in Wissenschaft & Frieden 1984-3: 1984-3

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Kriege beginnen in den Köpfen von Menschen

von Hans-Peter Nolting

Bietet uns die psychologische Forschung zum Problem von Krieg und Frieden Informationen, mit denen wir die Phänomene besser verstehen und Ansatzpunkte zur Friedensförderung finden können? Daß in dieser Hinsicht Erwartungen an die Psychologie gestellt werden, ist offenkundig.

„Kriege beginnen in den Köpfen von Menschen“ heißt es in der Präambel der UNESCO – und ist das, was in den Köpfen von Menschen vor sich geht, nicht Gegenstand psychologischer Forschung? Und Albert Einstein wandte sich 1931 mit seiner Frage „Warum Krieg?“ nicht etwa an einen Politologen oder Militärhistoriker, sondern an Sigmund Freud. Man mag die Präambel der UNESCO nur für die halbe Wahrheit halten und vor einer Psychologisierung politischer Erscheinungen warnen. Doch sicher sind Krieg und Frieden auch psychologische Probleme. Denn Kriege sind keine Naturereignisse. Sie werden von Menschen gemacht und vor allem mitgemacht. Man muß sich daher fragen, auf Grund welcher Gefühle, Gedanken, Interaktionsformen usw. sie es tun.

Frieden – ein Thema in der Psychologie?

Bisher war der Frieden so gut wie kein Thema in der Psychologie. Es gibt eine Verkehrspsychologie, eine Gerichtspsychologie, eine Betriebspsychologie, eine Werbepsychologie und auch eine Wehrpsychologie aber keine Friedenspsychologie. Auch in der politischen Psychologie spielt dieser Problemkreis bislang kaum eine Rolle. In den Psychological Abstracts, in denen jährlich über zehntausend Arbeiten gesammelt sind, sucht man das Stichwort „Frieden“ oder „Friedensforschung“ vergeblich, ebenso auch „Gewaltlosigkeit“ – , will man etwas über nonviolence erfahren, muß man unter violence nachsehen und findet dort ein bißchen, wenn man Glück hat. In der Bibliographie deutschsprachiger psychologischer Literatur sieht es nicht besser aus. Weder „Frieden“, noch „Krieg“, noch „Gewalt“ noch „Gewaltlosigkeit“ sind zu finden. Man muß unter den breiten Stichworten Aggression oder Konflikt nachschauen und findet dann ganz selten etwas zu den Fragen, die uns hier auf dem Kongreß bewegen, während ich in denselben Registern schon Stichworte wie „Pendel“, „Orakel“ oder „Poltergeist“ angetroffen habe.

Diese Tatbestände rühren sicher zum Teil daher, daß Krieg und Frieden als politische Phänomene für den Psychologen so schwer zu untersuchende Gegenstände sind – sehr komplexe und unüberschaubare Massenerscheinungen, die überdies weder im Labor noch in natürlicher Umgebung experimentell herstellbar sind. Aber es gibt offenbar auch politische Berührungsängste. Ein eklatantes Beispiel konnten wir gerade in diesen Tagen erleben. Beim diesjährigen Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Wien sollte auf Antrag der Professoren Kempf und Werbik auch ein Symposium zum Thema „Atomare Bedrohung und Krieg“ stattfinden. Alle Modalitäten für einen solchen Arbeitskreis wurden erfüllt, die Referenten waren benannt, die Abstracts eingereicht. Die Auswahlkommission hat es jedoch abgelehnt, die Thematik ins Programm zu nehmen, weil sie zu politisch sei so die mündliche Begründung auf Anfrage von Herrn Kempf, da ein schriftlicher Bescheid nicht gegeben wurde. Offenbar sind die Ängste groß; Die Angst, daß politische Themen das Bild von der objektiven Wissenschaft ankratzen könnten und vermutlich auch die Angst, daß solche Themen zu Konflikten im Kreis der eigenen Mitglieder führen könnten.

Die Gefahr, daß Politik die Wissenschaft verderben kann, will ich nicht leugnen. Wer könnte das nach den trüben Erfahrungen in unserer eigenen Vergangenheit?! Ich will auch gar nicht dafür plädieren, einen Kongreß mit eindeutig wissenschaftlicher Zielsetzung als ganzen zu politischen Stellungnahmen drängen zu wollen. Es gibt dafür ja gesonderte Kongresse wie diesen. Aber: darf die politische Zurückhaltung so weit gehen, daß man es einem Kreis von interessierten Kollegen untersagt, sich in einer Arbeitsgruppe des Kongresses, zu deren Besuch niemand gezwungen wird, auch mit der Frage zu beschäftigen, ob die eigene Wissenschaft zu einem drängenden politischen Weltproblem etwas zu sagen hat? Kann man sich überhaupt mit Existenzfragen der Menschheit befassen, ohne dabei politisch zu werden? Und merken auf politische Abstinenz bedachte Kollegen nicht, daß man bei bestimmten Ereignissen nicht politisch unschuldig bleiben kann, daß das Raushalten aus der Politik immer eine Unterstützung für die ist, die die Macht haben?

Die Unhandlichkeit des Gegenstandes und politische Berührungsängste dürften also Gründe dafür sein, daß es in der Psychologie eine explizite Friedensforschung bislang nicht gibt. Was die wissenschaftliche Seite betrifft, so lassen sich Teilaspekte der komplexen Phänomene sicherlich empirisch und experimentell untersuchen, und im Prinzip geschieht dies auch. Mir scheint allerdings, daß die Teilaspekte zuweilen schon fast als die ganze Erklärung überbewertet und überdies die Akzente zu einseitig gesetzt wurden.

Aufgrund meiner Beschäftigung mit psychologischen Fragen der Friedensforschung halte ich alle Erklärungsversuche, die das Problem auf einen einzigen kurzen Nenner bringen möchten, für grobe Vereinfachungen. So können wir unter anderem nicht davon ausgehen, daß, wenn Millionen Menschen in den Krieg ziehen, sie alle dafür dieselben Motive haben.

Es sind vor allem zwei Aspekte, unter denen in der Psychologie das Problem von Krieg und Frieden betrachtet worden ist: die Frage nach dem Ursprung „der“ menschlichen Aggression und das Phänomen der Vorurteile und der Feindbilder. Was die psychologische Aggressionsforschung anbetrifft, so hat sie sich fast ausschließlich mit individueller Aggression befaßt, und es geriet dabei ganz aus dem Blick, daß Kriege extreme Formen kollektiver Gewalt sind, die man mit den Aggressionen im sozialen Nahraum oder mit gewöhnlicher Gewaltkriminalität nicht ohne weiteres gleichsetzen kann. Aggressive Verhaltensweisen, wie wir sie bei Kindern und Erwachsenen im Alltag erleben – und darauf bezieht sich der überwiegende Teil der Untersuchungen – bilden sicherlich nicht die Bausteine für die Funktionsfähigkeit militärischer Apparate; sie sind dort eher störend und unerwünscht. Und wenn man meint, daß zwar das Verhalten verschieden, aber die Motivation im Grunde dieselbe sei, daß sich im prügelnden Vater wie im Abwerfen von Bomben gleichermaßen aggressive Impulse ausdrückten, so haben uns spätestens diverse Studien über Nazi-Täter wie Eichmann und die bekannten Gehorsams-Experimente von Milgram darüber belehrt, daß dies keineswegs so sein muß. Gewaltbereitschaft ist weit vielfältiger und umfassender als persönliche Aggressivität. Sie umfaßt neben aggressiven Motiven wie Vergeltungsdrang und Sadismus gerade im Falle kollektiver Gewalt auch materielle Vorteilssuche, Anerkennungsbedürfnis, Opportunismus, Gehorsamsbereitschaft, Autoritätshörigkeit, Pflichtgefühl, Sendungsbewußtsein oder die schlichte Angst „nein“ zu sagen.

Was die Vorurteile und Feindbilder anbelangt, so ist mit ihnen sicher ein kollektiver Aspekt erfaßt; denn es geht dabei ja um Gruppenstereotype. Aber auch damit bleibt ein ganz entscheidendes Merkmal außer Betracht, daß nämlich politische Gewalt (ob Krieg, Foltersysteme usw.) praktisch immer organisierte Gewalt ist: mit Schulungen, Rollenverteilungen, Hierarchien, systematischen Belohnungen und Bestrafungen. Und das Handeln des einzelnen dürfte in der Regel weit mehr von seiner Stellung in der eigenen Gruppe, also von gegnerunabhängigen Faktoren, bestimmt sein als durch das Bild von jenen, die als Gegner bekämpft werden.

Mein Eindruck ist, daß die Psychologie zwar schon heute einige interessante Aspekte zum Verständnis von Krieg und Frieden beisteuert, daß sie sich aber mehr als bisher explizit mit der organisierten Gewalt zwischen politischen Gruppen (wie Völkern, Rassen, Schichten usw.) beschäftigen und diese unter einem umfassenden Gefüge von Gesichtspunkten untersuchen müßte. Dazu gehören sowohl individuelle Faktoren und ihre erzieherischen Hintergründe als auch gruppendynamische und organistionspsychologische. Erfaßt werden muß das Handeln von Menschen auf allen Ebenen organisierter Gewaltsysteme, auf der unteren Ebene der Befehlsempfänger ebenso wie auf der Ebene der Führungskreise, die die Entscheidungen treffen. Einbezogen werden müßte auch das Verhalten jener passiv zuschauenden Bürger, die durch ihre gewährenlassende Haltung den Gewaltaktionen freien Raum geben.

Weiterhin müßte auch die strukturelle Gewalt Thema psychologischer Friedensforschung sein. Sicherlich kann man darüber streiten, wie weit man den Friedensbegriff fassen soll. Tatsache ist aber, daß die strukturelle Gewalt, im Sinne sozialer Ungerechtigkeit, ebenfalls auf kollektivem, organisiertem Verhalten beruht und daß an ihr jährlich mehr Menschen zugrunde gehen – durch Hunger, vermeidbare Krankheiten usw. – als an der personalen Gewalt durch Bomben und Gewehre. Mit diesen Formen stiller Unterdrückung – mit den Herrschern wie den Beherrschten – hat sich die Psychologie bislang so gut wie gar nicht befaßt.

Schließlich müßten auch jene Formen von Gewaltlosigkeit in den Blick genommen werden, die zur Überwindung von personaler und struktureller politischer Gewalt beitragen können. Da dies nicht individuelle, sondern wiederum nur organisierte Gewaltlosigkeit sein kann, geht es um psychologische Aspekte von gewaltfreien Aufständen und sozialem Widerstand. Mit Recht beklagt der amerikanische Psychologe Pelton, der m.W. die bisher einzige Monographie zur Psychologie der Gewaltlosigkeit verfaßt hat, daß sich die Psychologie zwar ausgiebig mit der sozialen Verhaltenskontrolle befaßt hat, aber so etwas wie eine Psychologie des sozialen Widerstands praktisch völlig fehlt.

Zu einem weiteren Aspekt können wissenschaftliche Informationen zum Problem politischer Gewalt und ihrer gewaltfreien Bekämpfung sich in größere politische Wirksamkeit umsetzen? Wächst der politische Einfluß mit der Differenziertheit der Sachkenntnisse?

Kann psychologische Sachkenntnis nützen?

Jeder, der sich nur mal ein wenig mit der Politik eingelassen hat, weiß, daß dies eine sehr naive Annahme wäre. Politik wird von Interessen bestimmt und nicht von der Suche nach Erkenntnis. Es setzt sich durch, wer die Macht hat, und nicht, wer der Sachkundigere ist. Haben wir nicht alle schon diese deprimierenden Diskussionen erlebt, in denen differenzierteste Sachargumente (z.B. zu den technisch bedingten Gefahren der Raketen) einfach nicht ernst genommen wurden und Antworten hervorriefen, in denen z. B. von Zusammenhalt, von Treue oder von Regeln der Diplomatie die Rede war? Die Ohnmacht der Wissenschaft trifft die Psychologie genauso wie jede andere Disziplin. Prinzipiell wird Wissenschaft erst politisch wirksam, wenn sich Machtgruppen ihrer bedienen. In erster Linie sind dies natürlich Regierungen und ihre Träger, und die haben, wie die Geschichte zeigt, der Wissenschaft stets mehr Einfluß gewährt, wenn es um Zwecke der Aufrüstung und Kriegsführung ging als um Abrüstung und Kriegsverhinderung. Will Wissenschaft in dieser Hinsicht ihre Ohnmacht verlieren, so eben wiederum nur über Menschen, die selbst eine Macht bilden. Und das versuchen wir als Teil der Friedensbewegung ja zu sein.

Ist nun zu erkennen, daß Forschung, speziell Friedensforschung, über eine solche politische Bewegung Wirkungen zeigt? Ich kann hier nur sehr subjektiv urteilen. Aber mir scheint, daß bei der Nachrüstungsproblematik die Friedensforschung zum ersten Mal überhaupt öffentlich in Erscheinung getreten ist.

Die Militärexperten unter den Friedensforschern haben der Bewegung die Argumente geliefert und sie zum Teil wohl auch mit ausgelöst.

Die Psychologie hat hier sicher einen schlechteren Stand als die Militärexperten und Naturwissenschaftler. Dennoch können unsere Beiträge für die Öffentlichkeitsarbeit und den Austausch innerhalb der Friedensbewegung durchaus nützlich sein. Und zwar einfach deshalb, weil viele Menschen Psychologie interessant finden und bereit sind, sich eher mit psychologischen Aspekten zu befassen als z. B. mit Waffentechnik. Diesen schlichten Tatbestand sollten wir nutzen.

Ich möchte nur einige Inhalte nennen, die mir interessant erscheinen: Politische Gewalt unterscheidet sich erheblich von individueller Aggressivität und zu ihrer Verminderung ist die Widerstandsfähigkeit gegenüber Aufforderungen zur Gewaltbeteiligung wichtiger als der Umgang mit eigenen Aggressionsgefühlen.

Dieser Gesichtspunkt mag diejenigen Aktivisten in ihrer Oberzeugung bestärken, die Verweigerungen und organisierten gewaltfreien Widerstand, wie er sich in der Friedensbewegung formiert hat, grundsätzlich für den richtigen Weg halten.

Verschiedene psychologische Mechanismen halten uns davon ab, den Gefahren ins Auge zu sehen und das Handeln der eigenen Seite nach denselben Maßstäben zu messen wie das des Gegners; ein Großteil der politischen Propaganda ist darauf angelegt, eben diese Täuschungen und Selbsttäuschungen zu fördern.

Dieser Gesichtspunkt scheint mir besonders relevant, um zur Immunisierung der Öffentlichkeit gegenüber politischen Verführungen und Bagatellisierungen beizutragen und den Blick für diverse Formen des Selbstbetruges zu schärfen.

Politische Entscheidungen in Führungsspitzen werden nicht weniger von irrationalen und allzumenschlichen Faktoren – persönlichen wie gruppendynamischen – bestimmt als unser alltägliches Handeln.

Mit diesem Gesichtspunkt können wir vermutlich zwar keine Politiker umstimmen, wohl aber dazu beitragen, deren Autorität in der Öffentlichkeit zu erschüttern, und zwar auch bei politisch inaktiven Bürgern. Obwohl viele Menschen über Politiker schimpfen, wenn die eigene Interessengruppe sich finanziell getroffen sieht, gehen die meisten wohl immer noch von der stillen Annahme aus, daß „die da oben“ ansonsten doch den besseren Überblick und die größere Sachkenntnis haben müßten. Vielleicht können wir das Expertenimage derer abbauen helfen, die stets so tun, als seien sie die Rationalität in Person und hätten alles unter Kontrolle. Der Fall Wörner/Kießling ist ein Musterbeispiel für das, was ich meine. Derselbe Mann, der mit Stimme und Gesicht stets souveräne Unerschütterlichkeit darstellt und der jeden Irrtum auszuschließen vermag, versucht uns ja auch einzureden, daß ein Atomkrieg durch technische und menschliche Fehler gänzlich unmöglich sei, obwohl hier – anders als in der Generalaffäre – nicht Monate, sondern nur Minuten zur Urteilsbildung zur Verfügung stehen.

Informationen sind wichtig, um die eigenen Überzeugungen besser zu begründen und um die öffentliche Meinung nach und nach zu verändern – was der Friedensbewegung bisher ja in einer verblüffenden Schnelligkeit gelungen ist. Welcher Friedensaktivist hätte 1981 für möglich gehalten, daß sich in zwei Jahren die öffentliche Meinung umkehren und im Bundestag 200 Raketengegner sitzen würden. Aber jeder weiß, daß Aufklärung nicht ausreicht. Wenn 70 % der Bevölkerung gegen die Raketen sind, bedeutet dies ja nicht, daß 70 % dagegen etwas unternehmen. Nicht die Raketenbefürworter sind unser eigentliches Problem, sondern die vielen Passiven. In unserer Göttinger Gruppe hatte jemand das Problem mal so formuliert: Wie bringen wir die Leute dazu, das zu tun, was sie wollen?

Dr. Hans-Peter Nolting ist Oberrat am FB Erziehungswissenschaften der Universität Göttingen. Es handelt sich bei dem vorstehenden Beitrag um eine gekürzte Fassung des Referates, das Nolting auf dem 2. Friedenskongreß Psychosozialer Berufe gehalten hat.

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