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Stars and Stripes

von Michaela Reisin

Hochschullehrer, wiss. Mitarbeiter, Studenten und sonstige Bedienstete der Technischen Universität Berlin haben an das Konzil einen Antrag auf Einrichtung eines Friedenforschungsinstituts an der TU Berlin gestellt. Der Antrag wurde am 10.11. behandelt und angenommen. Die Begründung enthält interessante Ausführungen zum aktuellen Zusammenhang von Computertechnologie und Rüstung. Sie wurde von Michaela Reisin, Dipl. Inform., verfaßt.

Die moderne Waffentechnik ist in entscheidendem Maße durch Forschungsergebnisse der Natur- und Ingenieurwissenschaften bestimmt. Seitdem mit den Atomwaffen der zigfache Overkill der Menschheit möglich ist, gibt nicht mehr die Anzahl sondern die qualitative Verbesserung militärischer Systeme den Ausschlag beim Wettrüsten; es ist auch bisweilen vom Zeitalter des qualitativen Wettrüstens die Rede, wenn vom wissenschaftlich-technischen Fortschritt gesprochen wird.
Zwar wird die Frage von Krieg und Frieden nicht von uns Natur- und Ingenieurwissenschaftlern entschieden, dennoch stehen wir in den Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen im Zentrum dieser Auseinandersetzungen.

Einige Bemerkungen zum Stellenwert der Informatik und der Computertechnologie für militärische Systeme. Über die Gefahren, die mit der geplanten Stationierung der neuen amerikanischen Mittelstreckenraketen in Westeuropa verbunden sind, ist in den vergangenen Monaten viel gesprochen worden. Bei beiden Raketentypen, der Cruise Missile und der Pershing II sind die wesentlichen Neuerungen computertechnologischer Art.

Die Cruise Missile oder der Marschflugkörper ist an sich keine neue Waffe. Sie geht auf die erste deutsche Vergeltungswaffe des zweiten Weltkrieges V1 zurück. Ein Marschflugkörper ist ein unbemanntes bombentragendes Fluggerät, das im Unterschied zu einer ballistischen Rakete kontinuierlich angetrieben wird und seine Flugbahn bis ins Ziel selbst kontrolliert und steuert. Er ist wie ein Flugzeug geformt, daher auch der Name Flügelrakete - und hat ähnliche aerodynamische Eigenschaften. Seine Geschwindigkeit und seine Flugrichtung sind lokalen Wetterbedingungen ausgesetzt. Frühere Marschflugkörper wie der Matador u.a. waren nicht in der Lage, ihren Kurs zu halten und hatten von daher über größere Entfernungen eine nur geringe Treffwahrscheinlichkeit. Die neue Generation der Marschflugkörper unterscheidet sich genau in diesem Punkt qualitativ von ihren Vorgängerinnen.

Eingebettete Computersysteme machen es möglich, eine Standortbestimmung und eine Kurskorrektur während des Fluges vorzunehmen, wodurch die Treffgenauigkeit um eine entscheidende Größenordnung verbessert wird. Das bisher am weitesten entwickelte Zielleitsystem für Marschflugkörper beruht auf dem Vergleich von Geländereliefs, d.h. es wird die Tatsache ausgenutzt, daß die Geländehöhe über dem Meeresspiegel von Ort zu Ort verschieden ist.

Fertigt man von einem Gebiet eine Höhenkarte an, teilt sie in Quadrate bestimmter Seitenlänge auf und trägt in jedes Quadrat seine durchschnittliche Bodenhöhe ein, dann entsteht eine digitalisierte Landkarte. Jede Zahl gibt die Höhe eines Quadratmittelpunktes an, eines Punktes dessen Koordinaten bekannt sind. Solche digitalisierten Landkarten können im Bordcomputer des Marschflugkörpers eingespeichert werden. Zur Ortsbestimmung ist der Marschflugkörper mit einem Radar-Höhen-Messer ausgestattet. Überfliegt die Cruise Missile ein Gebiet, dessen Karte im Speicher des Bordcomputers mitgeführt wird, so beginnt der Radarhöhenmesser zu arbeiten und liefert eine Folge von gemessenen Höhenzahlen. Der Bordcomputer vergleicht die gemessenen Höhen mit den gespeicherten, bestimmt dabei die momentane Position des Flugkörpers, errechnet den neuen Kurs, der den Flugkörper auf seine vorgesehene Bahn zurückbringt und übermittelt dem Autopiloten die entsprechenden Anweisungen. Dieses Leitsystem macht die modernen Cruise Missiles, ob boden-, see- oder luftgestützt zur Waffe mit höchster Treffsicherheit, die in einem Atomkrieg zur Kategorie der Einsatzwaffen gehört. Solche und ähnliche Zielleitsysteme beruhen im wesentlichen auf dem Prinzip der automatischen Mustererkennung, einer der wichtigsten militärischen Nutzanwendung der Künstlichen Intelligenz, eines Teilgebiets der Informatik.

Auch die Pershing II unterscheidet sich von ihrer Vorgängerin Pershing 1 weder durch die Antriebsmotoren noch durch den Flugkörperbau oder die Bodenhilfseinrichtungen. Der entscheidende technologische Durchbruch, der die Rakete um Klassen treffsicherer macht als alle bisher im Einsatz befindlichen Raketen, ist das computergestützte Endphasenleitsystem des Sprengkopfes. Diese Endphasenlenkung beruht auf einer Radarflächenführung und funktioniert, indem das Radarbild, welches beim Zielanflug aufgenommen wird, mit einem gespeicherten digitalisierten Radarbild des Ziels verglichen wird. Die Abweichungen werden nachkorrigiert. Mit dieser Nachsteuerungsmethode in der letzten Phase des Zielanflugs wird eine bisher ungeahnte Zielgenauigkeit erreicht. Die hohe Treffsicherheit der Rakete erlaubt es, sie mit einem kleineren Atomsprengkopf mit geringerer Sprengkraft auszurüsten. Der gewonnene Platz und das geringere Gewicht der Rakete erlauben es, zusätzlichen Treibstoff zur Verfügung zu stellen, so daß die Pershing II mit einer Reichweite von 1.800 km mehr als doppelt so weit fliegen kann als ihre Vorgängerin und zudem in der Lage ist, in kürzester Zeit, nämlich in 5-8 Minuten die sogenannten harten Ziele in der UdSSR zu erreichen. Prof. Barneby, der ehemalige Leiter des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI vertritt die Auffassung, daß die Entwicklung neuer militärstrategischer Konzeptionen in den letzten Jahren eng mit den Fortschritten in der Mikroelektronik und Informatik in den USA verbunden waren. Die Schlüsselrolle der Computerwissenschaft für die von der US-Regierung in dieser Dekade geplanten rüstungstechnologischen Innovationen ist unbestritten.

Hierbei handelt es sich um:

Keines dieser rüstungstechnologischen Vorhaben ist ohne den Einsatz sog. eingebetteter Computersysteme denkbar. Das militärstrategische Konzept, das mit diesen Waffensystemen realisiert werden soll, hängt von der Funktionsfähigkeit computergestützter Kommando-, Kontroll- und Kommunikationssysteme (C3I-Systeme) ab, die global vernetzt sind. Die Komplexität der hardware- und softwaretechnologischen Anforderungen solcher Systeme, das Volumen des Datentransfers und die Probleme der Steuerung und Synchronisation entziehen sich dem Vorstellungsvermögen selbst eines Computerwissenschaftlers. Vor diesem Hintergrund vermag jedoch deutlich zu werden, daß es kaum ein Gebiet der Informatik gibt, in dem die Forschung nicht von rüstungstechnologischer Relevanz wäre. Der Umfang der finanziellen und technischen Mittel, die von militärischer Seite insbesondere in den USA zur Durchführung computertechnologischer Rüstungsprojekte bereitgestellt werden, bedingt, daß in allen Teilgebieten der Informatik der fortgeschrittenste Stand sich stets im Kontext militärischer Forschungs- und Entwicklungsaufträge bestimmt. Dies prägt wesentlich die wissenschaftstheoretischen Ansätze sowie die Begrifflichkeit und Methodik dieser Disziplin.

Wie wirken sich diese Umstände auf uns Informatiker an der TUB aus?

Ich möchte mich im Rahmen dieses Beitrages auf das Teilgebiet Softwaretechnik beschränken und die Wirkungsweise militärischer Anforderungen auf unsere Forschung und Lehre hier beispielhaft beleuchten.

Im April dieses Jahres erschien in der international bekanntesten Fachzeitschrift für Softwaretechnik das achtzig Seiten umfassende Strategiedokument des Department of Defense zu seiner neuen wissenschaftspolitischen Initiative im Softwarebereich. Dieses Strategieprogramm, das unter dem Namen STARS (Software Technology for Adaptable and Reliable Systems) in die Geschichte der Informatik eingehen wird, hat die Erhöhung der Softwarezuverlässigkeit und die Effektivierung der Softwareproduktion zum Gegenstand. Es bildet den dritten Abschnitt eines in den 70er Jahren vom Pentagon eingeleiteten Gesamtprogramms. Die anderen beiden Teile heißen ADA und VHSIC. ADA ist eine Programmiersprache, die eigens für den einheitlichen Gebrauch im US-amerikanischen Militärbereich entwickelt wurde und in den nächsten Jahren auf dem internationalen kommerziellen Markt verbreitet und durchgesetzt werden soll. Das Programm VHSIC (Very High Speed Integrated Circuits) beinhaltet die Entwicklung hochintegrierter Schaltkreise, welche uns in den letzten Jahren die mikroelektronische Durchdringung aller gesellschaftlicher Bereiche beschert hat. STARS schließt an diese beiden Programme an. Das starke Interesse des Pentagons für die Softwaretechnik ergibt sich aus der veränderten Bedeutung der Software für rüstungstechnologische Innovationen.

Nahezu jedes System der laufenden und geplanten militärischen Anschaffungen besteht aus computertechnologischen Komponenten. „Die in auftragskritischen militärischen Systemen eingebetteten Computer sind ausschlaggebend für unsere taktische und militärische Stärke. Sie kontrollieren die Ziellenkung und den Flug der Raketen, koordinieren und steuern die komplizierten Manöver der Luftwaffe...

Die militärische Stärke der USA ist untrennbar mit den programmierbaren digitalen Computern verflochten. Software ist die entscheidende Komponente, die viele Systeme steuert, ja sogar definiert. Software ist die Verkörperung der Intelligenz der Systeme. Mit dem zunehmenden Einsatz von Computern in militärischen Systemen hängt das Kräfteverhältnis von Software und Systemtechnologie ab (...)“ S. 10, STARS 83

Hieraus erklären sich auch die hohen Ausgaben des Department of Defense im softwaretechnischen Bereich. Jährlich werden allein für Softwareentwicklung 5-6 Mrd. Dollar ausgegeben. Ende der 80er Jahre sollen es 32 Mrd. sein. Das Programm STARS schreibt die Forschungsschwerpunkte für die Softwaretechnik in den USA in den nächsten sieben Jahren fest und wird von einer Reihe planerischer Maßnahmen im wissenschaftlichen und militärischen Bereich ergänzt. Mit diesem Programm geht es darum, „die technologische und ökonomische Führungsrolle der USA zu erhalten und ihre militärische Vorherrschaft abzusichern“. Schon heute ist absehbar, daß nicht nur die Computerwissenschaftler der USA, sondern die gesamte Informatikergemeinschaft der westlichen Welt in die Umsetzung dieses Programms eingebunden sein wird. Das ist auch der Grund der frühzeitigen Veröffentlichung dieses Strategiedokuments in den Fachzeitschriften (die Laufzeit des Programms selbst beginnt erst im nächsten Jahr).

Die Organisierung der internationalen fachwissenschaftlichen Diskussion ist eine der entscheidenden regulativen Maßnahmen des Department of Defense. Eine Vielzahl, wenn nicht die meisten fachwissenschaftlichen Kongresse der Informatik werden direkt von Gliederungen des Department of Defense oder der NATO einberufen. So erklärt es sich, daß der Rahmen der internationalen fachwissenschaftlichen Diskussion und deren Schwerpunktsetzung weitgehend vom Department of Defense vorgegeben sind. Daran kommt kein Informatiker vorbei.

Vor diesem Hintergrund möchte ich zum Abschluß einige Fragestellungen skizzieren, die sich uns in Forschung und Lehre stellen und damit die Notwendigkeit eines Friedensforschungsinstituts an der TUB aus unserer Sicht motivieren.

  1. Die wissenschaftliche „Frontlinie“ der Informatik entspricht gegenwärtig der rüstungstechnologischen. Fortschritte dort bedeuten Innovationen hier, d.h. Verbesserungen von Vernichtungs- und Zerstörungssystemen.

    Welche Konsequenzen hat das für die Forschungstätigkeit der verantwortungsbewußten Informatiker? Gibt es für uns Oberhaupt noch die Möglichkeit, ruhigen Gewissens einen wissenschaftlichen Beitrag zu leisten oder bleibt uns nur die Alternative, die Beschäftigung mit diesem Fach aufzugeben?

  2. Wir halten den Einsatz großer Softwaresysteme in militärischen Bereichen, die zudem vielfältig vernetzt sind, für unvertretbar. komplexe Softwaresysteme sind grundsätzlich fehlerbehaftet und vom Menschen gegenwärtig nicht beherrschbar. Es ist z.B. nicht möglich, einen Softwarefehler in einer vorhersagbaren und genügend kurzen Zeit zu finden und zu beheben. Die Konsequenzen eines Softwarefehlers in einem automatisierten Frühwarn- und Entscheidungssystem liegen auf der Hand. Welche Möglichkeiten haben wir als Informatiker, dieses Wissen wirksam vorzubringen, d.h. die häufig verfrühten und mißbräuchlichen Anwendungen unserer Forschungsergebnisse zu verhindern? Wäre angesichts der Gefahren, die gegenwärtig mit einem computerfehlerbedingten Krieg verbunden sind ein Moratorium in Forschung und Entwicklung angezeigt?
  3. Die Computertechnologie dringt rasch in sämtliche zivile Bereiche vor. Ihre Standards, Güte- und Wertmaßstäbe sind im Kontext militärischer Anwendung entwickelt worden. Es stellt sich die Frage, welche gesellschaftspolitischen Auswirkungen ihre Übertragung auf soziotechnische Systeme im zivilen Bereich haben. Handelt es sich um eine neue subtile Form der Militarisierung?

Diese komplizierten Fragestellungen können nicht in ausreichendem Maße von einer Friedensinitiative bearbeitet werden. Wenn wir an der TU den Anspruch ernst nehmen, die Technik und ihre Wissenschaften zum Nutzen des Menschen und des Friedens zu entfalten, müssen wir zu diesen, zum Teil menschheitsgeschichtlich neuartigen Problemstellungen, wissenschaftlich Stellung beziehen. Ein Friedensforschungsinstitut, das auf der Basis der Interdisziplinarität arbeitet, könnte uns hierbei unterstützen und einen gesellschaftspolitisch wichtigen Beitrag leisten.

Michaela Reisin ist Diplominformatikerin an dr TU Berlin

in Wissenschaft & Frieden 1983-1: 1983-1

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