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Operation „Charlie“

von Redaktion

Gleichsam im Gegenzug zu den verheerenden Prognosen der 100 amerikanischen Wissenschaftler hat die Bundesnotstandsbehörde der Vereinigten Staaten von Amerika (Federal Emergency Management Agency = FEMA in Verbindung mit dem United States Department of Agriculture (USDA) die Öffentlichkeit zu beruhigen versucht: In einer im Dezember vergangenen Jahres publizierten Studie zu Problemen der Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung nach einem Nuklearangriff kommen die Behörden zu dem Ergebnis, daß die „Balance“ zwischen überlebender Bevölkerung und noch nutzbaren Versorgungsmitteln gewahrt sei. Die Entwicklung eines umfassenden Zivilschutzprogrammes (Integrated Emergency Management System) vorausgesetzt, könnten 80% der US-amerikanischen Bevölkerung eine atomare Auseinandersetzung überleben.

Die ökologischen Folgen eines Atomkrieges werden von FEMA ignoriert. Die Studie selbst ist nur ein Glied in der Kette ähnlich fataler Auslassungen dieser Institution. Wir beschäftigen uns mit ihr, um die Denkstrukturen führender Strategen in der gegenwärtigen US-Administration darzustellen und um zu zeigen, daß in der Tat der nächste Krieg dort in Betracht gezogen und vorbereitet wird.1

Schon bei der ersten Lektüre der FEMA Studie erschreckt die Sprache der Militärstrategen und Technokraten. Betrachtet werden vier verschiedene Fälle des Notstandes: Energieverknappung, Naturkatastrophen, Transportunterbrechungen und eben Atomkrieg (der als das schlimmste der genannten Übel klassifiziert wird). Diese Zusammenstellung bereits ist bezeichnend. Für den Fall eines Atomkrieges wird mit zwei Simulationsmodellen gearbeitet. Im ersten Beispiel wird ein Atomschlag auf militärische Einrichtungen betrachtet, im zweiten die Folgen eines Angriffes auf militärische und zivile Einrichtungen der USA. Daß diese Studien, UNCLEX genannt (unclassified exercise), mit Kosenamen versehen werden, ist üblich. Fall 1 heißt dann „Mike“, Fall 2 „Charlie“. Das eingesetzte nukleare Potential wird mit jeweils 6000 Megatonnen und 1200 Waffen angenommen.

Wo die grausamsten Dinge „vermenschlicht“ werden, ist die Verdinglichung der Menschen nicht weit.

Aus den Tagen des Vietnamkrieges sind uns noch die Meldungen über „Killing rates“ im Ohr. Die Notstandsbehörde arbeitet mit „survival-rates“. Und da kommt heraus, daß der Mensch ein höchst anfälliges Wesen ist. Schweine und Schafe haben bessere Überlebensaussichten.

Schwein müßte man sein!

Resource Percent Potentially Surviving
Population 46
Beef Cattle 57
Swine 64
Sheep and Lamb 68
Dairy Cattle 55
Broiler Chicken 54
Layer Chicken 53
Turkeys 62
Livestock an Poultry Availability and Population Survival at D+60 Days (UNCLEX "Charlie" Attack)

Überhaupt: der Mensch. In der kruden, quantifizierenden Betrachtungsweise der Atomkriegsstrategen kommen die Menschen mit ihren Leiden, ihren Qualen nicht vor. Arbeit ist ein Produktionsfaktor, dessen Verlustquote durch einen atomaren Krieg auf eine Prozentzahl gebracht werden kann. Da die Manager des Notstands aber doch auf die Gefolgschaft der Menschen angewiesen sind, wird diesen Tröstung zuteil. Die Überlebenden (die angenommene Prozentzahl beträgt 45% der amerikanischen Bevölkerung) haben nicht zu befürchten, daß ihnen die Lebensmittel ausgehen. Aus rasche Gesundung des Landes steht zu hoffen. Im Falle des abgeschlossenen Zivilschutzprogramms 1988 erwartet FEMA 80 Prozent Überlebende. Die hierfür vorgesehene Evakuierung der Stadtbevölkerung soll in einer Woche bewerkstelligt werden (vgl. Flugzeit der Pershing…)

Aber die Ironie des Schicksals will es, daß je mehr Menschen überleben, ihre Versorgungsprobleme immer unlösbarer werden. „Ironically, the relatively favorable balance between population and livestock and poultry survival rates expected under current Civil Defense capabilities could disappear under an effective crisis relocation effort.“(S. 13) Aber für diesen Fall kündigt FEMA Problemlösungen an. „Research is underway“, heißt es da auf amerikanisch.

Die Annahmen der Behörden basieren auf der Unterstellung, bei den USA handele es sich um eine Überflußgesellschaft. Das Problem der grassierenden Armut, die durch „reaganomics“ rapide voranschreitet, wird als nicht existent weggewischt. Aber auch das Schicksal weiterer Millionen Menschen interessiert nicht: an mehreren Stellen des Papiers wird auf bestehende Produktionsüberschüsse über den inländischen Bedarf hinaus hingewiesen. Sie liegen bei Getreide, z.B. bei über 50 % des Inlandverbrauches. FEMA zieht daraus den Schluß, daß eine erhebliche Einschränkung der Agrarproduktion nicht gleichermaßen auf die US-Bevölkerung durchschlage. Im Klartext: Die brutale Verelendung vieler Völker der Dritten Welt, die von US-Importen abhängig sind, ist für diesen Fall einprogrammiert. Im folgenden dokumentieren wir die wichtigsten Aussagen der Studie von FEMA und USDA:

Die Nahrungsmittelversorgung nach einem Atomkrieg

Auswirkungen auf das Vieh

Auch wenn das Vieh minimalen Schutz vor den Folgen eines Atomwaffeneinsatzes habe, könne es Druckwelle und radioaktiven Niederschlag „besser überleben“ als Menschen. die Versorgungsbalance sei also gewahrt.

Auswirkungen auf Getreide

Die Hauptbedrohung für das Getreide sei radioaktiver Befall. Dabei seien zwei Phasen zu unterscheiden: in der frühen und mittleren Wachstumsphase zwischen dem 1. Juni und dem 1. August sei das Getreide besonders „sensibel“. „Attacks during the non-growing season would not be expected to affect future yields directly ... Only a June 1st attack would be likely to seriously threaten yield of major crops and even then the reduced yields would not necessarily threaten survival.“(S. 9)

Auswirkungen auf die Farmarbeit

„Casualty rates would vary widely by area with the heaviest casualties taking place in the urban areas (...) The rural population, in contrast, would fare relatively weil. Nearly 80 percent of the rural Population could still be alive at D+60 days.“ (S. 9) Verknappung der Farmarbeit wird daher nicht als kritischer Faktor angesehen, auch wenn das Problem der radioaktiven Strahlung beachtet werden müsse?! Die Abhängigkeit von „Gastarbeitern“ in der Obst- und Gemüseernte wird nicht als Problem erwartet nach einem Nuklearangriff. „These workers should survive at least as wen as the U.S. rural Population, and the Department of Labor sees no reason why they would not continue to participate in US. harvests.“(S. 10)

Auswirkungen auf andere „Inputs“:

70 bis 80 % der Kapazitäten der Düngemittelproduktion würden erhalten bleiben.

„Thus except for short-term interruptions in production because of the attack, which could probably be tolerated, fertilizer ist not expected to be a Problem.“(S. 10) Allerdings sei es wichtig, schnell die Produktion fortzusetzen, weil sich sonst die Erträge bei Korn und Weizen um 40 bis 50% reduzieren könnten.

Energie

Es wird davon ausgegangen, daß 30 bis 40% der Raffinerien und 60% der Elektrizitätswerke weiter existieren. Zwar könnte der im Gefolge eines Atomschlags auftretende elektromagnetische Impuls die Kapazitäten der Stromversorgung reduzieren. „However, defense electric power planners are confident that there will be adequate power for the reduced needs of a post attack economy.“ Die größte Bedrohung stelle ein Stromausfall über mehrere Wochen hinweg dar, der bspw. die Bewässerung unterbrechen könne. Solche Unterbrechungen, die drei Tage oder mehr andauern könnten, würden die Ernte bedrohlich reduzieren. Etwa 50% der Kartoffeln, der Früchte und des Gemüses wachsen auf bewässertem Land. Und weiter?

Pestizide und andere Chemikalien

50-60 % der „Vorangriffskapazität“ werden angenommen. Da aber weit über den Inlandsbedarf produziert werde, seien keine gravierenden Probleme zu erwarten. Auch wenn nicht übersehen werden dürfe, daß Insekten augenscheinlich gegenüber Radioaktivitat weniger anfällig wären als das Getreide. Mit Engpässen bei der medikamentösen Versorgung sei zu rechnen. „Nevertheless, es könnte sein, daß wir nach einem Nuklearangriff zwischen der Behandlung von Menschen und Tieren zu wählen hätten.“(S. 12)

Landwirtschaftliche Maschinen

Harte Verluste - Kapazitäten auf 55 % verringert.

Nahrungsmittelindustrie

Es wird erwartet, daß die Einrichtungen der Nahrungsmittelindustrie einen nuklearen Angriff im gleichen Maß überstehen würde, wie die Bevölkerung bei gegenwärtigen zivilen Schutzmöglichkeiten. Von daher „Balance“ recht günstig. Man beachte, daß viele Verarbeitungseinrichtungen besser abschneiden als die allgemeine Bevölkerung (s. Chart 10).

Versorgung mit Arbeitskräften

„Es ist eine Faustregel, daß die Verwendbarkeit von Arbeitern, die die weiterexistierenden Einrichtungen bedienen werden, 30 % geringer sein wird als vor dem Angriff, Wenn sich die Verletzten erholt haben, fallen die Fehlbeträge auf 10 %. Es ist schwierig die gesamte Wirkung dieser Fehlbeträge einzuschätzen, aber sie müssen nicht unüberwindbare Probleme darstellen. Längere Arbeitszeit und Produktionsspezialisierung könnten über augenblickliche Mängel hinweghelfen.“(S. 10)

In diesem Stil werden des weiteren Probleme der Verpackung und des Transports abgehandelt. Da die Nahrungsmittelvorräte in den einzelnen Haushalten - aufgefüllt durch geborgene Mittel aus zerstörten Einrichtungen - für zwei Monate und mehr reichen würden, könnte der durchschnittliche Kalorienverbrauch pro Tag auf weit über 2000 Kalorien angesetzt werden. Bleibt nur noch das Problem, daß ein Teil jener, die zu sterben verurteilt seien, noch für eine gewisse Zeit Konsumenten bleiben würden.

Food Processing Facility Availability, D+60

Industries with over 60 % Availability

Industries with less than 35 % Availability

Anmerkungen

1 Vgl. Scheer, Robert, Und brennend stürzen Vögel vom Himmel, München 1983, insbes. S. 187 ff. Zurück

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