experimentelle Fertigung
Quelle: A. Parthasarathi, „Development Strategy for Electronics Industry.
Ensuring success of Technological Innovation“, Economic and Political Weekly, vol. V, no. 48, 28 November 1978.
Anmerkung: Auf Einzelbelege für eine Reihe von Tatsachenbehauptungen wird in dem UN-Bericht (wie bei Dokumenten dieser Art üblich) zumeist verzichtet. Der Leser sei auf den Text des Dokumente verwiesen, welches zum Zeitpunkt dieses Beitrages der Vollversammlung der UN zur Beratung vorliegt und danach zur Veröffentlichung ansteht.
Ausgaben für Rüstungsforschung
(1980, oder nächstverfügbares Jahr)
Ausgaben für Rüstungsforschung Ausgaben für Rüstungsforschung
in % aller öffentl. Ausg. für F+E in % der Militärausgaben
Ägypten
Argentinien 7,5 1,2
Australien 12,4 2,9
Bangladesh 10,1
Belgien 0,3 0,04
Brasilien (0,1)
Chile
China 15,0
Dänemark 0,8 0,03
DDR 4,6
BRD 12,7 3,9
Finnland 4,3 0,2
Frankreich 30,6 11,4
Griechenland 5,2 0,2
Großbritannien 48,4 14,3
Indien 19,0 2,0
Indonesien 0.15
Israel 50,0 5.75
Italien 4,5 1.26
Japan 3,7 1.01
Jugoslawien
Kanada 6,7 0.96
Korea (Süd)
Neuseeland 0.08
Niederlande 1,3 0.08
Norwegen 4,3 0.86
Österreich 0.17
Pakistan
Peru 1,8
Philippinen 4,8 0.01
Polen 5,0
Portugal
Rumänien
Saudi-Arabien (0)
Schweden 11,5 5,6
Schweiz 4,9 2,6
Senegal
Singapur
Sowjetunion 60,0 25,0
Spanien 1,4 0.07
Südafrika (RSA)
Thailand 24,6 0.18
Tschechoslowakei 17,1
Türkei
Ungarn
USA 49,6 8,2
Quellen zur Tabelle: Kolumne I: United Nations, Report on the World Social Situation, 1982; (E/CN.5/1983/3;ST/ESA/125). Für sozialistische Länder wurden mangels Eigenangaben Daten entnommen aus: US Congress, Joint Economic Committee, The Allocation of Resources in the Soviet Union and China, Washington, D.C. (div. Ausgaben); Kolumne II: Antworten der UN-Mitliedsregierungen auf: Reduction of Military Budgets. Military Expenditure in standardized form reported by States (A/36/353; A/37/418; A/38/434). Bei OECD-Mitgliedstaaten, die diesen Fragebogen nicht ausgefüllt haben (Dänemark, Schweiz, Spanien), wurde zurückgegriffen auf: OECD, Science and Technology Indicators, Basic Statistical Series, vol. A, Paris (lfd).

Anmerkungen:

Die Daten stimmen, da sie z. T. von Regierungen direkt den UN angegeben werden, nicht mit statistisch bereinigten Darstellungen in anderen Veröffentlichungen überein.

In die Tabelle aufgenommen wurden alle Staaten, von denen bekannt ist, daß sie rüstungsindustriell tätig sind, und von denen Aktivitäten in der Rüstungsforschung gemeldet werden, ohne daß in allen Fällen der Gesamtaufwand für diese Tätigkeit beziffert werden kann.

Die Daten dieser Tabelle geben möglicherweise ein nicht exaktes Bild, da die diversen nationalen Kontierungssysteme sowie die statistischen Methoden in den angegebenen Quellen differieren. Hohe Prozentanteile in der ersten Kolumne dürften besonders bei Entwicklungsländern lediglich den Tatbestand wiedergeben, daß ein begrenztes F+E-Programm auf ein kleines staatliches Gesamtprogramm für F+E bezogen wird.

Dr. Ulrich Albrecht ist Professor am Institut für polit. Wissenschaften der FU Berlin.

in Wissenschaft & Frieden 1984-5: 1984-5

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