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Entrüstete Wissenschaft?

von Paul Schäfer

Im Zeichen der Stationierung stehen die Wissenschaftler, die sich in den letzten Jahren als Teil der Friedensbewegung und -öffentlichkeit engagiert haben, vor denselben Problemen wie diese Bewegung selbst: der Drohung (mit) der Resignation; innere Zersplitterung; parlamentarischer Vereinnahmung; endlich Entpolitisierung. Für manche gilt das Schicksal außerparlamentarischer Oppositionsbewegungen in den 50er und 60er Jahren als geschichtliches Beispiel dafür, daß große gesellschaftliche Bewegungen, wenn sie im ersten Anlauf ihr Ziel nicht erreichen, aufgrund ihrer inneren Zersplitterung und Spontaneität gleichsam mit innerer Notwendigkeit zusammenbrechen müssen.

Solche besorgten Prognosen sind natürlich auch ein Mittel im Kampf gegen die Friedensbewegung. Dennoch stehen auch die einzelnen Berufsgruppen, die Ärzte, Juristen, Naturwissenschaftler, Journalisten oder Lehrer vor der Aufgabe im Zeichen der Stationierung eine gemeinsame Antwort auf die Frage zu geben, wie es weitergehen muß.

Gründlich verändern

Der Kampf gegen die Stationierung hat in diesem Jahr alle anderen politischen Fragen überlagert, sie beeinflußt, verändert oder unbedeutend gemacht. In einer ungeheuren Anstrengung entstand die größte, aktivste politische Massenbewegung in der Geschichte der Republik. Vermag diese Anstrengung nicht, den Beginn der Stationierung zu verhindern, so hat sie doch das Land tiefgreifend verändert. Diese Veränderung reicht, da stationiert wird, offenbar noch nicht aus. Gesellschaft, Kultur, Lebensweise, Alltag, Ökonomie, Sprech- und Denkweisen der Menschen müssen anscheinend noch gründlicher, wirksamer, weitreichender verändert werden. Die Isolierung der Kräfte, welche die Stationierung betreiben, muß vielfältig sein, denn diese sind in allen Bereichen unserer Gesellschaft vorhanden und verankert. Damit die Durchführung der Stationierung und der Gebrauch der Waffen verhindert wird, muß diese Veränderung weitergehen. Diese Aufgabe ist lösbar. Die Angst, die politische Niederlage führe zur resignierenden Selbstaufgabe, ist unbegründet; ebenso die These vom anstehenden Zusammenbruch der Friedensbewegung und -öffentlichkeit. Dem widerspricht eine Reihe von Fakten, die auch durch diese Bewegung selbst geschaffen wurden.

Neue Fakten: Mobilisierung

Das meint zunächst die Größenordnungen, mit denen wir es heute zu tun haben. Die Zahl der Wissenschaftler, die sich öffentlich zu Wort meldeten, ging zu Zeiten des Kampfes gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr in den 50er Jahren sicher in die Hunderte. Beim Streit um die Notstandsgesetzgebung und Bildungsreform waren es Tausende. Heute umfaßt die Friedensbewegung im Wissenschaftsbereich Zehntausende. Die Friedensbewegung hat an allen Hochschulen und Universitäten Mitstreiter – mögen sie auch oft noch in der Minderheit sein. Neue Disziplinen wurden erreicht – Psychologie, Pädagogik, Sportwissenschaft, Informatik etwa.

Interdisziplinarität

Quantität hat auch mit veränderten Qualitäten zu tun. Vieles spricht dafür, daß die eine Frage, Krieg oder Frieden, zu dem zentralen Anknüpfungspunkt eines in der deutschen Hochschulgeschichte beispiellosen interdisziplinären Gesprächs und Bemühens bereits geworden ist. Auch wenn manche Disziplinen erwartungsgemäß (man denke an die Geschichtswissenschaft) oder überraschenderweise (was ist mit der angeblich so radikalen Soziologie?) sich diese Frage noch vergleichsweise wenig zu eigen gemacht haben, so ist doch eine Entwicklung offensichtlich: interdisziplinäre oder disziplinübergreifende Ringvorlesungen oder gemeinsame Seminare finden vor allem seit dem Wintersemester 1983/84 bereits an Dutzenden von Hochschulen statt. Einige Beispiele sind auf den folgenden Seiten dokumentiert. Die Frage Frieden erfordert und ermöglicht vor allem den interdisziplinären Zugang. Offenbar ist das Problem zu komplex, als daß es einzelnen Wissenschaften – etwa der Physik oder einer so spezialisierten Profession wie der Friedensforschung überlassen werden könnte. Und offenbar kann man sich angesichts dieser Problematik den Luxus zweier aparter Kulturen der Wissenschaft nicht mehr leisten.

Einheitlichkeit und Differenziertheit – Verantwortung und Praxis

Wenn hier gegen die Prognose vom anstehenden Zusammenbruch der Wissenschaftler-Friedensbewegung die These gesetzt wird, daß die Friedensbewegung die Wissenschaftskultur der zweiten deutschen Republik so nachhaltig zu verändern beginnt wie kein zweites politisches Ereignis der Nachkriegsgeschichte, dann ist damit auch gesagt, daß die hier in Gang gekommene Entwicklung in beträchtlichem Maße unumkehrbar ist. Die Frage nach der gemeinsamen Verantwortung der Wissenschaftler für die Folgen ihres Handelns ist aufgebrochen wie nie zuvor, seitdem der letzte Krieg zu Ende war. Sie ergänzt Verantwortlichkeit, die kommt aus Betroffenheit, und Verantwortungspflicht, die aus den Informationsprivilegien des Wissenschaftlers sich ergibt. Die Zugänge sind unterschiedlich, doch das Ergebnis einheitlich: gemeinsame Stellungnahme und Bemühen, eigene, wissenschaftsspezifische Beiträge zu leisten. Hier geht es nicht „bloß“ um traditionelle wissenschaftsethische Diskussionen. Wo die besondere Verantwortung des Wissenschaftlers als „Mitverursacher und Fachkenner“ (H.-P. Dürr) die bewußte Mitwirkung in der Friedensbewegung einschließt, wird auch das Wissenschaftsverständnis nicht unverändert bleiben: etwa die Beurteilung wissenschaftlicher Probleme und Fragestellungen oder die Akzeptanz neuer, interdisziplinär entstandener Konzeptionen.

Natürlich spiegeln sich in der Friedensbewegung der Wissenschaftler die sozialen und politischen Richtungen unserer Gesellschaft wider. Ihre rasche Ausdehnung seit 1982 hat beispielsweise zu einer zeitweise starken Mobilisierung von sozialliberalen Wissenschaftlern geführt oder auch eher elitäre Positionen hervortreten lassen, was neue Konflikte mit eher konservativ-liberalen oder alternativen, endlich sozialistischen Richtungen entstehen ließ. Dennoch hat bisher der Mechanismus der Konsensbildung funktioniert, und es gibt keinen Anlaß zu meinen, daß im weiteren Entwicklungsgang solche Methoden notwendig versagen müßten.

So, wie die Friedensbewegung die politisch soziale Landschaft der BRD verändert hat, hat sie auch wesentliche Teile des Wissenschaftssystems verändert. Auch die Bewegungen der 50er und 60er Jahre haben Spuren hinterlassen: gerade im Wissenschafts- und Kulturbereich: Zeitschriften (z. B. „atomzeitalter“, „Blätter für deutsche und internationale Politik“, „Das Argument“), Organisationen, Traditionen, die in die neuen Bewegungen hinüberwirken. Sie waren also keineswegs folgenlos. Die Auswirkungen der Friedensbewegung im Wissenschaftsbereich gehen heute bereits wesentlich weiter: sie betreffen politisch-weltanschauliche und kognitiv-wissenschaftsinhaltliche Komponenten des Wissenschaftsprozesses.

Probleme und Perspektiven

Dennoch sind zahlreiche Probleme aktuell, und ihre Lösung ist für eine Verstetigung der Friedensbewegung essentiell.

In toto ist das Wissenschaftssystem der BRD natürlich keineswegs „entrüstet“. Noch immer gibt es wohl eine – wenn auch knappe – schweigende Mehrheit, die unberührt ist von den gegenwärtigen Problemen.

Die Rüstungsforschung hat großen Umfang und immer noch Priorität. Sie nimmt unter der jetzigen Regierung nahezu ungestört weiter Aufschwung – wozu es freilich keiner Wende bedurfte. Die Aufrüstung der Gehirne ist im Gang – nicht zuletzt an den Hochschulen der Bundesrepublik. Einen Einblick gibt die Dokumentation, mit deren Abdruck in dieser Ausgabe des „Informationsdienst Wissenschaft und Frieden“ begonnen wird. Wie mit dieser Art Forschung und ihrer Klientel umzugehen sei, ist weiter umstritten, zumeist sogar weiter tabuisiert. Detaillierte Information und kontroverse öffentliche Diskussion ist auch hier geboten.

Auffällig ist auch die große Ungleichzeitigkeit der Entwicklung der Friedensbewegung im Wissenschaftsbereich. Das betrifft nicht das Verhältnis zwischen Wissenschaftlern und Studentenbewegung hier ist eine Gemeinsamkeit offensichtlich, die es in fast allen Fragen, welche die Studentenbewegung in den letzten anderthalb Jahrzehnten thematisierte, in solcher Deutlichkeit nicht gab. Ungleichzeitig ist vielmehr die Entwicklung in einzelnen Hochschulen und Regionen. Während sich einerseits ganze Hochschulen über ihre obersten Repräsentanzgremien dem Mainzer Appell anschließen, weigern sich andererseits nicht wenige Einrichtungen, Unterzeichnern des Appells auch nur die Chance zu geben, ihre Argumente darzulegen – und dies nicht nur südlich der Mainlinie. Die ganz persönliche Erfahrung der Diffamierung und Diskreditierung des Versuchs, argumentativ zum Aufbau einer Dialogstruktur beizutragen, haben in den letzten Monaten viele Wissenschaftler gemacht. Ungleichzeitig ist auch die Entwicklung in einzelnen Disziplinen – z.B. gibt es unter den Medizinern eine breite Diskussion und weitgehenden geteilte Positionen in Fragen des zivilen Ungehorsams, wogegen diese Frage unter Naturwissenschaftlern (etwa im Zusammenhang mit der Rüstungsforschung) noch weitgehend tabuisiert ist. Negativ wirkt sich hier aus, daß eine Kommunikationsstruktur zwischen den disziplinären Initiativen noch kaum existiert. Der „Informationsdienst“ soll für eine solche Kommunikation eine nützliche Dienstleistung bieten, die von allen Initiativen genutzt werden kann.

Drei letzte Probleme.

Die Verstetigung der Friedensbewegung im Wissenschaftsbereich hängt entscheidend davon ab, inwieweit es ihr gelingt, einen auf Dauer arbeitsplatzbezogenen Zugang zur Friedensproblematik zu etablieren – d.h. auch die Frage nach dem Beitrag der eigenen Disziplin, Richtung, Arbeitsgebiete für die Herstellung oder Verhinderung friedlicher Verhältnisse konkret zu stellen. Zweitens muß der schon jetzt erreichte Stand der Zusammenarbeit mit den außerwissenschaftlichen Sektoren der Friedensbewegung gehalten und intensiviert werden. Keineswegs ist es bisher gelungen, wissenschaftliche Beiträge auf dem Anforderungsniveau zu leisten, das diese Sektoren formulieren.

Ein Beispiel dafür ist der Zusammenhang von Aufrüstung und Abbau sozialstaatlicher Leistungen. Hier ist auch ganz im Gegensatz zu den USA! bisher nur vereinzelt versucht worden, die negativen Auswirkungen der Ressourcenbindung durch die Rüstung auf die Entwicklung des Hochschul- und Wissenschaftssystems zu untersuchen und politisch zu thematisieren.

Die Frage der Verstetigung ist für die Entwicklung der Friedensbewegung das zentrale organisationspolitische Problem. Seine Lösung heißt Veränderung der Wissenschaftskultur und Institutionalisierung. Veränderung der Wissenschaftskultur bedeutet mindestens: Hereinnahme der Friedensproblematik als leitende gesellschaftliche Fragestellung dort, wo es das disziplinäre Niveau, bzw. die wissenschaftsinterne Problemstruktur erlaubt. Institutionalisierung heißt zweierlei: Veränderung der vorhandenen Wissenschaftsorganisationen und Ausbildung entsprechender Organisationsstrukturen (zentral und dezentral), welche die Kontinuität von Friedensinitiativen sichern. Veränderung vorhandener Institutionen heißt etwa: Aufbau eines Systems wissenschaftlicher Anerkennung von Leistungen, die sich auf die Friedensproblematik beziehen. Einbringung der Probleme in Forschungsprogramme, Curricula, Kongresse, Förderungsgremien. Bildung neuer Organisationen: sie kann nur pragmatisch, konsensual, schrittweise erfolgen. Ein wichtiger Zwischenschritt hierzu ist: die an einigen Hochschulen bereits weit vorangekommene Gründung von hochschulweiten Wissenschaftlerinitiativen für den Frieden (vgl. etwa das Beispiel Münster), die Gründung von Büros oder Geschäftsstellen disziplinärer Initiativen oder einzelner Berufsgruppen, endlich die Sicherung einer übergreifenden Kommunikationsstruktur.

Paul Schäfer ist Diplomsoziologe und Redakteur von W & F.

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