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Friedensbewegung und Wissenschaft in Frankreich

von Johannes M. Becker

Die Situation der französischen Friedensbewegung, somit auch die Quantitäten wie Qualitäten der Diskussion und des Engagements der Wissenschaftler in dieser Bewegung werden wesentlich von zwei Faktoren geprägt: Seit dem Frühsommer 1981 wird Frankreich bekanntlich von einer Regierungskoalition aus Sozialisten (PS) und Kommunisten (PCF) unter dem sozialistischen Staatspräsidenten Mitterrand regiert. Und Francois Mitterrand und die überproportional sozialistisch dominierte Regierung lassen gar keinen Zweifel aufkommen an ihrer Favorisierung der Installierung der US-amerikanischen Mittelstreckenwaffen, die der entscheidende Katalysator der mächtigen Friedensbewegung auf der ganzen Erde war. Überdies, auch das gehört zum ersten Aspekt, befürworten die beiden Parteien der Linken heute (diametral entgegengesetzt ihren Positionen bspw. im „Programm Commun“ von 1972) die nationale französische Nuklearbewaffnung in Gestalt der „Force de Frappe“, ja die PS/PCF-Koalition hat bereits kurz nach ihrem Machtantritt den gigantischen Ausbau dieses mit dem Flair de Gaullescher Politik nationalstaatlicher Souveränität versehenen Potentials beschlossen. 1

Der zweite Einflußfaktor auf die französische Friedensbewegung ist von der Regierungsarbeit von PS und PCF (und ihrem Beitrag zum „nuklearen Nationalkonsens“) nicht zu trennen: Der Tatbestand, daß die beiden traditionell stärksten und konsequentesten Friedenskräfte Frankreichs, eben Sozialisten und Kommunisten, - zum ersten Male seit der Phase der Liberation! - die Regierungsgewalt innehaben, verfehlt ihre Wirkung auf die Organisation der französischen Friedensbewegung nicht.

Diese wird mit Ausnahme der CODENE (Comité pour le Desarmement Nucleaire de l´Europe), eines sich vor allem vom PCF abgrenzenden, 1981 gegründeten Bündnisses von vielschichtigen Linkskräften um in erster Linie den PSU (Parti Socialiste Unifie) sowie das MDPL Claude Bourdets (Mouvement pour le Desarmement la Paix et la Liberte), von zwei anderen Organisationen repräsentiert: vom „Mouvement de la Paix“ und vom „Appel des Cent“.

Mouvement de la Paix

Das 1949 gegründete „Mouvement de la Paix“ blickt auf eine lange Tradition im Friedenskampf zurück mit seinem Engagement gegen die Remilitarisierung der BRD, gegen den Algerien- und Vietnamkrieg und auch gegen die „Force de Frappe“. Die Ende 1982 knapp 5000 eingeschriebenen Mitglieder, die in der Tradition von Persönlichkeiten wie Joliot-Curie, Aragon, Picasso, Eluard oder Vercors stehen, sowie die „Militants“ der Bewegung sind zum überwiegenden Teil Anhänger des PCF oder der Gewerkschaft CGT, zu einem ebenfalls beachtlichen Teil Anhänger des PS; Christen und Unorganisierte machen nur einen geringen Anteil aus.

Appel des Cent

Der „Appel des Cent“, der Aufruf von 100 Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Wissenschaft, ergangen im Herbst 1981, steht, was seine politische Basis anbelangt, dem „Mouvement“ nahe, ist aber organisatorisch von diesem streng getrennt und versteht sich bewußt als ein überparteiliches Bündnis von Persönlichkeiten.

Wenn man sich die Politik des „Mouvement de la Paix“ und des „Appel des Cent“, die beide aufgrund vor allem ihrer Verflochtenheit mit der kommunistisch-linkssozialistisch orientierten CGT auch für die entscheidenden Wissenschaftlerinitiativen im Friedenskampf verantwortlich sind, nach ihren Inhalten betrachtet, so stößt man gerade bei Berücksichtigung ihrer politischen Affinitäten rasch auf einige Erklärungsmöglichkeiten für die konstatierbare Schwäche der französischen Friedensbewegung: Beide Organisationen kritisieren heute die „Force de Frappe“ nicht. 2 Und beide Organisationen, dies gilt insbesondere für den „Appel des Cent“ zeigen nicht die wahren Qualitäten und die wahren Triebkräfte der atomaren Bedrohung der 80er Jahre. Ihre Manifestationen laufen unter wenig aussagekräftigen Parolen wie „J'aime la vie - J'aime la paix“. da wird die allgemeine Abrüstung gefordert, und Transparente wie „Ni Pershing II - Ni SS-20“ (Weder...-Noch...) sind keine Seltenheit.

Treffen von Intellektuellen für Frieden und Abrüstung

Bereits am 29. Januar 1983 führte der „Appel des Cent“ diese auch „Versammlung der Intellektuellen“ genannte Veranstaltung in Paris durch. Eine ganze Reihe von Initiativen riefen hierzu auf: so ein „Appell von 24 Juristen für Abrüstung“ (Humanité v. 7.1.83), „Schriftsteller und Künstler für Abrüstung“ (Humanite v. 19. 1.83), ein „Appell von 35 Wissenschaftlern für Abrüstung“ (Humanité v. 17.1. 83) oder eine Mediziner-Initiative (Humanite v. 20. 1.83); mehrere Einzelpersönlichkeiten wie die Schriftstellerin Suzanne Prou, der Mediziner Leon Schwarzenberg oder der Sänger Maxime Le Forestier meldeten sich zu Wort. 3

So lauten die Forderungen bspw. in dem Juristen-Aufruf unter Bezug auf den Wortlaut des „Appel des Cent“: „Stopp der nuklearen Eskalation, Verhandeln, Abrüstung, sozialer Fortschritt und Entwicklung“. So heißt es in der Proklamation der Mediziner nach dem Hinweis auf die beiden Supermächte („principales puissances“): „Dieser Rüstungswettlauf muß aufhören, diesem Gleichgewicht des Terrors muß ein Ende gesetzt werden. Man muß dem Leben geben, was man (heute) für den Tod vergeudet.“

Die Diskussionen der Versammlung des 29. Januars selbst zeigten z. B. sehr konkret die immense Vergeudung durch Rüstung auf, der Hunger und Not auf weiten Teilen der Erde gegenüberstehen; sie griffen aber die entscheidenden politischen Fragen zu Beginn der 80er Jahre nur selten auf, anklingende Kritik an der Regierung Mitterrand, an ihrer Sicherheitspolitik wie an ihrer Außenpolitik, wurde als unpassende, als unwillkommene Kontroverse empfunden. Eine Passage aus dem ebenfalls wenig konkret gehaltenen Abschlußdokument: „Es ist schlimm zu sehen, wie kolossale Summen für den Bau von Waffen ausgegeben werden, die unsere Erde mehrfach zerstören können, während Millionen von Menschen immer noch an Hunger sterben. Wir wollen, daß unsere Stimme gehört wird, damit dieser Wahnsinnswettlauf, dieser Skandal aufhört, der keine Rücksicht auf menschliches Leben oder menschliche Werte nimmt.“ (Humanité v. 31.1.83) Gleichzeitig beteiligen sich französische Wissenschaftler an bedeutenden internationalen Aufrufen, so an dem Pariser Appell der 12000 Physiker aus 43 Ländern, der die „sofortige Einstellung der Atomversuche, der Produktion und der Stationierung neuer atomarer Waffen“ forderte (FAZ v. 11.11.83).

Welttreffen der Kulturschaffenden und Intellektuellen

Der „Appel des Cent“ plant für März/April 1984 ein erneutes Treffen in Paris, diesmal mit weltweiter Beteiligung. Es soll nach den Vorstellungen der Veranstalter weniger zu neuen, größeren Organisationsformen führen, als vielmehr zu einem allgemeinen Erfahrungs- und Gedankenaustausch. Neben einer Plenardiskussion sind berufsspezifische Arbeitsgruppen geplant. Dieses Welttreffen sollte die Möglichkeit bieten, mit den französischen Kollegen die anstehenden Fragen zu diskutieren. Dies um so mehr, als die CGT, der eine Vielzahl von Wissenschaftler-Friedensaktiven entstammt, eine außerordentlich klare und offensive Politik betreibt: gegen die „Force de Frappe“, gegen die amerikanische Enthauptungsstrategie, gegen eine Außenpolitik der Spannung mit den sozialistischen Ländern.

Der Informationsdienst Wissenschaft und Frieden wird vom Pariser Welttreffen berichten.

Anmerkungen

1 „Blätter für deutsche und internationale Politik“ 27, 1982, 2 und „Lendemains“ 7, 1982, 28. Zurück

2 Ausführlicher mit der französischen Friedensbewegung befaßt sich mein Beitrag in den „Frankfurter Heften“ 38, 1983, 10. Zurück

3 Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, daß die beiden Hauptorgane der Kommunistischen Partei, „L´Humanité“ und „L´Humanite Dimanché“ (Auflage ca. 150000 bzw. 400000), eine klare, zumindest gegen die US-amerikanische Konfliktstrategie gerichtete Politik betreiben. Ich empfehle hier v.a. das Interview, „Science et Paix“ (L´Humanité Dimanche v. 1.11.83) mit den sechs Nobelpreisträgern P.A. Tschernenkow, N. Basw, O. Chamberlain, S. McBride, G, Debreu und M. H. F. Wilkins. Zurück

Johannes M. Becker, Diplompolitologe, z. Zt. Paris, promoviert an der Universität-Marburg über das deutsch-französische Verhältnis und Militärprobleme.

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