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„Berichte von der Front“ - Kriegsbilder im Science-Fiction-Film

von Brunhilde Janßen

Sei es der „Krieg der Welten“ H. G. Wells, 1898 oder der „Krieg der Sterne“ (1977) - in der Geschichte der SF spielt der Themenbereich Konflikte, Katastrophen und Krieg eine zentrale Rolle. Kriegerische Katastrophen haben sich entweder schon ereignet oder drohen, sich in nächster Zukunft abzuspielen, wenn sie nicht sogar selbst Thema von SF sind. Fast immer geht es dabei um die gewaltsame Eroberung des Alls und fremder Planeten oder aber ein in neuerer Zeit häufiger auftauchendes Bild - um die Verteidigung der menschlichen Rasse gegen aliens, die aus den Tiefen des Alls in unsere Galaxie vorgedrungen sind, um auch diese zu erobern und zu beherrschen.

Ein Krieg im Weltall, so suggeriert die SF, kann sehr schön sein und läßt den Betrachter seine womöglich realen Erfahrungen mit dem Krieg oder zumindest sein Problembewußtsein bezüglich der realen Kriege auf unserer Erde vergessen. Das All, an sich von einer endlosen und faszinierenden Weite und Anonymität, belebt sich mit Tötungsmaschinen unterschiedlicher Art: majestätische „Kampfschiffe“ schweben ebenso lautlos und leicht durch den Raum wie kleine und schnelle Angriffsfahrzeuge, die mit allen Wundern der Technik ausgestattet sind. Angereichert wird dieses Waffenpotential durch eine Vielzahl von Strahlenwaffen, atomaren Sprengköpfen oder auch seit es den Film „Krieg der Sterne“, Teil 1 gibt Licht- und Strahlenschwertern, die an archaische Formen des Kampfes erinnern.

Die technischen Wunderwerke erlangen ihre Ästhetik und Faszination durch ihr Schweben im unendlichen Raum. in dem sie für den Betrachter wie Sterne leuchten und strahlen, und diese Faszination nimmt auch nicht ab, wenn plötzlich eines dieser Gebilde vorn Bild verschwindet: abgeschossen und verglüht. Der Kampf der Raumschiffe soll Spannung und Nervenkitzel erzeugen. Doch letztlich bleibt der Krieg im Weltall schön und lautlos. Selbst die Explosion eines Raumfahrzeuges erzeugt noch ein ästhetisches Bild, das zum Staunen anregt und die Distanz, in der solches geschieht, enthebt den Zuschauer der unangenehmen Problematik, sich womöglich mit dem Tod von Menschen auseinandersetzen zu müssen. Die kriegerische Auseinandersetzung bleibt für den Betrachter prinzipiell folgenlos, Übrigens auch für die Hauptpersonen in einem solchen SF-Film. Der Tod erhält ein anonymes Gesicht, für den Zuschauer nicht mehr begreifbar als Leiden und Sterben, sondern vorwiegend als logisches Faktum: das getroffene Objekt verschwindet einfach, ohne Lärm, ohne Blut, ohne Leiche. Töten wird so zu einem selbstverständlichen Vorgang, der auch vom Zuschauer aufgrund seiner Distanzierung ohne weiteres akzeptiert werden kann, ja sogar von ihm am nächsten Computer-Spielautomaten selbst nachgeahmt werden kann. Natürlich findet der Krieg im Weltall nicht grundlos statt. Er erhält seine Legitimation aus zwei Quellen: zum einen handeln die Guten, also die Identifikationsfiguren, immer aus einer Notwendigkeit heraus, da sie bedroht oder von Fremden angegriffen werden, zum anderen aber kämpfen sie für das Gute an sich, für die gesamte menschliche Rasse. Ohne inhaltlich genauer definiert werden zu müssen, ist dieses Gute immer im Recht, denn es verteidigt uns, die Menschen.

Dem Guten, repräsentiert durch hübsche, mutige und ehrenwerte Personen, die mit Vorliebe weiß gekleidet sind, steht das Böse gegenüber: dunkel, maskiert, anonym und niederträchtig. Die Beweggründe der bösen Personen sind schnell genannt. Sie wollen Macht und Besitz, und was sich nicht beherrschen läßt, soll getötet, besser: vernichtet werden. So einfach die Handlungsmotive der bösen Protagonisten sind, so einfach hat auch die Reaktion darauf zu sein. Dein Zuschauer wird die Notwendigkeit vor Augen geführt, radikal und durchaus gewalttätig gegen das Böse vorzugehen, ohne etwa nach Hintergründen oder gar nach Verhandlungsmöglichkeiten zu fragen. Daß Böse muß ausgerottet werden, da es sonst uns, die Menschen, vernichtet.

Daher geht es um die Art und Weise, wie die SF der letzten Jahre das Thema Krieg behandelt. Dem Zuschauer oder Leser wird eine simple Schwarz-Weiß-Sicht der viel komplizierteren realen gesellschaftlichen und politischen Vorgänge angeboten, die ihm letztlich eine Einsicht in die Gründe, warum in unserer Gegenwart Kriege geplant und geführt werden, verstellt. Vor allem aber lernt er zu akzeptieren, daß es zur Vernichtung des Übels sogar notwendig sein kann, die eigene Zerstörung in Kauf zu nehmen, wenn nur irgendwelche, womöglich wertvollere Repräsentanten der menschlichen Rasse vor dem Untergang bewahrt werden.

Und noch etwas anderes wird in den meisten SF-Produktionen der jüngeren Vergangenheit als selbstverständlich vorausgesetzt: der 3. Weltkrieg hat auf der Erde bereits stattgefunden, der Planet Erde ist in den Weiten des Alls verglüht. Ein Gedanke, der uns im Jahre 1984 Angst macht, weil er im Bereich des Möglichen und Denkbaren liegt, wird uns zugleich als akzeptabel und prinzipiell fast folgenlos präsentiert. Die Erde existiert nicht mehr, aber die menschliche Rasse gibt es noch und sie kämpft in alter Manier für ihr Überleben.

Die Weltsicht, die hinter diesen Bildern steht, ist eindeutig: ein von den Menschen gefürchteter Atomkrieg ist gar nicht so gefährlich, denn man kann ihn überleben. Wer ihn aber nicht überlebt hat, der ist für die Vernichtung des Bösen gestorben. Denn - „es gibt Wichtigeres, als im Frieden zu leben“.

Nicht zufällig findet sich diese Anschauung besonders in amerikanischen SF-Produktionen. Ihre Wirkung ist bemerkenswert. Mehr als die durchschnittlichen deutschen SF-Film Zuschauer sind die amerikanischen Zuschauer bereit, die „Commies“ (= Kommunisten) als dunkle, gewalttätige Monster, als Vertreter einer undefinierbaren, jedenfalls aber bösen Macht zu betrachten. Die gedankliche Hemmschwelle, gegen den historischen Gegner in einem realen Krieg möglicherweise auch Atomwaffen einzusetzen, um sich „seiner (zu) entledigen“ (R. Reagan), ist dann auch sehr niedrig: ca. 40% von befragten amerikanischen Zuschauern wären dazu bereit.1

Die ideologische Aussage der SF in den letzten Jahren, die sich mit dem Motiv des Krieges thematisch beschäftigt, ist also nicht nur Widerspiegelung der Realität, sondern zugleich konkretes Mittel zur politischen Auseinandersetzung. Sie postuliert die Vorstellung und Akzeptanz des bisher Undenkbaren.

Zugleich impliziert eine solche Sichtweise des Krieges als einzig funktionierendes und deshalb durchaus legitimes Mittel in der politischen Auseinandersetzung auch eine Reihe weiterer gesellschaftsbezogener Aussagen in der SF. Der Krieg, so erfährt der Zuschauer, macht es notwendig, daß alle Beteiligten gehorsam ihrem Oberhaupt, ihrem Führer, ihrem Vater, z. B. im „Krieg der Sterne“ auch versinnbildlicht im Darth Vader, dem Oberhaupt der „Bösen“, folgen. Eine Hierarchie, offenbar von Urzeiten an bestehend und von Prinzen, Prinzessinnen oder Herrschern repräsentiert, darf nun auch nicht hinterfragt werden, denn Unterordnung und Gehorsam sind wichtiger. Schließlich geht es um das Überleben des Imperiums oder der menschlichen Rasse selbst.

Bis in die Rollenstrukturen von Mann und Frau wirkt die permanente Krisensituation hinein: der Krieg in den Galaxien ist auch der Kampf der Geschlechter, ohne daß dies allerdings thematisiert würde. Schließlich mag es als selbst-verständlich erscheinen, daß der Kampf gegen mächtige und monströse Gestalten des bösen Reichs nur von mutigen, starken und tatkräftigen Männern geführt werden kann, während Frauen als Opfer oder namenlose Zuschauer zu fungieren haben. So ist es nur folgerichtig, daß das Imperium des Guten zwar grundsätzlich von schönen, kindlich-unschuldigen aber durchaus erotisch anziehenden Prinzessinnen repräsentiert, letztlich aber von starken Männern beherrscht und verteidigt wird. Nur ihnen kann die nötige Kaltblütigkeit und Tötungsbereitschaft zugetraut werden, nur sie - so wird dem Zuschauer suggeriert - verfügen über die Rationalität und notfalls gefühlsmäßige Kälte, um als Soldaten ihres Reichs zu kämpfen.

Frauen dagegen sind Garnitur oder sogar überhaupt anonyme Masse, zumindest aber sind sie immer potentielles Opfer des Geschehens. Handlungsfähigkeit kann ihnen abgesprochen werden und so werden sie vom Feind gejagt und gefangengenommen, als Sexualobjekt benutzt und von den guten Helden, für die sie im Grunde nichts anderes bedeuten, wieder befreit. Prinzessin Leia im „Krieg der Sterne“ bildet hierfür ein deutliches Beispiel.

Zwar gibt es auch böse Prinzessinnen („Buck Rogers“), die mit ihren niederträchtigen Beweggründen die Mächte des Bösen und Dunklen vertreten. Doch auch sie sind letztlich nur Objekte der Handlung, indem sie - zumeist mit großem Kostümaufwand als galaktische femmes fatales gekennzeichnet - gegen die wirklich bösen Männer in ihrem Rücken doch nicht antreten können. Selbst intellektuell zu schwach und auch nicht rücksichtslos genug, sind sie dem Untergang geweiht. Frauen sind also. in der SF zumeist schwach und unterlegen, gleichgültig ob gut oder böse, und auch der vereinzelte Kampf gegen die Vorherrschaft der Männer ändert nichts an ihrer Aufgabe, als Farbtupfer die männliche und von Soldaten geprägte Welt aufzuhellen.

Die waffenstarrende Symbolisierung der männlichen Vorherrschaft reicht bis in psychoanalytische Ebenen hinein. Nur zu leicht lassen sich die Strahlenwaffen, vor allem aber die Lichtschwerter, mit denen die Hauptakteure gegeneinander antreten, als Phallussymbole interpretieren. Strahlenwaffen sind utopisch wie archaisch zugleich: Laserstrahlen zeigen die Macht des technologischen Fortschritts, doch die Form des Schwerts steht für den männlichen Kampf in seiner „klassischen“ Gestalt: zwei Männer stehen sich mit dem Vorsatz gegenüber, einander zu töten.

Die moralische Vereinfachung, visuell gekennzeichnet durch das Gegenüber von Hell und Dunkel in der Kleidung der Protagonisten, findet ihre äußerliche Entsprechung in der monumentalen Aufteilung der Räume - im Innern der Raumschiffe wie im All. Figuren wie Ben Kenobi, Luke Skywalker oder - auf der anderen Seite Darth Vader im „Krieg der Sterne“ sind nicht nur Repräsentanten von gut und böse, sie sind vor allem Führer ganzer Raumschiff-Flotten und riesiger Heere von Raumsoldaten. Dem entsprechen die häufig auftauchenden Paraden und Begrüßungsszenerien, in denen weitläufige Hallen mit uniformierten und zumeist auch maskierten Soldaten angefüllt sind. Tausende von Soldaten stehen stramm, im Imperium des Guten ebenso wie im dunklen Reich des Bösen. Unterschiede lassen sich nur an Äußerlichkeiten festmachen: natürlich lassen sich die Soldaten des Guten noch als Menschen identifizieren, die ihre Pflicht tun, während die in Metall und Kunststoff verkleideten Kämpfer der dunklen Macht genausogut Maschinen sein können. Dies erleichtert zusätzlich die Legitimation ihrer Vernichtung. Das alles findet in monumentalen Räumen und Bauwerken statt, die die Wirkung einer normierten Masse von Lebewesen deutlicher hervorzuheben vermögen.

Daß einzelne Szenarios aus der SF an den NSDAP-Reichsparteitag im Jahre 1936 erinnern, ist kein Zufall. Die SF-Requisitenwelt versinnbildlicht die skizzierten ideologischen Hintergründe. Große Massen soldatischer Männer dienen als „Kanonenfutter“ in einem wahnsinnigen, aber notwendigen Krieg, während die Leitfiguren allein über Handeln und Strategie entscheiden. Dabei ist nicht nur die Masse der Menschen an sich wertlos (soweit es nicht um ihre Rolle innerhalb der Erhaltung der Rasse geht), sondern auch der Gegner bereits per definitionem minderwertig. Diesen faschistoiden Elementen entspricht die soldatische Härte der Personen, die die Autorität der Führer vorbehaltlos anerkennen und deren Befehle ohne Zögern befolgen, sei es auch mit der Konsequenz des eigenen Todes. Vorgeführt wird eine ethische Entmenschlichung des Individuums. Seit den 50er Jahren ist die Science Fiction nicht bloß bunter und phantastischer geworden. Der Zuschauer von 1984 soll lernen, seinen eigenen Untergang, der ihm so faszinierend vorgeführt wird, zu akzeptieren.

Brunhilde Janßen ist Lehrerin. Sie wohnt in Königswinter

Anmerkungen

1 Vgl. dazu einen Bericht in der Zeitschrift KONKRET, Nr.12, Dez. 1983, S. 47 Zurück

gekürzter Vorabdruck aus: Harald Kimpel/Gerhard Hallenberger (Hg.), Zukunftsträume. Bildwellen und Weltbilder der Science Fiction. ed. 8 1/2 (erscheint Ende April). Das Buch ist eine Begleitpublikation zu einer gleichnamigen Ausstellung, die vom 30.4.-17.6. in der Kasseler Orangerie gezeigt wird.

in Wissenschaft & Frieden 1984-2: 1984-2

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