in Wissenschaft & Frieden 2007-4: Europäische Sicherheitspolitik

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Ohne Perspektive?

Die OSZE zwischen Stagnation und Krise

von Kurt P. Tudyka

Die OSZE sucht seit einigen Jahren nach einer Schärfung ihres Profils und ihrer Rolle neben der NATO, der EU und der Russischen Föderation. Diese kann in der regionalen Ausweitung in den Mittelmeerraum und nach Asien, der Verschränkung mit der UNO und der stärkeren Hinwendung zum Thema »Klimaschutz« bestehen.

Dem Anschein nach funktioniert die OSZE im Großen und Ganzen auf bekannte Weise (vgl. Tudyka 2007). In Wien treffen sich jeden Mittwoch das Forum für Sicherheitskooperation und jeden Donnerstag der Ständige Rat. Der Hohe Kommissar für nationale Minderheiten, der Repräsentant für die Freiheit der Medien oder die Leiter der Missionen rapportieren, Außenminister geben Erklärungen ab, das Büro für Demokratische Institutionen und Menschenrechte beobachtet Wahlen; der Ministerrat kam turnusgemäß 2005 in Ljubljana und 2006 in Brüssel zur Beschlussfassung zusammen und hat sich 2007 in Madrid sowie 2008 in Helsinki verabredet. Alles erscheint routinemäßig, doch reibungslos drehten sich die Rädchen des OSZE-Getriebes nur zeitweise seit 1999, dem Jahr des letzten Gipfeltreffens, und wenn sie sich auch fleißig drehten, bewegten sie zu wenig.

Krisenbewältigung?

Als Slowenien 2005 den Vorsitz übernahm, hatte die schon lange schwelende innere Krise der OSZE ein ihre Existenz gefährdendes Stadium erreicht. Der Haushalt war noch nicht verabschiedet, Uneinigkeit bestand über die Höhe der Beitragsschlüssel, Personalentscheidungen waren blockiert. Ein weiteres Mal hatte die Zerstrittenheit der Teilnehmerstaaten auf dem vorangegangenen Ministerrat in Sofia am 6./7. Dezember 2004 die Verabschiedung einer gemeinsamen Erklärung verhindert; manche von ihnen hatten die Tätigkeit, ja selbst Zweck und Sinn der Organisation angefochten und in Frage gestellt. „Eine hochrangige Debatte über Bedeutung und Fairness der Arbeit der OSZE hatte das Gefühl einer tiefen politischen Krise entstehen lassen“, verriet der slowenische Außenminister Dimitrij Rupel als Amtierender Vorsitzender später rückblickend selbst (Rupel 2005, S.87).

In seiner Antrittsrede vor dem Ständigen Rat im Januar 2005 kündigte er schlagwortartig einen Dreiklang »Revitalisieren-Reformieren-Rebalancieren« als Priorität für seine Amtsführung an. Vornehmlich verstand er unter »Revitalisieren« ein Einvernehmen über die Finanzen zu vermitteln, unter »Reformieren« eine Stärkung des Sekretariats und des Verhältnisses zwischen dem Vorsitz und dem Generalsekretär sowie eine neue Regelung der Beziehungen zu den Missionen zu erreichen und unter »Rebalancieren« eine andere Gewichtung den drei Dimensionen der OSZE – der militärpolitischen, der wirtschaftlich-ökologischen und der menschlichen – zu geben.

Als besondere Aufgaben nannte Rupel eine Inangriffnahme der Probleme des Überschusses an konventioneller Munition, von Klein- und Leichtwaffen, eine Erörterung der veränderten Militärdoktrinen und die Entscheidung über das Konzept zur Grenzsicherung und -verwaltung, eine Konferenz zur Sicherheit der Energie und größere Aufmerksamkeit gegenüber dem Menschenhandel, vor allem dem Handel mit Kindern. Im Unterschied zu seinem Vorgänger wollte der slowenische Vorsitz sich nach der Konsolidierung der politischen Verhältnisse in der Ukraine in erster Linie den regionalen Problemen auf dem Balkan, insbesondere im Kosovo, widmen. Indem er die dort schon bisher betriebene Arbeit – Flüchtlingsrückführung, Schutz nationaler Minderheiten, Aufbau von Justiz, Polizei und Wahlsystem – aufzählte, war nicht ersichtlich, ob es ihm auch um eine Akzentverschiebung oder gar Verlagerung der OSZE-Präsenz nach Mittelasien ging, wie sie andere, z.B. sein Vorgänger, angeregt hatten. Denn eher nachrangig sprach er die anderen Konfliktherde und Krisengebiete an, so im Südkaukasus (Berg-Karabach, Georgien mit Südossetien und Abchasien), in Moldau und allgemein in Mittelasien, wobei er erst an letzter Stelle das weitere Streben dort nach Demokratisierung nannte. Eine besondere Bedeutung maß er der Berufung des »Rates der Weisen« bei, die er – wie auf dem Treffen des Ministerrats in Sofia gerade beschlossen – vornehmen wollte. Schließlich wollte Dimitrij Rupel die Aufmerksamkeit der OSZE auch auf Regionen außerhalb der Mitgliedsländer richten, indem sie erneut die Organisation der Wahlen in Afghanistan unterstützte und sich in den palästinensischen Gebieten engagierte.

Begrenzte Erfolge des »slowenischen Jahres«

Das Programm ließ die Absicht erkennen, der Russischen Föderation und anderen GUS-Staaten entgegenzukommen und vor allem ihrer Kritik keine neue Nahrung zu geben. Der slowenische Vorsitz war in dem Bereich, den er »Revitalisierung« der OSZE genannt hatte, erfolgreich. Es gelang ihm, den laufenden und den folgenden Haushalt durch den Ständigen Rat verabschieden zu lassen und einen Beschluss über die Höhe der jeweils fälligen Beitragszahlungen herbeizuführen. Er konnte eine Reihe von Neubesetzungen vornehmen. Das »Gremium hervorragender Persönlichkeiten« oder der »Rat der Weisen« konnte sich nicht nur konstituieren und seine Tätigkeit aufnehmen, sondern diese auch wie vorgesehen abschließen und einvernehmlich einen Bericht mit Empfehlungen vorlegen, der vom Ständigen Rat zur Grundlage für die Reform der OSZE angenommen wurde. Ein erstes Ergebnis konnte dem Ministerrat in Brüssel im Dezember 2006 vorgelegt und durch ihn beschlossen werden.

In der Frage von Berg-Karabach war 2005 zum ersten Mal seit Jahren die Rede von einer beginnenden Annäherung zwischen Armenien und Aserbaidschan. Die Präsidenten beider Länder trafen sich während des Gipfeltreffens des Europarates in Warschau und während des GUS-Gipfels in Kazan. Der »Prager« Berg-Karabach-Prozess konnte weitergeführt werden; allerdings wurde er durch beunruhigende Aufrüstungsprogramme beider Seiten flankiert. Auch das Verhältnis zwischen Georgien und der Russischen Föderation hatte sich anscheinend entspannt; beide Länder schlossen ein Abkommen über die Aufhebung der russischen Militärbasen in Georgien ab. Ein Abzug hat im Mai 2006 tatsächlich begonnen. In der Moldau-Frage schien man wieder kurz vor einem Übereinkommen. Umso größer war die Enttäuschung nach fünf arrangierten Gesprächen zwischen den Präsidenten, an denen sich als Vermittler neben der OSZE auch die Russische Föderation und die Ukraine beteiligt hatten.

Trotz seiner immensen und oft geradezu hektisch anmutenden Reisetätigkeit und eines großen diplomatischen Einsatzes war der slowenische Außenminister außerstande, auch nur einen der »eingefrorenen Konflikte« einer stabilen Lösung zuzuführen. Ebenso wie im Kosovo zwischen Serben und Albanern blieb die Lage in Georgien mit Südossetiern und Abchasen, in Berg-Karabach zwischen Armenien und Aserbaidschan und in Moldau mit der Transnistrien-Region angespannt. Hinzu kamen zwei unerwartet aufbrechende neue Konflikte in Mittelasien, in Kirgisien und in Usbekistan. Im März 2005 brach in Kirgisien ein Aufstand aus; der kirgisische Präsident wurde abgesetzt. Es kam zu einem Regimewechsel. In Usbekistan wurde eine Demonstration der Opposition durch die Regierung mit Waffengewalt erwidert; es gab zahlreiche Tote. Einer Untersuchung durch die OSZE verschloss sich die Regierung Usbekistans. Der Moskau-Mechanismus wurde angerufen, doch er war gescheitert. Kritik war an den Wahlen in Kasachstan und Aserbaidschan zu üben.

Am Ende des »slowenischen Jahres« während des Treffens des Ministerrats in Ljubljana am 5./6. Dezember 2005 war erkennbar, dass die Krise der OSZE eingedämmt worden war. Der slowenische Vorsitz war sichtlich stolz auf das Resultat, das er während seines Amtsjahres erreicht hatte. Doch wie in den beiden Vorjahren endete der Ministerrat erneut ohne eine gemeinsame Schlusserklärung. Wieder ging es um die umstrittene Verpflichtung der Russischen Föderation auf dem Gipfeltreffen 1999 in Istanbul, die Truppen aus der von Moldau abtrünnigen Region Transnistrien abzuziehen. So machte die OSZE Ende 2005 einen widersprüchlichen Eindruck. Einerseits schien die drohende Lähmung ihrer Arbeitsfähigkeit gebannt, andererseits blieben die Konfliktherde weiterhin bestehen. Erreicht wurde eine Stabilisierung nach innen; die Atmosphäre war verbessert worden. Beachtlich waren die entsprechenden substanziellen internen Leistungen. Eine Beruhigung war also eingetreten. Die Bekenntnisse zur Reform der Organisation hatten die Gegensätze verringert, man hatte eine gemeinsame Plattform gefunden, Reform war kein Tabu mehr.

Ehrgeizige Ziele des belgischen Vorsitzes

Die Regierung Belgiens, das den Vorsitz der OSZE für 2006 übernahm, erarbeitete eine beispiellose zwanzigseitige Erklärung ihrer Grundsätze und Absichten, die sie noch vor dem Amtsantritt sogar dem belgischen Parlament unterbreitete. In der Erklärung wurden vier Prioritäten für die OSZE-Arbeit bestimmt, die teilweise an den Vorhaben der letzten Amtierenden Vorsitzenden anschlossen. Erstens wollte Belgien aktiv die Reform der Institutionen der OSZE betreiben. Zweitens wollte auch der belgische Vorsitz die Dimensionen anders gewichten; dazu wollte er die wirtschaftliche Dimension stärken und sie analog der Zusammenarbeit im Stabilitätspakt für den Balkan gestalten. Konkret sollte es dabei besonders um den Transportsektor gehen. Transport sollte auch als »Sicherheitsrisiko« (hinsichtlich Terrorismus, Netze illegaler Migration, Menschenhandel und Drogenschmuggel sowie Umweltbedrohungen) betrachtet werden. Drittens sollten der Kampf gegen die internationale Kriminalität (Kinderhandel) und die Förderung des Rechtsstaates (Folterverbot, Haftbedingungen, Ausbildung und Unabhängigkeit der Richter, Rechtshilfe, Opferschutz) zentrale Themen werden. Aufmerksamkeit wollte der belgische Vorsitz schließlich auch dem Thema Medienfreiheit und in diesem Zusammenhang dem Schutz journalistischer Quellen schenken.

Im Februar 2006 verwirklichte der belgische Vorsitz bereits eine Zusage, die vor allem den lange vorgetragenen Forderungen der Russischen Föderation nach Stärkung der ersten Dimension entgegen kam, und führte ein Seminar über den Wandel der Militärdoktrinen durch. Es war das Fünfte seiner Art, das innerhalb der KSZE/OSZE veranstaltet worden ist. Untersucht wurde, wie sich die Militärdoktrinen auf Grund neuer Bedrohungen, Konfliktformen und Technologien verändert haben, und wie sich diese Veränderungen auf Streitkräfte und deren Struktur auswirken.

Die Stimmungslage in der und um die OSZE schien zu Beginn von 2006 nicht mehr von einer Atmosphäre der Krisenhaftigkeit beherrscht. Doch schon auf der Sicherheitsüberprüfungs-Konferenz im Mai erwies sich, dass die Gegensätze zwischen Russland und den NATO-Staaten über die so genannten »Verpflichtungen von Istanbul« (Abzug des russischen Militärs aus Transnistrien und Ratifikation des Vertrages über die konventionellen Streitkräfte durch die NATO-Staaten) nach wie vor bestanden und dass wieder an kein gemeinsames Dokument über den Stand und die Perspektiven der OSZE am Jahresende zu denken war. Immerhin beschloss der Ständige Rat im Oktober 2006 eine Reihe von institutionellen Reformen und nahm die nach langen Beratungen vereinbarten Verfahrensregeln an; der nur noch als formale Hülse bestehende Hohe Rat wurde für aufgelöst erklärt.

Im Herbst verschlechterten sich die Beziehungen zwischen der Russischen Föderation und Georgien dramatisch. Fünf russische Offiziere waren wegen Spionageverdachts in Tiflis durch die georgische Polizei verhaftet worden. Sie kamen durch Vermittlung des Amtierenden Vorsitzenden der OSZE wieder frei. Die Russische Föderation begann, den Handel und Verkehr zwischen beiden Ländern zu blockieren und Georgier auszuweisen.

Zu einem Dissens anderer Art entwickelte sich die Bewerbung Kasachstans um den Vorsitz der OSZE in 2009, die vor allem die USA ablehnten. Bis zuletzt hatte man in diesem – wahlfreien – Jahr 2006 gehofft, dass sich Armenien und Aserbaidschan über eine Regelung des Berg-Karabach-Konflikts verständigen könnten; eine erneute Zusammenkunft der Präsidenten beider Länder verlief wieder ergebnislos.

Erwartungsgemäß endete wie in den Vorjahren auch das Treffen des Ministerrats am 4./5. Dezember 2006 in Brüssel ohne eine gemeinsame Schlusserklärung. Wieder ging es vor allem um die umstrittene Verpflichtung der Russischen Föderation auf dem Gipfeltreffen 1999 in Istanbul, die Truppen aus der von Moldau abtrünnigen Region Transnistrien abzuziehen, und zwar als Vorleistung für die Ratifikation des angepassten Vertrages über konventionelle Streitkräfte durch die NATO-Staaten.

Für das Jahr 2007 übernahm Spanien als neues Vorsitzerland die Erblast der permanenten Probleme, wie ungelöste Regionalkonflikte, Ostlastigkeit, wachsendes Missverhältnis zwischen Engagement für Normen und Resistenz der Realität. Hinzu kamen die Herausforderungen neuer Krisen, wie sie der Streit um die Bewerbung Kasachstans als Vorsitzerland 2009, die Stationierung US-amerikanischer Raketen in Polen und Tschechien, neue Spannungen zwischen der Russischen Föderation und Georgien und die auch die OSZE berührende Kündigung des KSE-Vertrages durch die Russische Föderation darstellen.

Sichtlich hat sich trotz des unbestreitbar großen Einsatzes der jeweiligen Vorsitzenden von Amtsjahr zu Amtsjahr ein Unvermögen der OSZE fortgesetzt. Es führte mit der wachsenden Unverhältnismäßigkeit von Aufwand und Erfolg bei Versuchen der Lösung der »eingefrorenen Konflikte« zu einer bedenklichen Infragestellung des Nutzens der Organisation durch die betroffenen, kleinen Länder. Für die Lähmung der Organisation während dieser Jahre ist allerdings noch mehr das interesselose Verhalten der großen Mitglieder – Russische Föderation, USA und EU-Staaten – verantwortlich zu machen, die den Blick auf Gemeinsamkeiten im Rahmen der OSZE verloren zu haben scheinen. Qualitativ empfanden manche direkt Beteiligte die letzen Jahre als einen Zeitraum der Stagnation, des Attentismus und der Quieszenz. Es mangelte zwar nicht an Aktivitäten und schließlich bot sich sogar die Aussicht auf eine Therapie der Organisation mit der einvernehmlichen Bildung des »Gremiums hervorragender Persönlichkeiten« in 2005. Doch viele Empfehlungen konnten noch gar nicht behandelt, geschweige denn beschlossen werden.

Perspektiven

Eine wesentliche Frage bleibt beharrlich untergründig gestellt – die Frage, wozu die OSZE effizienter werden soll. Sie war nach dem Ministerrat von Ljubljana zu Recht bereits in der Öffentlichkeit aufgeworfen worden (z.B. Veser 2005). Der gute Wille der OSZE-Staatengemeinschaft zu einvernehmlichen Beschlüssen über ungelöste Aufgaben aus der Vergangenheit wird nicht ausreichen, wenn ihr von den Lenkern in den Hauptstädten keine Zukunft jenseits von NATO und EU gegeben wird. Die OSZE ist nach wie vor auf der Suche nach ihren Animatoren. Im Dreiecks-Verhältnis USA/Europäische Union/Russische Föderation wird sie in absehbarer Zukunft von diesen Akteuren kaum als politische Plattform gebraucht werden. Doch wird sie diesen Mächten und den anderen Staaten nicht nur als herkömmliche Berufungsinstanz auf Grundwerte und vereinbarte Normen und Standards, sondern mindestens fallweise auch als präventives und selbst intervenierendes Instrument der Sicherheitspolitik nützlich bleiben können.

Was wir gemeinsam haben, ist unsere Vergangenheit, erklärte scharfzüngig und leicht resignierend jüngst ein langjährig als Vertreter seines Landes bei der OSZE in Wien aktiver Botschafter. Tatsächlich werden immer wieder die »Acquis« beschworen, die man gemeinsam erarbeitet habe und die man bewahren und überall zwischen Vancouver und Wladiwostok verwirklichen müsse. Das zielt auf die Normen von Demokratie, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit. Hinzufügen kann man die Aufgaben der Rüstungskontrolle, der Grenzregime und der Bekämpfung von Terrorismus. Natürlich fehlt in keiner Erklärung eines Amtierenden Vorsitzenden über seine Ziele der Hinweis auf die »eingefrorenen Konflikte« in Moldau, in Berg-Karabach und in Georgien sowie auf die unterschwelligen Probleme im ehemaligen Jugoslawien, die gelöst werden müssten. Das alles ist nicht wenig. Doch das ist nicht genug. Es ist nicht genug, wenn es um eine OSZE der Zukunft gehen soll. So wie aus der KSZE nach 1990 aufgrund der veränderten Verhältnisse die »neue OSZE« geworden ist, so ist angesichts der sich verändernden Umstände eine abermals erneuerte OSZE gefragt.

Vorerst gibt es keine Zweifel, dass die OSZE auch im bisherigen Format weiter bestehen kann. Die Frage ist allerdings, in welcher Qualität und in welchem Umfang sie künftig wirksam sein kann. Sie kann als eine politisch geschrumpfte Agentur zur Beobachtung von Wahlen, Minderheitenrechten und Pressefreiheit funktionieren. Die Veranstaltung von Tagungen und Seminaren über entsprechende Themen wird Interessenten finden. Vielleicht ist sie auch noch eine Zeit lang als Organisation denkbar, in der 47 Staaten kein anderes Interesse haben, als sich um neun andere wegen ihrer gravierenden Defizite an Demokratie, Menschrechte und Rechtsstaatlichkeit zu bemühen – die drei kaukasischen und fünf mittelasiatischen Republiken sowie Weißrussland. Doch das ist kein Szenario für die Zukunft der OSZE.

Die erste Voraussetzung für ihre Existenz als politische Organisation in der Zukunft ist das gemeinsame Interesse aller 56 Mitglieder an ihr, darunter vor allem der drei nicht nur schwergewichtigen, sondern auch potentiell leitenden Akteure, der USA, der Russischen Föderation (RF) und der Europäischen Union. Zweitens bedarf es eines politisch substanziellen Auftrags für die Organisation. Drittens muss sie – nur sie und keine andere internationale Organisation – für die Ausführung der gestellten Aufgabe geeignet erscheinen. Selbstverständlich muss die OSZE der Zukunft nicht neu erfunden werden, sondern wird Elemente ihrer bisherigen Existenz einbringen müssen. Zu diesen Elementen gehören ihre territoriale Reichweite in der nördlichen Hemisphäre und ihr oberstes Ziel der Förderung und Erlangung von wechselseitiger Sicherheit und Zusammenarbeit, wie es ihr Name verheißt.

Die OSZE der Zukunft beruht also darauf, dass die drei Großakteure USA, RF und EU sie als das für ihr gemeinsames, wechselseitiges Verhältnis zentrale politische Forum wieder entdecken. Diese Renaissance müssen vor allem die Mitglieder der Europäischen Union betreiben, indem sie vorab in der EU ihre Interessen bündeln und diese als EU im Rahmen der OSZE gegenüber den USA und der RF vertreten.

Der Amtierende Vorsitzende für das Jahr 2007 und spanische Außenminister, Miguel Angel Moratinos, hat sich schon für seine Amtsperiode die weitere Heranführung der so genannten Partnerstaaten der OSZE im Mittelmeer als Aufgabe gestellt. Das wären heute Ägypten, Algerien, Israel, Jordanien, Marokko und Tunesien; diese sollten um Libyen, Syrien, Palästina und den Libanon vervollständigt werden. Der nächste Schritt kann in diesem Zusammenhang nur heißen, diese Staaten als Mitglieder aufzunehmen und damit die Erweiterung der territorialen Sphäre der OSZE zu beginnen. Damit hätte sie ihre Zukunft erst partiell berührt. Der Logik der Erweiterung muss die Aufnahme der asiatischen Partnerstaaten folgen, das sind heute Afghanistan, Japan, die Republik Korea, die Mongolei und Thailand. Und dann wäre noch ein bedeutender Akteur in der nördlichen Hemisphäre nicht nur ausgeschlossen, sondern müsste sich gar durch die OSZE eingekreist wahrnehmen: China. Diesem Land wäre schon heute der Status eines Partnerstaates zuzuerkennen. Mit einer solchen mehr oder minder großen Erweiterung würde die OSZE ein Forum für die gemeinsame Kommunikation zwischen Akteuren darstellen, deren Belange heute oft nur punktuell, bilateral und zu Lasten abwesender Dritter verhandelt werden. Selbstverständlich wird wie schon in der Vergangenheit die Organisation ihren Namen verändern; aus der OSZE wird die OSZ werden.

Der zweite Aspekt einer OSZE der Zukunft kann in der Verlagerung des Aufgabenschwerpunktes »Sicherheit« liegen. In der ersten und zweiten Periode der Geschichte der OSZE lag er im ersten »Korb«, d.h. entlang der Dimension Rüstungs- und Militärpolitik. In den nachfolgenden Perioden verlagerte er sich zur dritten Dimension – zu Demokratie, Menschenrechten, Rechtsstaat. Die Frage muss gestellt werden, ob deren – zum Teil schwere – Mängel in vielen schon heute der OSZE angehörenden Ländern die Sicherheit der OSZE-Staaten insgesamt am stärksten bedrohen und gefährden. Sind es nicht Entwicklungen entlang der zweiten Dimension, welche die Zukunft der Menschen, ihrer Gesellschaft, ihrer Wirtschaft und ihrer Staaten am stärksten gefährden? Zusammengefasst wird das bereits in der Schlussakte von Helsinki von 1975 im Begriff der Umwelt. Jedoch hat dieser Begriff schon seither eine ganz andere, auch politische Bedeutung gewonnen. Im Besonderen ist es der Klimawandel, der die Sicherheit aller gefährdet und dessen Eindämmung und Steuerung darum auch das gemeinsame Interesse aller sein werden. Hier kann die große Aufgabe einer Zukunft der OSZE – als OSZ – liegen.

Ein dritter Aspekt einer OSZE der Zukunft bezieht sich auf das Verhältnis zu den Vereinten Nationen. Schon jetzt umfasst die OSZE mehr als ein Viertel aller Mitglieder der VN; nach einer Erweiterung könnten das mehr als ein Drittel werden. Diese Organisation müsste den Status einer zentralen Regionalorganisation der VN haben, der alle anderen hier für die nördliche Hemisphäre heute noch tätigen VN-Sonderorganisationen bzw. -Büros zugeordnet sind. Mit einer substanziellen Verknüpfung mit den Vereinten Nationen wäre auch vermieden, dass die OSZE der Zukunft als eine sich separierende und konkurrierende Einrichtung wahrgenommen wird.

Literatur

Rupel, Dimitrij (2005): Tätigkeitsbericht des Amtierenden Vorsitzenden für 2005, in: OSZE (Hrsg.): Dreizehntes Treffen des Ministerrats, 5. und 6. Dezember 2005, Laibach, S.87-107). Der Text ist – wie andere hier verwendete Materialien – unter: http://www.osce.org verfügbar.

Tudyka, Kurt P. (2007): Die OSZE – Besorgt um Europas Sicherheit. Kooperation statt Konfrontation. Mit einem Geleitwort von Egon Bahr, Hamburg: merus.

Veser, Reinhard (2005): Effizienter, aber wozu? in: FAZ vom 05. Dezember 2005, S.6.

Kurt P. Tudyka ist emeritierter Professor für Politische Wissenschaft und Internationale Beziehungen der Universität Nijmegen/Niederlande und externer Research Fellow am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg

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