in Wissenschaft & Frieden 2007-3: Medien und Krieg / Kriegsmedien

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Kriegsdarstellung in den Medien

Ein DVD-Bildungsprojekt

von Magdalena Kladzinski

Viele Menschen in Deutschland – und vor allem die meisten Jugendlichen – kennen den Krieg aus den Bildschirmmedien. Dass mediale Wirklichkeit eine konstruierte Wirklichkeit ist, ist unumstritten. Dennoch finden medial vermittelte Informationen über kriegerische Auseinandersetzungen in unterschiedlichem Ausmaß Eingang in unsere Erfahrungswelt und werden zu Deutungsmustern über die Geschehnisse in der Welt. Vor diesem Hintergrund und im Hinblick auf die Bildung Jugendlicher ist zu fragen, welche Bilder vom Krieg den jungen Menschen präsentiert werden und welche Auswirkung das auf ihre Entscheidungsfindung als mündige Bürger in Bezug auf gesellschaftlich-politische Prozesse haben kann?

Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass Jugendliche einen durchaus kritischen Umgang mit Medienangeboten und – genauso wie der größte Teil der gesamten Bevölkerung – eine deutliche Anti-Krieg-Haltung aufweisen. Auf der anderen Seite aber gehören kriegerische Auseinandersetzungen zu den Themen, die junge Menschen faszinieren. Für Bildungsarbeit bedeutet dies, Jugendlichen einerseits die Fähigkeit zur kritischen Auseinandersetzung mit medial vermittelten Inhalten zu vermitteln und andererseits die Reflexion der Wirkung dieser Inhalte auf die eigene Einstellung und Handlung anzuregen. Keine leichte Aufgabe, vor allem, da die Vermittlung von friedenspädagogischen Grundgedanken und eines medienkritischen Umgangs nicht losgelöst von der Tatsache behandelt werden können, dass kriegerische Handlungen Jugendliche aufgrund ihrer adoleszenten Entwicklungsaufgaben (Kampf um Autonomie und Anerkennung) faszinieren.

Das DVD-Projekt »Krieg in den Medien« ist ein Versuch, Jugendliche an die Kriegsdarstellung in den Medien heranzuführen. Im Vordergrund des Projektes steht die Aufgabe, den Jugendlichen den Unterschied zwischen realer und medialer Wirklichkeit aufzuzeigen. Den Ausgangspunkt für das Projekt bildet die Erkenntnis, dass mediale Kriegsproduktionen (Filme, Fernsehnachrichten und Computerspiele) interessengeleitet sind und wenig mit dem realen Krieg zu tun haben. Das Interesse von Filme- und Computerspielmachern ist, audiovisuell perfekt inszenierte Kampfszenen (in Bild und Ton) zu produzieren, die die Zuschauer – in welcher Form auch immer – an das Medium binden. Und auch wenn sich die filmischen Bilder zwischen Abschreckung und Faszination bewegen – in eine spannende Geschichte eingebunden und mit Topbesetzung mit bekannten Schauspielern werden sie oft zu Kassenschlagern. Ähnliches gilt für Computerkriegsspiele. Ist die Oberflächenstruktur von Computerspielen realitätsgetreu dargestellt (Sound, Grafik, menschenähnliche Spielfiguren usw.) und die Story spannend, können die Computerspielemacher mit wirtschaftlichem Erfolg rechnen. Bei Nachrichten, die ihrem Charakter nach als nicht-fiktionale Formate gelten, handelt es sich um gezielt nach Selektionskriterien ausgesuchte Informationen, die sowohl mit Hilfe von unterschiedlichen Ton- und Visualisierungstechniken als auch durch Einsatz von Computeranimationen an die Rezeptionsgewohnheiten des Publikums angepasst werden.

Das ökonomische Interesse der Medienmacher bei der Herstellung von Medienprodukten mit Kriegsinhalten und das Interesse des Publikums an Unterhaltung einerseits und die Möglichkeit der Medien als Vermittlungsinstanzen von Informationen an die breite Öffentlichkeit andererseits haben zur Folge, dass die Medien sehr leicht ein wichtiges Mittel für die Manipulation werden können, d.h. sie können – zwecks Propaganda – offene oder versteckte politische Botschaften und Ansichten mit Hilfe von rhetorischen und audiovisuellen Mitteln transportieren.

In demokratischen Staaten braucht der Krieg Legitimation – sowohl in Kriegs- und Krisenzeiten als auch im Frieden, in dem die Menschen möglicherweise auf einen neuen Krieg vorbereitet werden sollen. Medien als Informationsquellen eignen sich hervorragend als Übermittler solcher Botschaften. Dem Interesse der Medien nach Unabhängigkeit steht das Interesse der Politik nach politikfreundlicher Berichterstattung entgegen. Über Zensur, Behinderung oder gar Verbot der Informationstätigkeit der Medien gibt es ausreichend Beispiele aus den vergangenen Kriegen. Auch die Prinzipien der Kriegspropaganda sind von der ferneren Vergangenheit bis heute unverändert geblieben – die eigenen Stärken mit allen visuellen und rhetorischen Mitteln zu präsentieren, den Feind hingegen als schwach und grausam darzustellen. Dabei gibt es eine Tendenz zur versteckten Propaganda im Sinne von Informationslenkung und -manipulation. Diese Art von Propaganda ist nicht auf den ersten Blick zu durchschauen.

Das Zusammenspiel von Medien, Politik und Militär ist von einem wechselseitigen Vorteil geprägt: Medien sind an politischen und militärischen Themen interessiert und machen sie gerne zum Inhalt – auch wenn das meistens Selbstzensur und Objektivitätsverlust nach sich zieht. Für Politik und Militär sind Medien aufgrund ihrer kommunikativen und technologischen Möglichkeiten Instrumente für Öffentlichkeitsbeeinflussung. Was machen die Medien mit den Menschen? Oder sollte man eher umgekehrt fragen: Was machen die Menschen mit den Medien?

Auf der Grundlage einschlägiger wissenschaftlicher Literatur zur Medienanalyse und zur Bedeutung von Medien für Politik und Militär und basierend auf einer explorativen Untersuchung zur Kritikfähigkeit Jugendlicher wurden im Zusammenhang mit dem DVD-Projekt einzelne themenrelevante Schwerpunkte erarbeitet und – um der Komplexität der Thematik eine Struktur zu geben – in drei Themenbereiche eingeteilt:

In allen drei Abschnitten haben die Schüler die Möglichkeit, das Wissen »interaktiv« zu erwerben. Anhand von vielen Beispielen können die Jugendlichen die Darstellung des Krieges in den Bildschirmmedien analysieren und die Wirkungsweise von spezifischen Gestaltungskomponenten selbst ausprobieren. Neben Ausschnitten aus Filmen, Computerspielen und Fernsehnachrichten gibt es zahlreiche Beispiele aus Printmedien, Experteninterviews, Aussagen von Jugendlichen, Datenbanken und ein Glossar, in denen die Thematik und Problematik aufgezeigt wird. Als Medium dient didaktisch aufbereitetes Bildungsmaterial, das sowohl im als auch außerhalb des Unterrichts eingesetzt werden kann. Für Pädagogen gibt es zusätzlich eine Handreichung für die Vorbereitung des Unterrichts.

Das DVD-Projekt ist in einer Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen e.V. (FSF), der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), dem Institut für Bildung in der Informationsgesellschaft e.V. (IBI), der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB) und ProSiebenSat1 Media AG entstanden.

Magdalena Kladzinski ist Gastforscherin in der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung

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