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Wissenschafts„konversion“ und Gewerkschaften

von Johannes Wildt

Neues Selbstverständnis der Wissenschaftler

Es kann gar keinen Zweifel geben: Eine hervorragende Bedeutung für die Erfolge der Friedensbewegung hatten und haben in Zukunft die Organisationsformen, die die friedenspolitischen Initiativen einzelner Berufsgruppen zusammenfassen. Auf der Basis des gemeinsamen Interesses an der Verteidigung der Grundlagen der menschlichen Existenz ist es gelungen, Betroffenheit und Sachverstand zu gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit in einer Breite zu organisieren, die vielfach übliche Zersplitterung von Parteien, Verbänden, Konfessionen – auch die Gewerkschaften müssen in diesem Zusammenhang genannt werden – mindestens teilweise überwindet.

Die Entdeckung, in welchem Umfang die gesellschaftliche Arbeit im Beruf in den verhängnisvollen Hochrüstungskurs einbezogen ist, hat die Bereitschaft freigelegt, die eigene Kompetenz in die Waagschale der Friedenskräfte zu werfen. Die Breite, in der die Manifestation von Ärzten, Naturwissenschaftlern, Künstlern, Sportlern, Architekten, Pädagogen, Angehörigen psychosozialer Berufe etc. in Kongressen, Unterschriftensammlungen, Anzeigen, Publikationen, Vorträgen getragen wird, ist Beweis genug. In diesen berufsspezifischen Initiativen spielen nicht allein aber doch in vorderster Linie Wissenschaftler eine wichtige Rolle. Dies mag durchaus Gründe im nach wie vor hohen Sozialprestige der Wissenschaft, in den besonderen Freiheitsrechten der Wissenschaftler, ihrer relativen Unabhängigkeit von Weisungshierarchien, ihrer flexiblen Arbeitsorganisation, den überregionalen Kommunikationsnetzen und internationalen Kontakten in der Wissenschaft, dem erleichterten Zugang zu Kommunikationsmitteln etc. haben. Ausschlaggebend für das Engagement vieler Wissenschaftler ist jedoch die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Verantwortung wissenschaftlicher Arbeit. Es muß hier nicht erneut ausgebreitet werden, in welchem Umfang wissenschaftliche Arbeit oder wissenschaftliche Erkenntnisse Schrittmacherdienste für die fortschreitende Hochrüstung und Militarisierung immer weiterer Bereiche des Lebens leisten, wie weit die wissenschaftliche Entwicklung direkt oder indirekt durch den militärisch-industriellen Komplex gesteuert wird, wieviel wissenschaftliche Arbeitskraft in diesem Zusammenhang abhängig beschäftigt wird.

Die Wissenschaftler haben hierzu umfangreiches Material zusammengetragen und sie haben was vielleicht noch bedeutsamer ist begonnen, ihre Arbeit aus dem kriegstreibenden Verwertungszusammenhang herauszulösen, um sie in den Dienst einer friedlichen, humanen und demokratischen Entwicklung der Gesellschaft zu stellen. In Ansätzen zeichnet sich so etwas ab wie ein Prozeß der Wissenschafts„konversion“.

Ein wesentliches Moment dieser Veränderung ist: Mehr und mehr Wissenschaftler überwinden ihr eingeengtes Selbstverständnis als Fachleute für den begrenzten Wissensbereich, für den sie sich als Spezialisten zuständig halten. Eingebunden in die sozialen Bewegungen stellen sie ihr Wissen in einen gesellschaftlichen Zusammenhang. Sie erkennen ihre Aufgabe, nicht nur wissenschaftliches Wissen zu gewinnen und anzuwenden, sondern damit die Verbreitung des Wissens zu verknüpfen. Erst die Demokratisierung des wissenschaftlichen Wissens gewährleistet, daß der wissenschaftliche Fortschritt in gesellschaftlichen Fortschritt umgemünzt werden kann. Zu den wesentlichen Beiträgen der Wissenschaft zur Friedensbewegung gehört sicherlich die Unterstützung der geradezu rasanten kollektiven Lernprozesse, die zu einer vor einigen Jahren kaum für möglich gehaltenen Verbreitung und Erhöhung des allgemeinen Wissensstandes über sicherheitspolitische Fragen geführt haben. In der Durchdringung des friedenspolitischen Engagements mit der Rationalität wissenschaftlichen Wissens entwickelt sich ein neuer Typus wissenschaftlicher Kultur bzw. Gegenkultur gegen die herrschende Unkultur , in der Rationalität und Emotionalität, Erkenntnis und Interesse nicht als Gegensatz, sondern als zwei Seiten eines kollektiven Emanzipationsprozesses erscheinen.

Gestiegenes Engagement der Gewerkschaften

Unter den Wissenschaftlern, die sich in den berufsgruppenspezifischen Friedensinitiativen engagieren, sind auch viele Gewerkschafter zu finden. Eine ganze Reihe von ihnen verbindet das friedenspolitische Engagement mit aktiver Gewerkschaftsarbeit. Nicht wenige jedoch haben durchaus aufgrund von Enttäuschungen in ihrer Gewerkschaft den Schwerpunkt ihrer gesellschaftspolitischen Betätigung in die berufsgruppenspezifischen Initiativen verlagert.

Aus der Sicht manches gewerkschaftlichen Funktionsträgers mag das zu beklagen sein. Wie auch immer man dies analysieren und bewerten mag es bleibt da sicher manches aufzuarbeiten sowie sich die Dinge entwickelt haben, lassen sich die Strömungen der Friedensbewegung innerhalb und außerhalb der Gewerkschaften im allgemeinen und die Rolle der Wissenschaftler im besonderen als Ergänzung betrachten.

Immerhin hat sich in den letzten Jahren auch das friedenspolitische Engagement der Gewerkschaften verbreitert. Auch im Wissenschaftsbereich sind friedenspolitische Aktivitäten nicht etwa nur die Ausnahme geblieben. Dazu mögen nur wenige Hinweise aus dem Organisationsbereich genügen, den ich vertrete. Die GEW-Foren: „Wissenschaft in gesellschaftlicher Verantwortung“ haben das Thema Frieden, Friedenserziehung und Friedenspolitik, die Fragen der Rüstungskonversion und Militärpolitik umfassend behandelt (vgl. E&W, 1983,S. 7). Die Fachgruppe Hochschule in der GEW hat sich für die bundesweite Verbreitung des Appells Siegener Hochschullehrer eingesetzt und die Selbstverpflichtung der Wissenschaftler unterstützt mit und in ihrer wissenschaftlichen Arbeit nach „Kräften und Möglichkeiten die Fragen des Wettrüstens und der Atomwaffen … zur Diskussion zu stellen und dazu beizutragen, die Stationierung der neuen US-Raketen in unserem Land zu verhindern“. Gewerkschaftsgruppen haben sich daran beteiligt, die Aktionstage der Friedensbewegung zum Erfolg zu führen.

Zusammenarbeit Gewerkschaften – Friedensbewegung nötig

Besonders hervorzuheben ist, dank die Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaften und Friedensinitiativen außerhalb der Gewerkschaften intensiver geworden ist. Ein guter Erfolg war der zweite bundesweite Pädagogen-Friedenskongreß am 9./10. September 1983 in Köln, der von den Hamburger „Pädagogen gegen den Rüstungswahnsinn“, den Kölner „Lehrer für den Frieden“ und den Landesverbänden Hamburg und Nordrhein-Westfalen der GEW getragen wurde. Zudem wird die Kompetenz von Wissenschaftlern auch in den Gewerkschaften mehr und mehr nachgefragt. Der Beitrag von H. Wulf in der ersten Nummer des „Informationsdienstes Wissenschaft und Frieden“ ist nur ein Beispiel von vielen.

Sofern eine solche Kooperation nicht durch Konkurrenz darum geprägt ist, wer in den sozialen Bewegungen das Sagen hat, kann sie sich für die Sache der Friedenspolitik nur zum Vorteil auswirken. Ich will mich an dieser Stelle darauf beschränken, auf einige Aspekte hinzuweisen, die mir als Wissenschaftler und Gewerkschafter besonders wichtig erscheinen.

Gewerkschaften sind ganz im Unterschied zu vielen spontanen Initiativen stabile Organisationen. Wenn es gelingt, das wissenschaftliche Wissen mit dem Organisationswissen in den Gewerkschaften zu verbinden, wächst die Wahrscheinlichkeit, daß das Wissen nicht versickert, sondern längerfristig handlungsrelevant bleibt. Als Massenorganisationen haben die Gewerkschaften einen – wenn auch häufig nicht hinreichend genutzten Zugang zu breiten Kreisen der Bevölkerung. Gewerkschaften verfügen über zwar begrenzte, aber nicht zu unterschätzende Macht, wissenschaftliche Erkenntnisse in der Gestaltung gesellschaftlicher Praxis zu nutzen. Es geht aber nicht allein darum, in der Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften wissenschaftliches Wissen anzuwenden und zu verbreiten. Die Kooperation bietet gleichzeitig die Chance, das wissenschaftliche Wissen und die von Wissenschaftlern vorgeschlagenen praktischen Konsequenzen in Beziehung zu den Interessen der abhängig Beschäftigten zu setzen. Der Zugang von Gewerkschaften zu gesellschaftlichen Problemen gewinnt den verhandelten Sachverhalten häufig andersartige Aspekte ab, als aus wissenschaftlichem Gesichtswinkel sichtbar werden. Dies hat dann auch Folgen für die Qualität des wissenschaftlichen Wissens. Insbesondere läßt sich eine isolierte disziplinäre Betrachtungsweise nicht halten.

Der letzte Aspekt führt zu der Frage, die sich derzeit für die berufsgruppenspezifische Initiativen stellt, die vornehmlich disziplinär geprägt sind: wie denn die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Berufsgruppen bestärkt werden kann. Der Informationsdienst des BdWi leistet dazu sicherlich einen wichtigen Beitrag. Die Kooperation sollte über den notwendigen Informationsaustausch zu gemeinsamen Aktivitäten führen. Wichtig erscheint es dazu, in einer gemeinsamen Diskussion genauer abzuklären, wie die Vorteile der Kooperation genutzt werden können. Wir Wissenschaftler in den Gewerkschaften sind jedenfalls dazu bereit und werden entsprechende Initiativen ergreifen.

Johannes Wildt ist Pädagoge und arbeitet in Bielefeld

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